Predigt am 6. Sonntag in der Passionszeit (Palmarum), 9. April 2017

Predigt am 6. Sonntag in der Passionszeit (Palmarum), 9. April 2017

10.04.2017

zu Markus 14, 3 - 9; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
haben Sie schon einmal einen Krimi gesehen, in dem man von vorn bis hinten in die Irre geführt wurde? Der vermeintliche Bösewicht entpuppt sich als der Retter in letzter Sekunde. Der freundliche Nachbar von nebenan dagegen stellt sich am Ende als der Mörder heraus. Alles ist anders, als man es denkt.
Dieser Grundsatz ist in mehrfacher Hinsicht auch auf die Geschichte der Salbung Jesu anzuwenden. Diese Frau beispiels­weise erscheint als eine recht zweifelhafte Frau. Sie scheint wenig Anstand zu besitzen. Schon dass sie uneingeladen in eine Männerrunde hineinkommt, ist mit den Regeln der Gastfreund­schaft und des Anstands der damaligen Zeit nicht in Einklang zu bringen. Selbst wir heute, wo es kaum noch Konventionen gibt, sind ja sehr vorsichtig damit, uneingeladen in eine Runde hin­einzuplatzen. Aber damit sind ihre Regelverstöße ja noch lange nicht am Ende. Sie geht auf Jesus zu, nähert sich also unauf­gefordert einem Mann. Auch das geht eigentlich gar nicht, um es einmal salopp zu formulieren. Vor allem aber bricht sie das Gefäß mit dem Salböl auf und salbt damit Jesus den Kopf. Das ist nun eindeutig ein Verstoß gegen alle guten damaligen Sitten. Ausleger haben daher in der Frau eine Sünderin gesehen, eine Prostituierte sogar, denn wer hätte sonst so viel Geld für das Öl ausgeben können. Immerhin sind dreihundert Silbergroschen das, was ein Tagelöhner in einem knappen Jahr erarbeiten konnte.
Aber wenn wir genauer hinsehen, dann hat diese Frau eine Mis­sion. In ihr ist die Gewissheit gewachsen, dass Jesus der erhoffte Messias ist. Vielleicht war sie dabei, als Jesus unter Hosianna-Rufen in Jerusalem einzog. Sie hat das Zeichen gesehen, das er selbst gegeben hat: Auf dem Reittier des Königs David, einem Esel, ist er nach Jerusalem gekommen. Sie ist sich sicher: Er wird Israel erlösen. Mit ihm bricht die Herrschaft Gottes an, die er verkündigt hat. Mit ihm werden Frieden und Gerechtigkeit herrschen. Alle Unterdrückung wird durch ihn ein Ende finden. Jesus ist der Messias, der Gesalbte Gottes. Dieser Gewissheit will sie sichtbar für Jesus, sichtbar für seine Jünger, sichtbar auch für die Öffentlichkeit Ausdruck verleihen. So salbt sie ihn zum Messias Gottes – im Vertrauen darauf, dass Gott sie dazu ausersehen hat. Wie eine Prophetin gibt sie ein Zeichen für das, was Gott vorhat mit seinem Volk. Der HERR hat mit Jesus seinen Gesalbten geschickt.
Es ist alles ganz anders. Diese Frau ist eher eine Prophetin als eine Sünderin. Es geht nicht um einen irgendwie gearteten Liebesdienst, sondern um ein prophetisches Zeichen für alle.
Aber auch für diese Prophetin selbst gilt: Es ist alles anders. Das Zei­chen, das sie gegeben hat, ist ein anderes als sie es gedacht hat. Denn der Weg Gottes ist ein anderer als es ihren Vorstel­lungen und denen Israels entsprechen würde. Jesus steht nicht an der Schwelle zu einem göttlichen Königtum über Israel. Er wird nicht einen Thron im Königspalast von Jerusalem besteigen und Pilatus und mit ihm die römische Besatzungsmacht aus dem Land ver­treiben. Jesus wird kein König auf dem Thron Davids werden. Nein, es wird ganz anders kommen. Gott handelt anders als erwartet. Seine Wege sind viel höher als unsere Gedanken und Erwartungen. Jesus steht nicht an der Schwelle eines Triumphes, sondern an der Schwelle eines Leidensweges. Die Treppenstufen zu seinem Thron werden die Pflastersteine auf dem Weg nach Golgatha sein. Seine Inthronisation wird stattfinden, wenn sie ihn ans Kreuz nageln. Seine Insignien bestehen aus dem Schild, das man an das Kreuz nageln wird: „INRI – Jesus Nazarenus Rex Iudaeorum“, Jesus von Nazareth König der Juden. Die Frau hat Jesus nicht zu seiner Inthronisa­tion gesalbt, sondern zu seinem Begräbnis. Sie hat das vorweg­genommen, was am Abend des Karfreitag nicht mehr geschehen kann. Sie hat sich insofern durchaus als eine Prophetin erwiesen. Sie hat – ohne es zu beabsichtigen – ein Zeichen gegeben für den nahen Kreuzes­tod Jesu. Es wird anders kommen. Denn Jesus geht einen anderen Weg. Sein Weg ist nicht der von Macht und Pracht. Auch wenn er sich so hat bejubeln lassen am Palm­sonntag. Sein Weg ist der der Hingabe, der Gewaltlosigkeit und des Leidens.
Ist die Aktion der Frau darum ins Leere gelaufen? Nein, sie hat durchaus wie eine Prophetin gehandelt. Die Frau hat Recht gehabt: Jesus ist der verheißene Messias. Aber er ist es in einer ganz anderen Weise, als Israel es erwartet hat. Weil Gott ganz anders ist. Er handelt an uns und unserer Welt in einer ganz anderen Weise, als wir es uns vorstellen würden. Ein Messias, wie Israel ihn sich vorgestellt hat, hätte Israel und die Welt nicht wirklich erlösen können. Das Problem sind ja nicht in erster Linie die Römer. Das Problem ist unser gestörtes Verhältnis zu Gott. Das musste in Ordnung gebracht werden. Und das war Jesus nur auf dem Weg der Hingabe und der Machtlosigkeit möglich. Nur so konnte Gott in Christus die Welt mit sich selbst versöhnen. Darum musste der Thron Jesu ein Kreuz sein – ganz anders als von allen erwartet.
Einige von den Männern empören sich. Nicht, weil die Frau sich Jesus in einer geradezu unanständigen Weise genähert und ihn berührt hat. Nicht, weil sie alle Regeln gebrochen hat. Die Männer empören sich über die Verschwen­dung des Salböls. Damit sind sie ja auch im Recht. Wenn dieses Öl so viel wert ist, dann hätte man damit das Leben einer ganzer Reihe von Menschen erleichtern können. So viel Geld sollte man nicht einfach verschwenden. Diese Männer verurteilen die Aktion der Frau in ähnlicher Weise wie wir den Luxusbau der Bischofs­residenz in Limburg mit Befremden zur Kenntnis genommen haben. Aber auch hier reagiert Jesus ganz anders als erwartet. Wenn Gott das Leben seines Sohnes an diese Welt verschenkt, hat die Welt dann nicht ein wenig Salböl für den Sohn Gottes übrig? Muss denn alles einem Zweck dienen? Ist die Ver­zweckung allen Tuns nicht gerade ein Ausdruck der Sünde des Menschen? Jesus kritisiert die Frau darum nicht. Er nimmt sie im Gegenteil in Schutz. Nicht aus Barmherzigkeit, sondern weil sie richtig gehandelt hat.

Liebe Gemeinde,
dass der triumphale Einzug Jesu in Jerusalem an einem Kreuz enden musste, das ist seit damals ein Rätsel. Unser Bild von Gott ist offenbar ein völlig falsches. Gott entspricht nicht dem Bild, das wir uns von ihm machen. Für viele ist Gott der große Marionettenspieler, der alle Fäden in der Hand hält. Die einen halten das für eine absurde Vorstellung und finden aus diesem Grund keinen Zugang zum Glauben. Andere wiederum glauben genau in dieser Weise und versuchen, durch den Glauben ein gutes und sorgenfreies Leben zu bekommen. Aber das ist irrig. Gott ist ganz anders. Er geht völlig andere Wege mit uns. Er wischt nicht alle Probleme dieser Welt vom Tisch – auch nicht durch Jesus. Er selbst hat das Leiden nicht vermeiden können. Er ist mitten hineingegangen nicht nur in das Leiden, sondern auch in den Tod. Denn so und nicht anders konnte er Schuld, Leid und Tod überwinden.
Gott handelt auf eine manchmal rätselhafte, manchmal wunder­bare Weise anders als wir es erwarten würden. So lässt er es sich auch gern gefallen, dass wir seine verschwenderische Liebe mit einer ähnlichen Verschwendung beantworten. Dass die Frau Jesus gesalbt hat, war kein Vergehen. Was hätte man in gleicher Weise alles Gutes tun können, wenn man anstatt den Dom zu bauen, all das Silber in die Armenfürsorge gesteckt hätte! Aber so steht der Dom seit mehr als 500 Jahren da als ein stein­gewordenes Lob Gottes. Mit seiner Pracht legt er Zeugnis ab von der Herrlichkeit Gottes. Ich glaube nicht, dass Gott damit ein Problem hat.
Gott lässt es sich gern gefallen, dass wir uns an ihn verschwen­den, so wie er es uns gegenüber getan hat. Wenn wir heute hier zusammen sind, dann gehen wir ja auch verschwenderisch mit unserer Zeit um. Heute Vormittag hätten wir auch etwas Nütz­licheres tun können, als zu singen und eine Predigt anzuhören. Aber Gott hat es eben auch gern, unser Singen und Beten, unser Gotteslob zu hören und die Andacht zu erleben, mit der wir über sein Wort der Heiligen Schrift nachdenken. Das ist übrigens ein Grundfehler, wenn Menschen denken: In den Gottesdienst zu gehen, das bringt mir nichts. Es soll auch nicht allein uns etwas bringen. Der Gottesdienst ist ebenso, vielleicht sogar in erster Linie für Gott da. Er hört unser Gotteslob gern an. Gut, dass wir heute sozusagen dem Beispiel der Frau gefolgt sind und unsere Gaben an ihn verschwenden.
So ist in dieser Erzählung von der Salbung Jesu alles ganz anders. Die Sünderin ist eine Prophetin. Der König wird auf seine Kreuzigung vorbereitet. Die Verschwendung ist Gott angenehm. Gott ist eben anders. Ganz anders. Gott sei Dank.
Amen.

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