Predigt am 4. Sonntag vor der Passionszeit, 10. Februar 2019

Predigt am 4. Sonntag vor der Passionszeit, 10. Februar 2019

10.02.2019

zu Markus 4, 25 - 41; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
ich gehe über einen zugefrorenen Teich. Schnee liegt auf dem Eis. Nicht viel. Es lässt sich gut laufen. Plötzlich fängt es unter meinen Füßen an zu knacken. Das Eis scheint dünner zu sein als ich gedacht hatte. Panik steigt in mir auf. Was, wenn das Eis jetzt bricht? Im kalten Wasser werde ich nicht lange überleben können. Ich gehe weiter. Plötzlich ist mein Fuß nass. Ich breche ein. In dem Moment wache ich schweißgebadet auf. Ich muss wohl einen Schrei ausgestoßen haben, denn meine Frau ist auch wach. „Hast du wieder diesen Alptraum gehabt?“ fragt sie. „Ja, es war wieder der Traum von dem zu dünnen Eis unter meinen Füßen!“
Am nächsten Morgen spricht sie mich am Frühstückstisch noch einmal darauf an. „Wenn Dich das so fertig macht, musst du endlich mal etwas unternehmen“, sagt sie. „Immer wieder dieser Traum. Das hat doch etwas zu bedeuten. Deine Seele scheint Dir sagen zu wollen, dass du endlich wieder festen Boden unter den Füßen brauchst.“ – „Was soll ich denn machen? Wenn ich jetzt gehe, sitzen meine Mitarbeiter in der Abteilung doch alle auf der Straße. Und nicht alle werden so schnell wieder etwas finden.“
„Dann musst du lernen mit deinen Existenzängsten umzugehen. Du brauchst einen inneren Halt; etwas, das dich trägt.“ – „Jetzt fang bitte nicht wieder mit deiner Kirche an“, entgegne ich. „Ein Gott wird die Insolvenz unseres Unternehmens auch nicht verhindern können. Und zu so einem Psychoheini gehe ich schon gar nicht.“
„Das ist dein Problem, dass du immer allein zurechtkommen musst. Nur keine Schwäche eingestehen. Dabei sagt deine Seele etwas ganz anderes. Tief in Dir steckt eine große Angst; vielleicht nicht nur wegen der Lage eures Betriebs. Als dein Freund Dieter neulich gestorben ist, hast du tagelang kaum gesprochen. Tu doch nicht so, als hätte dich das nicht ebenfalls zutiefst verunsichert.“ – „Das stimmt schon“, gebe ich zu. „Dass einer, der nur drei Wochen älter war als ich, schon tot ist, das hat mich sehr erschüttert. Die Einschläge kommen immer näher. Ja, der Gedanke an den Tod macht mir schon Angst. Wem würde er es nicht tun? Außerdem war Dieter so ein Fels in der Brandung. Er hatte immer einen guten Rat und ruhte so wohltuend in sich. Dass er nicht mehr da ist, das hat mir schon auch ein wenig den Boden unter den Füßen unsicherer werden lassen.“
„Du erinnerst mich ein wenig an die Jünger Jesu im Boot auf dem See Genezareth“, sagt meine Frau plötzlich. „Jetzt fängst du ja doch wieder an“, versuche ich diese Art von Gespräch im Keim zu ersticken. „Nun hör doch wenigstens einmal zu“, lässt sie sich nicht beirren. „Diese Geschichte passt wirklich zu Dir. Neulich auf meinem Bibliodrama-Workshop haben wir die mal nachgespielt.“ „Lauter Frauen, die Jesu Jünger spielten?“ lache ich. „Ob Frauen oder Männer, das ist doch egal“, überspielt sie meinen Einwurf. „Aber du hast Recht: In die Ängste dieser Männer konnten wir uns nicht ganz hineinversetzen.“ „Was denn für Ängste? frage ich.“ Ein wenig neugierig hat sie mich jetzt doch gemacht. „Die Ängste von Männern, die in einer winzigen Nussschale von Fischerboot auf einem ziemlich großen See in einen schweren Sturm geraten.“ – „Das klingt aber ungemütlich. Erinnert mich ein wenig an meinen Traum.“ – „Ja, da gibt es Parallelen. Die Jünger haben in dem Sturm um ihr Leben gekämpft – wie Du in deinem Traum. Wenn das Boot gekentert wäre, wären sie alle ertrunken. Und das Wasser stand schon ziemlich hoch in dem Boot.“ – „Ich denke, sie hatten Jesus dabei. Konnte der nichts machen?“ frage ich und versuche mich von dem unguten Gefühl in mir durch einen Schluck Kaffee abzulenken. „Er hat im Boot geschlafen nach einem langen Tag voller Begegnungen mit Menschen. Er war darum da und gleichzeitig doch nicht da. Das war es übrigens, was mich an diese Geschichte erinnert hat. Genauso geht es dir doch auch! Du bist getauft. Du bist sogar konfirmiert. Es gibt Jesus Christus in deinem Leben und doch gibt es ihn nicht. Als würde er hier in dieser Wohnung in einem Zimmer liegen und schlafen. Er spielt einfach in deinem Leben keine Rolle. Ohne ihn hast du aber keinen tragenden Grund unter den Füßen. Im normalen Alltag hast du das nie gemerkt. Aber jetzt, wo sich alles in deinem Beruf, woran du jahrelang gearbeitet hast, aufzulösen scheint, da spürst du es. Und dazu noch der Abschied von Dieter. Darum schreit deine Seele jede Nacht um Hilfe, weil deine Ängste dich ohne ein Vertrauen auf Christus überwältigen.“
„OK“, sage ich und versuche aus der Defensive herauszukommen. „Dem Dieter hat es jedenfalls nicht viel genützt, dass er seinen Glauben hatte. Der Krebs war dann doch stärker! Da hätte Gott mal was tun können. Aber da hat er wohl auch geschlafen, wie Jesus im Boot.“ Meine Frau macht ein Gesicht, bei dem ich schon weiß, was sie denkt: Nichts hat er verstanden! – Ja, im Grunde hat sie vielleicht Recht. Dieter hat sein Schicksal mit einer erstaunlichen Gelassenheit bewältigt. Ich habe mich immer gefragt, woher er die Kraft dazu hat. Wahrscheinlich war es wirklich sein Glauben. Ich versuche das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken: „Und wie ging es dann weiter? Sind sie abgesoffen oder hat Jesus noch was gemacht?“ „Erst mal haben die Jünger was gemacht. Sie sind zu Jesus gegangen und haben ihn in ihr Leben zurückgeholt.“ – „Wie haben sie denn das gemacht?“ – „Sie haben ihn geweckt. Sie fühlten sich von Christus im Stich gelassen. Sie haben das auch gesagt – nicht ohne den vorwurfsvollen Unterton, den ich eben von Dir auch gehört habe, als es um Dieter und seine Krankheit ging. Aber sie haben sich in ihrer Angst dann doch zu Jesus geflüchtet. Und genau das würde dir auch guttun.“ Irgendwie gerate ich bei diesem Gespräch am sonntäglichen Frühstückstisch immer weiter in die Defensive. „Noch mal: Und wie ging es dann weiter? Sind sie abgesoffen oder hat Jesus noch was gemacht?“ – „Sie sind natürlich nicht gekentert mit ihrem Boot. Schließlich war Jesus bei ihnen. Er hat Wind und Wellen zum Schweigen gebracht und sie waren gerettet.“
Jetzt bin ich am Zuge: „Siehst Du, das sind die Dinge, mit denen ich bei diesen biblischen Geschichten einfach nichts anfangen kann. Da ist ja wie bei Harry Potter. Da schwingt einer seinen Zauberstab und dann stehen die Naturgesetze auf dem Kopf? Das ist doch un-glaub-würdig!“ „Und wenn Du dich mal fragen würdest, was der Evangelist Markus mit dieser Geschichte sagen wollte?“ antwortet sie. „Auf dem Bibliodrama-Wochenende haben wir das richtig spüren können. Als wir an der Stelle waren, wo die Gefahr gebannt war, da machte sich eine ungeheure Erleichterung in uns breit. Da haben wir innerlich diesen festen Boden unter den Füßen gespürt, den der Glaube an Jesus Christus uns gibt. Den ersten Christen hat ja der Sturm auch mächtig ins Gesicht geblasen. Die wurden wegen ihres Glaubens bedrängt und zum Teil sogar verfolgt. Die wussten genau, dass sie alle in dem Boot saßen. Die kannten auch das Gefühl, dass Jesus schläft. Markus wollte ihnen mit dieser Erzählung Mut machen. Sie sollten keine Angst haben, weil Christus doch da ist und wir nicht tiefer fallen können als in seine ausgebreiteten Arme.“ „Und, hat´s was gebracht?“ frage ich. „Na klar! Wenn die ersten Christen nicht aus ihrem Glauben so unendlich viel Kraft geschöpft und die Nähe Christi immer wieder erfahren hätten, gäbe es heute keine Kirche. Deinem Freund Dieter ist es übrigens nicht anders gegangen.“ „Aber dessen Boot ist doch nun wirklich gekentert!“ werfe ich ein. „Das hat Dieter ganz anders empfunden. Er hat mir mal gesagt, dass er die Nähe Gottes noch nie so intensiv gespürt hätte wie in der Zeit seiner Krankheit“.
„Ist die Geschichte damit eigentlich zu Ende?“ frage ich. „Fast!“ sagt meine Frau. „Die Jünger wunderten sich. Sie fragten, wer dieser Jesus denn wohl wäre. Es begann ein langer Weg für sie. Letztlich haben auch sie es erst zu Ostern begriffen, dass in Jesus Gott selbst zu uns in diese Welt gekommen ist. Letztendlich haben sie es dann sogar erst zu Pfingsten verstanden, dass wir mit Jesus Christus an unserer Seite keine Angst zu haben brauchen. Erst da trauten sie sich nach draußen und haben die Botschaft gegen die Angst in der Welt verbreitet.“
„So“, sagt meine Frau. „Jetzt muss ich aber los, sonst komme ich noch zu spät in den Gottesdienst. Willst du nicht mal ausnahmsweise mitkommen? Vielleicht wäre das der Beginn deines Weges, den schlafenden Jesus im Boot zu wecken und ihm wieder einen Platz in deinem Leben zu geben? Hör mal auf deine Seele! Vielleicht kannst du dann heute Nacht ruhiger schlafen?“
Amen.

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