Predigt am 6. Sonntag nach Ostern (Exaudi), 28. Mai 2017

Predigt am 6. Sonntag nach Ostern (Exaudi), 28. Mai 2017

28.05.2017

gehalten zum Apostelzyklus und Matthäus 28, 16 - 20 im "Gottesdienst für Touristen" von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
wenn man sich ein Haus baut, dann ist die Frage nach der Inneneinrichtung keine geringe. Welche Bilder hängt man an die Wand? Welchen Fußbodenbelag sollen die Zimmer bekommen? Passen die Möbel in die neuen Zuschnitte der Zimmer? – Mit einer Kirche ist es nicht anders. Ende des 15. Jahrhunderts war beim Stadtbrand auch der romanische Vorgängerbau unseres heutigen Doms abgebrannt. Man errichtete ihn im spätgotischen Stil neu. Dabei spielte es ebenfalls eine Rolle, wie der Dom innen eingerichtet werden sollte. Man entschied sich dafür, zwei große Figurengruppen in Auftrag zu geben. Freiberger Bildhauer erhielten die ehrenvolle Aufgabe, für die inneren Säulen die zehn Jungfrauen aus dem Gleichnis Jesu zu gestalten. Die äußeren Pfeiler sollte ein Zyklus von Aposteln schmücken. Er ist uns weitgehend erhalten. Nur die Christusfigur fehlt. Sie ist 1945 in Dresden den Flammen des Bombenangriffs zum Opfer gefallen.
Symbolisch passt das sehr gut zu dem Text aus dem Matthäusevangelium, den wir eben als Predigttext gehört haben. Es ist der Missions- oder auch Taufbefehl Jesu. Dieser stammt aber nicht von dem irdischen Jesus. Zu seinen Lebzeiten hat er seine Jünger nur in die Dörfer und Städte Israels gesandt. Was wir eben gehört haben, sind Worte des auferstandenen Jesus. Die Jünger haben sie von ihrem Herrn erhalten, der anwesend war, aber eben anders anwesend als vor seinem Kreuzestod. Insofern mag es uns als symbolisch erscheinen, dass die Christusfigur jetzt nur in unseren Gedanken anwesend sein kann bei den Figuren der Apostel.
Wer nun waren diese Männer, die hier dargestellt sind? Zunächst einmal waren es keine ausgebildeten Missionare. Bei jeder Aufnahmeprüfung einer Missionsgesellschaft wären sie als ungebildete Fischer durchgefallen. Und vermutlich hätten sie auch kein Casting für die Stelle eines Außendienstmitarbeiters überstanden. Ausgerechnet sie aber nimmt der auferstandene Christus in seinen Dienst und schickte sie in die Welt hinaus. „Gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker“ lautet der Auftrag, den Christus ihnen gibt. Warum ausgerechnet sie?
Liebe Gäste, was hat sie dazu bewegt, sich an diesem Wochenende auf den Weg nach Freiberg zu machen? Haben Sie von jemandem etwas gehört von den Schönheiten dieser Stadt? Irgendetwas jedenfalls wird sie bewegt haben, nicht zu Hause zu bleiben, sondern hierher zu kommen. Genau so ist es auch den Jüngern gegangen. Sie waren mit Christus unterwegs gewesen. Sie hatten an ihm eine Ausstrahlung gespürt, die sie alles aufgeben und ihm nachfolgen ließ. Sie waren zutiefst bewegt worden von seinen Predigten. Sie hatten in seinen Worten die Stimme Gottes hören können. Sie hatten erlebt, dass Gottes Herrschaft durch Jesus zeichenhaft sichtbar wurde. Sie waren Zeugen von wunderbaren Krankenheilungen. Die sahen auch an sich selbst, wie Jesus Menschen von ihrer Schuld befreite, ihnen Kraft schenkte und Hoffnung auf Gott. Dann allerdings waren sie durch ein finsteres Tal des Schmerzes und der Verzweiflung gegangen – bis ihnen dann der auferstandene Christus begegnete und sie in die Welt hinausschickte. Sie konnten das nicht für sich behalten, was sie erlebt hatten. Dass Gott mitten unter uns gelebt hatte in seinem Sohn Jesus Christus; dass er der Welt einen neuen Anfang geschenkt hatte durch den Gekreuzigten und Auferstandenen, das mussten sie einfach weitergeben.
So gingen sie zu den Menschen in Israel und weit über die Grenzen des Landes hinaus. Paulus kam bis nach Rom. Von Jakobus heißt es, er sei in Spanien an der Grenze der damals bekannten Welt begraben. Darum ist dort ein Ort nach ihm benannt: Santiago de Compostela. Der Heilige Thomas soll es sogar bis nach Indien geschafft haben. Unsere Glaubensgeschwister dort jedenfalls führen sich auf ihn zurück. Die Apostel gingen hin und steckten Menschen an mit ihrer Begeisterung für Jesus Christus. So öffneten sich die Herzen der Menschen für den neuen Glauben. So entstanden die ersten christlichen Gemeinden. So ist bis heute eine Kirche entstanden, die die ganze Welt umfasst.
Als zum Anfang des 16. Jahrhunderts unser Dom in der heutigen Form errichtet wurde, da gehörte zu den neuen Ausstattungsgegenständen auch ein Taufstein. Er steht im Freiberger Dom ganz den Augen der Gemeinde entzogen. Das war damals auch nicht schlimm. Denn Kinder wurden so schnell wie nur möglich nach der Geburt durch die Taufe im Namen des dreieinigen Gottes seiner Liebe anvertraut, mit Christus verbunden und damit in die Kirche eingegliedert. Man hatte es damals so eilig, weil man wusste, dass wir Menschen ohne Gott verloren sind. Nichts kann uns vor dem Nichts am Ende eines Lebens bewahren, wenn nicht der auferstandene Christus. Die Menschen in früheren Zeiten hatten damals ein viel feineres Gespür. Sicherlich auch, weil der Tod ihnen viel gegenwärtiger war als uns heute mit unserem guten Gesundheitssystem. So wurden die Kinder zum Taufstein gebracht, im Wasser der Taufe untergetaucht und aus ihm in ein Leben mit Gott hervorgeholt.
Auch das geht auf die ersten christlichen Missionare zurück. Die Apostel wussten sich beauftragt, Menschen durch die Taufe zu Jüngern Jesu Christi zu machen. „Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Wie Jesus getauft worden war, so sollten auch die neuen Christen getauft und durch die Taufe mit Jesus verbunden sein. So tauften sie die, die in ihrem Herzen von dem Evangelium von Jesus Christus angerührt waren. Die Taufe markierte den Beginn eines neuen Lebens mit Gott. Alles, was einen Menschen von Gott trennt, wurde abgewaschen durch die Taufe. Durch sie wurde ein Bund geschlossen zwischen dem, der von dem Apostel getauft wurde, und dem auferstandenen Jesus Christus. Ein Bund, der dieses Leben überdauert.
Die Apostel beschränkten sich aber nicht darauf, Menschen zu begeistern von Jesus Christus und sie durch die Taufe zu Christen zu machen. Denn es genügt nicht, auf Gott zu vertrauen und durch den Glauben und die Taufe zu Christus zu gehören. Der Glaube will auch im Leben eines Christen sichtbar werden und es durchdringen. Darum wussten sich die Apostel auch beauftragt, die neuen Christen im Glauben zu unterrichten. „Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Dabei spielten die Gebote eine wichtige Rolle. Jesus, so wussten die Apostel, hatte das Doppelgebot der Liebe für das wichtigste gehalten. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit allem, was Dein Leben ausmacht, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Darin sah er die Zusammenfassung aller biblischen Gebote.
Wir erliegen heute leicht dem Irrtum, die Gebote seien etwas, was das Leben einschränken will. Wir sind ohnehin skeptisch gegenüber Normen, die uns von außen begegnen. Was die Apostel verkündeten, empfanden die ersten Christen aber als Wegweisungen zu einem erfüllten Leben. Die Götter, die sie bisher kannten, wollten Opfer. Wie übrigens die Götter unserer Zeit „Macht, Geld, Erfolg, Konsum“ in gleicher Weise. Der Gott, den die Apostel verkündigten, hatte sich in Christus am Kreuz selbst zum Opfer gebracht. Die Götter, die sie kannten, machten ihre Gläubigen zu Sklaven. Christus dagegen schenkte im Glauben eine wirkliche Freiheit. Denn darauf zu vertrauen, dass ich ein geliebtes Kind Gottes bin, dass lässt mich in Freiheit leben.
Was nicht zuletzt faszinierte, war das Gebot der Nächstenliebe. In der Antike zählte ein Menschenleben nichts. Die Würde eines Menschen war ein Wort, das es nur für einige wenige Auserwählte gab. Die Apostel verkündeten und die ersten Christen lebten dagegen ein ganz anderes Menschenbild. Der Mensch hat seine Würde als ein geliebtes Geschöpf Gottes. Darum töteten Christen ihre Neugeborenen nicht, wie es bei ihren Nachbarn üblich war, wenn schon genügend Nachwuchs da war. Darum überließen Christen ihre Alten nicht sich selbst, wie es in der Antike selbstverständlich war. Sie erlebten das nicht als eine Last. Vielmehr waren die christlichen Gemeinden, die die Apostel gegründet hatte, Netzwerke der Solidarität. In ihnen fühlten sich die Menschen geborgen. Hier fanden sie Halt. Hier wurde ihnen ein Raum der Freiheit eröffnet. Das Halten der Gebote schenkte einen festen Halt – den Mitmenschen und auch einem selbst.
An all das werden die Besucher unseres Doms St. Marien und die Christen, die hier Gottesdienst feiern, immer wieder erinnert. An die ersten christlichen Missionare, mit denen alles anfing. Sie gingen hinaus, um Menschen für den Glauben zu gewinnen. Sie tauften und lehrten sie. Sie wussten sich dabei geborgen in der Gegenwart des auferstandenen Herrn. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Christus war mit ihnen auf ihrem Weg in die Welt.
Auch das verkörpern die Figuren der Apostel an den Pfeilern unseres Doms. Jesus Christus ist hier mitten unter uns und bei uns, wenn wir sein Wort hören, wenn Menschen getauft werden, wenn die Gemeinde das Abendmahl feiert. Er ist mit uns, wenn wir unseren Glauben mit anderen teilen. Er ist mit uns auf unserem Weg durch das ganze Leben.
Daran wollten uns die Erbauer des Doms erinnern, als sie die Figuren der Apostel anfertigen ließen, die mit einer kurzen Unterbrechung nach der Reformation zur Ausstattung unseres Doms gehören.
Amen.

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