Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis, 24. Juli 2016, im Dom Freiberg

Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis, 24. Juli 2016, im Dom Freiberg

24.07.2016

zu Philipper 3, 7 - 11 gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,

er steigt die Treppe hinauf, schließt das Schloss auf und sieht einen Zettel auf dem Fußboden. Ich bin zu einem anderen Mann gezogen. Was ich haben will, habe ich mitgenommen. Keine Erklärung, kein Abschiedsgruß, nichts. Waren all die gemeinsamen Jahre nur Lüge? – Sie sitzt fassungslos auf ihrem Schreibtischstuhl. Gerade eben kam der Personalchef und überreichte die Kündigung. Der Betrieb muss reduzieren; auf sie können sie am ehesten verzichten. Ihr ist es, als würde ihr ganzes Leben gerade zerbrechen. War all die Arbeit gar nichts wert, die bisher geleistet wurde?
Genau einen solchen Bruch hat Saulus aus Tarsus erlebt. Wir kennen ihn besser unter der griechisch bzw. lateinischen Variante seines Namens: Paulus. Er war ein frommer Pharisäer. Er lebte aus der Überzeugung, dass die Gebote Gottes dem Leben wirklich dienen können. Sie müssen aber alle genau befolgt werden. Darum war ihm ein gewisser Jesus aus Nazareth schon zu seinen Lebzeiten ein Dorn im Auge gewesen. Wie der das Gesetz – auch noch in Gottes Namen – auslegte und in den Augen des Paulus zurechtbog, das war ein Skandal. Nun behaupteten seine Anhänger auch noch, dieser Mann sei nach seiner verdienten Hinrichtung von den Toten auferstanden. Er sei der von den Propheten angekündigte Messias. Schlimmer noch, dieser Irrglaube breitete sich aus. Inzwischen gab es schon eine Gemeinde dieser Jesus-Nachfolger in Damaskus.
Er ließ sich Vollmachten vom Hohen Rat geben und machte sich auf den Weg nach Damaskus. Er wollte dieser Sekte dort den Garaus zu machen. Auf diesem Weg erschien ihm aber nach eigenem Bekunden der auferstandene Jesus Christus und durchkreuzte alle seine Pläne. Diese Erscheinung hat einen völligen Bruch in seiner Biographie bedeutet. Er musste lernen, dass sein bisheriges Leben verfehlt gewesen war. Der hingerichtete Gotteslästerer erschien ihm als der auferstandene Christus. Paulus schloss mit seinem alten Leben ab. Als er nach Damaskus kam, ließ er sich taufen und wurde zum Apostel der heidnischen Völker.
Die Begegnung mit dem Auferstandenen war eine Zäsur im Leben des Paulus. Er hatte versucht, sich ganz und gar dem Willen Gottes hinzugeben. Gerade dadurch war er zum Feind Gottes und seiner Gemeinde geworden. Paulus erkannte, dass wir nur in die Irre gehen können, wenn wir aus eigener Kraft versuchen, im Einklang mit Gottes Willen zu leben. Er erkannte, dass das alttestamentliche Gesetz aus diesem Grund kein Weg zum Heil sein kann. Ihn hatte es ja im Gegenteil von Gott weggeführt. Die Erscheinung des Auferstandenen dagegen hatte ihn zu Gott zurückgebracht. Gott selbst hatte es ihm geschenkt, im Einklang mit seinem Willen zu leben. Paulus erkannte, dass es keinen Weg zu Gott gibt. Es gibt nur den Weg, den Gott zu einem selbst geht. Eine Beziehung zu Gott gibt es nur geschenkt.
Die Begegnung mit dem Auferstandenen war noch in anderer Hinsicht eine Zäsur im Leben des Paulus. Gott hatte ausgerechnet ihn, den Verfolger der christlichen Gemeinden, zum Apostel berufen. Er war ein Gewalttäter gewesen. Er hatte Christen verfolgt. Aber gerade ihm hatte Gott sein Vertrauen geschenkt. Aus seinem falschen Leben machte Gott etwas Richtiges. Für sein in die Irre gegangenes Leben hatte Gott ein Ziel. Paulus erkannte: Wir können nichts aus uns selbst machen, aber Gott kann alles aus unserem Leben machen. Wir verfehlen oft unsere Bestimmung, aber Gott schenkt unserem Leben einen Sinn.
Und so lernte Paulus in völlig neuer Weise an Gott zu glauben. Das meinen wir, wenn wir von der Verwandlung des Saulus zum Paulus sprechen.
Dieser Glaube des Paulus wurde während seiner Missionsreisen mehrfach auf die Probe gestellt. Seine Begeisterung für Jesus Christus steckte etliche Menschen an. Viele aber glaubten ihm nicht und hielten ihn im Gegenteil für einen fanatischen Sektenprediger. Er wurde verfolgt und war mehrfach im Gefängnis – auch während er den Philipperbrief schrieb. Paulus mag sich gefragt haben, was denn seine Berufung durch Jesus Christus wert war, wenn seine Mission sich so schwierig gestaltete. Aber das stellte seinen Auftrag für ihn nicht in Frage. Im Gegenteil. Er wusste, dass Gott aus dem Falschen etwas Richtiges erwachsen lässt. Er hatte es selbst erfahren. Er sah vor allem im Kreuzestod Jesu einen Erweis dafür. Aus dem Scheitern Jesu hatte Gott das Heil der Welt erwachsen lassen. Und so konnte der Apostel seine eigenen leidvollen Erfahrungen als ein Anteilnehmen an den Kreuzesleiden Jesu ansehen. Er war zuversichtlich, dass Gott auch aus seinem Leiden für ihn Gutes entstehen lassen würde, nämlich das ewige Leben.
Liebe Gemeinde, wie gehen wir um mit den kleinen oder auch großen Brüchen in unserem Leben. In der Dresdner Sächsischen Zeitung hat einmal ein Mann eine Anzeige geschaltet, der von seiner Frau betrogen und verlassen worden war. Darin „bedankte“ er sich für den riesigen Vertrauensbruch und für die Entwertung des bisherigen gemeinsamen Lebens. Die Anzeige wird nicht billig gewesen sein. Aber sie war es ihm wohl wert. So tief hatte ihn das  getroffen. Wie viele Menschen werden auch aus der Bahn geworfen, wenn sie arbeitslos werden. Wenn der Betrieb in Konkurs geht und schließen muss, ist das schlimm genug. Aber wenn man entlassen wird, weil man einem Jüngeren oder Besseren Platz machen soll? Wenn der Arbeitgeber einem damit deutlich macht, dass alle Arbeit nicht genug war? In solchen Fällen geht alles Selbstwertgefühl verloren. Es zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Und was bleibt dann? Besonders stellt sich die Frage, wenn ein Unfall oder eine Krankheit aus einem gesunden Menschen einen behinderten oder pflegebedürftigen Menschen machen. Hat das Leben noch einen Sinn, wenn man nicht mehr am normalen Leben teilnehmen kann? Ist das noch ein Leben, für das es sich lohnt zu leben, wenn man nur noch auf Hilfe angewiesen ist und Schmerzmittel nehmen muss, um durch den Tag zu kommen? Und wenn man den Bruch in seinem Leben selbst zu verantworten hat, dann ist es noch schlimmer. Denken wir an die Bundestagsabgeordnete, die ihre Karriere auf einem geschönten Lebenslauf aufgebaut hat und die nun aufgeflogen ist. Was für einen Scherbenhaufen hat sie zusammen zu kehren. Was wird ihr Leben in ihren Augen jetzt noch wert sein, wenn es ihr schon früher nicht gut genug erschien? Sonst hätte sie es ja nicht nötig gehabt, einen Lebenslauf zusammen zu lügen.
Von den Worten des Apostels geht für Menschen mit solchen kleineren oder großen Brüchen im Leben sehr viel Ermutigung aus:
Mag Dein langjähriger Partner Dich nicht mehr aufregend genug finden und einen vermeintlich besseren gesucht haben, Gott kündigt seine Beziehung zu Dir niemals auf. Seine Liebe gilt Dir auch weiterhin. Für ihn bist Du wertvoll. Vertrau auf ihn: Er wird Dich den Partner finden lassen wird, den Du wirklich verdienst.
Mag Deine Leistungsfähigkeit nach den Maßstäben deines Chefs nicht ausreichen, Gott beurteilt Dein Leben nicht nach Deiner Leistung. Er schenkt Deinem Leben seinen Wert, weil er Dich als wertvoll und wichtig ansieht. Vertrau auf ihn: Er hat eine Aufgabe für Dich; Du wirst gebraucht mit Deinen Gaben und Talenten.
Mag Dein Leben nicht mehr Deinen Wünschen und Träumen entsprechen. Mag es sogar manchmal schwer sein, das Leben auch nur zu ertragen, für Gott hat dein Leben noch immer einen Sinn. Vertrau auf ihn: Er hat selbst mit Deinem schwierigen Leben noch etwas vor. Denn er kann aus Schwerem viel Gutes erwachsen lassen. Du kannst mit deiner Geduld anderen ein Vorbild werden. Du kannst ein Zeichen setzen dafür, dass auch ein krankes oder behindertes Leben wertvoll ist. Und sei zuversichtlich, dass er Deine leidvollen Erfahrungen verwandeln wird in das Erleben von Gottes neuer Welt. Dort wirst Du heil sein.
Magst Du schließlich schuldig geworden sein und würdest vor Scham und Schuldgefühl am liebsten vergehen, bei Gott findest Du Vergebung. Er ist für Dich ans Kreuz gegangen. Ihm kannst Du in die Augen sehen, auch wenn Du von niemandem gesehen werden willst. Vertrau auf ihn: Es wird auch für Dich einen Neuanfang geben.
So wunderbar ist unser Gott: Er schenkt uns seine Liebe ganz umsonst. Und diese Liebe heilt die Brüche in unserem Leben. Selbst den Tod.
Amen.

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