Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juli 2015, im Dom

Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juli 2015, im Dom

28.07.2015

über Matthäus 5, 13 - 16 von Landesbischof Jochen Bohl

13Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. 14Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. 15Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. 16So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Liebe Gemeinde,

überall in Nordeuropa freuen die Menschen sich jetzt an den weißen Nächten, in denen es nicht dunkel wird. Wer sie jemals erlebt, wird staunen, dass man noch um drei in der Nacht vor dem Haus sitzen und in der Zeitung lesen kann – ohne künstliches Licht. Es liegt ein Zauber in diesen Wochen über St. Petersburg, über Kiruna in Schweden und Reykjavik auf Island.

Die Menschen empfinden diesen Zauber umso stärker, als sie den harten und so überaus langen Winter noch nicht lange hinter sich gelassen haben, in dem es oft nur für zwei oder drei Stunden Tageslicht gibt. Ohne Licht gibt es kein Leben, und der Mangel an Licht bringt die große Gefahr mit sich, dass die Lebenskräfte verkümmern. Finsternis erschwert die Orientierung, das Erkennen des richtigen Wegs und kann sich schwer auf die Seele legen. Wer lastende Dunkelheit zu ertragen gelernt hat, weiß sich am hellen Licht zu freuen. Darum feiern die Menschen im hohen Norden den Mittsommer so ausgelassen.

Jesus spricht zu uns vom Licht der Welt. Er benützt den Begriff, weil er wusste, wie sehr das Leben der Menschen nach der Hoffnungsperspektive verlangt. Wir sehnen uns nach dem guten und erfüllten Leben in Frieden und herzlicher Gemeinschaft – aber auf dem Lebensweg stehen wir jeden Tag vor Entscheidungen, die Folgen haben und können oft nur staunen, in welcher Weise sich auch scheinbar kleine Weichenstellungen am Ende zu großen Konsequenzen auswachsen. Nicht selten sind wir unsicher und ratlos, welchen Weg wir einschlagen sollen. In dieser Welt gibt es ein oft genug undurchdringliches Verwobensein von Gut und Böse, Licht und Dunkel, Abenddämmerung, Morgengrauen. Es ist nicht ausgemacht, ob es mit uns gut wird, wie wir es uns erhoffen; ob wir bestehen können in den Herausforderungen? Jeder von uns hat seine Erfahrungen gemacht und weiß, dass wir am Leben scheitern können, wie es finster werden kann um uns und auch in uns. Woher bekommen wir die Kräfte, die nötig sind? Welchen Überzeugungen können wir trauen? Was stärkt unsere Hoffnung? Wir brauchen doch Licht auf unseren Wegen!

Liebe Gemeinde,

das Licht der Welt, sagt unser Herr, sind seine Jüngerinnen und Jünger. Jesus von Nazareth redet eine kleine Gemeinschaft mit diesen Worten an, und ob es nun die 12 waren, die ihm zuhörten, oder einige darüber hinaus, mehr als eine kleine Gruppe oben in den abgelegenen galiläischen Bergen war es jedenfalls nicht. Sie alle waren mit der hebräischen Bibel vertraut und kannten die Verheißungen von der Gottesstadt, die auf dem Berg liegt, und den Völkern leuchtet als ein helles Licht - Jerusalem. So scheint in dem Wort Jesu die Geschichte Gottes mit seinem Volk auf; und die alte Verheißung wird jetzt auf die Jünger bezogen, dieser kleinen Schar zugesagt…

Sie werden nicht anders reagiert haben als wir heutigen, 2000 Jahre später, die wir ihm – wie sie – nachfolgen. Wir sind das Licht der Welt? Nicht, dass wir es sein sollen, nach dem Maß unseres Glaubens und Wollens, unserer Möglichkeiten und Kräfte? Wir sind es?

Der Herr überschätzt uns, werden die Jünger gedacht haben, und haben vielleicht die anderen in der Gruppe still mit ihren Blicken gesucht und sahen in den vertrauten Gesichtern den guten Willen, die Begeisterung für den Rabbi Jesus, für seine Taten und Worte. Es waren Menschen reinen Herzens, sanftmütig, Hunger und Durst nach Gerechtigkeit gab es unter ihnen. Aber – es waren doch ihre Grenzen, die Verlegenheiten und das Allzumenschliche in den Personen nicht zu übersehen, schon gar nicht die Schwäche einer solch kleinen Gemeinschaft.

Der Herr denkt zu hoch von uns, werden sie gedacht haben; und so werden auch wir reagieren. Wir kennen uns ja, unsere Schwäche, unser Versagen, unsere Irrtümer, unsere Dunkelheiten. Wir müssen uns eingestehen, dass wir seinem Anspruch nicht gerecht werden, nicht als Person und auch nicht in unserem Kirche-Sein. Es ist ein großes Wort, zu groß für mich und für dich.

Aber – Jesus nimmt sein Wort nicht zurück, er ist nicht beeindruckt von den Gegenargumenten. So ließ die kleine Schar in den Bergen Galiläas es sich sagen, trotz ihrer armseligen Schwäche, trotz allen persönlichen Ungenügens und aller Ungewissheit auf dem Weg. Und wurde zu dem Licht, das der Welt leuchtet, das ebenso wenig verborgen sein kann wie die Stadt auf dem Berge. Sie waren die ersten in der Wolke der Zeugen, die das Licht in die Welt trugen, indem sie Christus vertrauten und den Menschen das Evangelium bezeugten.  

Liebe Gemeinde,

wie die Schwestern und Brüder vor uns wollen wir dem Zuspruch unseres Herrn mehr vertrauen als unseren Sichtweisen. Denn hier sagt er uns, was die Kirche begründet – es ist ihr das Zeugnis von dem Reich Gottes anvertraut, das mit Jesus Christus in dieser Welt angebrochen ist. Er will, dass es wächst, dass Menschen zu Gott finden, der Glauben wecken und neues Leben schenken kann. Es geht ihm darum, dass der Wille Gottes für diese Welt offenbar wird. Jesus sagt: hr seid das Salz, ihr seid das Licht, und aus dem einen Grund: weil ihr die Frohe Botschaft verkündet.

Das Wort Gottes zu sagen, ist der Kirche aufgetragen, und wenn sie es sagt, wird sie der Welt zum Licht. Nicht wegen unserer Fähigkeiten sind wir Kirche, nicht weil wir besonders stark wären und klüger mit den Rätseln der Welt umgehen könnten oder mehr Gutes besser tun könnten als andere; wir sind es nicht, es ist das lebendige Wort Gottes. Die Kirche Jesu Christi ist nicht um ihrer selbst willen da, sondern um der Verkündigung der Frohen Botschaft willen, hier in dieser Welt, in der das Reich Gottes wächst. Wir bezeugen ihr, was wir empfangen haben. Gott gibt der Welt die Hoffnungsperspektive, nach der sie sich sehnt.

Wir leben ja in einer Zeit, in der viele in den Tag hineinleben und sich nicht für das Morgen interessieren. Das ist auch verständlich, denn die allermeisten in unserem Land leben ein gutes Leben. Die Bürgerrechte sind gewährleistet, den Reiselustigen steht die Welt offen, oder doch mindestens die Nachbarländer, die Dauer des Lebens hat sich dank eines leistungsfähigen Gesundheitswesens staunenswert verlängert, seit 70 Jahren herrscht Frieden, trotz aller Probleme gestalten die Europäer ihre Zukunft gemeinsam und so viel Freiheit in der persönlichen Lebensführung gab es wohl niemals zuvor. Fragte man, was die Menschen sich für die Zukunft erhoffen, so würden viele wohl sagen – dass es so bleibt, wie es ist. Das aber ist ein Ding der Unmöglichkeit, die Welt kennt keinen Stillstand, und schon gar nicht in diesen Tagen, da sich vieles in rasender Geschwindigkeit verändert. Wer sich der Gestaltung der Zukunft verweigert, traut ihr nicht und gefährdet sie gerade deshalb - das Hier und jetzt ist nicht genug. Wir Christenmenschen wissen, wie entscheidend die Dimension der Hoffnung ist; was wäre das für ein Leben ohne Zuversicht, ohne vertrauensvolle Erwartung des Kommenden.

Gerade in diesen hoffnungsarmen Zeiten braucht unser Land eine Lichtquelle, die Orientierung gibt; es braucht eine Kirche, die das Wort Gottes verkündigt, in der Öffentlichkeit der Straßen und Plätze, die im Alltag des Lebens den Armen und Schwachen zur Seite tritt und den vielen, die auf der Suche sind, den Weg zur Wahrheit weist. Das ist unsere Sache, das ist unsere Mission – mit unserem Leben, in Wort und Tat wollen wir die großen Taten Gottes bezeugen. So tun wir den Dienst, den Christus uns aufgetragen hat.

Liebe Gemeinde,

Jesus Christus ist uns die strahlende Lichtquelle, die das Leben hell macht. „Ich bin das Licht der Welt“, hat er gesagt. In seinem Licht erkennen wir den Weg, den wir gehen können. Er selbst in seinen Worten und Taten ist uns Orientierung in den Zweifelsfragen des Hier und Jetzt; wir werden nicht in die Irre geführt. Mit ihm wandern wir durch die Zeit, die uns gegeben ist, durch fette und magere Jahre; Höhen und Tiefen warten darauf, durchschritten zu werden. Lachen und Weinen hat seinen Platz, Erfüllung und Versagung. Nicht alle unsere Sorgen werden uns genommen und mit manchem Kummer müssen wir lernen, zu leben. Nicht jede Frage wird zu dem Zeitpunkt beantwortet, an dem sie uns quält. Auch ist der Glaube nicht eine Medizin, die kaum angewendet, die Schmerzen nimmt. Wer aber begonnen hat zu glauben, auf Jesus Christus zu vertrauen, dem wird es hell. Das Licht, das uns in Jesus Christus leuchtet, hilft, dass wir fröhlich unseres Weges ziehen können. Sein Licht strahlt ab auf uns, dass wir zum Licht für andere werden können. Wie schon die kleine Gemeinschaft in den Bergen Galiläas sind wir schwache, fehlbare Menschen; und dennoch wird die Kirche zum Licht, Zeichen der Hoffnung. Das wirkt die Güte Gottes.

Die Menschen im Norden kennen die Dunkelheit, jetzt freuen sie sich an der Fülle des Lichts in den weißen Nächten. Darin mag uns eine geistliche Wahrheit aufscheinen - Jesus Christus, das Licht der Welt, vertreibt die Dunkelheit aus dem Leben. Er lässt eine Hoffnung wachsen in unseren Herzen, die uns trägt. Es wird besser werden, es wird gut, wenn sein Licht hell leuchtet unter uns.

Amen.

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