Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 6. August 2017

Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 6. August 2017

07.08.2017

zu Jesaja 2, 1 - 5; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
was hätte Jesaja wohl gesagt, wenn er einen Blick in unsere Zeit hätte werfen können? Zweieinhalb Jahrtausende später ist die Welt von seiner Vision des Friedens nicht weniger weit entfernt als zu seiner Zeit. Radikalisierte Muslime verüben mörderische Anschläge mitten in Europa. Am Rande unseres Kontinents gibt es einen Krieg ohne ein absehbares Ende zwischen zwei Nachbarländern. In Afrika bekämpfen sich zwei christliche schwarzafrikanische Volksgruppen nach einem jahrzehntelangen gemeinsamen Unabhängigkeitskrieg nun untereinander bis zur Ausrottung einer der beiden Völker. Im Nahen Osten führen in mehreren Ländern die unterschiedlichen muslimischen Konfessionen einen Stellvertreterkrieg gegeneinander – und die beiden ehemaligen Großmächte sind tief darin verstrickt. Die Aufzählung ließe sich noch fortführen. Kaum ein Kontinent, auf dem nicht irgendwo Krieg und Gewalt herrschen.
Vor diesem Hintergrund hört es sich fast ein wenig absurd an, was der Prophet Jesaja angekündigt hat: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu sicheln machen ... und (vor allem!) sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ Wusste dieser Prophet überhaupt, wovon er sprach? Lebte er in einer Zeit des Friedens, in der man es sich vorstellen konnte, dass es einmal so weit sein würde?
Die Gelehrten sind sich nicht ganz einig, wann genau diese Worte des Propheten gesprochen wurden. Aber eines ist klar: friedliche Zeiten sind es nicht gewesen. Der Prophet Jesaja selbst lebte in einer Zeit, in der sich großes Unheil über Israel zusammen braute. Die Großmacht Assyrien aus dem Osten dehnte ihren Macht­bereich immer weiter aus; die Könige Israels versuchten, sich durch wechselnde Militärbündnisse und Aufrüstung gegen die Assyrer zu wehren, aber das sollte keinen Erfolg haben. Das Leben war zur Zeit des Jesaja also ausgesprochen bedroht; noch viel bedrohter als unser Leben heute; von einem friedlichen Zu­sammenleben der Völker konnte also überhaupt keine Rede sein. Das galt in gleicher Weise auch für die Zeiten nach Jesaja. Und wahrscheinlich haben die Zuhörer des Propheten zumindest die Stirn gerunzelt, als sie diese Vision des Jesaja aus seinem Munde hörten. „Schwerter zu Pflug­scharen?
Aber Jesaja war kein Träumer. Er kannte die Wirklichkeit nur zu genau. Jesaja hatte Visionen; das heißt: Er konnte weiter sehen als andere Menschen. Er konnte es, weil Gott und der Glaube an ihn es ihm möglich machten. Jesaja hatte die Gabe, hinter das All­tägliche und über den Horizont und das Heute hinaus zu sehen. Er sah hinter dem als normal Empfundenen die Schuld der Menschen; er erkannte in dem, was sich hinter dem Horizont zusammenbraute die drohende Katastrophe und das Gericht Gottes. Beides waren keine Träume sondern bittere Wirklichkeit. Spätere Generationen sahen das ein und haben genau aus diesem Grund die Worte des Propheten aufbewahrt und weitergegeben.
Und Jesaja sah eben auch eine Zeit in ferner Zukunft kommen, in der alle Völker sich am Willen Gottes ausrichten würden. Die Gebote Gottes dienten für die gesamte Menschheit als Orien­tierung und Richtschnur. Und das würde vor allem dazu führen, dass die Menschen es nicht mehr lernen würden, gegeneinander Krieg zu führen. Dass Mordwerkzeuge so umfunktioniert würden, dass sie dem Menschen zum Guten dienen; dass Spieße zu Winzermessern oder eben Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet würden. Frieden werde herrschen, weil die ganze Welt nach Gottes Geboten leben würde.
Diese Vision, liebe Gemeinde, ist heute, mehr als 2500 Jahre nach Jesaja, immer noch weit entfernt von der Wirklichkeit. Krieg und Gewalt sind noch immer Mittel, zu denen Menschen gern greifen, wenn sie ihre Interessen und Überzeugungen durchsetzen wollen. Das ist typisch menschlich. Wir greifen immer gern zu den schnellen und scheinbar einfachen Lösungen. Wenn es mit dem Partner Konflikte gibt, dann trennen wir uns. Wenn Staaten untereinander Konflikte haben, dann wird versucht, diese mit Waffengewalt zu lösen. Die schnellen Lösungen sind aber keine Lösung. Lösungen gibt es nur auf dem mühsamen Weg, den Gottes guter Wille für unser Zusammenleben uns vorgibt.
Das sollte aber kein Anlass für uns sein, an der Vision des Pro­pheten zu zweifeln oder den Kopf resigniert in den Sand zu ste­cken. Denn damit würden wir die Kraft unterschätzen, die von dieser Vision ausgeht. Und gerade wir in Deutschland und ganz besonders wir in Sachsen haben es ja erleben dürfen, wie sehr die Vision von den umgeschmiedeten Schwertern die Welt verändern kann. Man denke nur an die Aufnäher „Schwerter zu Pflugscha­ren“ in den 80er Jahren, die das Landesjugendpfarramt drucken ließ und die für die Herrschenden in der DDR so provokativ wa­ren, dass sie sie bekämpft haben, als stünde eine Anleitung zum Bombenbauen darauf. Aber vielleicht haben sie damit sogar etwas Richtiges gesehen. Denn alle, die sich auf Gewalt und Unter­drückung stützen, fürchten diese Vision des Friedens zu Recht. Sie hat eine enorme Sprengkraft, und das schon heute; schon in unserer Zeit. Allein schon durch das, was die Vision des Propheten Jesaja und des Propheten Micha in den 80er Jahren in der DDR bewirkt hat, zeigt sich die Kraft und die Wahrheit dieser den Propheten von Gott eingegebenen Vision.
Darum haben wir, wie gesagt, keinen Anlass, die Worte des Propheten als realitätsfern abzutun oder als unerreichbaren Wunschtraum zu den Akten zu legen. Als Christen haben wir vielmehr allen Grund, das zu tun, was schon der Prophet seinen Zuhörern nahe gelegt hat: „Lasst uns wandeln im Licht des Herrn!“, hat er seinen Zuhörern zugerufen. „Lebt so, wie Gott es von Euch erwar­tet. Lebt aus dem Glauben an ihn heraus. Orientiert Euer Leben an seinem Willen. Setzt heute schon Zeichen seines künftigen Frie­dens für diese Welt.“
Wenn wir das umsetzten, wären wir auf dem Weg zum Frieden schon ein ganzes Stück weiter. Würde die westliche Welt tatsächlich „im Licht des Herrn wandeln“, dann hätten die Hassprediger, die es offenbar in vielen muslimischen Gemeinden gibt, keinen Nährboden für ihre Predigten. Der frühere Präsident der USA, George Bush, hat in den 90ern versprochen, der Krieg gegen den Irak würde den Sieg gegen den Terrorismus bringen. Das genaue Gegenteil ist eingetreten. Der Krieg gegen den Irak hat dem Hass auf den Westen und damit dem Terrorismus im Gegenteil enormen Auftrieb gegeben. Al-Kaida und der IS wären ohne die beiden Irak-Kriege nicht denkbar.
Frieden wird nur werden, wenn die Völker und die Menschen sich an die Gebote Gottes halten. Es gibt kein Gebot „Du sollst einen Krieg gegen das Böse führen“, aber sehr wohl das Gebot „Du sollst nicht töten!“ und die Worte Jesu „ Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ Man kann Frieden letztlich eben nur auf friedliche Weise und nicht durch Gewalt erreichen.
Das mag manchem als unrealistisch erscheinen. Und wir wissen von Luthers Lehre von den zwei Regimenten her, dass es ein Unterschied ist, ob wir Entscheidungen nur für uns persönlich treffen oder ob wir auch Verantwortung für eine Familie oder gar ein ganzes Land tragen. Aber Gewalt ist niemals eine Lösung, bestenfalls eine Notlösung zur Eindämmung der Gewalt. Frieden kann nur entstehen, wenn wir die Ursachen von Konflikten beseitigen. Wenn es zu einem fairen Interessenausgleich kommt. Die Bundesregierung hat Soldaten nach Mali entsandt, um dort Frieden wiederherzustellen. Viel wichtiger wäre es aber, wenn man Menschen entsandte, die für Versöhnung zwischen den verfeindeten Volksgruppen sorgen. Gewalt kann keinen Frieden herstellen.
„Lasst uns wandeln im Licht des Herrn!“ Die Menschen, die sich hier in Freiberg nach wie vor um die noch hier lebenden Flüchtlinge kümmern, tun das. Nicht nur weil sie damit Nächstenliebe praktizieren, sondern auch, weil sie damit einen Beitrag zur Verständigung und Versöhnung leisten. Jede und jeder von uns hat da seine eigene Aufgabe und seine eigene Gabe. Ich bin jetzt gefragt worden, ob wir einen muslimischen Studenten der Bergakademie als Ehrenamtlichen bei uns beschäftigen würden. Ich habe zugesagt. Wenn er kein Problem damit hat, für eine christliche Kirche tätig zu werden, warum sollten wir dann die Zusammenarbeit verweigern? Daran mag mancher Anstoß nehmen. Aber auch so etwas kann ein Beitrag zum Frieden sein. Ich sehe auch unseren zweisprachigen Gottesdienst am kommenden Sonntag gemeinsam mit unseren internationalen Gästen, die im Domgemeindehaus ihren Gottesdienstsonntags sonst in englischer Sprache feiern, als einen solchen Beitrag. Es kommt darauf an, Brücken zu bauen, Vorurteile abzubauen, über Unterschiede der Kulturen hinweg zusammen zu arbeiten – im Kleinen wie im Großen.
„Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen.“ Das ist eine Vision einer besseren Welt, die in ferner Zukunft liegt. Aber schon heute können uns sollen wir Zeichen des Friedens setzen, den uns unser Herr versprochen hat – jeder von uns auf seine eigene Weise.
Amen.

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