Predigt am Altjahresabend, 31. Dezember 2016

Predigt am Altjahresabend, 31. Dezember 2016

31.12.2016

zu Jesaja 30, 15 - 17, gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
der Jahreswechsel bietet uns die Gelegenheit, einmal innezuhalten und ein wenig in die Tiefe zu gehen, bevor dann die Rakteten in die Höhe gehen. Es gibt in unserer Zeit sehr viel Anlass, einmal über die Frage nachzudenken: Was ist uns als Gesellschaft und was ist mir ganz persönlich wirklich wichtig?
Mir hat in diesem Zusammenhang die Entschärfung einer Flieger­bombe am 1. Weihnachtsfeiertag in Augburg sehr zu denken gegeben. In der letzten Adventswoche war eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden. Sie musste offenbar nicht sofort entschärft werden; es gab Zeit. So wählte man den 1. Feiertag aus, um 54.000 Menschen zu evakuieren und dann in aller Ruhe die Bombe unschädlich zu machen. Man hatte so noch einen freien Tag in Reserve, so dass dann am Dienstag die Ge­schäfte und Betriebe in der Innenstadt wieder ihre Arbeit aufneh­men konnten. – Dieser Vorgang macht deutlich, was uns in un­serer Gesellschaft wirklich wichtig ist. Es ist nicht das Weih­nachts­fest. Anders als noch vor wenigen Jahrzehnten ist Weihnachten nicht als etwas angesehen worden, das man mit dem altmodischen Wort „heilig“ beschreiben könnte. Der Tag, an dem die Geschäfte oder Betriebe wieder ihre Arbeit aufnehmen sollten, der allerdings war heilig. Die Bombenentschärfung durfte zwar den Weihnachtsfrieden stören; das Bruttosozialprodukt aber durfte keinen Schaden nehmen. Der Vater Jesu Christi interessierte wenig; der Mammon, wie Jesus das vergötterte Geld genannt hat, stand in allen Überlegungen im Mittelpunkt. Dass es keine nen­nenswerten Proteste gab, zeigt, wie sehr wir alle diese Prioritäten inzwischen verinnerlicht haben.
Darum ist es wirklich wichtig, sich einmal die Fragen zu stellen: Was ist uns wichtig in unserer Gesellschaft? Was ist mir per­sönlich in meinem Leben wichtig? Wo setze ich meine Prioritäten?
Eine ähnliche Entwicklung wie wir sie erleben hat der Prophet Jesaja vor rund zweieinhalbtausend Jahren kritisiert. Israel und Juda befanden sich damals unter der Herrschaft des assyrischen Großreiches. Im Bündnis mit der benachbarten ägyptischen Großmacht versuchte man, diese Oberhoheit abzuschütteln. Man verließ sich dabei insbesondere auf ein neues Waffensystem, das damals die Kriegführung revolutionierte, nämlich Reiter und Kampfwagen. Das war ein überlegenes Waffensystem, mit dem man meinte, sich der östlichen Großmacht entgegenstellen zu können und so endlich die Freiheit zu gewinnen. Dagegen wandte sich der Prophet Jesaja im Namen Gottes: „Ihr setzt im wahrsten Sinne des Wortes aufs falsche Pferd“, predigte er seinen Landsleuten. „Ihr verlasst euch auf Waffen, nicht auf den Gott Israels. Ihr erwartet von Pferden und Wagen die Befreiung des Landes, nicht von Gott. Ihr meint, euer Geschick in die eigene Hand nehmen zu sollen. Das ist ein Irrweg. So werdet ihr nicht die Befreiung, sondern den Untergang erleben und erleiden.“ – Wir wissen heute: Jesaja hatte Recht. Der Aufstand war vergeblich; der Krieg ging verloren. Das Nordreich Israel verschwand von der Landkarte. Das Südreich Juda blieb eine assyrische Provinz. Man hatte wirklich aufs falsche Pferd gesetzt.
„Stillesein und Hoffen“, nennt der Prophet die Haltung, die Gott gemäß gewesen wäre. Darauf zu vertrauen, dass das Leben in Gottes Hand liegt. Darauf zu vertrauen, dass Gott dem Leben eines Einzelnen wie auch dem Schicksal eines Volkes eine Richtung gibt, es begleitet und zu einem guten Ziel führt; das wäre das Gebot der Stunde gewesen. Aber stattdessen wollte man lieber mit eigenen Ideen und Aktivitäten das Heil des Volkes finden.
Was ist mir wichtig? Was ist einem Volk wichtig? Israel hat damals die Frage an Gott vorbei beantwortet. Ihnen waren damals Waffen wichtiger als das stille Vertrauen auf Gott. Ihnen war es damals wichtiger, zu einem schnellen Erfolg zu kommen als in der Stille darauf zu hoffen, dass Gott die Dinge wendet. Sie vertrauten ihrer eigenen Politik mehr als der Führung Gottes. Die Geschichte hat gezeigt, dass das die falsche Haltung war. Der so beschrittene Weg führte in die Sackgasse.
Wir sind heute in einer ähnlichen Situation. Unser Volk – und nicht nur unseres – erwartet in weiten Teilen auch nichts mehr von Gott. Es setzt lieber auf eine prosperierende Wirtschaft, auf Um­satzsteigerungen und Profitmaximierungen denn auf den Glauben an Gott. Dass das ein verhängnisvoller Irrweg ist, sieht man an den Ergebnissen. Arten verschwinden in einem erschreckenden Maße. Wir laufen Gefahr, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Die kleinen Leute geraten mehr und mehr an den Rand. Die Spaltung der Gesellschaft vertieft sich. Die Länder, die nicht mit uns mithalten können, geraten in Krisen. In vielen Ländern gerade der dritten Welt verschärft sich durch unser Wirtschaften die Armut. Es hat verheerende Folgen, wenn in erster Linie der Götze Mammon angebetet wird – gerade von denen, die unreligiös sind.
Wenn die Gesellschaft auf einem falschen Weg ist, dann sind es natürlich auch die Einzelnen. Viele setzen die Prioritäten im Leben völlig falsch. Die Australierin Bronnie Ware hat in einem Buch ihre Erfahrungen in der Sterbebegleitung ausgewertet. Sie arbeitete eine Zeitlang auf einer Palliativstation und hatte die Zeit dort mit den Sterbenden zu sprechen, sich anzuhören, was ihre Patienten im Angesicht des nahenden Todes bewegte. „5 Dinge, die Sterbende am meisten bedauern“, heißt ihr Buch. Kern ihrer Darstellung ist, dass die meisten Sterbenden es bedauern, ein Leben geführt zu haben, das gar nicht ihrem Wesen und ihren Begabungen entspricht, zu viel gearbeitet zu haben, ihre Gefühle nicht formuliert zu haben, zu wenig die Beziehungen zur Familie und zu Freunden gepflegt zu haben und sich nicht erlaubt haben, glücklich zu sein.
Interessant ist, dass die englischen Patienten im säkularisierten England es offenbar nicht bedauert haben, keine engere Bezie­hung zu Jesus Christus gepflegt zu haben. Aber sonst beschreibt dieses Buch schon sehr schön, wie falsch Menschen – nach ihrem eigenen Empfinden – in ihrem Leben oft ihre Prioritäten setzen. Auf dem Altar des Arbeitens und Geldverdienens opfern sie ihre Beziehungen, weil einfach vor lauter Arbeit zu wenig Zeit da ist für Partner, Kinder, Eltern. Sie übergehen das, was sie eigentlich glücklich machen würde, ein Beruf beispielsweise, in dem man weniger Geld verdienen, aber mehr mit Menschen zu tun haben würde. Sie schalten ihre Gefühle aus, denn die stören bei der Perfektionierung des Menschen. Sie hören nicht auf das, was sie in ihrem Innersten bewegt und geben dem keinen Raum. „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele“, hat Jesus dazu gesagt.
Wie aber sieht es mit uns persönlich aus, liebe Gemeinde? „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein“, lesen wir im Buch des Propheten. Beherzigen wir persönlich für unser Leben dieses Wort? Suchen wir die Stille? Versuchen wir im Gebet uns darüber klar zu werden, wo eigentlich die Bestimmung für unser Leben liegt, wo unsere Gaben liegen, die Gott uns anvertraut hat um sie zum Wohle anderer zu nutzen? Vertrauen wir darauf, dass Gott einen Weg für uns weiß und wir unser Leben nicht in die eigene Hand zu nehmen brauchen? Vertrauen wir darauf, dass Gott uns den richtigen Weg führen wird, wenn wir den vorgegebenen Pfaden der Marktreligion nicht mehr folgen? Haben vor allem in unserem Leben die Beziehung zu Gott und die Beziehungen zu Familie und Freunden die Priorität?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Menschen wie Sie, die zum Jahreswechsel einen Gottesdienst besuchen, ihre Prioritäten schon einigermaßen richtig setzen. Wir nehmen uns die Zeit, still zu werden und in der Gegenwart Gottes ihm zu danken und ihn zu loben. Wir halten inne und geben die Zeit des alten Jahres zurück an den Herrn aller Zeiten. Wir hoffen darauf, dass Gott auch im neuen Jahr einen guten Weg für uns weiß. Wir beten nicht das Geld an, sondern den Vater Jesu Christi. Wir wissen, dass unsere Prioritäten die Menschen sind, die Gott uns anvertraut hat. Dennoch wäre es gut, immer wieder in sich zu gehen und über die eigenen Prioritäten nachzudenken.
Nehmen wir uns darum das Wort des Propheten mit in das neue Jahr: Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.
Amen

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