Predigt am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 6. Novemer 2016

Predigt am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 6. Novemer 2016

07.11.2016

zu Römer 14, 7 - 9, gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
nach dem Abitur ging eine frühere Konfirmandin von mir für ein Freiwilligenjahr nach Rumänien, lebte dort allein in einem leerstehenden Pfarrhaus der Siebenbürger Sachsen und arbeitete mit behinderten Jugendlichen. Ihr Engagement für ihre Schützlinge stieß auf erheblichen Widerstand der rumänischen Kolleginnen. In deren Augen reichte es aus, wenn die Behinderten einigermaßen satt und sauber waren. Aber die junge Frau sah in ihnen die Menschen, die Geschöpfe Gottes. Sie sah deren Menschenwürde, die die Kolleginnen nicht sehen konnten. Nun ist sie mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Kind nach Albanien gegangen, um dort für die Menschen da zu sein. „Wir können nicht in unserer Wohlfühloase bleiben, wenn es anderen schlecht geht“, so schildert sie ihren Beweggrund.
„Leben wir, so leben wir dem Herrn“, schreibt der Apostel Paulus. Unser Leben im Glauben ist ausgerichtet auf Jesus Christus. Er bestimmt es und prägt es in allen seinen Facetten. Er trägt unser Leben.
Ist es das, was er meint? Ein Leben in der Hingabe an Christus; ein Leben abseits der normalen Bahnen; ein Leben, das auch die Zeichen des Kreuzes trägt?
Ganz sicherlich ist es so. Wenn wir den Dom betreten, dann wird uns das ja immer wieder vor Augen geführt. Nicht zufällig hat man die romanische Kreuzigungsgruppe so aufgehängt, dass unser Blick auf sie fällt, wenn wir durch den Haupteingang hineinkommen. Sinnbildlich gehen wir auf Christus zu, wenn wir in den Dom weiter hineingehen. Das Leben eines Christen ist ein Leben auf Christus hin, ein Leben, in dem wir Christus immer vor Augen haben. Ein Leben im Glauben ist ein Leben in der Nachfolge.
Und doch muss es nicht bedeuten, dass wir alle Entwicklungshelfer werden, nach Albanien oder Afrika gehen, und hier alles aufgeben. Für Martin Luther war das ganz normale Leben im Alltag ein Gottesdienst. Wenn es uns ernst ist mit unserem Vertrauen darauf, dass wir uns Gottes Liebe nicht verdienen müssen, dann können wir Christus an jedem Ort dienen, nicht nur an den außergewöhnlichen oder außergewöhnlich schwierigen. Dort soll dann allerdings schon deutlich werden, dass wir in unserem Leben auf Christus zugehen.
Die Krankenschwester „lebt dem Herrn“, die bei allem Stress ihre Patienten nicht als lästige Bittsteller sieht, wenn sie klingeln. Ihr Leben ist von Christus geprägt, wenn sie in ihnen die Nächsten sieht. – Der Arbeiter in der Produktion „lebt dem Herrn“, der seine Arbeit zuverlässig erledigt und der sich auch für die Kollegen und deren Wohl – vielleicht als Mitglied des Betriebsrates – verantwortlich fühlt. Ebenso macht auch der Betriebsleiter seine Prägung durch Christus sichtbar, der nicht nur die Bilanzen vor Augen hat, sondern auch die Menschen, die die Gewinne erarbeiten sollen.
„Leben wir, so leben wir dem Herrn“. Der Weg durch das Leben eines Christen ist wie der Weg in den Dom hinein. Wir gehen mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus vor Augen; wir orientieren uns an ihm und wir gehen auf ihn zu.
Das gilt für das Leben, das gilt aber auch für das Ende unseres Lebens.
Es hat in meinem Leben als Pfarrer Menschen gegeben, die ich bei ihrem Sterben begleiten konnte. Eine von denen war eine Frau, die tief verwurzelt war in ihrem Glauben. Aber dann erkrankte sie schwer, obwohl sie nach unserem menschlichen Ermessen noch einige Jahre hätte vor sich haben können. Es fiel ihr nicht leicht loszulassen, das spürte man deutlich. Vielleicht auch weil ihr erwachsener Sohn nie einen Zugang zu ihrem Glauben gefunden hatte und sie ihn nicht ohne eine Beziehung zu Gott zurücklassen wollte. Es fiel ihr nicht leicht, aber sie klammerte sich fest an Christus. Zweimal feierten wir das Abendmahl an ihrem Krankenbett. Schließlich ist sie dann doch ganz friedlich im Vertrauen auf den auferstandenen Herrn von uns gegangen.
„Sterben wir, so sterben wir dem Herrn“, schreibt Paulus. Der Tod ist nicht das Ende. Auch er kann die Verbindung eines Lebens zu Jesus Christus nicht auflösen. Sie bleibt erhalten durch den Tod hindurch – und über den Tod hinaus. Unser Sterben ist ein Sterben auf den Auferstandenen hin. Wir sterben hin zu ihm, in seine Ewigkeit, dorthin, wo wir im Licht seiner Liebe leben werden.
Wir fallen darum nicht in das Nichts. Das ist unsere Zuversicht und unsere Gewissheit am Ende eines hoffentlich erfüllten Lebens. Das unterscheidet uns von denen, die keine Hoffnung haben. Auch unser Sterben ist geprägt von seiner Ausrichtung auf den auferstandenen Christus hin. Darum brauchen wir als Christen auch nicht um jede Lebensminute zu kämpfen, wie das manch anderer tut. Wir können – so schwer das sein mag – den Prozess des Sterbens als den Beginn eines Weges zu Christus annehmen. Wir können darum auch in Frieden zusehen, wenn ein Sterbender nicht mehr essen oder trinken mag. Wir akzeptieren: Das gehört zum Sterben. Als Christen können wir das aushalten; nicht zuletzt, weil uns von dem Herrn her die Kraft dazu geschenkt wird. Wir brauchen unsere Lieben nicht künstlich zu ernähren und damit ihr Sterben zu verlängern. Wir greifen nicht ein in den natürlichen Weg, den Christus mit ihnen geht.
„Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ Von unserer Taufe an bis hin zu unserem letzten Atemzug und auch über die Grenze des Todes hinaus wird unser Leben getragen und geprägt von dem einen Herrn.
Von dieser Ausrichtung von uns Christenmenschen auf den, dessen Namen wir tragen, mag manchmal wenig sichtbar werden. Das ist aber auch ein Kennzeichen christlicher Existenz. Am Kreuz hat kaum jemand sehen können, dass dort der Sohn Gottes starb. Die großen Dinge spielen sich im Verborgenen ab. Gottes Heil ist – nicht nur am Kreuz – unter dem gegenteiligen Anschein verborgen. Wenn wir im Vertrauen auf Christus durch unser Leben gehen, dann ist ER unser Herr und er ist mit uns auf dem Weg.
Das verbindet uns unauflöslich miteinander. Sehen Sie sich mal die beiden Menschen an, die rechts und links neben Ihnen auf der Bank sitzen. Vielleicht sind sie mit Ihnen familiär oder freundschaftlich verbunden. Vielleicht aber auch nicht. In jedem Fall aber sind Sie mit ihnen durch den gemeinsamen Herrn Jesus Christus verbunden. Das war es, worum es dem Apostel Paulus im Kern seiner Argumentation ging. Er hatte es in seinen Gemeinden erlebt, dass die einen auf die anderen herabsahen. Das kennen wir ja auch aus unserer Zeit. Die einen denken: Bei uns ist Gott und nur bei uns. Und die anderen denken: Wir allein kennen den richtigen Weg im Glaube. – Ihr gehört zusammen, wollte der Apostel seinen Gemeinden deutlich machen. Ihr geht – egal auf welchen Wegen – gemeinsam auf den einen Herrn Jesus Christus zu. Euer Leben wird von dem einen Herrn geprägt. Da könnt ihr nicht anfangen, euch voneinander abzugrenzen und aufeinander herabzusehen.
Christus verbindet aber nicht nur die Lebenden als Herr miteinander, sondern durch ihn sind auch die Lebenden mit den Toten verbunden. Aus der Perspektive des Himmelreiches ist es kein Unterschied, ob wir in dieser Welt oder in jener anderen Welt zu Christus gehören. „Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden“, schreibt der Apostel, „dass er über Tote und Lebende Herr sei.“
Am Ende des Kirchenjahres stehen wir wieder öfter an den Gräbern unserer Lieben oder denken an Sie. In zwei Wochen werden wir wieder die Namen derer verlesen, die im zu Ende gehenden Kirchenjahr von uns gegangen sind. Bei dem Gedenken ist das ist vielleicht der einzige Trost, den wir haben: Dass Christus Herr ist über Lebende und Tote. Durch den gemeinsamen Herrn sind wir weiterhin verbunden mit denen, die wir verloren haben. Christus ist das unsichtbare Band zwischen uns und unseren Verstorbenen. Sein Heiliger Geist verbindet uns miteinander zu der Gemeinschaft der Heiligen, die wir bekennen.
So gehen wir alle miteinander auf Christus zu. Gemeinsam loben wir ihn als den Herrn unseres Lebens – in dieser und in jener Welt.
Amen.

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