Predigt am 5. Sonntag in der Passionszeit (Judika), 18. März 2018

Predigt am 5. Sonntag in der Passionszeit (Judika), 18. März 2018

18.03.2018

zu 4. Mose 21, 4 - 9; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
vielleicht kennen Sie die Geschichte von dem Mann, der einen Nagel in die Wand schlagen möchte. Sein Problem ist: Er hat keinen Hammer zu Hand. Also überlegt er sich, er könne ja mal seinen Nachbarn fragen. Aber, so denkt er, vielleicht ist es dem Nachbarn lästig, mir seinen Hammer auszuborgen. Vielleicht hat er keine Lust, in den Werkzeugkeller zu gehen, um den Hammer zu holen. Möglicherweise hat der Nachbar auch Angst, dass ich den Hammer nicht zurückbringe. Und wenn ich ihm versichere, dass ich den Hammer nur ausleihen und nicht behalten will, glaubt er mir sicherlich nicht. Wahrscheinlich lässt er mich auch gar nicht zu Wort kommen, wenn ich frage, und sagt gleich „Nein“. Der Mann gerät über diese Gedanken so in Rage, dass er zu seinem Nachbarn geht, klingelt, und als der Nachbar öffnet, brüllt er ihn an: „Behalten Sie ihn doch, ihren blöden Hammer! Ich brauche ihn gar nicht.“
Liebe Gemeinde, das ist natürlich eine völlig überzogene Geschichte. Jemand hat sie sich ausgedacht, um seine Zuhörer zum Lachen zu bringen. Aber so fern von der Wirklichkeit ist diese Anekdote gar nicht. So etwas Ähnliches gibt es ja. Man beschäftigt sich mit einem Gedanken. Man steigert sich immer mehr in diese Gedanken hinein. Die Probleme türmen sich vor dem geistigen Auge immer höher und immer höher auf. Irgendwann kommt man dann aus diesem Kreisen in den unguten Gedanken kaum noch heraus. Die meisten von uns werden das schon erlebt haben. Besonders, wenn es um einen Konflikt geht, kann man sich sehr in solche unguten Gedanken hineinsteigern. Da unterstellt man dann dem anderen immer schlimmer Motive und Absichten. Alles, was er oder sie tut, wird nur unter dem Aspekt gesehen, dass er oder sie mir etwas Böses wollen. Dass das in der Geschichte in einen zu vermutenden offenen Konflikt mündet, ist bezeichnend.
Ganz ähnlich ist es den Israeliten gegangen. Sie waren auf einer langen Wanderung in das verheißene Land ihrer Vorfahren. Sie waren in Ägypten voller Hoffnung und Vorfreude aufgebrochen. Aber davon war nicht viel übrig geblieben. Zu dem Zeitpunkt, wo wir ihnen hier begegnen, haben sie eigentlich nur noch die Nase voll von dem ständigen und kein Ende nehmenden Umherziehen. Und dann kommen sie an die Grenze zum Gebiet der Edomiter und die geben ihnen zu verstehen, dass sie einen Durchmarsch eines ganzen Volkes als eine Invasion ansehen und sich militärisch verteidigen werden. Also müssen die Israeliten umkehren und sich wieder auf den Weg in genau die Richtung machen, aus der sie schon gekommen sind. Dass die Enttäuschung da tief sitzt und sich in Ärger und Protesten Bahn bricht, kann man ganz gut nachvollziehen. Gerade in Zeiten der Enttäuschung und nicht zuletzt körperlicher Erschöpfung fällt es ihnen immer schwerer, sich nicht in unguten Gedanken dem Mose und auch Gott gegenüber zu verlieren.
Die feurigen und vermutlich auch geflügelten Schlangen, die dann auftauchen, sind ein Symbol dafür, dass solche unguten Gedanken einen geradezu auffressen. „Er war ganz schön angefressen“, sagt man von einem Menschen, der sich über etwas sehr ärgert. Das ist dieser Geschichte von den beißenden Schlangen ganz nahe, wenn es nicht sogar von dieser Geschichte abgeleitet ist. Die Israeliten haben sich von ihrer Enttäuschung, ihrem ständigen Fragen, wie weit sie denn noch durch die Wüste laufen müssen, ihren Gedanken an besseres Essen und bequemere Schlafplätze, ihrer Enttäuschung und ihrem Ärger gefangen nehmen lassen. Und ohne es zu merken, haben sie sich damit von sich selbst entfremdet. Das sind gar nicht mehr sie selbst, die da durch die Wüste ziehen. Sie haben sich auch voneinander entfremdet und vor allem von Gott. Die Schlangen zeigen das. Wer sich den unguten Gefühlen und Gedanken so sehr hingibt, der ist wie angefressen oder eben wie gebissen.
Dass die Israeliten das noch bemerken, dass sie gebissen werden, weil sie sich ihrem Ärger und ihrer Enttäuschung so hingegeben haben, ist schon etwas Besonderes. Sie sehen, dass sie schuldig geworden sind vor Gott. So wenden sie sich an Mose. Er soll Gott um Hilfe bitten.
Diese Hilfe lässt nicht lange auf sich warten. Gott will uns aus diesem Kreisen um uns selbst befreien. Daher lässt er den Mose die berühmte „Eherne Schlange“ anfertigen, die hier in Freiberg sogar – und das ist wohl einmalig in Deutschland – einer Straße den Namen gegeben hat. Sie ist ein Symbol dafür, dass Gott uns nicht unseren unguten Gedanken und den darauf folgenden Taten überlässt. Gott will nicht, dass wir uns von uns selbst, von den Menschen um uns herum und von ihm entfremden. Und so lässt er den Mose eine Schlange aus Kupfererz oder Bronze machen. Wer diese ansieht, wird gerettet. Er wird zwar noch gebissen, aber er muss daran nicht mehr zugrunde gehen.
Die eherne Schlange ist ein Zeichen für den Rettungswillen Gottes. Wer den Blick auf sie richtet, wird gerettet. Das bedeutet, wer den Blick auf das richtet, was Gott uns schenkt, den können seine unguten Gedanken und Verhaltensweisen nicht mehr zerstören. Sie mögen immer noch da sein, so wie die Schlangen immer noch zubeißen. Aber wer auf Gottes Gnade schaut, wie sie in der ehernen Schlange sichtbar wird, dem kann dieses ungute Kreisen um sich selbst und dieses Gefangensein in den unguten Gedanken nicht mehr von Gott, den Mitmenschen und sich selbst trennen. Er geht darin nicht mehr verloren, weil er in Gottes Gnade den Rettungsanker in den Blick genommen hat.
Das Johannesevangelium nimmt in Kap. 3, Vers 14, auf diese Erzählung Schlange Bezug. Da heißt es: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ Für uns Christen ist also das Kreuz Jesu die eherne Schlange, die uns vor dem Verderben bewahrt. Auf Christus und sein Kreuz zu sehen, bedeutet die Rettung: Durch seine Hingabe an uns, kann uns das ungute Kreisen um uns selbst nicht mehr von Gott entfremden. Christus hat sich den Folgen unserer Schuld hingegeben, damit sie uns nicht mehr von ihm und dem Leben mit ihm trennen kann. Er ist sozusagen eingebrochen in dieses Gefängnis unserer unguten Gedanken und des darauf folgenden Tuns, damit wir daraus ausbrechen können:
- Alle unter uns, die Eltern sind, haben es vermutlich schon mal erlebt, dass ein Kind nachts nicht schlafen kann. Es wird mit seinen Ängsten, seinen Sorgen nicht fertig. Sie lassen es nicht zur Ruhe kommen. Wenn es dann aber im Bett seiner Eltern liegt, schläft ein Kind oft sofort ein. In gleicher Weise dürfen wir auf das Kreuz sehen und uns sozusagen in die Arme Jesu flüchten. Wir dürfen auf das Kreuz sehen, um unsere Ängste, unsere unguten Gedanken oder unsere Aversionen zu bezwingen oder sie wenigstens in Schach zu halten.
- Wer in einer depressiven Verstimmung oder gar einer richtigen Depression gesteckt hat, weiß, wie schwierig es ist, aus diesem Kreisen um die eigenen Sorgen und Ängste herauszufinden. Wie hilfreich ist da ein gutes Wort der Zuversicht. Das darf aber kein: „Es wird schon wieder“ sein. Dieses Wort muss schon einen Ausweg aufzeigen oder wenigstens eine Möglichkeit eröffnen, einen zu finden. Genau so etwas finden wir, wenn wir auf den erhöhten Christus schauen, wie die Israeliten auf die erhöhte eherne Schlange. Durch das Kreuz Christi hindurch sehen wir das Licht von Ostern herkommen. Wir ahnen etwas von der Überwindung von Leid, Schuld und Tod. Wir schöpfen daraus Zuversicht und die Kraft, aus der Falle der unguten oder gar zerstörerischen Gedanken herauszufinden.
Im Kindergottesdienstworkshop hat Ortrun Peuckert zu einem Bild mit Vögeln gesagt: „Man kann nicht verhindern, dass die Krähen über dem eigenen Kopf kreisen. Aber man kann verhindern, dass sie sich einnisten.“ Um das zu tun, sehen wir auf das erlösende Kreuz Christi und wissen: Durch ihn wird alles gut.
Amen.

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