Predigt am Karfreitag, 19. April 2019

Predigt am Karfreitag, 19. April 2019

19.04.2019

zu Johannes 19, 16 - 30; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde des Gekreuzigten,
was ist die Hölle? Ein Raum, in dem es dunkel und zugleich unerträglich heiß ist und Menschen unsägliche Qualen leiden? So mögen sich die Menschen des Mittelalters die Hölle vorgestellt haben. Nein, in der Hölle leben wir, wenn allein sind. Diese Hölle beginnt manchmal schon in diesem Leben. In meiner ersten Gemeinde lebte eine ältere Frau, die das erfahren hat. Sie war das einzige Kind von Einzelkindern. Ihr Vater starb schon während des Krieges. Ihre Mutter band darum die Tochter umso enger an sich. So lebte die in einer Lebensgemeinschaft mit ihrer Mutter bis zu deren Tod und war von da an völlig ohne Familie. Das Alleinleben ließ sie leider auch zu einer etwas eigenwilligen Persönlichkeit werden, so dass sie es sich mit allen Freunden und Bekannten verscherzte. Am Ende war ihre Einsamkeit so groß, dass sie sich in den Alkohol flüchtete. – Das, liebe Gemeinde, ist die Hölle. Wenn man niemanden hat, der zu einem gehört, dessen Liebe zu Zuneigung man erfährt; der die Freunden und Lasten des Lebens mit einem teilt.
Von daher finde ich diese Szene unter dem Kreuz so bezeichnend und bewegend zugleich. Sie zeigt – im Gegensatz zu einer solchen Hölle der Einsamkeit und Beziehungslosigkeit – das Kreuz als ein Tor zum Himmel. Johannes ist der Einzige, der sie uns von den Evangelisten schildert: Jesu Mutter, seine Tante Maria, Maria Magdalena und der Jünger Johannes stehen unter dem Kreuz. Sie sind nicht weggelaufen wie die anderen. Jesus weiß, was es für seine Mutter bedeuten wird, von nun an weder Ehemann noch Sohn zu haben. Sie wird nicht nur einsam und allein sein; sie bleibt auch unversorgt zurück. Jesus kennt seinen Jünger gut genug, um ihm seine Mutter anvertrauen zu können. Jesus weiß: Johannes wird sie aufnehmen und wie seine eigene Mutter behandeln.
Warum erfahren wir nur im Johannesevangelium von dieser wechselseitigen Adoption? Der Evangelist war selbst nicht dabei. Er lebt zwei Generationen später. Aber vielleicht hat er eine alte Überlieferung gekannt, die davon berichtet.
In jedem Fall war diese Szene für die Gemeinde des Evangelisten als ein Aufruf gedacht, die unversorgten Witwen in der Gemeinde bei sich aufzunehmen. Es gab damals ja keine sozialen Sicherungen außerhalb der Familie. Wer keine Familie mehr hatte, war als alter Mensch verloren. Sich um die Mütter verstorbener Söhne aus der Gemeinde zu kümmern, das war ein Gebot für alle Christen in der Gemeinde des Evangelisten – und ist es im Grunde noch heute.
Johannes schildert uns diese Szene aber vor allem, um damit das Evangelium zu predigen. Der Gekreuzigte in dieser Szene weiß, dass seine Mutter allein zurückbleiben wird. Sie steht hier sinnbildlich für uns sündige Menschen, die wir im übertragenen Sinn allein sind. Denn letztlich brauchen wir nur uns selbst. Wir sind uns als Sünder selbst genug. Darum stiftet Jesus noch im Sterben eine Beziehung zwischen seiner Mutter und seinem Lieblingsjünger. So wird die Mutter leben können. Johannes deutet seiner Gemeinde und uns nachgeborenen Christen mit dieser Szene den Sinn des Kreuzes: Sein Tod stiftet Beziehungen und macht so neues Leben möglich.
Das gilt zunächst einmal für unsere Beziehung zu dem lebendigen Gott. Jesus geht hinein in den Tod. Im Tod sind wir ganz allein. Im Tod haben wir nicht einmal mehr uns selbst. Im Tod sind wir vor allem endgültig getrennt von Gott – sündige Menschen, die wir sind. Diesen Tod stirbt Jesus. Das ist seine Mission von seinem himmlischen Vater her. Sie ist vollbracht, als er seinen letzten Atemzug aushaucht.
Und genau dadurch verwandelt Jesus den Tod. Mitten hinein in die äußerste Beziehungslosigkeit kommt mit Jesus der äußerste Beziehungsreichtum des lebendigen Gottes. Mitten hinein in die Hölle der Einsamkeit kommt mit dem Sohn Gottes der Himmel der Liebe. Darum sind wir im Tod nicht mehr allein. Wenn wir sterben, dann ist Christus schon da. Der Tod kann uns nicht mehr von ihm, von Gott trennen. Wir gehen nicht mehr verloren in der Einsamkeit des Todes. Jesu Tod macht neues Leben möglich.
Am Vorabend seines Todes hat Jesus genau das seinen Jüngern schon angekündigt. Beim Abendmahl am Gründonnerstag hat er den Kelch mit dem Wein genommen, den Segen darüber gesprochen und ihn an seine Jünger weitergereich. Er hat dazu gesagt: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“ Wir werden diese Worte der Einsetzung nachher vor dem Abendmahl ja wieder hören. „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut“ – in anderen Worten: Mein Tod schafft für euch eine neue Bindung an Gott, eine neue Ver-bindung mit Gott, eine neue Beziehung zu ihm. Alles, was Eure Beziehung zu Gott bisher behindert oder verhindert hat, wird durch meinen Tod morgen am Kreuz aufgehoben. Nicht einmal der Tod kann Euch noch von Gott trennen. Denn ich bin schon da, wenn er nach Euch greift. So werdet ihr leben.
Johannes schildert uns die Szene mit Jesu Mutter unter dem Kreuz, um damit das Evangelium zu predigen. Die frohe Botschaft liegt darin, wie Jesus hier handelt: Sein Tod stiftet Beziehungen und macht neues Leben möglich. Das gilt auch im Hinblick auf unsere menschlichen Beziehungen. Jesus stiftet durch seinen Tod eine neue Beziehung zu den Menschen um uns herum. In Beziehungen zu leben, das ist nicht nur wunderbar; es kann auch schmerzlich sein. Nicht immer machen es uns selbst die nächsten Angehörigen leicht, mit ihnen zurecht zu kommen. In Bindungen an andere zu leben, ist auch mit Opfern verbunden. Dem Lieblingsjünger unter dem Kreuz ist ein solches Opfer aber nicht zu groß gewesen. Er hatte das Opfer vor Augen, das Jesus gerade brachte. So nahm er die Mutter Jesu zu sich. An ihm wird beispielhaft deutlich, wie der Gekreuzigte uns durch die Hingabe seines Lebens zu neuen Bindungen untereinander befreit; wie neues Leben möglich wird durch Jesu Kreuz; wie es uns schon auf dieser Erde den Himmel eröffnet.
Auch das erleben wir im Abendmahl. Die Tischgemeinschaft mit dem gekreuzigten Herrn verbindet uns miteinander über alle Unterschiede hinweg. So wie Jesus am Kreuz seine Mutter an den Lieblingsjünger verweist und ihn an sie, so verweist er uns im Abendmahl aneinander. So wie Jesus eine Beziehung zwischen seiner Mutter und seinem Jünger stiftet, so verbindet er uns zu einer Gemeinschaft. In Brot und Wein wird das in besonderer Weise erfahrbar. Es verbindet mich mit den Menschen in der Gemeinde, dass wir zu Christus gehören. Der das Brot und den Wein mit mir teilt, kann mir nicht egal sein. Er gehört in geistlicher Hinsicht zu meiner Familie. Durch Christus gibt es Verbindungen, Beziehungen, die es sonst nicht gäbe.
Was ist die Hölle? habe ich am Anfang gefragt. Wenn wir beziehungslos leben und sterben – getrennt von Gott und den Mitmenschen. Am Kreuz eröffnet Jesus uns jedoch den Himmel; wir dürfen leben – geborgen über dieses Leben hinaus im Vertrauen auf Gott und getragen von einer liebevollen Bindung an Familie, Freunde und nicht zuletzt die Geschwister in der Gemeinde. Am Kreuz wird uns der Himmel durch Jesus eröffnet – schon in diesem Leben. Das ist das Evangelium, das Johannes uns in dieser kleinen Szene unter dem Kreuz so anschaulich macht.
Wie dieser Himmel schon auf Erden aussehen könnte, davon kann eine Ahnung bekommen, wer das Buch von Anna Gavalda liest: „Zusammen ist man weniger allein“. Es geht um vier Menschen, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen. Sie vier finden für eine Zeit zusammen, werden eine Wahlfamilie und finden in dieser Gemeinschaft erst zu ihrem eigentlichen Leben: Der etwas autistische Historiker überwindet seine Menschenscheu; der getriebene und unstete Koch findet die Frau, an die er sich ganz binden kann; die gebrechliche alte Dame erfährt eine liebevolle Betreuung; die Künstlerin wird von ihrer Magersucht durch die Kraft der Liebe geheilt. Diese Geschichte zaubert einem ein Lächeln auf die Lippen. So könnte es in Himmel sein, den Christus uns heute aufschließt.
Amen.

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