Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juli 2017

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juli 2017

09.07.2017

zu 1. Mose 50, 15 - 21; gehalten von Superintendent Christoph Noth

Die Brüder Josephs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Joseph könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.
Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:
Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so über an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Joseph weinte, als sie solches zu ihm sagten.
Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.
Joseph aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt?
Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (1. Mose 50, 15 - 21)

Liebe Gemeinde!
Mit diesen Worten endet die herrliche Geschichte von Joseph und seinen Brüdern. Nach einem tiefen Zerwürfnis mit Eitelkeit und Hass, mit verraten und verkauft sein, mit Aufstieg und tiefem Fall des Joseph in Ägypten und schließlich seiner beispiellosen Karriere zum zweitmächtigsten Mann im mächtigen Ägypten. Damit kommt das Drama zum Ende: ganz großes Theater, unvorstellbare Menschenfreundlichkeit, ein Happyend. Und im Mittelpunkt der Satz, der alles löst, der vielen vertraut ist und den man sich selbst nach einmaligem Hören merken kann: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“Der Satz endgültiger Versöhnung nach tiefstem Zerwürfnis. Das ist großartig, das ist berührend. Und man bekommt den Geschmack der Erlösung und des Friedens auf die Zunge. Eine Ahnung, wie wenn man sich die Aussöhnung der Völker nach den Schrecken und Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges vorstellt. Eine Ahnung, es könnte so möglich werden im Nahen Osten, zwischen zerstrittenen Nachbarn oder zerrissenen Familien, die um ein paar Tausend Euro einer Erbschaft willen nicht mehr miteinander reden, geschweige denn sich an einen Tisch setzen. Eine Ahnung bekommt man, wie es gut werden kann mit mir und mit der Welt, im Kleinen und im Großen. Dabei ist die Josephsgeschichte alles andere als eine Seifenoper, bei der der gute Ausgang nichts kostet, denn der Satz, dieser kurze Satz hat es in sich: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen…“ - da steht man völlig allein und ungeschützt seiner Schuld, seinem Opfer gegenüber. Ein älterer Kirchenvorsteher erzählte mir vor kurzem, wie er als Konfirmand dem Pfarrer und seiner Familie einen üblen Streich gespielt hatte. Er war gesehen worden, man hatte es seiner Mutter gesagt und die schickte ihn - allein - zur Frau des Pfarrers, damit er sie um Entschuldigung bäte. Und er sagte: dieser Weg, obwohl nach Metern nur recht kurz, gehört zu den längsten und schwersten seines Lebens. So allein mit seiner Schuld und allein den Geschädigten gegenüber. Die bisher gebrauchten Schutzmechanismen funktionieren nicht mehr: bei diesem Mann lässt ihn die Mutter allein, bei Joseph und seinen Brüdern ist der Vater gestorben, der den labilen Zusammenhalt bisher garantiert hat. Und auch für Ausreden ist kein Platz. Und erst nach diesem Vorsatz kommt dann das andere: „Aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Also erst dann das Wunder der Versöhnung, das alles lösende, ja erlösende Wort. In diesem kurzen Satz ist ja ein ganz langer, schwerer Weg aufgezeichnet, den übrigens auch das Opfer gehen muss, wenn es gut werden soll. Weil dieser Satz so schön, so umfassend ist, scheint er das Herzstück dieses Schlusses, ja der ganzen Geschichte zu sein. Und man kann das mit einem gewissen Recht auch so sehen. Mir ist allerdings der Gedanke gekommen, dass - wenn wir auf Joseph blicken - der Dreh- und Angelpunkt an einer anderen Stelle zu finden ist. Direkt davor stehen die Worte: „Stehe ich denn an Gottes Statt?“ Warum komme ich darauf? Weil ich überzeugt bin, dass Versöhnung und Vergebung nicht das Ergebnis rühmlicher Eigenleistung sind. So etwas ist kein Mittel, um der eigenen Eitelkeit zu schmeicheln. Die Heilige Schrift redet immer wieder davon, dass am Ende niemand Sünden vergeben kann, als Gott allein. Die Versöhnung gelingt nicht, wenn ich sie mir als Auszeichnung selbst anhefte. Im Gegenteil, im Streitfall hört man immer wieder, dass man selbst ja bereit zur Verständigung ist - aber der andere geht nicht darauf ein. Da wird dann aus der scheinbaren Großmut eine neue Waffe im Streit. Die Frage „Stehe ich denn an Gottes Statt?“ drückt diese Wahrheit in alle Kürze und Klarheit aus. Und ebenso ist Strafe und Vergeltung nicht des Menschen Sache. Mit dieser Frage legt Joseph die mögliche und menschlich völlig verständliche Rache aus der eigenen Hand. Die Frage nach Recht und Gerechtigkeit, die man dafür ins Feld führen kann, wenn man dem anderen die Rechnung präsentiert,  führt ebenso wenig zum Ziel. „Die Rache ist mein, spricht der Herr“ steht an anderer Stelle. Damit ist der Grund markiert, auf dem allein Versöhnung geschehen kann, nämlich dass wir Menschen Gott Gott sein lassen und uns nicht ans eine Stelle setzen - weder in der Form der Vergeltung noch in der Form der freundlichen Eitelkeit. Und damit hängt unweigerlich zusammen, dass dann auch der Mensch Mensch sein und bleiben kann. Im tiefsten Sinne nämlich, wie wir es beispielhaft an Joseph sehen. So ist der Kern des guten Ausgangs in der Geschichte, in meinem Leben und in der Welt nicht Joseph oder ich oder ein anderer Mensch, sondern Gott allein in seiner Barmherzigkeit mit dem Schuldigen, der dann allerdings auch nicht darauf verzichtet, durch menschliche Großmut erlösend zu handeln.Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben