Predigt am 6. Sonntag nach Ostern (Exaudi), 13. Mai 2018

Predigt am 6. Sonntag nach Ostern (Exaudi), 13. Mai 2018

13.05.2018

zu Jeremia 31, 31 - 34; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer zur Jubelkonfirmation 2018

Liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde,
meine Güte, ist das wirklich schon so lange her? Dieser Gedan­ke mag manchem von Ihnen durch den Kopf gegangen sein: 25, 50, 60 und sogar 65 Jahre.
1953 wurden die Ältesten von Ihnen eingesegnet. Damals war ja im Grunde gerade erst der Krieg vorüber. Es war eine schwierige Zeit; nur wenige Wochen später gab es die Juni-Aufstände. Bei Ihnen, liebe Diamantenen Konfirmanden, war die Zeit ruhiger geworden. 1958 wurden in der DDR die Lebensmittelmarken abgeschafft. Und was die Konfirmation angeht, so war es für Sie damals noch recht selbstverständlich sich einsegnen zu lassen. Aber es war schon deutlich geworden, dass nun nach dem Willen der Staatsmacht die Jugendweihe die Konfirmation ersetzen sollte.
Sie, liebe Goldenen Konfirmanden sind in einer Zeit konfirmiert worden, als die Kirche und der christliche Glaube in der DDR 1968 schon den Rand der Gesellschaft gedrängt worden waren. Sie wussten darum schon von vornherein, worauf Sie sich einließen. Konfirmation und Kirchenmitgliedschaft würden einer Karriere nicht förderlich sein. Und auch bei Ihnen, liebe Silberne, war es nach der Wende nicht so sehr viel anders. Zwar gab es keine Nachteile mehr; die Konfirmation hatte nach all den Jahren des staatlich verordneten Atheismus aber auch 1993 nach wie vor den Charakter des Absonderlichen. So wundert es nicht, dass heute nur so wenige Silberne und Goldene Konfirmanden ihr Konfirmationsjubiläum feiern.
Liebe Jubelkonfirmanden, die Zeiten waren höchst unterschiedlich, als Sie konfirmiert wurden. Aber es gab etwas Gemeinsames. Sie sind gefragt worden, ob Sie sich die Entscheidung ihrer Eltern für Ihre Taufe zu Eigen machen wollen. Sie haben damals Ja gesagt zu dem großen Ja Gottes zu Ihnen. Sie haben sich zu der Bindung bekannt, die Gott in der Taufe mit Ihnen eingegangen ist. Im Konfirmationsgottesdienst sind Sie gefragt worden: Wollt ihr in diesem Glauben bleiben und darin wachsen? Sie haben dazu gesagt: „Ja, mit Gottes Hilfe!“
Wenn Sie zurück blicken auf die Jahre seit damals, dann ist für manche von Ihnen diese Bindung an Gott sehr innig gewesen. Sie haben im Glauben Freude, Kraft und Halt gefunden in guten und schweren Zeiten.
Bei manchen mag der Glaube zwischenzeitlich ein wenig aus dem Blick geraten sein. Da waren Sie vielleicht viel zu viel mit der Arbeit oder der Familie beschäftigt. Da fehlte die Zeit, die Energiespeicher des Glaubens wieder einmal aufzutanken, beispielsweise am Sonntag im Gottesdienst. Oder Zweifel schlichen sich ein, an dem, was man mal geglaubt hat.
Bei etlichen von Ihren Mitkonfirmanden haben Sie es schließlich erlebt, dass sie ihr Konfirmationsbekenntnis hinter sich gelassen haben. Die innere Beziehung zu Glauben und Kirche war nicht stark genug, um dem Druck des Staates zu widerstehen.
Darum ist der heutige Predigttext überaus aktuell für uns alle. Er handelt nämlich von der oft so brüchigen Beziehung von uns Menschen zu Gott. Wir finden ihn im Buch des Propheten Jeremia im 31. Kapitel.
Dass wir uns als Menschen ganz oder teilweise von Gott abwen­den, das ist also nichts Neues. Das hat es schon immer gegeben. Auch das auserwählte Gottesvolk Israel hat solche Absetzbewe­gungen von Gott vollzogen. Der Prophet spricht von dem „Bund, den sie nicht gehalten haben“. Aber genau in diese Situation hinein verkündigt der Prophet einen neuen Bund Gottes mit den Menschen. Gott will sich nicht damit zufrieden geben, dass unsere Beziehung zu ihm sich lockert oder zerbricht. Gott will eine lebendige Verbindung zu uns haben. Wie es eine Mutter oder ein Vater nicht ertragen könnten, wenn der Kontakt zu ihren Kindern verloren geht.
Darum, so sagt es der Prophet, geht Gott eine neue Beziehung mit uns ein. Jeremia nennt sie den „neuen Bund“. Dieser Bund soll uns ins Herz geschrieben werden. In anderen Worten: Unsere Beziehung zu Gott soll nichts sein, was uns innerlich nicht berührt. Unsere Zugehörigkeit zur Kirche soll nichts sein, was man aus einer Familientradition oder einer alten Gewohnheit heraus so macht. Jeremia kündigt an, dass Gott uns in unseren Herzen innerlich berühren wird. So wie die Herzen zweier junger Menschen berührt werden, wenn sie einander begegnen und sich ineinander verlieben.
Aus diesem Grund ist Gott in dem Menschenkind Jesus in diese Welt gekommen. Er wollte uns mit seiner Liebe anrühren. Was aber kann einen mehr anrühren, als ein Gott, der als Neugeborenes in einer Krippe liegt. Das geht uns zu Herzen. Gottes Liebe ist so groß, dass er ein so kleines und hilfloses Wesen wird, nur um uns nahe zu sein. Das berührt einen. Darum lassen viele Christen keinen Heiligabendgottesdienst aus, auch wenn sie sonst eher selten in einer Kirche zu sehen sind.
Gott will uns berühren ganz tief in unserem Herzen. Darum hat Jesus diese wunderbaren Geschichten über Gott erzählt. Von einem Vater zum Beispiel, der seinen Sohn gehen lässt. Er weiß, dass der Sohn es schwer haben wird in der Fremde, aber er lässt ihm die Freiheit. Und als der Sohn dann sein ganzes Erbe verschleudert hat, nimmt er ihn voller Liebe in die Arme und ist nur froh, dass sein Sohn wieder da ist. – So wie dieser Vater ist Gott zu uns, hat Jesus gepredigt – oder auch wie eine liebende Mutter. Wen könnte das kalt lassen?
Gott will uns berühren. Darum hat er uns den größten Liebesbeweis gegeben, der nur denkbar ist. In Jesus Christus hat er uns sein Leben geopfert. Ein Opfer zu bringen, das kann man nur für jemanden, den man sehr liebt. Gott hat das Leben seines Sohnes hingegeben als Zeichen, wie groß seine Liebe zu uns Menschen ist. Unübersehbar groß.
Gott will uns berühren ganz tief in unserem Herzen. Aus diesem Grund hat der auferstandene Jesus seinen Jüngern den Auftrag gegeben, die frohe Botschaft von der Liebe Gottes in die Welt hinauszutragen. An jedem Sonntag wird sie in unzähligen Kirchen laut. Nicht immer werden Menschen in einem Gottesdienst angerührt. Und doch gibt es immer wieder die Erfahrung: Da war ein Satz, der ging ganz tief zu Herzen. Da gab es eine Musik, die hat mich angerührt und in meinem Glauben bestärkt. Nicht, weil der Pfarrer oder die Pfarrerin ein so begnadeter Redner wäre oder der Kantor so ein großer Künstler. Sondern weil Gottes Heiliger Geist das Herz berührt hat.
Gott will die Tiefe unseres Herzens mit seiner Liebe erreichen. Aus diesem Grund hat Jesus am Vorabend seines Todes das Abendmahl eingesetzt. In Brot und Wein sollen wir die Erfahrung seiner leibhaftigen Gegenwart mitten unter uns machen; die Erfahrung einer innigen Verbindung mit Gott. Als sie zur Konfirmation zum ersten Mal am Abendmahl teilnahmen, liebe Jubelkonfirmanden, hat sie das damals angerührt? Oder hatten Sie nur Angst, nichts falsch zu machen? Ich erinnere mich noch, dass ich bei meiner Konfirmation sehr aufgeregt war. Aber seitdem habe ich an unterschiedlichen Orten und auf unterschiedliche Weisen sehr berührende Erfahrungen mit dem Abendmahl gemacht. Ich erinnere mich beispielsweise an einen Gottesdienst in der Martin-Luther-Kirche in Dresden-Neustadt. Ein alter Mann war auf dem Weg zum Altarraum, um dort mit den anderen das Abendmahl zu feiern. Er hatte sichtlich Mühe, die Treppenstufen hinauszukommen. Da kam ein ganz junger Mann aus einer ganz anderen Ecke der Kirche. Liebevoll nahm er den Alten am Arm und half ihm mit einer geradezu zärtlichen Art, die Stufen zu überwinden. Da wurde schon vor der Abendmahlsfeier etwas spürbar von der Liebe Gottes, die in Brot und Wein Gestalt annimmt und uns berühren und zu solchen Gesten in die Lage versetzen will.
Liebe Jubelkonfirmanden, Sie wären heute nicht hier ohne die Erfahrung, von Gottes Liebe berührt worden zu sein. Wie und wo auch immer Sie sie gemacht haben. Diese Erfahrung wird Sie auch weiterhin tragen. Der Segen, den ich Ihnen gleich zuspreche, soll Sie darin bestärken – ebenso wie die Tischgemeinschaft in Brot und Wein.
Amen.

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