Predigt am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 11. November 2018

Predigt am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 11. November 2018

11.11.2018

zu Hiob 14, 1 - 6; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
quietschende Reifen und dann ein dumpfer Knall. Glas splittert, man hört die Explosionen, die die Airbags aufblasen. Ein Auto ist völlig zusammengedrückt. Das andere liegt auf der Seite im Straßengraben. Passanten rufen Polizei und Notarzt. Der kann aber bei dem einen der Insassen der Unfallfahrzeuge nur noch den Tod feststellen.
So oder so ähnlich spielt es sich an jedem Tag irgendwo in Deutschland ab. Gott sei Dank verlaufen viel weniger Unfälle so. Die moderne Technik in unseren Autos hat für sehr viel mehr Sicherheit gesorgt, als wir sie in den früheren Jahrzehnten hatten. Aber dennoch geschieht es in unzähligen Familien, dass sich die Welt von einem zum anderen Tag von Grund auf verändert. Die Welt verändert sich natürlich nur scheinbar. Sie dreht sich ungerührt weiter. Aber das Leben aller, die von einem solchen Unfall direkt oder indirekt betroffen sind, verändert sich grundlegend. Wie geht man dann damit um? Wie verkraftet man es, wenn einem durch einen solchen Unfall oder eine Krebserkrankung ein lieber Mensch plötzlich oder nach langer Krankheit vom Herzen gerissen wird. Wie hält man es aus, wenn einem die Ärzte sagen: Wir können nichts mehr für Sie tun?
Wer sich ganz dem Glauben an Erfolg, Wohlstand und ein schönes Leben verschrieben hat, wird es in einer solchen Situation schwer haben. Nach einem Todesfall die Trauerfeier möglichst kurz halten, das Trauern so gut es geht ausblenden, sich in die Arbeit stürzen, nicht darüber nachdenken, im Falle einer schweren Krankheit das nahende Ende so lange es geht ausblenden, das sind dann die Strategien. Allerdings führen sie nicht zum Erfolg. Eher hilft es, sich dem Schrecklichen zu stellen, mit anderen darüber zu sprechen, sich von seinen Lieben in den Arm nehmen lassen, zu weinen, so viel man Tränen hat.
Hiob hat es da noch gut. Er hat einen Gott. Er kann seinem Gott all die Schuld für sein leidvolles Schicksal in die Schuhe schieben. Hiob hat es gut. Er kann Gott anklagen, sich sogar über ihn mehr oder weniger lustig machen, sich jedenfalls heftig über ihn beklagen: „Da ist das Leben schon so kurz und vergänglich“, regt er sich auf. „Und dann musst du einen Menschen wie mich auch noch mit solchen Schicksalsschlägen heimsuchen! Kannst du einen nicht in Ruhe lassen? Es würde doch reichen, wenn wir das bisschen Leben, das wir haben, wenigstens in Frieden und ohne größere Katastrophen verbringen könnten. Es ist ohnehin mühsam genug, auf dieser Erde sein Leben zu fristen. Kann nicht nach diesem kurzen und vergänglichen Leben der Tod wenigstens so etwas wie ein froher Feierabend sein? Musst Du einen Menschen so leiden lassen, dass er den Tod wie eine Erlösung ersehnt?“
Hiob hat es gut. Er hat einen Gott, mit dem er hadern kann. Darf man das? In manchen frommen Traditionen ist das verpönt. Da ist die Angst groß, man könne dadurch Gott zu nahe treten. Darf man Gott anklagen? Ja, liebe Gemeinde, man darf. Nicht nur Hiob hat mit Gott gehadert. Die Psalmen sind voller Klage. Und selbst Jesus hat am Kreuz mit dem letzten Atemzug, der ihm noch zur Verfügung stand, gebetet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Wir dürfen klagen und hadern. Das ist das Wunderbare an unserem Gott, dass er das aushält. Er nimmt unsere Klagen, unser Hadern auf. Er hält es aus. Wie Eltern, an denen sich pubertierende Kinder manchmal abarbeiten müssen. Er kann es ertragen, wenn wir mit ihm hadern. Wir haben einen Gott, der nicht unbewegt in den Himmeln schwebt. Unser Gott ist einer, der uns versteht. Er ist eine Adresse für unsere Klage, unser Hadern.
Warum sollten wir auch nicht hadern und klagen dürfen in einer solchen Situation. Manches geht ja auch wirklich nicht mit unseren Vorstellungen von einem Gott, der das Leben will zusammen. Warum kann ein alter Mensch, der das Leben satt hat, nicht gehen und ein anderer, der noch so dringend von seiner Familie gebraucht würde, muss gehen? Martin Luther hat von der „verborgenen“ Seite Gottes gesprochen. Es gibt da etwas, das uns nicht eingehen will. Es gibt da etwas, das uns hadern lässt. Damit befinden wir uns in guter Gesellschaft – mit Hiob, den Psalmisten und nicht zuletzt auch mit Jesus, dem Sohn des Zimmermanns.
Aber unser Gott ist mehr als nur einer, der unser Klagen und unser Hadern aushält. In dem Menschenkind Jesus von Nazareth ist er ja einer von uns geworden. In Jesus hat er dieses vergängliche Leben mit uns geteilt. Vom der Krippe bis zum Kreuz. Er hat die Armut und Not eines einfachen Handwerkers am Rande der damaligen Zivilisation gekannt. Er war mit Jesus hungrig in Zeiten der Not. Er hat mit ihm ansehen müssen, wie Josef gestorben ist und die Trauer darüber getragen. Am Kreuz hat er in dem Gekreuzigten selbst die Gottverlassenheit erlebt, die auch uns manchmal fragen lässt: Mein Gott, warum?
Die Evangelien zeigen uns einen Gott, der nicht nur der Adressat unserer Klage und unseres Haderns ist. Sie offenbaren uns Gott als einen, der mit uns teilt, was uns so fassungslos macht. Was, liebe Gemeinde, ist das für ein Gott? Er lenkt uns nicht durch das Leben als wären wir eines dieser modernen Spielzeuge, die man als Drohnen kennt. Er steht nicht an der Konsole und lenkt uns an allen Hindernissen vorbei. Das tut er nicht. Wir sind nicht ferngesteuert von ihm. Aber: Er ist mit uns auf diesen Wegen. Er nimmt teil daran. Er begleitet uns. Und manchmal, da nimmt er uns doch behutsam bei den Schultern. Und ohne dass wir es merken, gibt er dem Leben eine Wendung, lässt er uns dann doch das eine oder andere Hindernis umgehen. Manchmal merken wir das gar nicht. Manchmal aber schon. – Aber warum können manche mit seiner Hilfe das eine oder andere finstere Tal vermeiden, aber nicht jedes, andere können es aber nicht? Mein Gott, warum? Ja, warum? Nicht einmal Jesus konnte sich diese Frage beantworten.
Und was ist mit dem Abgrund, an dem unser aller Leben enden wird – selbst wenn wir ein Leben lang von Unfällen oder Krankheiten verschont geblieben sind? Warum kommt niemand an dem vorbei?
Hiob sieht die Ursache in der Schuldhaftigkeit des Menschen. Aber gehört es nicht eher zu seiner Geschöpflichkeit, dass wir sterben müssen? Wäre es nicht ein Fluch, in dieser Welt ewig leben zu müssen? Würde das Leben uns nicht zu einer unerträglichen Last? Zur Unzeit zu gehen, das ist schlimm. Aber es ist gut, wenn wir zu einer Zeit gehen dürfen, wo der Tod wie ein guter Freund kommt und uns heimnimmt.
Dieses Heimnehmen, das ist dann aber mehr als der Feierabend des Tagelöhners, von dem Hiob spricht. Wie haben wir es in der Epistel gehört: „Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn“. Auf das „Warum?“ werden wir eine Antwort bekommen. Es ist die Antwort, die die Jünger am dritten Tag bekamen. Auch sie werden nach dem Karfreitag mit Gott gehadert haben. Wie konnte er es zulassen, das ausgerechnet JESUS so elend sterben musste?? Alle hätten es mehr verdient als ausgerechnet er! Warum? Und dann – begegneten sie dem Lebendigen.
Hiob hatte es gut. Er hatte einen Gott, mit dem er hadern konnte. Aber besser noch als Hiob haben wir es, wenn wir den Gekreuzigten an unserer Seite wissen – und wenn wir der Botschaft von Ostern unser Vertrauen schenken können. Ruhe finden wir nicht, wenn Gott uns in Ruhe lässt. An dieser Stelle kann ich Hiob zwar verstehen, aber nicht folgen. Ruhe finden wir, wenn Gott sie uns schenkt. Ruhe finden wir schon jetzt in der Hoffnung, dass er uns nicht loslässt. Nicht im Leben und nicht im Sterben und nicht über den Tod hinaus. Ruhe finden wir dann – im Licht des Ostermorgens. In Gottes guter Hand werden wir geborgen sein. Dann werden alle Klagen ein Ende finden. Alles Hadern wird verstummen und wir werden eine Antwort finden auf das „Warum?“. So wird die eigentliche Ruhe sein: bei Gott.
Der sicherlich vielen bekannte querschnittsgelähmte Samuel Koch ist für mich ein Beispiel, wie man es anders machen kann als Hiob. Er hätte sich nach dem Unfall bei „Wetten dass“ im Hadern verzehren können. Er hat es nicht getan. Er hat akzeptiert, dass sein Leben anders sein wird. Er hat die Schauspielschule absolviert. Er hat ein Engagement am Theater bekommen. Er hat einfach darauf vertraut, dass Gott ihn nicht verlassen hat und einen Weg für ihn weiß. Diesen Weg hat er gefunden. Wie es im 23. Psalm heißt: Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir.
Amen.

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