Predigt am Ewigkeitssonntag, 26. November 2017

Predigt am Ewigkeitssonntag, 26. November 2017

26.11.2017

zu Daniel 12, 1 - 3; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer in der Kirche Kleinwaltersdorf

Liebe Gemeinde,
ein lieber Menschen ist gestorben. Das ist eine der schmerz­lichsten Erfahrungen, die wir im Leben machen können. Manche von Ihnen haben im nun zu Ende gehenden Kirchenjahr einen Angehörigen hergeben müssen. Heute werden die Namen der Verstorbenen noch einmal verlesen. Andere unter uns erinnern sich heute ebenfalls eines Menschen, der ihnen nahe gestanden hat und an den sie sich mit Trauer im Herzen erinnern.
Am einfachsten ist es Abschied zu nehmen, wenn der oder die Verstorbene einem nicht so nahe gestanden hat. Auf Friedhöfen habe ich es nach Trauerfeiern schon erlebt, dass sich Trauergäste nach der Abschiednahme lautstark unterhielten, sich über das Wiedersehen freuten und lachten. Da schien die Freude über das Wiedersehen alter Bekannter doch schnell die Trauer zu verdrängen.
Wenn uns aber der oder die Verstorbene sehr nahe stand, dann ist es geradezu, als würde sie oder er einem aus dem Herzen gerissen. Dann tut es unendlich weh, Abschied nehmen zu müssen. Die Liebe hat nun kein Ziel mehr und findet keine Erwiderung; sie geht sozusagen ins Leere. Man möchte der Verstorbenen etwas sagen, aber sie hört es nicht. Man möchte den Verstorbenen etwas fragen, aber er kann nicht antworten. Man kommt nach Hause und die Wohnung ist leer. – Wenn ein Mensch, der uns nahe gestanden hat, von uns geht, dann merken wir, wie der Tod das Band zwischen uns zerschneidet. Er beendet unsere Möglichkeiten zu lieben und geliebt zu werden. Was bleibt, ist der Schmerz und die Trauer. Es bleibt der Weg an das Grab. Diesen Weg gehen ja viele heute am Totensonntag, um ihrer Lieben zu gedenken.
Der Tod ist jedoch nur das Ende unserer menschlichen Möglichkeiten. Gottes Wege mit uns enden nicht an der Grenze des Todes. Die Worte des Propheten Daniel sprechen da eine ganz deutliche Sprache: Einmal wird eine Erlösung kommen, verspricht er im Namen Gottes. Und dann werden die, die „unter der Erde schlafen liegen“, „aufwachen zum ewigen Leben“.
Nun ist der Tod natürlich etwas ganz anderes als ein Schlaf. Der Tod endet nicht am nächsten Morgen mit dem Licht des neuen Ta­ges. Aber aus christlicher Sicht hat der Tod durchaus etwas von einem Schlaf. Der Schlaf ist ein schönes Bild für das, worauf wir als Christen hoffen dürfen. Unser Schlaf ist begrenzt. Er dauert nur bis zum nächsten Morgen. Dann wachen wir wieder auf. Ebenso ist nach der Verheißung des Propheten auch der Tod nicht endgültig. So wie wir nach dem Schlaf aufwachen, werden auch die, die wir verloren haben nicht dem Tod überlassen bleiben.
„Aufwachen“ vom Tod: das widerspricht natürlich allen Erfahrun­gen unseres Lebens. Wer kann vom Tod wieder aufwachen? Viele in unserer Zeit halten das für absurd. Und auch wir Christen könnten es nicht glauben, wäre es nicht schon einmal geschehen. Als Jesus von Nazareth gestorben war, da haben seine Freunde die gleiche Trauer und den gleichen Schmerz erlitten wie wir, wenn wir einen unserer Lieben verlieren. Keiner von uns würde nun auf die Straße gehen und erzählen: Mein verstorbener Vater oder mei­ne verstorbene Frau ist nicht tot; er oder sie lebt. Da würden uns die Leute ja für verrückt erklären. – Die Jünger Jesu aber taten genau dieses. Sie gingen hinaus und erzählten allen, dass sie den lebendigen Jesus gesehen hätten.
Im Licht dieser Begegnung mit dem auferstandenen Christus ha­ben die ersten Christen dann Worte wie die des Propheten Daniel mit ganz anderen Augen gelesen. So wie Jesus von den Toten auf­erweckt wurde, so wird es einmal allen gehen, die durch ihren Glauben zu Jesus Christus gehört haben. Sie werden vom Todes­schlaf auferweckt werden. Auf sie wartet ein neues Leben in Gottes unvergänglicher Welt.
Unsere Möglichkeiten enden an der Grenze des Todes. Gottes Möglichkeiten aber werden dadurch nicht eingegrenzt. Wir haben keinen Zugang mehr zu unseren Verstorbenen. Gott aber hält sie geborgen in seiner Hand. Wir mögen sie für verloren halten in der Finsternis des Todes. Gott aber lässt sie nicht verloren gehen, sondern birgt sie in seinem Licht.
So mag uns das Wort des Propheten eine Hilfe sein in Trauer und Schmerz. Es mag uns helfen, die Trauer in eine dankbare Erin­nerung zu verwandeln. Es mag uns helfen, ohne die weiter zu leben, die wir geliebt haben.
Anders ist es allerdings, wenn nicht Liebe uns mit den Verstorbenen verbunden hat, sondern etwas zwischen uns gestanden hat und einem Menschen, der gestorben ist. So etwas wird selten offen angesprochen in Trauergesprächen oder Trauerpredigten. Dabei hat ja jeder Mensch seine Ecken und Kanten. In den Traueransprachen kommen die allerdings selten vor. Das ist auch richtig so, weil wir uns im Augenblick des Abschieds vor allem an die guten Seiten eines Menschen erinnern und die nicht so guten vergessen wollen. Aber wenn es ungelöste Konflikte gab, dann macht es uns umso schwerer Abschied zu nehmen. Denn nun ist der, der uns das Leben nicht leicht gemacht hat, nicht mehr da. Nichts kann mehr geklärt werden. Für eine Versöhnung ist es zu spät. Er oder sie kann sich nicht mehr entschuldigen und wir können es auch nicht. Einen geliebten Menschen innerlich loszulassen, das ist schon nicht leicht. Aber wenn unser Verhältnis belastet war, dann ist ein Abschied ganz besonders schwer. Denn der Tod beendet dann auch all unsere Möglichkeiten, Böses aus der Welt zu schaffen.
Auch in dieser Situation wollen die Worte des Propheten Daniel uns ansprechen. Es ist in ihnen von einer Unterscheidung die Re­de: Die einen werden aufwachen zum ewigen Leben; die anderen zu ewiger Schmach und Schande, heißt es dort. Da geht es also um so etwas wie ein Gerichtsverfahren. Ein Urteil wird gefällt werden über uns Menschen. Es wird einmal im Angesicht Gottes so etwas wie eine Aufarbeitung dessen geben, was in unserem Leben geschehen ist. Von dem Licht der Liebe Gottes werden all die Dunkelheiten unseres Lebens ausgeleuchtet werden. Da werden wir auch manches Schmerzliche über uns selbst erfahren: wo wir andere verletzt haben, vielleicht ohne es zu wollen; wo wir anderen etwas schuldig geblieben sind; wo wir Liebe hätten üben können, es aber nicht getan haben.
In Südafrika hat es nach dem Sturz der Weißenherrschaft in den 90er Jahren eine Wahrheitskommission gegeben. Vor diesem Tribunal haben Weiße und Schwarze über das Leid gesprochen, das ihnen angetan wurde. Sie haben umgekehrt auch bekannt, wo sie anderen Leid zugefügt haben. Durch dieses Aussprechen vor der Wahrheitskommission hat es große Schritte zur Versöhnung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen gegeben.
Vielleicht werden wir einmal auch so etwas Ähnlichem gegen­überstehen: einer Wahrheitskommission Gottes. Dann wird es im Angesicht des auferstandenen Christus deutlich werden, wo uns Leid zugefügt worden ist. Die Dunkelheit dieses Leides wird von dem Licht Christi ausgelöscht werden. Deutlich wird aber auch werden, wo wir anderen Leid zugefügt haben. Dem Licht der Liebe Christi werden auch diese dunklen Seiten weichen. Vor allem wird es durch diese Begegnung mit der Wahrheit unseres Lebens im Angesicht des lebendigen Christus für uns Versöhnung geben: Versöhnung mit denen, die uns wehgetan haben, aber auch mit denen, an denen wir selbst schuldig geworden sind.
Diese Hoffnung mag es uns auch leichter machen, die Menschen loszulassen, die unversöhnt gestorben sind. Denn alles, was zwischen uns gestanden haben mag, das wird durch die Gnade Gottes vergeben und versöhnt werden.
Der Tod – ein Schlaf? In gewisser Weise Ja! Denn es wird nach dem Tod einen Morgen der Auferstehung geben; einen Morgen voller Licht. In diesem Licht wird nichts Bestand haben, was dunkel war in einem Leben. In ihm sind die geborgen, die in Christus verstorben sind. Dieses Licht ist auch unsere Zukunft, die wir zu Christus gehören. In ihm werden wir darum die wiederfinden, die wir betrauern und derer wir heute gedenken.
Amen.

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