Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis, 30. Juli 2017

Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis, 30. Juli 2017

30.07.2017

zu Johannes 6, 30 - 35; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,ich merkte, dass ich zu hoch gepokert hatte. Die Reserve im Benzintank würde doch nicht mehr bis zur nächsten Tankstelle reichen. Gerade schaffte ich es noch bis über den Berg vor der nächsten Stadt. Dann rollte ich mit leerem Tank so weit den Berg hinunter in die Stadt, wie es nur ging, und stellte das Auto am Wegesrand ab. So machte ich mich auf den Weg zur nächsten Tankstelle… Ohne Energie geht es nicht. Das erleben wir ja auch immer mal, wenn wir einen Stromausfall haben. Dann stellen Telefon, Rechner, Licht, Fernseher und andere Dinge ihren Dienst ein. Ohne Energie geht gar nichts.
Dass Brot auch eine Form von Energie ist, machen wir uns in unserem satten Land vielleicht nicht immer bewusst. Dabei ist Brot ja sogar lebensnotwendig. Am eigenen Leibe erfahren das die Menschen südlich der Sahara, wo es zurzeit eine furchtbare Dürre und Hungersnot gibt. Ohne Strom und Benzin können wir Menschen noch leben. Aber ohne Brot ist Leben nicht möglich, ohne Brot bzw. Nahrung können Menschen nicht überleben. Denn es liefert uns die notwendige Energie, die unser Körper braucht.
Wenn Jesus also sagt: „Ich bin das Brot des Lebens“, dann könnte man das auch so formulieren: „Ich bin die Energie allen Lebens.“
Das ist zunächst einmal durchaus wörtlich gemeint. Am Anfang des Johannesevangeliums heißt es: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott.“ Mit dem Wort – auf Griechisch „logos“ – ist Jesus Christus gemeint. Die Leser des Johannesevangeliums kannten das Alte Testament sehr gut. Wenn sie vom „Anfang“ lasen, dann fiel ihnen natürlich sofort der erste Vers im 1. Kapitel des 1. Buches Mose ein: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Von daher verstand die Gemeinde des Johannes die Botschaft ganz leicht: Christus, der Sohn, hat als eine Person des dreieinigen Gottes schon mitgewirkt, als unsere Welt am Anfang allen Seins ihre Existenz bekam. Das Johannes­evangelium formuliert damit eine geradezu atemberaubende Wahrheit: Christus ist in einem ganz umfassenden Sinn die Energie allen Lebens. Ohne ihn könnte selbst das Universum nicht existieren.
Mancher wird finden, dass das mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft nicht vereinbar ist. Aber weit gefehlt. Moderne Physiker sind zu der Erkenntnis gekommen, dass unsere Wirklichkeit mit unserem menschlichen Verstand eigentlich gar nicht zu begreifen und in allen Zusammenhängen zu erklären ist. Es ist also gar nicht abwegig, diesen Satz Jesu aus dem Johannesevangelium „Ich bin das Brot des Lebens“ in einem sehr umfassenden Sinn zu verstehen: Ich bin die Energie, die alles Leben geschaffen hat; ich bin die Energie, die die Existenz des Universums überhaupt erst möglich macht.
Die Väter im Glauben waren übrigens der festen Überzeugung, dass unsere Welt nur da ist, weil Gott sie nicht nur geschaffen hat, sondern sie unaufhörlich am Leben hält. Unser Universum, so würden wir es heute sagen, kann nur existieren, weil ihm von Gott her unaufhörlich Energie zugeführt wird. Das mag für unsere Ohren absonderlich klingen. Macht doch unsere Welt den Eindruck, als sei sie sehr stabil und könne sie auch gut ohne die schöpferische Energie Gottes auskommen. Aber wir hatten ja auch den Eindruck, als sei unser Klima eine stabile Größe und müssen nun sehen, dass das ein großer Irrtum war.
„Ich bin das Brot des Lebens.“ Das ist zum anderen natürlich auch in einem übertragenen Sinn zu verstehen. Nur wenige Verse zuvor hat Jesus nach dem Wunder der Speisung der 5000 zu den Menschen gesagt: „Müht euch nicht um Speise, die vergänglich ist, sondern um Speise, die bleibt – zum ewigen Leben.“ Christus ist natürlich kein Ersatz für die Energie, die wir zum Leben oder sogar zum Überleben brauchen. Nicht umsonst hat Jesus uns gelehrt zu beten: „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Insofern redet er hier nicht dagegen, dass wir arbeiten, um unseren Lebens­unterhalt zu verdienen. Aber das Leben darf sich darin nicht erschöpfen. Zur Zeit Jesu waren die meisten Menschen ja bitter arm. Sie hatten kaum das Nötigste zum Überleben. Dieses Nötigste zu bekommen, dass schob sich notwendigerweise sehr in den Vordergrund. Jesus war es immer wichtig, dass diese Sorge um das tägliche Brot nicht das ganze Leben beherrschen darf. „Sorgt euch nicht!“ hat der seinen Zuhörern zugerufen. Gebt dem Raum in Eurem Denken und Fühlen, worauf es wirklich ankommt. Gebt der Beziehung zu Gott in Eurem Herzen Raum. Vertraut die Sorge um das tägliche Brot Gott an. Er wird dafür sorgen.
Unser Problem im Deutschland des 21. Jahrhundert ist nicht der Kampf um das tägliche Brot. Das ist in der Regel abgesichert, außer man hat mal vergessen einzukaufen und die Geschäfte sind am Sonntag geschlossen. Aber bei uns schieben sich andere Dinge in den Vordergrund und beanspruchen alle Aufmerksamkeit: unser Ringen um Anerkennung und Aufmerksamkeit, unsere Versuche, die Karriereleiter zu erklimmen, unsere Sehnsucht nach neuen Erlebnissen, die von der Werbung geweckten Bedürfnisse nach immer Neuem. In unserem satten Land sind wir so hungrig nach dem Leben. Unsere Seele sehnt sich nach positiven Impulsen, nach immer wieder neuer Energie. Und doch wird diese Sehnsucht nicht gefüllt. – „Ich bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus. Den Sinn eures Lebens werdet ihr kaum in diesen Dingen finden. Das ist alles vergänglich. Wer kennt heute noch die DSDS-Gewinner der letzten Jahre? Wie flüchtig ist der berufliche Erfolg! Wie lange hält die Freude darüber an, an einem besonderen „Event“ dabei gewesen zu sein? Wie lange kann man sich wirklich an seinem neuen Smartphone freuen, bevor man schon wieder auf das Neueste schielt? – „Ich bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus. In anderen Worten: Die Sehnsucht nach dem Leben, die könnt Ihr in dem Glauben an mich stillen. Ihr dürft gewiss sein, dass ihr von mir all die Anerkennung bekommt, nach der ihr euch so sehr sehnt. Ich schenke Euch die Kraft und Energie, die Eure Seele braucht. Im Glauben findet Ihr den guten Sinn für das Leben. Mit mir zu Leben, das schenkt die Freude, nach der ihr euch so sehr sehnt. Ich bin die Energie für euer Leben, die ihr in anderen Dingen immer vergeblich sucht.“ – „Ich bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus. „Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wir nimmermehr dürsten.“
Und dann hat die Selbstbezeichnung Jesu als Brot des Lebens schließlich und nicht zuletzt seine Wahrheit im Hinblick auf die Zukunft unseres Lebens. Dieses irdische Leben verbraucht sich unaufhörlich. Das gehört zu dieser Schöpfung konstitutiv dazu. Unsere Zellen verlieren die Kraft sich zu regenerieren. Darum steht am Ende eines jeden Lebens, dass wir keine Energie mehr aufnehmen können. Wie unsinnig ist darum übrigens der Satz: „Wir können sie oder ihn doch nicht verhungern lassen.“ Doch, das müssen die sogar, die einen Sterbenden begleiten. Es ist ganz natürlich, am Ende des Lebens nichts mehr zu essen.
Die Zeit unseres irdischen Lebens ist begrenzt. Sie ist endlich. Biologisch wartet auf uns unweigerlich der Tod. Biologisch leben wir darum nur in den Genen weiter, die wir an unsere Kinder weitergeben. In unserer letzten Stunde geht alle Lebensenergie verloren. Dennoch gilt auch in der Stunde unseres Sterbens der Satz Jesu „Ich bin das Brot des Lebens“. Denn Christus wird uns in einer für uns unbegreiflichen Weise neue Lebensenergie zuführen. Er sagt im Johannesevangelium, er sei die Speise, die bleibt – zum ewigen Leben. Darum werden wir in einer neuen Wirklichkeit von Neuem leben können. Wir sind ja durch unseren Glauben und unsere Taufe mit Christus, dem Brot des Lebens, verbunden. Diese Verbindung kann der Tod nicht zerstören. Wir bleiben an die Quelle aller Lebensenergie angeschlossen, die Christus für uns ist. Sie wird uns ein neues Leben schenken.
In dem ewigen Leben werden wir dann in einer ganz neuen Weise verstehen, dass Christus die Energie allen Lebens und aller Wirklichkeit ist. Dort werden dann endgültig unser Hunger nach Lebenskraft, unsere Sehnsucht nach einem Sinn für unser Leben und vor allem unser Sehnen nach einem Leben ohne zeitliche Grenzen gestillt werden. Denn ist ist gerade im Hinblick auf das ewige Leben wahr, wenn Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wir nimmermehr dürsten.“
Amen.

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