Predigt am Gründonnerstag, 13. April 2017

Predigt am Gründonnerstag, 13. April 2017

15.04.2017

zu Markus 14, 17 - 26; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
im ganzen Land hatten sie sich in den Häusern versammelt. Wer es irgend konnte, war nach Jerusalem gekommen. Hinauf in die Heilige Stadt hatten sie sich auf den Weg gemacht, zum Zion, um dort mit Freunden oder mit der Familie das große Fest zu feiern. So waren in der Stadt an diesem Tag viel mehr Menschen als an anderen Tagen. In den engen Gassen war kaum ein Durchkommen gewesen. Und noch etwas war anders an diesem Tag. Gerüchte liefen um. Seit der Sache im Tempel, als Jesus die Händler und Geldwechsler aus dem Vorhof des Tempels vertrieben hatte, braute sich etwas zusammen gegen Jesus. Die Männer im Hohen Rat, so hieß es, wären zusammengekommen in einer besonders wichtigen Angelegenheit.
Doch nun war es Abend geworden. Ruhe war eingekehrt in den Straßen der Stadt. Die Menschen saßen zusammen, versammelten sich um die Tische herum. Mit Einbruch der Dunkelheit war das Passahfest angebrochen. Auch Jesus und der Kreis seiner Jünger hatten die Vorbereitung für das Passahmahl abgeschlossen. Nun saßen sie zusammen und aßen die Vorspeise, wie es ihre Väter seit Generationen taten. Jesus war das Herz schwer geworden. Der Hohe Rat plante seine Verhaftung, so hatte man ihm zugetragen. Er solle die Stadt schnellstens verlassen. Doch er wusste, er musste seinen Weg bis zu dem von Gott bestimmten Ende gehen. Er hatte die Freunde nicht damit belasten wollen, doch er konnte nicht das Passahlamm mit ihnen essen, ohne es auszusprechen. "Einer von euch wird mich verraten. Ich muss zwar meinen Weg gehen, doch der Verräter wird sich vor meinem Vater verantworten müssen." Die Zwölf erschraken. Sie alle wussten, es braute sich etwas zusammen. Wer würde es sein, der schwach wurde? "Führe uns nicht in Versuchung", betete so mancher unter ihnen im Stillen.
Dann begann Jesus mit dem uralten Ritual. Er erzählte die Geschichte, wie sie in der Schrift zu lesen war. Wie die Väter in Ägypten wohnten und dort unter der Knechtschaft zu leiden hatten. Wie sie litten und versklavt waren und zu Gott schrien, bis der Herr das Leiden seines Volkes nicht mehr mit ansehen konnte und seinen Knecht Mose zum Pharao sandte. Doch der Pharao ließ Israel nicht ziehen. Da schickte Gott Plagen über die Ägypter. Doch auch die konnten den Pharao nicht umstimmen. Bis ein Engel Gottes kam, die erstgeborenen Kinder der Ägypter zu töten. Das war die Nacht, in der Israel zum ersten Mal das Passahlamm schlachtete. Mit dem Blut dieses Lamms wurden die Türpfosten bestrichen zum Schutz vor der tödlichen Gefahr für die Kinder. Da endlich ließ der Pharao das Volk Israel ziehen. So befreite Gott sein Volk aus der Gefangenschaft.
"Wenn wir nun das Passahlamm essen", so schloss Jesus, "dann haben wir teil an diesem Geschehen. Gott hat unsere Väter befreit aus der Gefangenschaft und ein Bündnis mit ihnen geschlossen." Dann nahm Jesus das Brot, sprach die alten Worte des Dankgebets darüber. Doch dann setzte er hinzu: „Nehmt, das ist mein Leib. Das bin ich selbst. Das ist mein Leben. In diesem Brot könnt ihr mich selbst finden.“
Dann aßen sie das Passahlamm. In aller Stille. Denn alle hingen ihren Gedanken nach. Was meinte Jesus damit. Hatte es etwas mit dem angekündigten Verrat zu tun? Nach dem Essen nahm er den Segensbecher, sprach das Dankgebet. Doch dann hielt er inne, wandte sich an die Jünger und sagte: "Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Gott hat mit unseren Vätern einen Bund geschlossen. Er hat sie befreit aus Ägypten und ihnen die Gebote gegeben. Doch Israel hat sich abgewandt von dem Vater. In meinem Blut, das morgen vergossen wird, in diesem Kelch schließt Gott darum einen neuen Bund mit allen Menschen. So wie Israel befreit wurde aus der Gefangenschaft der Ägypter, so werdet Ihr alle befreit aus der Gefangenschaft der Schuld – durch meinen Tod. Wie Israel gerettet wurde durch das Blut des Passahlamms, so werdet Ihr alle gerettet durch meine Hingabe. Für mich ist es das letzte Passah. Ich muss meinen Weg gehen. Wenn ihr euch aber versammelt um einen Tisch, das Brot brecht und den Kelch herumgehen lasst, dann werde ich in Brot und Wein mitten unter euch sein. So, wie ich jetzt bei euch bin. In Brot und Wein werdet ihr in der Gemeinschaft mit mir die Befreiung von eurer Schuld erfahren. Nehmt und trinkt."
Jesus reichte den Becher mit Wein dem Jünger, der neben ihm saß, der gab ihn weiter. So machte der Becher die Runde. Als er wieder bei ihm angekommen war, sprach Jesus: „Bis heute denken wir an die Zeit, in der unsere Väter zum ersten Mal das Passahlamm geschlachtet haben. Wenn Ihr das Abendmahl miteinander feiert, dann denkt voraus an die künftige und neue Welt Gottes. Bis diese neue Welt kommt, werde ich von dem Gewächs des Weinstocks nicht mehr trinken.“

Liebe Gemeinde,
im Abendmahl schenkt Christus uns Anteil an dem, was nun vor uns liegt. In Brot und Wein feiern wir den Karfreitag. Jesus hat uns sein Leben geopfert. Er hat sich hingegeben für uns. Darum konnte die Tischgemeinschaft mit ihm am Vorabend seines Todes auch den Verräter einschließen. Gottes Vergebung gilt allen. Der neue Bund in Jesu Blut umschließt alle, die wir auf Christus hoffen.
Im Abendmahl schenkt Christus uns Anteil an dem, was nun vor uns liegt. In Brot und Wein feiern wir zugleich Ostern. Jesus ist auferweckt worden. Der Tod ist überwunden; Christus lebt. Darum ist er lebendig unter uns, wenn wir das Abendmahl feiern. Der Auferstandene feiert dieses Mahl im Reich Gottes. Und wir haben daran Anteil. Schon in dieser Welt. Auch heute Abend. In Brot und Wein sind wir eins mit dem auferstandenen Herrn.
In Brot und Wein werden Karfreitag und Ostern zu unserer Gegenwart – und wir bekommen einen Vorgeschmack auf das, was unsere Zukunft ist. In der Feier am Tisch des Herrn ahnen wir etwas von der Freude, wenn wir von Angesicht zu Angesicht mit Jesus Christus feiern werden.
Amen.

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