Predigt am Karfreitag, 14. April 2017

Predigt am Karfreitag, 14. April 2017

15.04.2017

zu Lukas 23, 33 - 49; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Die Wahrheit dieses Satzes muss zurzeit eine große Fluggesellschaft erleben und erleiden. Die Bilder von einem Fluggast, der sich schreiend dagegen wehrt, dass ihn Sicherheitskräfte aus dem Flugzeug zerren, gingen um die Welt. Jedem ist jetzt klar, wie United Airlines mit seinen Passagieren umgeht, wenn es hart auf hart kommt. Der Aktienkurs ist darum auch gleich mal um 250 Millionen USD abgesackt.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das gilt natürlich auch im Positiven. Kaum etwas hat meiner Meinung nach nachhaltiger gewirkt und das Bild der Deutschen nach dem Krieg mehr geprägt als der Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt 1970 am Ehrenmahl der Helden des Gettos in Warschau. Auch wenn diese Geste geplant gewesen sein mag, war es doch ein starkes Zeichen für ein anderes Deutschland. Der Kniefall machte deutlich: Die Opfer werden von Deutschland nicht mehr verachtet; im Gegenteil: Ihnen wird die Ehre erwiesen. Was Willy Brandt damals für Reden gehalten hat, wissen nur noch die Historiker. Aber das Bild seines Kniefalls hat sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt.
Die Passionsgeschichte des Lukas legt es nahe, auch das Kreuz Jesu in ähnlicher Weise zu betrachten. Wir verstehen es oft unter kultischen Gesichtspunkten: Jesus hat sich für uns geopfert. Oder wir sehen es unter rechtlichen Aspekten: Er trug die Strafe für unsere Schuld. Aber Jesus Kreuzigung ist – sicherlich nicht zuletzt – ein Kommunikationsgeschehen. Gott hat mich dem Kreuz Jesu ein Zeichen gesetzt.
Sehen wir uns die Erzählung von der Kreuzigung bei Lukas darum doch einmal unter diesem Gesichtspunkt an.
Da ist einmal die Aufschrift am Kreuz. „Dies ist der Juden König“, lesen wir bei Lukas. „Jesus von Nazareth, König der Juden“, heißt es bei Johannes etwas ausführlicher. Schon diese Aufschrift ist ein deutliches Signal. Hier stirbt der, den Gott als seinen verheißenen Friedenskönig in diese Welt geschickt hat. Hier erlischt das Leben des Messias Gottes. In diesem brutalen Geschehen ereignet sich in paradoxer Weise Frieden – Frieden zwischen Gott und den Menschen.
Dann wird uns eine Szene geschildert, die hat mich schon von klein auf angerührt. Jesus ist nicht der einzige, der auf so qualvolle Weise sterben muss. Die Römer haben neben ihm noch zwei andere hingerichtet. Rechts und links von Jesus steht jeweils noch ein Kreuz. Dem einen geht es wie vielen. Er kann nicht verstehen, dass der Messias Gottes am Kreuz stirbt. Wenn er es wirklich wäre, so könnte er sich das doch ersparen. So macht er sich über Jesus lustig. Der andere aber kann das Zeichen des Kreuzes deuten. Am Kreuz erkennt er, dass er ein Verdammter ist. Er hat eigentlich nichts zu erwarten als den qualvollen Tod. Das wird ihm deutlich, als er Jesus sterben sieht. Das wird ihm an dem Gegensatz zwischen Jesus und ihm selbst deutlich: Hier der, der vermutlich etliche Menschen als Terrorist getötet hat. Die Römer nagelten vor allem Aufrührer und Widerstandskämpfer ans Kreuz. Dort mit Jesus ein Unschuldiger, der sein Leben freiwillig hingibt. Hier der, der sein Schicksal in die eigene Hand nehmen wollte. Dort der, der dem Willen Gottes folgt; der sein Schicksal und sein Leben in Gottes Hand gelegt hat. Dieser Gegensatz lässt den gekreuzigten Zeloten in sich gehen. Er erkennt, dass er ein Verdammter ist. Darum weist er den zurecht, der Jesus verspottet: „Wir verdienen nichts anderes, aber dieser hat nichts Unrechtes getan“. Der Zelot erkennt seine Schuld im Angesicht des gekreuzigten Christus. Er bekennt sie. Und er vertraut dabei auf die Barmherzigkeit Jesu Christi: „Gedenke mein, wenn du in dein Reich kommst“. Und Jesus sagt ihm daraufhin zu, dass das Tor zu Gottes neuer Welt für ihn offen steht.
In gleicher Weise verhalten sich auch viele der Menschen, die dem furchtbaren Geschehen aus Sensationslust – das Dschungelcamp gab es damals ja noch nicht – zuschauen. Sie schlagen sich an ihre Brust – zum Zeichen dafür, dass sie erkennen, wie es um sie steht. Sie sind so verroht, dass es ihnen normalerweise Spaß macht, die Qualen der Kreuzigung zu beobachten und die Schreie der Sterbenden zu hören. Bei diesem Kreuz ist das anders. An diesem Kreuz haben sie keine Freude. Im Gegenteil. Am Kreuz Jesu erkennen sie, welche Schuld sie auf sich geladen haben. Sie kehren daraufhin wieder um, lesen wir. Das ist doppeldeutig gemeint. Denn sie gehen nicht nur nach Hause. Sie kehren auch in übertragenem Sinn um. Sie tun Buße. Denn sie haben am Kreuz, an der Hingabe Jesu erkannt, wie es um sie steht.
Selbst ein römischer Hauptmann kann das Zeichen des Kreuzes entziffern. Eigentlich hat er mit dem Gott Israels nichts zu tun. Aber als Jesus stirbt und sein Sterben Gott anvertraut, da geht ihm – mitten in der Finsternis des Sterbens Jesu – ein Licht auf. Er erkennt, dass Jesus ein Mann in einer vertrauensvollen Beziehung zu Gott war. Dass er – anders als wir – im Einklang mit Gottes Willen gelebt hat und gestorben ist.
Das Kreuz ist ein Zeichen. Gott hat es uns gegeben. Mit dem Tod des Christus ereignet sich Frieden zwischen Gott und der Welt. Denn an dem Zeichen des Kreuzes erkennen Menschen ihre Schuld und finden die Kraft, sie zu bereuen und zu bekennen. Unter dem Kreuz begreifen sie, wie ein Leben im Einklang mit Gott aussieht. Und so kehren sie um und wenden sich Gott zu.
Liebe Gemeinde, ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das Kreuz Jesu ist solche ein unübersehbares Zeichen – auch für uns. Wir leben ja heute in einer Zeit, in der Schuld eher eine Versicherungsfrage ist. War die Domgemeinde schuld daran, dass durch einen Dachziegel ein Auto während des Winters vor dem Untermarkt 1 beschädigt wurde? Unsere Versicherung jedenfalls sagt: Wir haben alles getan, was notwendig war. Aber Schuld hat in Wirklichkeit eine ganz andere Dimension. Man wird nicht erst schuldig, wenn man Giftgas gegen andere Menschen einsetzt. Man wird nicht erst schuldig, wenn man einen unbequemen Mahner ins Gefängnis sperrt. Man wird nicht erst schuldig, wenn man aus Profitstreben anderen Menschen Land raubt. Am Kreuz Jesu sehen wir: Wir sind in jedem Fall sündige Menschen. Wir sind nicht in der Lage, so wie Jesus im Einklang mit Gott und seinem Willen zu leben und zu sterben. Wir sind auch nicht in der Lage so wie er unseren Nächsten zu lieben. Wer von uns könnte denen vergeben, die ihn gerade foltern und töten? – Wir schaffen es in unserem Alltag leicht, uns etwas vorzumachen. Aber im Angesicht des sterbenden Jesus ist das nicht mehr möglich. Dazu hat Gott dieses Zeichen gesetzt: Wir alle sind schuldbeladene Menschen. Damit wir in uns gehen wie der Zelot. Damit wir uns an die Brust schlagen wie die Gaffer – und umkehren.
Das Kreuz ist ein Zeichen. Ein Zeichen, das Gott uns geschenkt hat. Es weist uns aber nicht nur auf unsere Sünde hin. Vor allem ist das Kreuz Jesu ein Zeichen, dass sich mit Jesu Sterben Frieden ereignet zwischen uns und Gott. Die Tür zum Reich Gottes steht uns offen. „Noch heute wirst Du mit mir im Paradies sein“, sagt Jesus dem Zeloten zu. Seine Schuld ist vergeben. Was ihn getrennt hat von Gott, spielt keine Rolle mehr. Jesu Sterben hat ihm einen Zugang zu Gott eröffnet. Er ist umgekehrt. Das Himmelreich steht ihm offen.
Das Kreuz ist so ein Zeichen für die offenen Arme, mit denen Gott uns begegnet. Seine Liebe zu uns ist so groß, dass er es nicht ertragen konnte, dass wir uns von ihm getrennt hatten. Seine Liebe zu uns ist so groß, dass er in Jesus teilgenommen hat an unserem menschlichen Leben bis in die letzte Konsequenz des Leidens und Sterbens. Diese Liebe ist es letztlich, die wir am Kreuz erkennen. Das Kreuz ist das unübersehbare Zeichen Gottes für seine vergebende Liebe. Das lässt uns umkehren. Das schenkt uns das Vertrauen, dass Gott es gut mit uns meint. Das öffnet uns das Tor zum Paradies.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das Kreuz Jesu ist ein solches Bild. Ein Zeichen, das Gott gesetzt hat. Wir sehen das qualvolle, gewaltsame Sterben eines Menschen. Wir erkennen: Genau so gehen wir miteinander um. Gleichzeitig erkennen wir in der Hingabe Jesu die Hingabe des Vaters an uns und Liebe Gottes zu uns. Und der Himmel steht offen.
Amen.

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