Predigt am Buß- und Bettag, 21. November 2018

Predigt am Buß- und Bettag, 21. November 2018

21.11.2018

zu Offenbarung 3, 14 - 22; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
stellen Sie sich einmal vor: ein heißer Sommertag; die Sonne brennt vom Himmel. Und dann ein kaltes Glas Wasser oder am Abend ein kühles Bier. Welch eine Erfrischung!
Oder an einem Winterabend, wenn der Wind um das Haus pfeift, eine Tasse voll heißem Tee. Wie der duftet und wie die Wärme den Körper durchzieht. Oder ein heißes Bad zu solch einer Gelegenheit. Wenn man völlig durchfroren nach Hause kommt. – Das tut gut!
Aber nun stelle man sich das ganze mit lauwarmem Wasser vor: ein heißer Tag, und dann bekommt man ein lauwarmes Getränk angeboten – oder noch viel schlimmer: ein lauwarmes Bier. Oder lauwarmen Tee an einem Winterabend. Oder ein lauwarmes Bad. Oder lauwarmen Glühwein. Furchtbar!
Etwas in der Art ist wohl gemeint, wenn an die Gemeinde in Laodicea geschrieben wird: „Ach, dass du kalt oder warm wärest!“ – Natürlich ist damit nicht die Körpertemperatur der Christen in Laodicea gemeint. Es geht um die Tiefe ihres Glaubens, die Begeisterung für das Evangelium von Jesus Christus. Sie sind da offenbar sehr lau. Sie haben das Evangelium angenommen. Zu Jesus Christus zu gehören, ist besser als zu den Göttern anderer Religionen. Sich nach den Geboten zu richten ist gut, weil es einem eine Richtschnur für das Leben gibt. Aber man hat ja auch noch andere Sorgen. Da sind die Geschäfte. Laodizea hat heiße Quellen in der Nähe, zu denen die Menschen von nah und fern kommen. Die Geschäfte mit goldenen Opferfiguren, Stoffen und Augensalbe laufen zwar sehr gut, aber man muss sich eben auch darum kümmern. Und man sollte es in Sachen Religion auch nicht übertreiben. Man will schließlich nicht durch ein extremes Verhalten auffallen und sich damit aus der Gesellschaft der Stadt ausschließen.
Satte und laue Wohlstandschristen waren die aus Laodicea offenbar. Bei den ersten Verfolgungen brachten sie anderen Göttern Opfern dar und verleugneten Christus. Den Glauben wirklich das Leben prägen zu lassen, fiel ihnen schwer. Sie lebten ihre Taufe nicht wirklich. Sie sahen nicht, wie sehr sie sich von ihrem Glauben entfernt hatten und sie waren nicht bereit, an ihrem Leben etwas zu ändern.
All das ist lange her. Heute leben muslimische Türken dort, wo früher Laodizea gewesen war. Aber laue Christen gibt es noch heute. Solche, die der Kirche sofort den Rücken kehren, wenn es nach einem Umzug niemand mehr im Heimatort merkt. Die aus der Kirche austreten, weil auf dem Kontoauszug ein Hinweis auf das geltende Kirchensteuerrecht steht. Die ihr Konfirmationsbekenntnis schnell vergessen und sich lieber dem zuwenden, was ihnen scheinbar mehr an Erfüllung und Spaß verspricht.
Laue Christen, liebe Gemeinde, gibt es aber auch in der Kirche. Solche, die zwar Glieder der Gemeinden sind, aber sonst in keiner Weise in Erscheinung treten. Die zu Hause kein Tischgebet sprechen, geschweige denn ein anderes. Die ihre Kinder nicht im christlichen Glauben erziehen, sie nicht einmal taufen lassen. Die bestenfalls zu Weihnachten mal in die Kirche kommen.
Und dann gibt es laue Christen, wie wir es sind, die wir heute Morgen hier versammelt sind. Wir machen natürlich manches anders. Darum sind wir z.B. heute hier in den Gottesdienst gekommen – gerade am Bußtag. Aber sind wir deswegen nicht oft genug auch lau? Gibt es denn einen unter uns, der nicht aus vollem Herzen die Worte aus einem unserer Beichtgebete mitsprechen könnte: „Dich soll ich über alles lieben aber ich habe mich selbst mehr geliebt als meinen Herrn und Heiland. … Du hast mir meinen Nächsten gegeben, ihn zu lieben wie mich selbst; aber ich erkenne, wie ich versagt habe in Selbstsucht und Trägheit“?
Wir haben keinen Anlass, auf andere herabzusehen. Wir selbst – da schließe ich mich voll und ganz ein – sind oft genug auch nicht heiß, sondern eher lau in unserem Christsein. Müssten wir nicht mehr für unseren Glauben brennen? Menschen, die wirklich heiß sind in geistlicher Hinsicht, wirken ansteckend. Sie können die Lauen am ehesten anstecken mit unserer Begeisterung für den christlichen Glauben; sie erwärmen für das Evangelium. Können wir das?
„So sei nun eifrig und tue Buße“, ergeht der Aufruf an die Gemeinde in Laodicea. Und damit auch an uns, besonders am heutigen Bußtag. Buße heißt ja: Umkehr. Sein Leben ändern. Neue Wege suchen. Neues wagen oder auch Altes, was in Vergessenheit geraten ist. Mehr für den Glauben brennen.
Sein Leben ändern. Wie schwer aber ist das! Anders leben wollen im Grunde ja alle Menschen. Sie wollen gesünder leben, nicht mehr so viel Fleisch essen, sich mehr bewegen. Sie wollen keine umweltschädlichen Stoffe mehr verwenden, ihre Zeit besser organisieren, um erfolgreicher zu werden und was es sonst noch an guten Vorsätzen gibt. Interessanterweise ist der Bußtag für diese Leute allerdings meist der Neujahrstag. Aber man weiß ja, wie es um die guten Vorsätze bestellt ist. Bei den wenigsten überleben sie den Januar.
Sicherlich stimmen Sie mir zu, wenn ich sage: Es wäre wunderbar, wenn wir unser Leben und nicht zuletzt unser Glaubensleben selbst ändern könnten. Wenn wir uns nicht nur vornehmen, sondern das auch umsetzen könnten: Ab morgen – nein, besser: ab sofort – werde ich intensiver beten oder in der Bibel lesen oder mich um andere Menschen kümmern oder anderen von meinem Glauben erzählen oder generell meine Laster und Unarten aufgeben. Nicht zuletzt: fröhlicher und ernsthafter glauben.
Aber die Frage stellt sich eben auch dabei: geht das? Lassen sich diese Vorsätze auch in die Wirklichkeit umsetzen? Oder reichen die Vorsätze vom Bußtag bestenfalls bis zum 1. Advent?
„So sei nun eifrig und tue Buße“, bekommen die Christen in Laodicea zu hören. Aber es bleibt nicht dabei. Es geht weiter im Text: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auf tun, zu dem werde ich hingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“
Das ist wohl das Geheimnis des Bußtages. Hinhören und die Tür aufmachen und sich dann vom Herrn zum Abendmahl einladen lassen.
Hinhören
: Das ist in unserer heutigen Zeit ungeheuer schwer. Von allen Seiten schallt es auf uns ein. Wie sollen wir da auf Gott hören können. Wenn wir einen Blick in die Bibel werfen, stellen wir fest: Es geht am besten in der Wüste. In der vollkommenen Stimme und Einsamkeit haben Menschen schon immer am einfachsten einen Zugang zu Gott bekommen. Sie haben die Ansprache Gottes an sie vernehmen können. Wo es still um uns und dann auch in uns ist, da wird das Hören auf Gottes Wort möglich. – Nun haben wir hier keine Wüste zur Verfügung. Aber einen stillen Raum zu einer stillen Zeit aufsuchen und hören, das können auch wir. Rückzugsmöglichkeiten und –räume gibt es. Wir müssen sie nur aufsuchen.
Die Tür öffnen
: Auch das ist nicht einfach. Das steht so vieles vor der Tür, was uns hindert, sie wirklich aufzumachen. Buße tun heißt in dem Fall einfach mal loszulassen: Alle Sorgen und Probleme des Alltags. Die eigenen Pläne und Vorhaben. Einfach alles. All das einmal ausblenden und Jesus Christus hereinlassen in das eigene Herz. Das gibt dem Leben eine neue Perspektive. Wir müssen es nur versuchen.
Das Abendmahl mit Christus halten
: Dazu sind wir auch heute wieder eingeladen. Christus kommt uns in Brot und Wein näher als wir uns selbst sind. Wir erfahren, dass es einen Neuanfang geben kann. Nicht aus eigener Kraft. Aber durch die Gegenwart und Nähe des Auferstandenen. Er ist da. Er weist uns den Weg. Er gibt den Neuanfang. Immer wieder. – Im Abendmahl können wir vor Jesus Christus hintreten und sagen: „Ich bin schuldig geworden, auch weil ich oft viel zu lau bin. Herr, vergib mir; ich kann mich und mein Leben nicht ändern, aber ändere du mich.“ Er wird es tun.
So wird Buße möglich:
indem wir in der Stille auf Gottes Wort hören, ihm unser Herz öffnen und unser Leben durch Christi Gegenwart in Brot und Wein verändern und erneuern lassen.
Amen.

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