Predigt am 5. Sonntag in der Passionszeit (Judika), 7. April 2019

Predigt am 5. Sonntag in der Passionszeit (Judika), 7. April 2019

07.04.2019

zu Johannes 18, 28 - 19, 5; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Lieber Evangelist Johannes,
die Passionsgeschichte Jesu, die du uns aufgeschrieben hast, ist wirklich ein Meisterwerk – in jeder Hinsicht. Kein Wunder, dass eineinhalb Jahrtausende nach dir ein nicht weniger genialer deutscher Komponist und Organist deinen Text auf eine so wunderbare Weise vertonen konnte. Die Musik haben wir regelrecht im Ohr, wenn wir deinen Text lesen: „Wäre dieser nicht ein Übeltäter…“ oder „Was ist Wahrheit“. Das haben fast alle von uns im Ohr, wenn sie deine Passionsgeschichte hören oder lesen. Insofern weiß ich gar nicht, was ich darüber predigen soll. Eigentlich hast du schon alles gesagt.
Aber das ist nicht das Anliegen dieses Briefes. Ich kann dich nicht nur loben. Ich habe auch eine kritische Anmerkung: Das ist diese Sache mit dem Barabbas. Du schreibst, er sei ein Räuber gewesen. Nun wissen wir auch heute noch und leider auch wieder, was du damit gemeint hast. Er war ein Zelot. Übersetzt: ein Räuber. In anderen Worten: ein Fanatiker. Er gehörte zu denen, die wir heute Terroristen nennen würden oder auch Freiheitskämpfer – je nach Standpunkt. Er war einer, der sich mit einem Messer unter eine Menge mischte, das Messer einem römischen Soldaten, der gerade unterwegs war, durch die Rippen ins Herz stach und dann in der Menge untertauchte. Mit solchen Mordanschlägen wollten die Zeloten Israel befreien und dem Messias den Weg bereiten. Wir haben in unserer heutigen Zeit wieder mit solchen gewaltbereiten religiösen Fanatikern zu tun. Insofern können wir uns schon vorstellen, was die Zeloten für Leute waren.
Aber, lieber Johannes, ist es dir nicht merkwürdig vorgekommen, dass die jüdische Volksmenge ausgerechnet einen solchen Terroristen freigelassen sehen will und Jesus den Tod am Kreuz wünscht? Ich weiß ja, dass Du selbst erst siebzig Jahre später dein Evangelium aufgeschrieben hast. Du warst nicht dabei. So wie ich nicht dabei war, als vor siebzig Jahren die beiden deutschen Staaten gegründet wurden. Aber kannst du dir wirklich vorstellen, dass das Volk am Palmsonntag Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem erst über alle Maßen bejubelt und ihn dann gekreuzigt sehen will? Ja, manche waren sicher enttäuscht. Sie hatten sich etwas anderes vorgestellt. Sie wollten Jesus als einen strahlenden Helden sehen. Sie konnten nicht verstehen, dass sein Reich nicht von dieser Welt sein sollte. Sie wollten einen himmlischen König auf Erden haben, der die Römer vertreibt und Israel befreit. Sie wollten einen Himmel auf Erden. Aber glaubst du wirklich, dass die Enttäuschung so groß war, dass sie ihn alle am Kreuz sterben lassen wollten? Gut, bei Markus, dem ältesten Evangelium, steht, dass die Hohenpriester die Leute aufgewiegelt hätten. Wie manipulierbar die Menschen sind, das wissen wir heute auch. Da reichen ein paar falsche Informationen, die russische Hacker streuen, und schon stimmen die Briten mehrheitlich für einen Austritt aus der EU. Dennoch: Ich bin gegenüber der Aufwiegelungsthese skeptisch. Ich habe eine ganz andere Vermutung. Bar-Abba, das heißt doch auf aramäisch „Sohn des Vaters“. Das könnte doch ein Beiname Jesu gewesen sein! Jesus hat doch Gott im Himmel als seinen Vater bezeichnet. Er hat seine Jünger gelehrt, zu Gott als einem Vater zu beten: „Vater unser“. So beten wir es noch heute. Jesus hat Gott in der Geschichte vom verlorenen Sohn mit einem liebevollen, liebenden, gar mütterlichen Vater verglichen. Barabbas, das war kein anderer als Jesus selbst! Vermutlich haben eben etliche in der Menge sich dafür eingesetzt, dass Jesus, der Sohn des himmlischen Vaters, freigelassen wird. Jesus sollte nach dem Willen der Volksmenge freikommen, nicht irgendein Mörder aus nationalistisch-religiösen Beweggründen.
Lieber Johannes, ich muss es kritisieren, dass Du das so von den älteren Evangelien übernommen hast. Denn diese Barabbas-Geschichte hat eine schlimme Nachgeschichte gehabt. Ich weiß schon, du kannst nichts dafür. Zu deiner Zeit hatten die Juden euch als Sekte aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Sie waren eine Gefahr für euch Christen. Dass man da nicht immer objektiv ist, kann ich gut verstehen. Aber gib es zu: Das war schon auch eine willkommene Vorlage für dich in der Auseinandersetzung mit dem Judentum, die dir Markus, Matthäus und Lukas geliefert haben. Natürlich konntest du nicht ahnen, dass das jüdische Volk wegen genau dieser Geschichte einmal umgekehrt von uns Christen bedrängt und unterdrückt werden würde. Dass im 20. Jahrhundert politische Fanatiker den daraus entstandenen Judenhass für ihre eigenen Zwecke und für einen furchtbaren Massenmord nutzen würden, ist auch nicht deine Schuld. Aber ich finde, du solltest das wissen.
Was ich dir aber zugestehen muss: Theologisch ist das schon genial, was du mit dieser Barabbas-Szene zum Ausdruck gebracht hast. Barabbas wird freigelassen und Jesus gekreuzigt. Der schuldige Mensch kommt frei und der unschuldige stirbt. Ja klar, genau darum geht es am Karfreitag; das ist der Sinn des Kreuzes:
Jesus stellt sich auf die Seite all derer, die unter die Räder der Mächtigen kommen. Er erleidet mit ihnen ihr Schicksal. Jesus war darum auch an der Seite der Menschen aus seinem jüdischen Volk, die von uns Christen verfolgt wurden, und erst Recht war er an der Seite der Opfer der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Jesus war auch in Auschwitz – schon damals am Kreuz auf Golgatha. Denn auch er war – wie sein Volk im letzten Jahrhundert – unschuldig und musste sterben, weil der den Mächtigen im Weg war. An dieser Stelle hat Markus ja Recht. Auch der jüdischen Priesterschaft war Jesus ein Dorn im Auge. Dass er als der „Sohn das Vaters“ galt, das war in ihren Augen eine furchtbare Gotteslästerung. Außerdem hatte er den ganzen Tempelbetrieb mit seiner neuartigen Verkündigung gestört. So einer musste sterben. Aber auch die Römer waren nicht unschuldig. An dieser Stelle, lieber Johannes, hast Du wohl die Zensur der römischen Behörden gefürchtet und die Rolle der Römer heruntergespielt. Pilatus konnte seine Hände gar nicht in Unschuld waschen. Dafür hätte alles Wasser in Jerusalem nicht ausgereicht. Auch er fürchtete die Macht, die Jesus durch das Ansehen im Volk gegen die römische Herrschaft hätte nutzen können. Darum musste Jesus sterben – auch wenn er niemals einen Aufstand anführen wollte. Sein Reich war ja nicht von dieser Welt, wie du zu Recht betonst. Jesus war unschuldig. Er hat sich auf die Seite der unschuldig Leidenden gestellt. Von denen gibt es in unserer Zeit auch genügend Menschen – von verfolgten Christen bis hin zu den Opfern unserer heutigen religiösen und politischen Fanatiker.
Der unschuldige Mensch – Jesus – stirbt und der schuldige – Barabbas – kommt frei. Wegen dieses Satzes war dir die Barabbas-Szene so wichtig, lieber Johannes. Aus Sicht eines Theologen stimme ich dir da voll und ganz zu. Barabbas steht hier ja im Grunde für uns alle, die wir in der einen oder anderen Weise Schuld auf uns laden. In unserer Zeit versündigen wir uns beispielsweise an den kommenden Generationen, indem wir einen Lebensstil pflegen, der ihnen einmal das Leben sehr schwer machen wird. Aber auch sonst sind wir Menschen einfach zu sehr auf unsere eigenen Interessen bezogen. Im Grund sind wir alle nicht besser als dieser Barabbas, den ihr Evangelisten uns schildert. Das ist das Bedeutsame an dieser Szene: diese Aussage „Der schuldige Mensch kommt frei“. Denn normalerweise würde unser Selbstbezogenheit, unsere Sünde uns ja von Gott trennen müssen. Aber Jesus geht in den Tod am Kreuz, damit wir nicht verloren gehen. Er setzt ein unübersehbares Zeichen dafür, was eigentlich unser eigenes Schicksal sein müsste. Statt unser stirbt Jesus den Tod in der Gottverlassenheit. Aber genau dieses Schicksal wendet er damit von uns ab. Er nimmt es auf sich, damit wir es nicht erleiden müssen.
Dankbar bin ich Dir, dass Du uns auch noch zeigst, warum es so ist. Dass Pilatus sagt „Seht, welch ein Mensch“, das kann man ja leicht überlesen. Dabei ist das „Seht“ so überaus wichtig. Wir sollen auf diesen gekreuzigten, leidenden Menschen sehen. Denn an ihm sehen wir, wie groß die Liebe des Vaters ist. So groß, dass er sich in seinem Sohn ans Kreuz nageln lässt. Wen das nicht berührt, dem ist nicht mehr zu helfen. Diese überquellende Liebe kann einen nur zum Glauben an Jesus Christus bewegen. So werden wir mit Christus verbunden. So werden wir nicht verloren gehen. So kommen wir wie Barabbas frei. Wie du das mit diesen wenigen Worten des Pilatus zum Ausdruck bringst, das ist schon beeindruckend.
Der unschuldige Mensch stirbt und der schuldige kommt dadurch frei. Jesus gibt sein Leben und uns wird es geschenkt. Danke, dass Du uns diese frohe Botschaft aufgeschrieben hast, lieber Evangelist Johannes.
Amen.

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