Predigt am Heiligen Abend, 24. Dezember 2018

Predigt am Heiligen Abend, 24. Dezember 2018

24.12.2018

zu Jesaja 9, 1 - 6; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
vor ein paar Tagen: Ich schließe die Tür zum Dom auf und trete hinein. Die Veranstaltung ist gerade vorüber. Es ist ganz still. Die Lampen sind nicht an. Aber es ist nicht dunkel. Ganz im Gegenteil. Unzählige Teelichte erleuchten den ganzen Dom und tauchen ihn in ein mildes, warmes Licht. Dieses Licht berührt mich. Der Dom in aller seiner Größe wirkt wie verzaubert. Kein Wunder, denke ich, dass „Dom und Klang im Kerzenschein“ die Menschen so anzieht. Es ist eine wunderbare Atmosphäre. Es ist so, als schienen einem die Lichter im Dom direkt ins Herz.
Ich entzünde die Kerzen vor dem Gottesdienst im Advent im Andachtsraum des Altenheims. „Ach wie schön ist es, mal wieder den Schein einer Kerze zu sehen“, sagt die Bewohnerin zu mir. Aus Brandschutzgründen sind nur Kerzen mit LEDs erlaubt. Der Gottesdienst ist die einzige Ausnahme. So genießt sie den Schein der Altarkerzen.
Warum leuchten Kerzen direkt in unser Herz hinein? Wohl, weil dieses Licht unseren natürlichen Bedürfnissen entspricht. Das Licht der Sonne und das Licht einer Flamme brauchen wir, um uns wohl fühlen zu können. Eine batteriebetriebene Plastikerze mit LED-Aufsatz in Form einer Flamme kann da kein wirklicher Ersatz sein.
Von einem großen Licht, das das Volk sehen wird, spricht der Prophet. Natürlich meint er nicht das Licht einer Kerze. Er meint das, was uns in unserem Leben grundlegend das Herz erwärmt: was uns Trost gibt, Sinn schenkt, es heil werden lässt. So, dass wir bei uns sind und Frieden finden. Jesaja meint ein himmlisches Licht. Als ein Kind kommt es zur Welt.
Die Menschen zu denen er spricht sind in ihrer Zeit – Jahrhunderte vor Christi Geburt – bedrückt durch ein fremdes Volk, in Trauer um die Toten eines verlorenen Krieges, gequält von seelischen und körperlichen Verletzungen. Sie sollen, sagt der Prophet, aus der Dunkelheit wieder herausfinden. Sie sollen wieder Frieden finden und zu sich selbst kommen. Denn ein Kind wird geboren werden.
Eine solche Dunkelheit kennen auch heute Abend manche unter uns. Bedrückt durch die immer höheren Anforderungen in der Berufswelt, vielleicht in Trauer um einen lieben Menschen, bedrückt von seelischen Problemen oder körperlichen Krankheiten. Da ist die Sehnsucht groß nach diesem Licht, von dem der Prophet schreibt. Nach einer Rückkehr in ein unbeschwertes Leben. Nach einem inneren Frieden. Nach Heilung. Ihnen sagt das Prophetenwort: Eure Sehnsüchte sollen gestillt werden. In die Unruhe kommt Frieden, in die Trauer Trost. In die Dunkelheit Licht. Denn uns ist ein Kind geboren…
In einer ganz anderen Weise reden diese Worte zu denen unter uns, die heute Abend unbelastet von Sorgen und Probleme sind und sich einfach nur auf den schönsten Abend des Jahres freuen. Vielen von uns geht es gut in einem der sichersten und wohlhabendsten Länder der Welt. Brauchen wir das Kind dann überhaupt? Den Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst? Kommen wir nicht auch gut ohne das Kind klar, ohne den neugeborenen Jesus Christus, ohne den Sohn Gottes? Brauchen wir sein Licht, wo doch die Dunkelheiten des Lebens kaum eine Rolle in unserem Leben spielen? Wo es buchstäblich und in übertragenem Sinn immer hell um uns ist?
Aber kann das Licht, in dem wir in unserer modernen Zeit buchstäblich und in übertragenem Sinn leben, wirklich unsere Herzen erwärmen? Ist es nicht so wie mit der batteriebetrieben Plastikkerze mit LED-Aufsatz? Ist sie nicht geradezu ein Symbol für unser heutiges Leben? Immer weiter entfernen wir uns von dem, was uns eigentlich gut tut; was unser Herz wirklich berührt; was dem Leben einen Halt und einen wirklichen Sinn geben könnte. Immer öfter tauschen wir wirklich und auch in übertragener Weise die richtigen Kerzen gegen den LED-Ersatz aus. Und merken oft gar nicht, was uns fehlt.
Unsere Welt verspricht uns, dass wir unser Glück bei großen Events finden; dass es die Erfüllung eines Lebens bei Amazon zu bestellen gibt. Aber Amazon kann uns bestenfalls die LED-Variante von Zufriedenheit und Lebensglück liefern. Gott dagegen schickt uns ein Kind. Die Urkraft des Universums macht sich für uns sichtbar. Die Quelle des Lebens kommt mit all seiner Liebe zu uns in diese Welt. In dem Jesuskind wird Gott in Bethlehem als Kind geboren und streckt die kleine Hand eines Neugeborenen nach uns aus.
Dieses Kind ist das Geschenk des himmlischen Vaters an uns. In ihm ist die Weissagung des Propheten zur Erfüllung gekommen. Das Kind in der Krippe ist das große Licht, das unser Herz erwärmt. Es erreicht wirklich unser Herz. Im Blick auf den Sohn der Maria kommen wir zu uns selbst, finden wir Frieden, sehen wir ein Licht in diesem Leben – und über dieses Leben hinaus.
Aber wenn dann Weihnachten vorbei ist und die Krippe und der Weihnachtsbaum abgebaut sind? Was bleibt dann?
Dann bleibt der Wunder-Rat, der Gott-Held, der Ewig-Vater, Friedefürst immer noch das wirkliche Licht unseres Lebens. Denn es geht ja nicht nur um ein niedliches Neugeborenes; die Geburt Jesu war ja erst der Anfang. Jesus Christus hat mit seinem ganzen Leben den Menschen das Herz geöffnet. In der Begegnung mit ihm haben sie das wärmende himmlische Licht gespürt, das in ihre Herzen hineingeleuchtet hat. Seine Geburt war der Anfang. Die Hingabe seines Lebens in den gewaltsamen Tod am Kreuz war keineswegs das Ende. Denn Jesus Christus lebt. Er ist als der Auferstandene bei uns. Er ist auch heute Abend mitten unter uns:
Als Wunder-Rat führt er uns durch das Leben, wenn wir uns ihm anvertrauen und von ihm leiten lassen. Als Gott-Kraft lässt er uns in den schwierigen Zeiten unseres Lebens die Kraft spüren, die wir brauchen um unser Leben zu bewältigen. Als Friedefürst schenkt er uns Zufriedenheit, den inneren Frieden, nach dem wir uns gerade heute Abend sehnen. Als Ewig-Vater eröffnet er uns eine Zukunft selbst über dieses Leben hinaus. Sein Licht hat niemals aufgehört unsere Herzen zu erwärmen und wird es niemals tun.
Als ich an dem Abend im Advent aus dem Dom wieder herauskomme, kann ich das warme Licht der Kerzen nicht mehr sehen. Aber ich spüre es noch tief in mir. So werde ich auch aus den Weihnachtstagen wieder herausgehen. Das Kind ist geboren. Das große Licht ist mit Jesus Christus zu Weihnachten in diese Welt gekommen. Ich kann sein Licht nicht sehen. Aber ich trage es in meinem Herzen. Und einmal werde ich ganz in seinem Licht stehen.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben