Predigt am Gründonnerstag, 18. April 2019

Predigt am Gründonnerstag, 18. April 2019

18.04.2019

zu 1. Korinther 11, 17 - 34; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
als wir im Jahr 2009 eine Reise in die Vereinigten Staaten machten, besuchten wir an einem Sonntag einen lutherischen Gottesdienst. Kaum hatten wir die Kirche betreten, fragte man uns, woher wir denn kämen. Uns wurde ein Platz gezeigt, wo wir uns hinsetzen könnten. Und wir wurden gleich eingeladen, doch zum Kirchenkaffee zu bleiben.
Nach diesem Urlaub zogen wir nach Dresden um und gehörten zur Kirchgemeinde Cotta. Niemand kannte uns dort. Nach der Herzlichkeit in den USA fiel uns unsere deutsche evangelische Begrüßungskultur umso mehr auf. Wir wurden zwar vom Pfarrer freundlich begrüßt und verabschiedet. Aber sonst nahm niemand von uns Notiz – und das ein halbes Jahr lang. Als ich schließlich den ersten Gottesdienst dort in Vertretung des Ortspfarrers hielt, kamen hinterher viele auf uns zu und begrüßten uns so, wie sie es ein halbes Jahr vorher nicht getan hatten.
Woran mag das liegen? Wir haben eben die Worte des Apostels Paulus zum Abendmahl gehört. Vielleicht liegt es daran, dass wir ein einseitiges Abendmahlsverständnis haben. Vielleicht sind wir viel zu sehr eine Kirche des Kelches und zu wenig eine Kirche des Brotes.
„Wieso?“ werden Sie fragen. „Wir bekommen doch beides.“ Das stimmt, aber wir haben in unserer Kirche seit der Reformation immer sehr den Aspekt der individuellen Sündenvergebung im Abendmahl betont. Jeder kommt für sich zum Altar; in früheren Zeiten nach einer individuellen Beichte. Es ist noch nicht so lange her, dass man dann vor am Altar hinkniete, um das als reuiger Sünder das Abendmahl zu empfangen. Zuvor hatte man in den Einsetzungsworten gehört: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“ Luther hat deswegen zu Recht in der Reformation den Kelch für die Gemeinde wieder eingeführt. – Aber im Grunde hätte Luther zugleich auch das Austeilen des Brotes, der Hostie, abschaffen können. Denn was Jesus zu dem Brot sagt, haben wir lange Zeit missachtet – und das wirkt zum Teil bis heute fort. Jesus sagt – wir haben es in der Überlieferung gehört, die Paulus kannte –: „Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis.“ „Mein Leib“ ist aber nicht so zu verstehen, dass wir nun Jesus aufessen. Jesus sagt ja nicht: „Das ist mein Fleisch“. „Das ist mein Leib“ bedeutet in der aramäischen Muttersprache Jesu so viel wie: „Das bin ich; das ist mein ganzes Wesen.“ Wir bekommen also Anteil an Jesus mit allem, was sein Wesen, seien Person ausmacht. Im Abendmahl werden wir verbunden mit Jesus zu einer innigen Gemeinschaft. Zugleich werden wir durch ihn miteinander verbunden in einer Gemeinschaft. Wir nennen sie darum: Gemeinde Jesu Christi. Paulus bezeichnet unsere Gemeinschaft darum auch als den „Leib Christi“.
Wie wichtig Paulus diese Gemeinschaft in Brot und Wein mit dem Herrn und miteinander in der Gemeinde ist, zeigt das Umfeld der Einsetzungsworte. (Es ist nach der neuen Perikopenordnung jetzt ein in Klammern gesetzter Teil des Predigttextes.) Paulus kritisiert hier in gerade noch einigermaßen freundlichen Worten, wie die Korinther miteinander Abendmahl feiern.
„Ganz genau lässt es sich aus dem Brief an die Korinther nicht entnehmen, was genau sich in Korinth abgespielt hat. Es spricht aber manches dafür, dass die Korinther sich vor dem Abendmahl zu einem Abendessen trafen. Im Anschluss daran teilte man Brot und Wein, ähnlich wie wir es tun. Die Wohlhabenden in der Gemeinde waren zur richtigen Zeit da; die Sklaven aber, die erst ihre Herren zum Abendessen bedienen mussten, kamen erst spät. Dann war oft nichts mehr oder nur wenig übrig. Sie mussten also das Abendmahl hungrig feiern, weil die anderen ihnen alles weggegessen hatten. Paulus kritisiert das so heftig, weil er das für einen Bruch der Gemeinschaft in Brot und Wein hält. Wer so mit seinen Mitchristen umgeht, der versündigt sich an dieser Gemeinschaft. Er versündigt sich am Abendmahl; er ist darum „unwürdig“ es zu feiern.
Im Abendmahl, liebe Gemeinde, geht es also nicht nur um die Vergebung der Sünden. Nicht allein der Karfreitag steht im Abendmahl im Mittelpunkt. Auch die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen ist ein nicht weniger wichtiger Aspekt des Abendmahls. In Brot und Wein werden wir verbunden mit dem österlichen Christus und zugleich werden wir miteinander zu so etwas wie einer Familie. Natürlich ist es wie in einer richtigen Familie. Da gibt es welche, mit denen ist man lieber zusammen, und solche, die konnte man noch nie so richtig verstehen, wie die „ticken“. Dennoch weiß man sich in einer Familie miteinander verbunden und wird niemanden im Stich lassen, der zur Familie gehört. Ebenso ist es auch mit der Familie, die Christus in der Feier des heiligen Abendmahls begründet. Wir gehören zusammen; wir sind dadurch auch füreinander verantwortlich.
Insofern ist uns da etwas Wichtiges in der Geschichte unserer Kirche verloren gegangen und nur langsam entdecken wir es wieder. Dass wir uns nach dem Abendmahl die Hand reichen, ist ein kleines Zeichen. Dass manche nach dem Gottesdienst noch auf eine Tasse Kaffee oder Tee zusammenbleiben, ist ein kleiner Schritt. Dass es einen Besuchsdienst gibt, wo Gemeindeglieder einander besuchen, gehört dazu. Natürlich hat jeder die Freiheit, auch etwas distanziert zu den anderen seinen Glauben zu leben. Eine funktionierende Familie klammert nicht und bleibt auch offen für neue Mitglieder. Nicht anders kann es in der Kirche sein. Aber grundlegend schließt uns das Abendmahl zu so etwas wie einer Familie zusammen – übrigens auch über die Grenzen unserer Gemeinde, unserer Konfession, auch unseres Landes hinaus. Wenn wir beispielsweise mit der Aktion „Hoffnung für Osteuropa“ arme Gemeinden dort unterstützen, dann tun wir es als Geschwister im Leib Christi. Wir sind durch Christus heute Abend nicht nur hier, sondern auch weltweit eine Familie. Das ist ein Reichtum, den wir in seiner Fülle noch weiter entdecken werden.
Johann Andreas Cramer hat das 1780 in sehr schöne Worte gefasst:
Das sollt ihr Jesu Jünger nie vergessen: Wir sind, die wir von einem Brote essen, aus einem Kelche trinken, alle Brüder und Jesu Glieder.

Wenn wir wie Brüder beieinander wohnten, Gebeugte stärkten und der Schwachen schonten, dann wir den wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen.

Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben