Predigt am Altjahresabend 2018

Predigt am Altjahresabend 2018

31.12.2018

zu Psalm 121; gehalten von Landesbischof i. R. Jochen Bohl

Liebe Gemeinde,
ein Jahr ist vergangen, und im Gottesdienst am Altjahrsabend halten wir inne, sehen zurück, vergewissern uns des Vergangenen; fragen, was das neue Jahr wohl bringen mag. Manches deutet sich an, anderes ist mit Sicherheit zu erwarten. Was bleibt, was wird sich ändern...wir können es nicht wissen. Die Zukunft ist offen, und das bleibt sie, es kann nicht anders sein. Unser Leben ist bestimmt von Wandel, und wenn wir auch frei über unsere Angelegenheiten entscheiden können - vieles liegt nicht in unseren Händen. Es wird immer Unwägbares bleiben;  zum Glück! Denn wie oft werden wir aus heiterem Himmel heraus beschenkt mit einer der guten Gaben des Lebens, an denen wir uns freuen können – ein tröstendes Wort, eine gute Nachricht, unverhofft eine Wendung zum Hoffnungsvollen. Ja, die Zukunft ist offen – aber in jeder Hinsicht, sie kann auch Schlechtes bringen. Und darin liegt ein Element der Beunruhigung, das störend wirkt; darum hätten wir es manchmal lieber, wenn man die Zukunft so genau planen könnte, wie das Vergangene vor Augen steht. Wenn man wissen könnte, worauf man sich einzustellen hat…aber so war es nie, ist es auch jetzt nicht. Und schon gar nicht in diesen unruhigen Zeiten, deren Kennzeichen der rasche und unaufhörliche Wandel ist. Niemals zuvor haben sich die Verhältnisse in so kurzer Zeit verändert, wie das heute in nahezu allen Lebensbereichen der Fall ist. Entfernungen, die Lebenswelten getrennt hatten, sind zusammengeschrumpft und die Welt wächst zusammen, dass es einem schwindelig darüber werden könnte. Unsere Unternehmen produzieren für den Weltmarkt, Neubürger aus fernen Ländern teilen unseren Alltag. Wie sehr hat sich das Leben in Deutschland, Europa und gerade auch in Sachsen gewandelt in den letzten 25 Jahren...
Das Neue findet sich in allen Lebensbereichen, im Bild der Städte, im öffentlichen Raum, im pausenlosen Umgang mit den digitalen Medien, Handys, Computern. Gerade unser privates Leben ist von der rasenden Geschwindigkeit der Zeit geprägt. Viele Regeln und Traditionen, Sitten und Gebräuche, die über lange Zeit das Leben der Menschen bestimmt haben, sind verblasst und bestimmen die Lebenswirklichkeiten insbesondere der jungen Menschen nicht mehr. Wir tun uns schwer damit, unseren eigenen Kindern von den Schranken zu erzählen, die unserer Jugend gesetzt waren. Was gestern noch unumstößliche Gewissheit war, ist heute nahezu nichts mehr wert und morgen schon vergessen. Manche genießen den rasenden Taumel; den Meisten aber geht all das zu schnell, und sie betrachten die Zukunft eher mit Sorgen als hoffnungsvoll. Es liegt ja eine höchst reale Gefahr in all dem, dass man nämlich „unter die Räder“ geraten könnte –  Arbeitsplätze sind längst keine sichere Bank mehr für ein Arbeitsleben; und wie schwer fällt es, ständig neu anzufangen, sich in Unbekanntes einzuarbeiten. Wie viele Familien und Liebesbeziehungen sind zerbrochen, und wie schmerzhaft und verletzend sind  oft die Folgen.
Permanenter Wandel, unentwegt Neues, Brüche aller Orten - so vieles ist ungewiss, und darum drängen sich Sorgen und Zweifel in den Vordergrund. Angesichts der Veränderungen im sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben hat sich tiefe Unsicherheit ausgebreitet. Ihren Weg in eine gute Zukunft können viele Mitmenschen über all dem nicht erkennen. Sie haben den Eindruck „gelebt zu werden“, ausgeliefert zu sein und zu wenig über das eigene Leben entscheiden zu können. Aber auch Menschen in verantwortlichen Positionen sehen sich angesichts der Zwänge, denen sie unterworfen sind, eher als Getriebene denn als Gestalter. So werden für das neue Jahr viele Menschen in unserem Land vor allem hoffen, dass es nicht schlechter werden möge als das Vergangene.
Wie gut, dass es doch Unwandelbar Vertrautes gibt…es ist eine wunderbare Erfahrung, gestärkt zu werden wenn wir uns ausgeliefert fühlen. Durch etwas, was wir uns nicht selbst geben oder zusprechen können, weil es über unser eigenes Vermögen hinausreicht. Uns, die wir glauben, kommen die Worte der Bibel zur Hilfe, spenden uns Stärkung: Psalm 121

1 Ein Wallfahrtslied. Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?
2 Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.
4 Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
5 Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
7 Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
8 Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

Liebe Gemeinde,
ein Wallfahrtslied, wir hören einen Menschen auf der Wanderschaft, einem Pilgerweg. Er sucht Hilfe. Ob es Erschöpfung ist, das Schwinden der Kräfte? Die Furcht vor der hereinbrechenden Nacht, ohne schützendes Quartier? Trübe Gedanken, die Vergeblichkeit des Mühens, Unerreichbarkeit des Ziels? Es gibt viele Situationen im Leben, in denen es einem bange sein kann; Gründe, sich zu ängstigen gibt es viele; und sie sind so zahlreich, wie Menschen unter dem Himmel. Gemeinsam ist all den menschlichen Krisen und Nöten, dass sie nach Auflösung verlangen, dass es nicht bleiben kann, wie es ist, ein sich ankündigendes Unheil abgewendet werden muss. Hilfe nötig ist. Der Wanderer hebt seine Augen. Damit beginnt die Besserung, mit dem Heben des Blicks. Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?  Nicht mit hängenden Schultern werde ich erkennen, was mir hilft. Nicht wenn ich mich ergebe, nicht indem ich bei mir bleibe. Sondern: wer den Blick hebt, sich nicht in sich selbst verschließt, von sich und der Situation absieht, hat den ersten Schritt getan, um zu bestehen. Es gibt andere Kräfte als die eigenen; Tröstendes, Stärkendes begegnet uns, und wie gut ist es, dass wir nicht verurteilt sind, mit uns allein zu bleiben, dass es Hilfe gibt, die wir uns nicht selbst geben können. Sondern aus der Gemeinschaft kommt, zu der wir berufen sind. Mit gutem Grund hofft der Psalmsänger auf Rettung aus der Not.
Und findet sie – Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Zu wissen, dass Gott die Hilfe ist, und zu Hilfe kommt, macht stark, kann die Kräfte mobilisieren, die gebraucht werden, um zu bestehen und auf dem Lebensweg zuversichtlich nach vorn zu sehen. Wer glaubt, hebt den Blick, wendet sich dem Schöpfer des Lebens zu, dem barmherzigen Vater Jesu Christi. Nicht abstrakte Überlegungen helfen, nicht philosophische Wahrheiten vom und über das Wesen des Menschen, nicht wohlfeile Beschwichtigungen, sondern das Vertrauen auf den barmherzigen Vater Jesu Christi, der sich um mich sorgt, mein Leben, meine Nöte und Ängste kennt, von dem Bösen erlöst. Der mich behütet vor allem Übel, der meine Seele behütet. Schaden abwendet, mich versteht.
Liebe Gemeinde,
unsere  moderne Zeit unterscheidet sich sehr von der des Psalmsängers. Und doch sind wir nicht anders als er in seiner Zeit auf das Gute angewiesen, dass kein Mensch sich selbst geben kann; auf Vertrauen. Dass es gut werden kann. Nicht zu zittern, nicht zu verzagen, nicht zu verzweifeln, wenn wir mit unseren Möglichkeiten am Ende sind. Sondern zu vertrauen. Unser Leben ist in Gottes Hand geborgen, er wird es wohl machen. Darauf vertrauen, davon leben wir. Die Zukunft ist offen, wir wissen nicht, was kommt, aber wir vertrauen, dass es die Zukunft des Herrn sein wird. Zu ihm heben den Blick, die glauben. Daran hat sich nichts geändert, manches bleibt eben doch. Weil wir Menschen sind und Menschen Vertrauen brauchen, damit sie in dieser Welt mit all ihren Unwägbarkeiten und angesichts der immer offenen Zukunft nicht ins Schwanken oder gar zittern geraten, sondern bestehen. Ja, der Blick zu unserem himmlischen Vater lässt uns festen Grund unter den Füßen spüren. Wie auch immer die Zeiten sind - Gottvertrauen ist eine Gabe, die durch nichts anderes zu ersetzen ist und die uns zu einem besonderen Segen wird, wenn wir unsicher und zweifelnd auf das morgen sehen; und dennoch mit dem Psalm sagen können: Gott wird meinen Fuß nicht gleiten lassen; der Herr ist ein Schatten über meiner rechten Hand.
Ein Wallfahrtslied…unterwegs im gelobten, aber stets gefährdeten Land. Die Zukunft des Wanderers war in einer extremen Weise unsicher; wie umfassende Sicherung ist dagegen uns Heutigen geschenkt in Zeiten von Renten-,  Kranken- und Pflegeversicherung. Damals war nichts gewiss. Nur eins: die Zusage Gottes. Sie gilt den Seinen, auch heute, ganz unverändert von allem Wandel.
So können wir von dem Psalmisten lernen, dass er Gott seine Verheißung geglaubt hat. In den Lebensgeschichten der Bibel ist zu erkennen, wie das Leben gelingt. Indem Menschen auf die Versprechen und die Weisungen Gottes vertrauen, ihren Blick heben in der Not, zu den Bergen, dem Himmel des Vaters.
Dieser Zusammenhang ist zeitlos: Wo wir nach Gott fragen, aus welcher Lebenssituation auch heraus, und wo wir Gottes Gebote als Vorzeichen für unser Handeln gelten lassen, wird der Vater Jesu Christi mit uns sein. Keinesfalls wird er uns fallen lassen. Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht – das gilt jedem, der sein Leben Gott anvertraut und mit ganzem Herzen und voller Vertrauen auf ihn baut. Was auch kommen mag – er verlässt uns nicht.
Liebe Gemeinde,
das neue Jahr beginnt, und Gott will uns auf unseren Wegen geleiten, wohin sie auch führen mögen.
3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. 4 Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht. 5 Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, 6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. 7 Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. 8 Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!
Amen.

 

 

 

 

 

 

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