Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis, 23. Juli 2017

Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis, 23. Juli 2017

23.07.2017

zu 5. Mose 7, 6 - 12; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
als meine Frau und ich jetzt in Kroatien im Urlaub waren, fiel uns ein Auto mit dem Nationalitätenkennzeichen „MK“ auf. Ich musste erst einmal nachdenken. Dann fiel mir ein, dass es sich um den früheren Bundesstaat Jugoslawiens „Makedonien“ handelt. Ein kleines und unbedeutendes Land, das kaum jemand kennt. – Mit Israel ist es in seiner Geschichte ebenso gewesen. In der Anfangszeit waren es ein paar völlig unbedeutende Nomaden­stämme. Eine gewisse Bedeutung hatte das Königreich Davids und dann seines Sohnes Salomo. Aber schon unter seinen Söhnen versank es wieder in der Bedeutungslosigkeit.
„Ich habe Dich erwählt“, sagt Gott zu seinem Volk. „Nicht weil du bedeutender wärest als andere Völker, sondern weil ich Dich geliebt habe und gebunden bin an das Versprechen, dass ich Deinen Vorfahren gegeben habe.“ Gott hat sich aus Liebe an Israel gebunden. Das Bündnis zwischen Gott und seinem Volk kommt also auf eine andere Weise zustande als andere Bündnisse. Wenn Menschen Bündnisse eingehen, dann versprechen sie sich gegenseitige Vorteile davon. Selbst der Ehebund ist nicht ganz frei davon. Man verliebt sich ja in der Regel zumindest auch in einen Menschen, weil man irgendwelche Vorzüge an ihm bzw. ihr schätzt: die Attraktivität, der Humor, vielleicht auch die Tatkraft und der Erfolg. Man heiratet, weil man sich in der Ge­meinschaft mit diesem Menschen ein glückliches Leben erhofft. Bei Gott ist es anders. Er erwählte Israel aus reiner Liebe. Er schloss seinen Bund mit Israel aus reiner Gnade. Er machte Israel zu seinem Volk und sagte ihm seine Begleitung durch die Geschichte hindurch zu – allein aus Gnade.
Man kann das eigentlich nur mit der Liebe von Eltern zu ihren Kindern vergleichen. Da liegt plötzlich nach der Geburt so ein kleines Wesen im Kinderbett, das man vorher nicht kannte – jedenfalls als Vater. Und es dauert nur eine ganz kurze Zeit, bis man dieses kleine Wesen in sein Herz schließt. Es muss nicht einmal ein leibliches Kind sein. Ebenso geschieht es mit fremden Kindern, die man in Obhut nimmt. Das macht es Pflegeeltern ja auch oft so schwer, ein Kind wieder herzugeben.
Der heutige Sonntag ist dem Taufgedenken gewidmet. Mit der Taufe ist es ebenso wie mit der Erwählung Israels. Israel brachte keine Voraussetzungen mit, um Gottes Volk zu sein – ganz im Gegenteil. Ebenso bringen wir Menschen keine Voraussetzungen mit, um Kinder Gottes zu werden – ganz im Gegenteil. Denn Gott fragt nicht nach unserer Attraktivität oder Intelligenz oder unse­rem Erfolg. Sie würden auch umgehend durch unsere Eigensucht, unser Versagen gegenüber unseren Mitmenschen oder unsere Dummheit in vielen Lebenslagen mehr als aufgewogen. Nein, Gott lädt uns einfach ein, seine Kinder zu werden. So wie Jesus hingegangen ist, und mit Menschen Tischgemeinschaft hatte, denen es an Vorzügen mehr als mangelte. Er lud die Armen, die Gottes Gesetz nicht beachten konnten, ebenso ein wie die wohl­habenden Kollaborateure mit der verhassten römischen Be­satzungsmacht. Er war wie der Vater zu seinem verlorenen Sohn. Er verhielt sich aber auch wie dieser Vater in der Gleichnis­erzählung Jesu gegenüber seinem älteren Sohn. Er lud nämlich auch die Frommen in die Gemeinschaft ein, die sich darüber ärgerten, dass Jesus sich mit Sündern abgab. Er lud auch die Frommen ein, ihre Selbstgerechtigkeit hinter sich zu lassen, und ein Teil der Tischgemeinschaft mit ihm zu werden.
In gleicher Weise sind wir alle eingeladen, durch die Taufe Kinder Gottes zu werden. Die Einladung zur Taufe hat keine Vorbehalte. Sie gilt allen Menschen – egal ob Kinder oder Erwachsene; ob aus einer Akademikerfamilie stammend oder aus einer Familie von Hartz-IV-Empfängern; egal ob man einen starken Glauben hat oder noch viele Zweifel hat. Darum vertrauen die großen Kirchen auch schon kleine Kinder der Liebe Gottes an. Denn auch und gerade sie sind geliebte Kinder Gottes und eingeladen in die Gemeinschaft mit Jesus Christus. – Nicht weil wir etwas vorweisen können, sondern weil Gott uns liebt, sind wir alle gerufen, durch das Wasser der Taufe Kinder Gottes zu werden – oder es zu sein.
„Oder es zu sein“ ist allerdings ein Halbsatz, auf den es ankommt. „So halte nun die Gebote…“ heißt es im 5. Buch Mose. „Ist jemand in Christus“, schreibt der Apostel Paulus im 2. Korin­therbrief, „so ist er eine neue Kreatur“. Wir sind als Getaufte neue Menschen, auch wenn wir das an uns oft weniger sehen und eigentlich mehr von uns glauben müssen. Es bedeutet etwas für unser Leben, wenn wir Kinder Gottes sind. Es sollte einen Unterschied ausmachen, wenn wir zu dem Gottesbund gehören. Ebenso wie es ja beispielsweise auch das Leben verändert, wenn man den Bund der Ehe eingeht. Dann lebt man ja auch nicht einfach so weiter, als wäre man noch ledig.
Die Taufe ist ein Geschenk Gottes, eine wunderbare Gabe Gottes. Sie ist aber zugleich auch eine Aufgabe. Es ist die Aufgabe eines jeden Getauften, seine Taufe zu leben: nämlich dankbar zu sein für die Güte Gottes, fröhlich den Glauben in der Gemeinschaft mit anderen Christen zu leben und ihn an andere Menschen weiterzugeben; darauf zu hoffen, dass unser Leben mit Gott nicht enden wird; nicht zuletzt: Verantwortung für unsere Mitmenschen zu übernehmen. Wer glaubt und hofft und liebt, der lebt seine Taufe. Glaube, Hoffnung und Liebe sind unsere Antwort auf Gottes großes Ja zu uns.
Aber was heißt das konkret? Ich will das mal an den Artikeln des Glaubensbekenntnisses durchbuchstabieren.
Wir glauben an Gott, den Vater und Schöpfer. Wir glauben: Diese Welt verdankt sich nicht dem Zufall, sondern dem Willen Gottes. Darum tut es uns weh, dass durch menschliches Tun massenweise Arten von Tieren und Pflanzen aussterben. Wir bemühen uns, pfleglich mit Gottes Schöpfung umzugehen, soweit es in unseren Kräften steht. – Wir glauben: Gottes Schöpfung geschieht unaufhörlich. Gott hat jeden einzelnen von uns zu seinem Ebenbild geschaffen. Er hat uns damit unsere Würde geschenkt. Wir sind darum nicht festgelegt auf das, was wir tun oder darstellen. Wir können wir selbst sein und brauchen uns und anderen nichts vorzumachen. Anderen treten wir ohne Vorbehalte gegenüber. Jeder Mensch wird von uns zunächst einmal als ein Geschöpf Gottes behandelt – egal woher er oder sie kommt.
Wir glauben an den Sohn Jesus Christus. Wir glauben: mit Jesus Christus haben wir jemanden, der unser Leben führt und leitet und ihm seinen Sinn gibt. Unser Leben erschöpft sich darum nicht in dem, was wir konsumieren oder darstellen können. Wir finden unser Glück in dem, was das Leben wirklich reich macht und was man in der Regel nicht mit Geld bezahlen kann.  – Wir glauben, dass Christus uns unsere Schuld vergeben und Frieden gestiftet hat. Wir können darum mit anderen Menschen, so weit es an uns ist, in Frieden leben. Und wir unterstützen alles, was dem Frieden im Kleinen wie im Großen dient. – Wir glauben, dass Christus die Armen selig gepriesen hat. Wir leiden unter der Ungerechtigkeit in unserem Land und in dieser Welt. So weit es an uns ist, versuchen wir einen Ausgleich zu schaffen.
Wir glauben an den Heiligen Geist. Wir glauben: Gottes Geist hat uns in unserem Innersten angerührt. Er hat das Vertrauen auf Gott in uns geweckt. Darum können wir nicht anders, als den Glauben fröhlich zu leben und von dem zu erzählen, was uns bewegt. Im Glauben hat der Heilige Geist uns verbunden mit anderen Christen. Darum sind wir lebendige Glieder unserer Gemeinde und bringen uns mit unseren Gaben ein. – Wir hoffen, dass dieser Geist unseren Geist in sich aufnehmen wird, wenn dieser irdische Körper zerfällt und ihn in einem neuen Leben bergen wird. Die Grenze dieses Lebens ist für uns darum nicht die Grenze unseres Lebens. Wir machen darum den Jugendwahn unserer Zeit nicht mit. Wir sind nicht getrieben von der Angst, dass uns das Leben nicht genug bieten könnte in der kurzen Zeit unserer irdischen Existenz. Darum sind wir frei von dem Kreisen um uns selbst. Darum können wir sehen, wo andere uns brauchen und das tun, was wir können.
Taufe und Glauben sind Gabe und Aufgabe zugleich. Gott schenkt uns seine Liebe – völlig umsonst. Diese Liebe verändert uns. Aus dem Glauben erwächst das Bedürfnis, ihn mit anderen zu teilen und zu leben. Aus dem Glauben erwächst Hoffnung. Aus dem Glauben erwächst Verantwortung für andere. Wir leben das Geschenk, das Gott uns mit seiner Liebe gemacht hat. Wir leben als geliebte Kinder Gottes.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben