Predigt am Ewigkeitssonntag, 25. November 2018

Predigt am Ewigkeitssonntag, 25. November 2018

25.11.2018

zu Jesaja 65, 17 - 25; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
keine gemeinsame Zukunft mehr; nur noch eine gemeinsame Vergangenheit. Erinnerungen an nicht immer leichte, aber doch letztlich glückliche Tage. Tage, in denen man gemeinsam nach vorn blickte. Und nun? Da ist diese große Leere in einem. Jeder Tag schleppt sich so dahin. Mühsam versucht man, das Leben zu bewältigen. Aber wie es weitergehen soll, ist ungewiss. So etwas wie ein Licht jenseits des dunklen Tales ist nicht zu erkennen.
Heute am Ewigkeits- oder Totensonntag wird in allen evangeli­schen Kirchgemeinden Deutschlands an die Verstorbenen der jeweiligen Kirchgemeinden erinnert. Viele unter uns sind heute hier in diesem Gottesdienst, um eines lieben Menschen zu gedenken. Manchen unter uns ist im nun zu Ende gehenden Kirchenjahr ein Angehöriger genommen worden, dessen Namen heute verlesen wird. Sie kennen diese Gefühle besonders gut, die ich eben beschrieben habe: Die Trauer über den Verlust eines Menschen, der oder die so sehr fehlt. Das Gefühl, innerlich leer zu sein. Der Blick, der sich immer wieder in die Vergangenheit richtet, denn in der Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit ist der oder die Verstorbene noch da. Aber eine gemeinsame Gegenwart oder gar eine gemeinsame Zukunft gibt es nicht mehr; wird es nie mehr geben.
Ein solches Gefühl der Trauer und des Schmerzes, der Leere und der Rückwärtsgewandtheit überfällt aber nicht nur Menschen, die einen lieben Menschen verloren haben. Ähnliches erleben wir Menschen immer, wenn wir Abschied nehmen müssen. Das Volk Israel befand sich ein halbes Jahrhundert vor Christus in einer ähnlichen Lage. Nach einem langen Exil in Babylonien waren sie in die Heimat zurückgekehrt. Aber was hieß schon Heimat? Viele waren in der Fremde aufgewachsen. Sie kannten die Heimat ihrer Eltern und Großeltern nur von deren Erzählungen. Das Land war ihnen fremd. Aber auch für die, die sich noch an die alte Heimat erinnern konnten, war es keine Rückkehr nach Hause. Das Land war nach wie vor zerstört. Die Orte, in denen sie gewohnt hatten, lagen vielfach in Trümmern. Die Felder waren versteppt. Es war mühsam, dem Boden eine Ernte abzuringen. Das Wenige wurde ihnen oftmals von benachbarten Stämmen geraubt. Am Schlimmsten war: Der Tempel Gottes war eine einzige große Ruine. Der Wiederaufbau gestaltete sich mehr als mühsam.
Die Juden mussten in mehrfacher Hinsicht Abschied nehmen. Abschied von dem Land, an das sie sich dann doch gewöhnt hatten; auch wenn sie dort Fremde waren. Abschied von ihren Hoffnungen nahtlos an alte Zeiten anknüpfen zu können. Abschied von ihren Träumen von einem besseren Leben im gelobten Land der Väter.
In diese Situation hinein spricht Gott durch den Propheten zu seinem Volk. Verheißungsvollen Worte werden laut: „Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. ... Freut euch und seid fröhlich, über das, was ich schaffe.“ Und dann kündigt der Prophet an, dass Weinen und Klagen nicht mehr zu hören sein wird. Dass Mühe und Arbeit nicht mehr vergeblich sein sollen. Dass keine Kinder mehr verhungern oder durch Krankheiten viel zu früh sterben werden. Dass die Menschen im Gegenteil ein langes und erfülltes Leben führen werden. Vor allem aber sagt Gott seinem Volk durch den Propheten seine Nähe zu. Er will schon da sein, bevor sie nach ihm suchen. „Und es soll geschehen, ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.“ Ungefragt und ungerufen will Gott bei seinem Volk sein und den Menschen nah sein. Die heilvolle Gegenwart Gottes soll sich bis hin zu solch wunderbaren Szenen erweisen, dass Schaf und Wolf beieinander weiden und selbst der Löwe Stroh fressen wird wie ein Rind. Mehr noch: Unter uns Menschen wird es keine Bosheit mehr geben.
Den Hörern haben diese prophetischen Worte Trost, Kraft und Zuversicht gegeben. Darum sind sie auch für spätere Generationen aufgeschrieben und weitergegeben worden. Die heimgekehrten Juden spürten in ihnen die heilvolle Nähe Gottes. Gottes Worte gaben ihnen aber auch Hoffnung, dass unsere Welt und unser Leben nicht so bleiben würden wie bisher. Sie spürten in sich die Zuversicht, dass unsere Welt verwandelt werden würde in eine neue Erde unter einem neuen Himmel. Sie wurden erfüllt von der Hoffnung auf eine Zukunft in der Gegenwart Gottes. So konnten sie getröstet Abschied nehmen und mit Zuversicht in die Zukunft aufbrechen.
Liebe Gemeinde, beides würde man sich wünschen, wenn man trauert: Trost und Zuversicht. Aber dieser Wunsch bleibt auch für uns nicht unerfüllt!
Denn Gott kommt ja auch uns nahe. Wir spüren, wie wir getröstet werden, weil er da ist. So wie er es Israel durch den Propheten zugesagt hat. – Mancher von Ihnen hat das sicherlich erlebt, als die Trauer am intensivsten und der Schmerz am größten war. Da gab es Momente des Trostes; Augenblicke, in denen es einem leichter ums Herz war. Solche Augenblicke erleben wir oft in besonderer Weise dann, wenn wir uns der Nähe Gottes vergewissern. Manche spürt gerade in Zeiten der Trauer die Sehnsucht nach dem Frieden in einem Gottesdienst. Ein Satz in einer Predigt rührt einen dann an und spricht einem Trost zu. Auch wenn es vielleicht gar nicht so gedacht war. Beim Singen eines Liedes wird es einem leichter ums Herz. Manchen überkommt ein tiefer Friede auf dem Friedhof bei einem stillen Gebet am Grab. Wieder andere spüren Gottes Nähe daran, dass sie für jeden Tag die Kraft finden, die sie brauchen. Gott schenkt uns die Erfahrung seiner Nähe und seines Trostes gerade in den dunklen Tälern unseres Lebens. Noch ehe wir nach seiner Hand greifen, um Halt zu finden, hat er sie uns schon hingestreckt: „Und es soll geschehen: ehe sie rufen, will ich antworten.“
Diese Erfahrung der Nähe Gottes weist nun aber zugleich auch in die Zukunft. Israel spürte die verheißene Nähe des Herrn; die Hörer des Propheten blickten darum voll Zuversicht in eine gute Zukunft auf einer neuen Erde unter einem neuen Himmel. Die Jünger Jesu machten in ähnlicher Weise zu Ostern die Erfahrung der Gegenwart des auferstandenen Christus mitten unter ihnen; dadurch wurden sie erfüllt von der Hoffnung auf ein Leben in Gottes neuer Welt.
Auch uns weisen die Erfahrungen der Nähe Gottes darum in die Zukunft. Die Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde gilt auch uns. Auch wir dürfen gewiss sein: Unsere Zeit wird einmal einmünden in die Ewigkeit Gottes. Mag auch unsere gegenwärtige Zeit noch gekennzeichnet sein von schmerzlichen und manchmal unerträglichen Abschieden: Sie wird vergehen. Die Welt, in der alle Tränen abgewischt sein werden kommt auf uns zu. Es kommt eine Zeit auf uns zu, in der wir nie mehr traurig sein werden. Abschiede wird es nicht mehr geben. Alle Tränen werden getrocknet sein. Auch Leid wird es nicht mehr geben auf dieser neuen Erde unter einem neuen Himmel.
Aber nicht nur wir haben eine Zukunft. Auch unsere Verstorbenen haben eine – bei Gott. Diese Hoffnung mag uns trösten, wenn wir heute an unsere Verstorbenen denken. Der neue Himmel und die neue Erde sind für sie bereits Gegenwart. Der Abschied von ihnen ist darum keiner für alle Zeiten, sondern nur für diese Zeit. In der ewigen Zeit Gottes werden wir – in einer für uns kaum vorstellbaren Weise – wieder mit ihnen zusammen sein.
So tröstlich sagt der lebendige Gott uns seine Nähe und Gegenwart zu. Und er erfüllt unsere Herzen mit Hoffnung: Unsere Zeit und die derer, die von uns gegangen sind, wird verwandelt werden in seine Ewigkeit. Leid und Trauer werden verwandelt in Freude.
Vor einigen Jahren starb eine ehemalige Kirchenvorsteherin aus meiner ersten Gemeinde. Sie war nur drei Tage älter als ich und ich kannte sie und ihre Familie sehr gut. Ihr Tod hat mich darum sehr mitgenommen. Als wir nach der Trauerfeier aus der Kirche hinter ihrer Urne her hinausgingen, spielte die Organistin ein Osterlied: In all der Trauer ein fröhliches Lied, das den Sieg des Herrn über den Tod besingt. Ich hatte Mühe, nicht in Tränen auszubrechen. Denn es war, als würde die Wolkendecke der Trauer aufbrechen – und ein Sonnenstrahl des Trostes und der Hoffnung von Gottes Himmel scheinen.
Amen.

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