Predigt am 5. Sonntag in der Passionszeit (Judika), 2. April 2017

Predigt am 5. Sonntag in der Passionszeit (Judika), 2. April 2017

03.04.2017

zu 1. Mose 22, 1 - 13; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
„niemals würde ich meine Kinder opfern. Nicht im Traum würde ich daran denken. Da könnte Gott mir sagen, was er will.“ Sind Ihnen diese Gedanken auch gekommen, als sie eben den Text von der verhinderten Opferung Isaaks hörten? Mir sind solche Gedan­ken sehr nahe. Aber als ich weiter darüber nachdachte, was Abraham da getan hat, da wurde mir klar: So weit entfernt von ihm bin ich gar nicht. Meine Kinder mussten immer mal darunter leiden, dass ich ein Pfarrer geworden bin. Wie oft mussten sie zurückstecken gegenüber der Gemeinde. In der Schule mussten sie sich als Pfarrerskinder sich so manche spöttischen Blicke gefallen lassen, wenn es um das Thema Kirche oder Glauben ging. Sie waren – ohne es zu wollen – in den Augen ihrer Mit­schüler Repräsentanten der Kirche. Und so merke ich: Ich bin mitten drin in der Isaak-Geschichte. Auch meine Kinder sind in gewisser Weise zu Opfern dessen geworden, was ich als den Willen Gottes für mein Leben erkannt hatte.
Ich bin mitten also mitten drin in dieser Geschichte. So kann ich mir die Erzählung von Abraham und seinem einzigen Sohn Isaak geradezu von innen ansehen.
Als Erstes entdecke ich, dass sie ganz vielschichtig ist. Der im letzten Jahrhundert bekannte Alttestamentler Gerhard von Rad hat vor sechzig Jahren in einem Kommentar geschrieben, man könne bei dieser Geschichte nicht sagen, welches ihr eigentlicher Sinn sei. Sie sei so kunstvoll geschrieben, dass der Leser eine Vielfalt von Botschaften aus ihr entnehmen könne und solle.
So schaue ich mich um. Mir fallen die eingefrorenen Gesichtszüge Abrahams auf, als er das Messer und die Geräte zum Feuer­machen einpackt sowie den Stapel Holz. Gerade eben hat er – wirklich oder vermeintlich – den Auftrag von Gott bekommen seinen einzigen Sohn zu opfern und damit seine ganze Zukunft und die seines Volkes. Was mag in ihm vorgehen? Gott hat ihm doch verheißen, der Vater eines großen Volkes zu werden! Wie kann er da von ihm verlangen, sein einziges Kind zu opfern. Was soll das? Wie passt das mit dem Gott zusammen, dem Abraham sein Vertrauen geschenkt hat. Hat Gott ihn nicht mit dem Ver­sprechen herausgerufen, eine unzählbar große Nachkommenschaft zu bekommen in dem verheißenen Land der Zukunft? – Und wieder merke ich, dass ich noch tiefer in die Geschichte hinein­gerate. Sind das nicht oft auch meine Gedanken? Wenn ich höre, dass ein junger Mann gestorben ist, der gerade erst erwachsen geworden ist. Wenn ich an den Jungen denke, den ich vor einigen Jahren zwei Tage vor seinem achtzehnten Geburtstag beerdigt habe. Oder wenn ich von der jungen Frau höre, die von ihrem Mann und den noch ganz kleinen Kindern nun betrauert werden muss. Wo ist Gott da? Wie soll ich mir bei so etwas einen Reim darauf machen, was Gott in dieser Welt geschehen lässt? Und ich merke plötzlich, dass diese Geschichte durchsichtig wird auf das Kreuz Jesu hin. Hat nicht der Gekreuzigte auch gefragt: Warum? Fühlte er sich nicht auch von Gott im Stich gelassen, als er da am Kreuz hing? Wie froh bin ich, dass das Kreuz nicht das letzte Wort hatte. Denn das Kreuz ist ja angeleuchtet worden vom Licht des Ostermorgens. Wie tief drin stecke ich in dieser Geschichte!
Ich sehe diesen Widder, wie er sich in dem Gebüsch verfangen hat. Leicht kann Abraham ihn darum greifen und ihn anstelle des Kindes opfern. „Gott wird sich ein Opfer ersehen“, hat er Isaak geantwortet. Sein Unterbewusstsein hat gewusst, dass Gott keine menschlichen Opfer haben will. Aber sein Bewusstsein: Hat es sich in völlig falschen Vorstellungen von Gott verfangen? Meinte Abraham nur, dass Gott dieses größte und letzte Opfer von ihm erwartet? Ist er dieser irrigen menschlichen Vorstellung verfallen, ein großes Opfer würde eine große Belohnung Gottes nach sich ziehen? Wie die heidnischen Völker Kanaans es dachten, die dem grausamen Gott Moloch ihre Kinder opferten, wenn eine Miss­ernte drohte? – Wieder spüre ich, wie nah uns Abraham ist. Wie nah sind Menschen zu allen Zeiten dem Abraham in dieser Hinsicht gewesen! Wir wollen uns nichts schenken lassen. Alles muss man im Leben erarbeiten: Das soll ausgerechnet bei Gott anders sein? Und wieder wird mir die Erzählung von der Opferung Isaaks durchsichtig auf das Kreuz hin. Gott will keine Opfer. Im Gegenteil: In Jesus Christus hat er sich selbst geopfert für uns. Er schenkt uns Vergebung und Annahme. Er wendet sich uns zu – ohne dass wir etwas dazu tun könnten. So ist Gott – wie ein liebender Vater; nicht im geringsten wie der Moloch, der uns schwerste Opfer abverlangt.
Aber hat Abraham sich so sehr geirrt, als er die Stimme Gottes zu vernehmen glaubte? Ich sehe den Zweifel in seinem Gesicht, als er Isaaks Fragen hört: „Wo ist das Schaf zum Brandopfer?“ „Ist das wirklich Gottes Wille mit mir und meinem Leben?“ mag Abraham sich gefragt haben. Ich sehe ihn an mir vorbeiziehen. Fast möchte ich ihn am Arm packen und ihn fragen: „Bist Du Dir sicher?“ Aber Abraham kann mich nicht hören. Er würde mich auch nicht verstehen. Denn wie sollte ich ihm erklären, dass wir den Willen Gottes nur von Christus her richtig verstehen können? „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst“, das hat Jesus zu dem höchsten Gebot erklärt. Daran muss sich alles messen lassen, was wir von Gottes Willen zu erfahren meinen! – Mit der Liebe zu Gott passt ja noch einigermaßen zusammen, was Abraham da tun will. Sein Liebstes zu geben für Gott: Welchen größeren Beweis eines Gottvertrauens könnte es geben? Da bewundere ich Abraham geradezu. Dieses Vertrauen, dass Gott es gut mit mir meint, auch wenn ich das Gegenteil erfahre, das ist einzigartig. Da ist Abraham mir ein großes Vorbild. Aber mit der zweiten Hälfte des Doppelgebots passt die Opferung eines Kindes nun wirklich nicht im Geringsten zusammen. Kinder dürfen nicht geopfert werden. Sie sind uns nur anvertraut, damit wir sie lieben und ihnen einen guten Weg in das Leben ermöglichen. Sie sind nicht dazu da, dass wir sie für etwas opfern: nicht für unsere eigenen Wünsche oder Bedürfnisse, auch nicht unseren religiösen Vorstellungen. Gott will das Leben, nicht den Tod!! Hat Abraham das übersehen?
Aber ich komme von ihm nicht los. Denn irgendwie hat er ja auch Recht. Der Glaube ist keine Wohlfühlreligion. Wenn ich auf Gott vertraue, dann habe ich mich ja auch an ihn gebunden. Dann will ich den Weg gehen, den er mir weist. Dann weiß ich, dass dieser Weg auch durch finstere Täler und Durststrecken gehen wird. Jesus hat die Entbehrungen der Nachfolge nicht schön geredet: Wer sich von seinen Lieben verabschieden muss, wer erst seine Toten begraben will, der ist nicht geschickt in das Reich Gottes. Und wie viele sind Jesus bis in das Leiden und Sterben gefolgt. Von den Christen in der Antike, die dem Kaiserbild nicht geopfert haben, bis hin zu den Christen unserer Zeit in den muslimischen oder kommunistischen Ländern. Ich sehe Abraham, wie er sich den Berg Morija heraufschleppt, als würde ihn etwas festhalten, bremsen. Es fällt ihm nicht leicht, zu der Opferstätte zu gehen, aber er geht den Weg, den er als von Gott gewiesen erkannt hat. Er geht den Weg, den er nicht versteht. Er geht den Weg, von dem er vielleicht doch noch hofft, dass Gott einen Ausweg für ihn weiß.
Ich kann mit Abraham nicht weiter mitgehen. Ich kann es nicht mitansehen, wie er das Holz zum Brandopfer aufschichtet. Wo ist Gott?? Er muss doch diesem Irrsinn ein Ende setzen! Und da tut er es. Er schickt seinen Boten und hält das Geschehen an, das fast bis zuletzt abgelaufen ist wie ein Uhrwerk. Das Kind wird leben. Gott war da. Seine Liebe zum Leben, seine Liebe zu uns Men­schen hat sich durchgesetzt. Gott und seinem Engel sei Dank. Ich sehe den Engel an und weiß: Nun muss ich aus dieser Geschichte wieder aussteigen. Aber gerade jetzt würde ich gern noch bleiben; würde voller Freude anhören, wie sich Abraham und Isaak unter­halten; würde sehen wollen, wie sich Abrahams Gesichtszüge entspannen: Sein Vertrauen auf Gott – sogar gegen Gott – hat sich endgültig bewahrheitet.
Das will ich mir mitnehmen aus dieser Geschichte: Manche Wege, die Gott uns führt, sind rätselhaft und mehr als das. Aber es sind Wege, die der Herr mit uns geht. Und wenn er dies tut, dann können sie nicht gottverlassen sein. – Und noch einmal wird mir die Erzählung durchsichtig auf das Kreuz hin. Aber nicht auf das Kreuz, das im Schatten des Karfreitag liegt, sondern auf das Kreuz, das vom Licht des Ostermorgens beschienen wird. Auch Christus ist einen Weg gegangen, den er lieber nicht gegangen wäre. Wie rätselhaft war es für die Jünger, dass Jesus sterben musste am Kreuz. Aber sie sahen am Ostermorgen: Gott hatte ihn nicht im Stich gelassen. Der Weg Jesu endete nicht im Tod, sondern im Licht der Auferstehung.
Das will ich mir mitnehmen: Der Gott Abrahams, der Vater Jesu Christi, geht manchmal unbegreifliche Wege mit uns. Aber er ist immer mit uns – und alle seine Wege führen letztlich zum Leben.
Amen.

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