Predigt am Altjahresabend 2019

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Predigt am Altjahresabend 2019

31.12.2019

zu Hebräer 13, 8 - 9b; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich noch an den Trubel, den es gab, als wir das Jahr 2000 begrüßten? Viele ließen sich begeistern von dem – übrigens falschen – Gedanken, dass das 21. Jahrhundert beginnen würde. Andere fürchteten erhebliche Probleme, weil die Rechnersysteme auch von wichtigen Systemen angeblich nur für Jahreszahlen beginnend mit einer 19 eingerichtet wären. Das ist nun schon zwanzig Jahre her; man mag es kaum glauben. Nun begrüßen wir in wenigen Stunden schon das Jahr 2020.
Die Zeit vergeht wie im Fluge. Der Strom der Zeit fließt rasend schnell. Aber die Zeit vergeht nicht nur in einem atemberaubenden Tempo. In ihr ist ganz viel im Fluss. Ich will das mal an einem kleinen und unbedeutenden Beispiel deutlich machen: Am Sonnabend hatte ich in einem Traugespräch mal wieder die Situation, dass die Braut nicht mit ihrem Mann in den Dom einziehen wollte. Seit der Reformation sind in Deutschland die Paare, die damals vor der Kirchentür getraut wurden, gemeinsam in die Kirche eingezogen. Denn wir Lutheraner schließen ja keine Ehe, sondern segnen sie. Aber in den letzten zwei Jahrzehnten hat es sich durch den Einfluss amerikanischer Medien entwickelt, dass Bräute vom Vater in die Kirche geführt werden wollen. Das Beispiel zeigt, wie sehr sich die Welt verändert: Jahrhundertealte kulturelle Traditionen verschwinden innerhalb kürzester Zeit und werden durch Gepflogenheiten einer globalen Kultur ersetzt. – Ähnlich ist es in der Wirtschaft. Die Dinge verändern sich in einem atemberaubenden Tempo. Können Sie sich noch daran erinnern, dass in beiden Teilen Deutschlands Fernsehgeräte hergestellt wurden? Das ist lange her. Heute wird von den jungen Leuten nicht einmal mehr Fernsehen gesehen. Sie laden sich Filme von You Tube auf Ihre Laptops herunter oder streamen Filme von Netflix oder Amazon Prime. Vor zwanzig Jahren hätte niemand gewusst, was dieser letzte Satz überhaupt bedeuten soll.
Nicht wenige Menschen in unserem Land suchen angesichts dieser faszinierenden oder auch angsterregenden Veränderungen Halt bei einer Partei, die verspricht, es werde alles wieder so wie früher. Das aber ist eine Illusion. Der Strom der Zeit ist nicht aufzuhalten. Alles verändert sich. Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Wie aber gehen wir um mit der Schnelllebigkeit unserer Zeit, mit den Veränderungen, die uns schwindeln lassen, mit der Ungewissheit, was die Zukunft noch alles bringen wird?
Heute am Silvesterabend 2019 hören wir das Wort aus dem Hebräerbrief: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Das ist eine Losung, die uns einen wirklichen Halt geben will in dem reißenden Fluss, ja in den Stromschnellen unserer heutigen Zeit. Sie zeigt uns, was wirklich trägt auf dem dahinrasenden Strom der Zeit.
Jesus Christus gestern.
Unser Glaube hat ja tatsächlich seine Wurzeln im Gestern; Wurzeln, die ganz tief reichen, so wie es ja gut ist für Wurzeln. Was nur flach wurzelt, vertrocknet schnell oder wird von den Stürmen des Lebens davongefegt. So wie es den flachwurzelnden Fichten in unseren Wäldern ergeht. Unser Glaube dagegen hat uralte Wurzeln. Seit 3000 Jahren glauben Menschen an den einen und einzigen Gott, den Jesus Christus vor 2000 Jahren seinen Vater genannt hat. Seitdem breitet sich dieser Glaube in der Gestalt des Christentums in der Welt aus. Menschen haben ihren Halt im Leben und im Sterben in diesem Glauben gefunden. Sie haben im Vertrauen auf den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus ihre Kinder taufen lassen und ihre Toten unter dem Segen Gottes begraben lassen. Von Generation zu Generation haben sie diesen Glauben weitergegeben. In der Liturgie unseres Gottesdienstes sind diese Wurzeln gegenwärtig von dem „Kyrie eleison“ aus der Zeit der ersten Christen bis hin zum „Halleluja“, das aus der Liturgie des Jerusalemer Tempels stammt, oder dem aaronitischen Segen am Ende des Gottesdienstes, den wir Lutheraner ebenfalls aus der alttestamentlichen Überlieferung entnommen haben. Unser Glaube hat uralte, tiefe Wurzeln. Das hat ihn bei allen Verirrungen, die es gab, immer wieder davor bewahrt, sich den Zeitläuften anzupassen, vom Strom der Zeit mitgerissen zu werden oder sich gar aufzulösen in ihm. So konnte der christliche Glaube, das Vertrauen auf den lebendigen Gott Menschen tragen; er hat sie befähigt, anderen Menschen in Liebe zu begegnen und er hat ihnen die Hoffnung gegeben, die wir so dringend brauchen.
Jesus Christus heute.
„Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“, beten wir am Anfang eines jeden Gottesdienstes. Der Glaube hat Wurzeln in der Vergangenheit, aber er trägt uns in der Gegenwart. Wir vertrauen darauf, dass Jesus Christus heute lebendig ist. Wir glauben, dass er uns davor bewahrt, uns im Kreisen um uns selbst und im Streben nach immer mehr zu verlieren. Wir vertrauen darauf, dass unser Leben von ihm begleitet wird und in Gottes guter Hand geborgen ist. Welche Grundlage könnte besser sein, um das Leben in der Gegenwart zu gestalten? Was könnte uns einen besseren Halt verschaffen in dem rasenden Strom der Zeit als dieser Glaube an Jesus Christus heute?
Der Glaube macht es möglich, dass wir uns den Herausforderungen der Gegenwart stellen. Wir brauchen nicht von einer Vergangenheit zu träumen, in der angeblich alles besser war. Wir stellen uns der Gegenwart und ihren Herausforderungen – voller Vertrauen, dass Gott einen guten Weg für uns weiß.
Ich will das an drei Beispielen erläutern:
Die eine Herausforderung besteht in meinen Augen darin, dass wir unsere Welt den kommenden Generationen als einen bewohnbaren Planeten hinterlassen. Als Christen bemühen wir uns darum, weil wir in dieser Welt nicht das Produkt eines Zufalls des unendlichen Universums sehen, sondern die gute Schöpfung des ewigen Gottes. Es wird in meinen Augen aber nicht möglich sein, die Schöpfung zu bewahren, wenn wir nicht bereit sind zu verzichten. Jesus Christus war bereit, sein Leben am Kreuz für uns zu opfern. Im Vertrauen auf ihn sollte es uns möglich sein, jede und jeder für sich, seinen Lebenswandel Schritt für Schritt umweltverträglicher und damit zukunftsfähiger zu machen – uns seien diese Schritte noch so klein. Meine Schwägerin hat jetzt zu Weihnachten Stofftaschen für Brot oder Brötchen verschenkt, damit Plastiktüten eingespart werden können. Das ist nicht einmal mit Verzicht verbunden. Aus solchen kleinen Schritten wird ein Weg.
Die andere Herausforderung ist in meinen Augen die Weitergabe des christlichen Glaubens. In Zeiten der Selbstoptimierung ist ein Glaube nicht attraktiv, der die Optimierung allein durch Gott für möglich hält. In Zeiten, wo nach wie vor „Geiz geil“ ist, auch wenn es die Werbung so nicht mehr gibt, hat es ein Glaube schwer, bei dem die Nächstenliebe eine unverzichtbare Rolle spielt. Aber wir alle hier wissen, dass unser Leben und unser Zusammenleben nur durch diesen Glauben gelingen und gut werden können. Wie befreiend ist es, sein Leben nicht selbst gestalten zu müssen, sondern sich von Gott führen zu lassen! Wie tief berühren uns alle Menschen, die wirkliche Nächstenliebe leben. Darum sind doch die Weihnachtsfilme so beliebt, die zeigen, wie es sein könnte, wenn wir es nur täten – nämlich im Geist Jesu zu leben. Wir Christen sind es, die wir die Glut dieses Glaubens bewahren, damit eines Tages das Feuer neu entfacht werden kann.
Die dritte Herausforderung wird die Migration sein, auch wenn das Thema zurzeit in den Hintergrund getreten ist. Aber der Klimawandel wird die Menschen aus dem immer heißer werdenden Süden nach Norden treiben. Das ist unausweichlich. Wir werden uns da in den kommenden Jahrzehnten auf eine völlig veränderte Lage einzustellen haben. Aber davor brauchen wir keine Angst zu haben. Gottes Geist leitet uns. Es ist ein Geist, der schon immer die ganze Welt erfüllt hat. Ökumene bedeutet: die ganze bewohnte Welt. Wenn wir denen, die zu uns kommen, im Geist Jesu begegnen, werden wir auch gut mit ihnen leben können. Das wird ein schwerer Weg. Aber es ist machbar. Und wir werden sie brauchen. An Hanan, unserer Freiwiligen in der Domführung, kann man es jetzt schon sehen. Sie ersetzt eine deutsche Jugendliche, die vor 18 Jahren nicht geboren worden ist. Was machten wir ohne sie?
Jesus Christus – derselbe auch in Ewigkeit.
Wir werden weiter unterwegs sein im Strom der Zeit. Wohin dieser Strom uns führen wird, das wissen wir nicht. Wohin Jesus Christus uns durch die Stromschnellen der Zeit hindurch führen wird, das wissen wir allerdings schon. Wir gehen ihm entgegen! Seine Ewigkeit wird einmal unsere Zukunft sein. Das Licht seiner Liebe, das im Stall von Bethlehem erschienen ist, wird einmal unser Leben erleuchten. Insofern möge kommen, was will, im neuen Jahr und in der Zukunft: Wir gehen auf Jesus Christus zu. Denn er ist derselbe gestern und heute und auch in Ewigkeit.
Amen.

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