Predigt am 6. Sonntag in der Passionszeit (Palmarum), 25. März 2018

Predigt am 6. Sonntag in der Passionszeit (Palmarum), 25. März 2018

25.03.2018

zu Johannes 12, 12 - 19; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
in meine Dienstzeit in der Bischofskanzlei fiel ein Besuch der Königin Margarethe von Dänemark in der Frauenkirche. Es war gar nicht anders denkbar, als dass der Landesbischof sie dort empfangen und mit ihr einen Gang unter der großen Kuppel durch die Frauenkirche machen würde. Aber wie tritt man einer Königin als Landesbischof entgegen? Den ganz normalen Straßenanzug hielt der damalige Landesbischof nicht für angemessen. So wurde ich beauftragt, eine Lutherweste bei einem Fachgeschäft für Kirchenbedarf in Hamburg zu bestellen. „Eine Lutherweste in vier Wochen?“ fragte die freundliche Mitarbeiterin ungläubig. „Das ist auf keinen Fall machbar!“ „Es kommt aber die Königin von Dänemark nach Dresden und der Landesbischof benötigt die Weste zu diesem Anlass“, entgegnete ich. „Ach so“, sagte die Dame am anderen Ende der Telefonleitung. „Das ist natürlich etwas anderes. Wann genau ist der Besuch? Wir schicken sie ihnen rechtzeitig zu.“ – Wenn ein König oder eine Königin kommt, dann ist das etwas Besonderes. Dann wird auch einmal Unmögliches möglich gemacht und das ohne weiteren Kommentar.
Wie einen König haben die Einwohner von Jerusalem Jesus begrüßt. Er gab ihnen dazu auch den Anstoß. Jesus kam nicht zu Fuß nach Jerusalem. Er inszenierte sich als den König, den ein Prophet wie Sacharja angekündigt hatte. Ganz bewusst ritt er auf einem Esel ein – dem Reittier des Königs David 1000 Jahre vor Jesus – und machte so deutlich: „Ich bin der König des Friedens, den der Prophet angekündigt hat. Ich bin der Nachkomme des Königs David, den die Menschen als den Gesalbten Gottes, den Messias, erwarten. Ich bin der, den Gott gesandt und bevollmächtigt hat.“ Jesus hat den Menschen in Jerusalem ganz unmissverständlich mit seinem Einzug auf dem Esel zu verstehen gegeben, wer er ist und was er sein will: der König des himmlischen Friedens.
Entsprechend haben die Einwohner Jerusalems darauf reagiert. Im Johannesevangelium lesen wir, dass die Menge Jesus mit Palmzweigen entgegen gegangen ist und mit Hosianna-Rufen begrüßt hat. Hosianna heißt so viel wie: „Hilf doch“. Auf den König des Friedens Gottes richteten sich viele Erwartungen. Aber die wichtigste davon war, dass er dem Volk in seiner Not helfen und es aus der Unterdrückung befreien sollte.
Nach den anderen Evangelien haben die Menschen am Straßenrand in Jerusalem ihre Kleider auf den Weg gelegt. Welche Geste der Wertschätzung das ist, können wir heute kaum nachvollziehen mit unseren oft mehr als gut gefüllten Kleiderschränken. Damals aber war Kleidung etwas ausgesprochen Wertvolles und Kostbares. Kleidung trug und flickte man, bis es gar nicht mehr ging. Kleidung konnte auch selten gewaschen werden. Kleidung abzulegen, auf dem Boden auszubreiten und einen Esel darauf herumtreten zu lassen, das hat darum etwas bedeutet für die Menschen. Das war ein Akt ausgesprochener Ehrerbietung und Opferbereitschaft.
Wenn wir am Beginn der Karwoche das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem hören, dann stellt sich für uns auch die Frage: Wie begrüßen wir Jesus, den Christus, in unserem Leben. Achten wir ihn wie einen König? Bringen wir ihm dieselbe Ehrerbietung entgegen, wie es die Männer und Frauen in Jerusalem getan haben. Legen wir eine ähnliche Opferbereitschaft an den Tag? Würden auch wir buchstäblich „unser letztes Hemd“ geben, um den König Gottes zu begrüßen?
Anfang des Jahrhunderts hat ein Filmemacher mit seiner Kamera das Leben der Mönche in der Großen Kartause nördlich von Grenoble festgehalten. Den Film haben einige von uns am Donnerstag im Rahmen der Fastenzeitreihe gesehen. Er zeigt das Leben der Kartäuser-Mönche, die sich der Stille und Einsamkeit, der Askese und vor allem dem Gebet verschrieben haben. Der Film lässt einen am Leben dieser Mönche ganz unmittelbar teilhaben, weil man nichts zu sehen und hören bekommt, als das, was ein Gast im Kloster auch sehen und hören würde. Zu sehen ist das äußerst karge Leben der Mönche, die ihren Tag weitgehend allein verbringen. Sie beten, sie verrichten Arbeiten wie das Kochen oder das Sägen des Feuerholzes für die kleinen Öfchen, die die Zellen im Winter vermutlich nur unzureichend beheizen. Zu hören ist in dem fast dreistündigen Film nur wenig: Man hört den bullernden Holzofen, die Schritte im Kreuzgang, das Läuten der Glocken, den Klang der Holzlöffel in den blechernen Essschüsseln. Stimmen hört man in diesem dem Schweigen verpflichteten Kloster so gut wie nicht. Es gibt nur eine Szene, wo die Mönche an einem Sommernachmittag im Garten sitzen und sich über die Ordensregeln austauschen. Ein alter und blinder Mönch gibt an anderer Stelle Auskunft über seinen Glauben. Unter anderen sagt er, dass er Gott schon oft gedankt habe für seine Erblindung. Das sei sicherlich ein ganz großer Schatz für seine Seele. Auch erzählt er, dass er keine Angst vor dem Tod habe. Der Tod sei doch im Gegenteil ein Anlass zu großer Freude, denn durch ihn käme man doch zu Gott.
Durch das Fehlen jeglicher Kommentare und durch die weitgehende Abwesenheit von menschlichen Stimmen oder gar Musik zieht einen der Film regelrecht hinein in das klösterliche Leben und man bekommt eine Ahnung, was es für die Mönche bedeutet. Mir ist dabei einerseits schon klar geworden, warum Luther das Klosterleben auch aus eigener Erfahrung abgelehnt hat. Die Kargheit des Lebens dieses Klosters ist schon ein Versuch, durch einen Ausstieg aus der Welt Gott näher zu kommen. Für Luther unterlag das dem Verdacht der Werkgerechtigkeit. Das ist das Bestreben, sich aus eigenen Anstrengungen das Heil zu erwerben. Aber im positiven Sinn beeindruckend ist schon, dass sich die Mönche der „Grande Chartreuse“ ganz und gar Christus als ihrem König verschrieben haben und hingeben. Er und nur er soll ihr Leben bestimmen. Das Gebet zu ihm ist der entscheidende Lebensinhalt. Davon soll nichts Weltliches ablenken. Er ist der König des Lebens dieser Mönche. Vom Eintritt ins Kloster bis zum Tod; vom Morgen bis zum Abend.
Diese Woche führt uns nun gedanklich auf den Weg, den Jesus an das Kreuz gegangen ist. Sein Thron stand nicht in einem Palast, sondern auf dem Berg Golgatha. Er hat ihn nicht bestiegen, sondern man hat ihn daran genagelt. Aber gerade so ist er zu dem König eines wirklichen von Gott geschenkten Friedens geworden. Gerade so will er der König eines jeden Christen und damit auch unseres Lebens sein.
Aber stehen wir ihm gegenüber, als ob er auch der König unseres Lebens sei? Wird in unserem Leben das Unmögliche möglich, weil es sich um den König Jesus Christus handelt? Widmen wir ihm unser Leben auch nur ansatzweise so, wie es die Karthäusermönche in Grenoble im Extrem tun?
Manche von uns Evangelischen tun es überhaupt nicht. Es gibt ja Kirchenglieder, die man eher als Fördermitglieder bezeichnen könnte. Ob sie sich selbst als Christen verstehen, wird in manchen Fällen eher zu verneinen sein. In jedem Fall gehen unter den Evangelischen in Deutschland 95% am Sonntag nicht in einen Gottesdienst. „Wozu auch?“ würden sie sagen. Dass Christus der König ihres Lebens ist, wird man dann wohl kaum sagen können. Aber auch wir, die wir es ja zumindest heute anders machen, behalten unsere Kleidungsstücke in der Regel lieber an und legen sie eher nicht dem König zu Füßen. Unser Leben wird von sehr vielen Dingen bestimmt, aber nur zu einem Teil von Christus, dem eigentlichen König unseres Lebens. – Da ist es gut, dass dieser König ein barmherziger König ist, dass er sich für unser Ungenügen, unsere Schwächen, unsere Schuld in den Tod hineingegeben hat. Das lässt uns immer wieder neu an den Straßenrand von Jerusalem treten und einen neuen Versuch starten, ihn als König zu ehren.
Und dann wird auch immer wieder an uns sichtbar, wer der Herr unseres Lebens ist. Da nehmen sich Ehrenamtliche die Zeit, mitten in ihrem Berufsalltag für zwei Stunden die Arbeit zu unterbrechen, um an einer wichtigen Besprechung für die Gemeinde teilzunehmen. Da nehmen es Glieder unserer Gemeinde treu auf sich, Besuche machen, auch wenn die Türen nicht immer offen stehen. Da gibt es große Herzen, die  erhebliche Summen an Geld spenden für einen guten Zweck – wir haben uns gerade über zwei Spenden a 2000 € für den Kreuzgang gefreut. Da tragen es Familien mit, dass Haupt- und Ehrenamtliche Zeit der Gemeinde widmen, die dann der Familie fehlt. Das sind Zeichen, an denen auch an uns und unter uns sichtbar wird: Christus ist der König unseres Lebens. Auch wenn wir ihm nicht zu jeder Zeit so die Ehre geben, wie er es verdient hätte. Aber wir versuchen wir es immer wieder von Neuen, ihm ein klein wenig von unserem Leben zu geben, der ja für uns sein ganzes Leben gegeben hat. Immer wieder versuchen auch wir mit unserem Leben einzustimmen in den Lobgesang: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.
Amen.

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