Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 07. August 2016, im Dom Freiberg

Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 07. August 2016, im Dom Freiberg

08.08.2016

zu Epheser 2, 4 - 10 gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
er war ein einfacher Handwerksgeselle. Immer mal kam er mit dem Gesetz in Konflikt. Keine großen Sachen, aber es reichte, um immer mal ein Gefängnis von innen zu sehen im Preußen vor etwa 100 Jahren. Wilhelm Voigt hieß er. Viele von uns kennen ihn als den „Hauptmann von Köpenick“. So der Titel des Romans von Carl Zuckmayer. Heinz Rühmann hat ihn in dem gleichnamigen Film in unnachahmlicher Weise in all seiner Größe und zugleich Tragik verkörpert.
Diesem einfachen Schuster fiel in einer verweifelten Lage eine preußische Hauptmannsuniform in die Hände. Er zog sie an und verwandelte sich dadurch in einen preußischen Offizier. Nicht nur, dass ein paar Soldaten, die ihm über den Weg liefen, sich sofort bedingungslos seinen Befehlen unterordneten. Auch er fühlte plötzlich all die Macht, die der Staat seinen Offizieren gab, in seinen Händen. Mit dem Anziehen der Uniform wurde er ein anderer Mensch. Gemeinsam mit dem Trupp Soldaten konnte er so das Rathaus von Köpenick besetzen und die Stadtkasse beschlagnahmen.
Liebe Gemeinde, ein anderer Mensch sein. Das gelang Wilhelm Voigt durch das Anziehen einer Hauptmannsuniform. Für uns erscheint das schwierig zu sein. „Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme so selten dazu“, lautet ein launiger Spruch zum Thema. Auch als Christen spüren wir ja manchmal das Problem, dass wir oft selten dazu kommen, ein anderer Mensch – wirklich ein Kind Gottes – zu sein. Uns mehr Zeit zu nehmen für unseren Glauben. Die Prioritäten im Leben anders zu setzen. Mehr an andere Menschen zu denken. Etwas bewusster noch den Glauben zu leben. Eben der Mensch zu sein als den Gott uns kennt und liebt. Nach dem Gottesdienst am letzten Sonntag sprach mich ein Mann an, der offenbar als Besucher Freibergs in den Gottesdienst gekommen sei. Er habe seinen Enkel zum Gottesdienst mitnehmen wollen. Da habe der ihm gesagt: Aber Opa, ich bin doch schon konfirmiert. Soll heißen: Jetzt brauche ich doch nicht mehr in den Gottesdienst zu gehen. Ich bin eigentlich ein Christ, aber ich komme nach der Konfirmation nicht mehr dazu?
Dabei ist es für uns als Christen ist eigentlich ganz einfach. Denn mit unserer Taufe sind wir schon neue Menschen geworden. Wir brauchen dazu keine Uniform. Wir haben Christus angezogen, so formuliert es der Apostel Paulus. Sein Schüler, dem wir den Epheserbrief verdanken, formuliert es noch ein wenig enthusiastischer. „Gott hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel mit Christus Jesus.“ Das sind schon kühne Worte, aber ich finde sie ungeheuer faszinierend. Es gibt für uns durch den Glauben ein ganz neues Leben. Gott hat es uns durch seinen Heiligen Geist geschenkt. Hier in dieser Welt ist manchmal vieles davon verborgen für uns. Wir merken es oft nicht einmal an uns selbst, dass wir ein neues Leben führen. Wir spüren manchmal gar nicht, dass wir im Glauben an die Quelle allen Lebens angeschlossen sind. Wir sind uns im Unklaren darüber, dass wir uns im Licht der Liebe Gottes bewegen. Aber: im Himmel, also bei Gott, da ist unser neues Leben schon in aller Klarheit da. Wir sind ganz anders – und im Himmel sind wir es wirklich. Dieses neue Leben gibt es im Himmel schon. Was aus unserer irdischen Perspektive noch Zukunft ist, das ist bei Gott schon Gegenwart. Dort haben wir Christus angezogen – ähnlich wie der Hauptmann von Köpenick seine Uniform. Und anders als er sind wir dadurch wirklich ein neuer Mensch geworden. In der himmlischen Welt ist es unübersehbar, dass wir Kinder Gottes sind. Dort kommen wir dazu, ganz anders zu sein. Und dieses Leben im Himmel das prägt auch unser Leben hier.
Liebe Gemeinde, was für ein Geschenk! Wir brauchen uns nicht abzumühen. Wir müssen nicht in die Rolle hineinwachsen, ein Kind Gottes zu sein. Wir brauchen uns auch nicht als etwas auszugeben, was wir gar nicht sind. Wir sind einfach geliebte Kinder Gottes. Im Himmel ist das schon sichtbar. Auch wenn es hier manchmal etwas anders aussieht. Aber wenn wir uns das immer wieder klar machen: „Unser neues Leben, das gibt es schon!“, dann kann das ja auch nicht ohne Folgen für unser Leben in dieser Welt bleiben.
Dazu hat dann der Apostel noch eine noch viel kühnere und noch faszinierendere Aussage: „Wir sind sein Werk, geschaffen in Christus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“ Es gab ja in der Geschichte des Glaubens immer wieder Streitigkeiten um die sichtbaren Folgen des Christseins. Der Apostel Paulus bestand ja darauf, dass wir allein durch den Glauben Kinder Gottes sind. „Aber das erzieht doch zur Trägheit und Faulheit“, wurde ihnen vorgeworfen. Und ganz unrecht haben diese Kritiker damit leider nicht gehabt. „Ich bin evangelisch, ich gehe nicht in die Kirche“, ist leider ein verbreitetes Missverständnis auch unter einer Vielzahl von Menschen, die dem Namen nach zu unserer Domgemeinde gehören.
Der Apostel Paulus hätte diese Haltung nicht gelten lassen. Für ihn war es selbstverständlich, dass das Leben in Christus nicht ohne Folgen bleiben kann. Man kann sich nicht zu Jesus Christus bekehren, ohne ihm auch nachzufolgen. Man kann nicht zu dem gehören, der sein Leben am Kreuz gelassen hat, und gleichzeitig nur an sich denken. Man kann nicht Gott lieben, ohne auch seinen Nächsten zu lieben.
Der Verfasser des Epheserbriefes geht aber auch da noch ein Stück über Paulus hinaus. All das Gute, das wir im Glauben tun, schreibt er, kommt gar nicht von uns. Was wir Gutes tun, ist gar nicht unser Verdienst. Denn eigentlich ist Gott dafür verantwortlich. Alles, was wir in der Nachfolge Jesu tun für unsere Mitmenschen, das kommt von Gott. Die „guten Werke“, die wir tun, die hat sich Gott für uns erdacht und er sorgt dafür, dass wir sie tun.
Dass Gott die guten Werke im Himmel für uns schon vorsieht, dass kann man übrigens manchmal auch in dieser Welt beobachten. Neulich gab es bei der Diakonie ein finanzielles Problem, weil das Kind einer Flüchtlingsfamilie ein Brillengestell benötigte und sich niemand für die Finanzierung verantwortlich fühlte. Das Sozialamt wollte wohl nicht zahlen. Die Diakonie darf keine Gelder an Einzelpersonen auszahlen. Der Betreuer der Familie investiert viel Zeit und Kraft und wollte offenbar nicht auch noch in seine Geldbörse greifen. Das hörte ein Freiberger Gemeindeglied und hat spontan seine Bereitschaft erklärt, die Kosten zu übernehmen. Er hatte das nicht geplant. Es kam für ihn alles auch sehr überraschend. Aber aus seinem Glauben heraus war es keine große Sache für ihn. An ihm kann man sehen, dass nicht wir die guten Werke tun, sondern Gott lässt sie uns tun.
Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme so selten dazu? Für uns ist es manchmal ein Problem, so zu sein, wie Gott uns sieht. Aber für Gott ist es kein Problem. Er schenkt uns ganz umsonst seine Liebe. Mit dem Wasser der Taufe umhüllt er uns mit seiner Liebe wie mit einem Mantel. Wir bekommen in übertragenem Sinn Christus angezogen. In diesem Gewand sind wir neue Menschen. Nicht nur im Himmel. Wir leben schon hier in der Nachfolge Jesu und tun das, was Gott im Himmel für uns vorgesehen hat.
Für den Hauptmann von Köpenick ist die Sache bekanntlich nicht gut ausgegangen. Er wurde verhaftet und bestraft. Es gab einen, der hatte versucht so etwas zu verhindern. Das war ein Christ aus Mecklenburg, den sein Glauben ins Pfarramt geführt hatte. Um den „Mühseligen und Beladenen“ zu helfen, wurde er Gefängnispfarrer in Wismar. Er lernte dort Wilhelm Voigt kennen und vermittelte ihm eine Schustergesellenstelle für die Zeit nach seiner Entlassung. Voigt machte sich dort gut und hätte ein ganz normales Leben führen können. Leider durfte er in dieser Stelle aber nicht lange bleiben, weil das Land Mecklenburg-Schwerin ihn wegen seines Vorstrafenregisters auswies. – Letztlich aber war dieser Pfarrer dann doch ein Segen für Voigt. Denn als er nach seiner Aktion verurteilt wurde, wurde dessen Bemühen um ein ordentliches Leben als ein mildernder Umstand anerkannt.
Das neue Leben, das im Himmel schon da ist und auch dieses Leben prägt: an dem Anstaltsgeistlichen aus Wismar war es sichtbar geworden und hatte sich letztlich doch segensreich ausgewirkt.
Amen.
Barmherziger Vater,
wir danken Dir, dass wir von Deiner Liebe verwandelt werden zu einem neuen Leben.
Wir bitten Dich:
Gib, dass das andere Leben, das im Himmel schon Wirklichkeit ist, auch unser Leben hier prägt und bestimmt: Stärke unseren Glauben, öffne unsere Ohren für Dein Wort, öffne unsere Herzen für unsere Mitmenschen und ihre Nöte. Schärfe unser Gewissen. Lass uns nicht die falschen Götter der Effizienz und des Konsums anbeten, denen sich unsere Zeit verschrieben hat.
Wir bitten Dich für die Menschen mit ihren Problemen, die uns vor Augen stehen. Steh denen unter uns bei, die Sorgen haben. Gib denen Kraft, die einen alten Menschen pflegen. Sei mit den Kranken und Sterbenden. Stärke die Kraftlosen.
Schenke es auch den Schülern am Beginn des neuen Schuljahres, dass sie einen guten Weg in der Schule gehen. Hilf den Jugendlichen, die die Schule beendet haben und nun etwas Neues beginnen, eine Orientierung und eine Perspektive für ihr Leben zu finden.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben