Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juli 2019

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juli 2019

15.07.2019

zu Lukas 6, 36 - 42; gehalten von Prädikantin Katrin Hutzschenreuter

Liebe Schwestern und Brüder,
es gibt Streit! Es fallen harte Worte, die verletzen. Menschen ziehen sich zurück. Enttäuschungen kommen auf. Es wird darauf gesonnen, wie man dem anderen Schaden zufügen könnte. Die Situation droht zu eskalieren.
Und Jesus ist mittendrin.
Wir sind es gewohnt, Jesus als den Friedensstifter zu sehen. Sanftmütig und voller Demut kommt er uns entgegen, bereit, uns wie ein Lamm auf seine Schulter zu legen.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit.
Jesus selbst hat Streit ausgelöst, und zwar zielgerichtet und mit voller Absicht.
Gleich zu Beginn seines öffentlichen Auftretens konfrontiert Jesus die Menschen mit der Botschaft, dass ER es ist, auf den sie so lange gewartet haben. Und sofort fügt er hinzu, dass sie das weder akzeptieren noch verstehen werden. Denn was gilt der Prophet im eigenen Land? Die Menge reagiert wütend. Sie verweisen ihn aus der Synagoge und aus der Stadt. Kurze Zeit später trifft Jesus auf einen Zöllner und lädt sich kurzerhand selbst bei ihm zum essen ein. Die Umstehenden sind entsetzt: Wie kann er sich mit Leuten einlassen, die ihre Macht missbrauchen und andere betrügen? Jesus entgegnet: Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße. Damit wird klar: In Wirklichkeit ist dies eine Einladung an alle, denn niemand ist frei von Sünde, und es gibt auch keine Einteilung in Schweregrade. Gerade die, die sich selbst für gerecht halten, sollen sich angesprochen fühlen. Diese Radikalität geht vielen zu weit. Als Jesus bald darauf ein Sabbatgebot in aller Öffentlichkeit übertritt, wird die Wut der Menschen so groß, dass sie beschließen, Jesus etwas anzutun.
Jesus scheint auf diesen Augenblick gewartet zu haben. Er ruft seine Freunde zusammen, und es kommen auch andere dazu. Was wird er ihnen zu sagen haben angesichts der angespannten Situation?
In meiner Lutherbibel ist dieser Abschnitt mit den Worten „Vom Umgang mit dem Nächsten“ überschrieben. Der Umgang mit dem Nächsten geschieht ja nie im luftleeren Raum, oder besser – im personenleeren Raum. Es braucht den nächsten und mich. Es geht nicht um die abstrakte Frage, wie irgendwer mit seinem Nächsten umgehen soll, sondern um mich.
Wie sollen wir uns zu uns selbst und zu anderen verhalten, und welche Rolle spielt dabei Gott?
Zu Jesu Zeiten galt in Israel ein Recht, das man in aller Kürze so zusammenfassen kann: Wie du mir, so ich dir. (2. Mose 21, 24)
Was sich heute wie eine Aufforderung zu erbarmungslosem zurückschlagen anhört, war damals eine Neuerung. Die Blutrache wurde damit abgelöst. Stattdessen galt nun der Grundsatz, dass ein Gleichgewicht entstehen sollte zwischen dem Leid des Opfers und dem Ausgleich, des der Täter aufbringen musste. Dieses Gleichgewicht war Verhandlungssache zwischen den beteiligten Familien. Im Laufe der Zeit entstanden so Gesetzestexte. Diese sollten das Miteinander möglichst so regeln, dass es gar nicht erst zu Streitfällen kommt.
Genau hier setzt die Kritik an, die Jesus übt. Seine Befürchtung ist, dass die Menschen den Blick fürs Wesentliche verlieren, wenn alles durch Gebote und Gesetze geregelt ist. Die Gesetze sollen ja nur eine Hilfe sein, wie das Sicherheitsnetz, das unter einem Seiltänzer aufgespannt ist. Die Herausforderung ist das Laufen auf dem Seil.
Jesus stellt mit großer Radikalität die vermeintliche Sicherheit der Gesetze und Gebote in Frage. Damit provoziert er Streit und Unruhe. Er hält den Menschen in seiner Heimatstadt Nazareth vor, dass sie weniger auf seine Worte als auf seine Herkunft achten. Diese Orientierung an Äußerlichkeiten ist seiner Meinung nach fatal. Sein Essen mit dem Zöllner ist ein Weckruf an seine Kritiker: Wiegt euch nicht in falscher Sicherheit! Sucht die Schuld nicht bei anderen! Statt Wie du mir, so ich dir, soll ab jetzt gelten: So Gott mir, so ich dir.
Menschen sollen Barmherzigkeit üben, wenn sie sich einander als Gleiche begegnen. Wir tun gut daran, uns nicht hinter Gesetzen zu verstecken, die unser Allgemeinleben regeln. Jeder von uns soll immer wieder neu entdecken, dass der eigentliche Grund, auf dem wir stehen, nicht die Regeln unseres Zusammenlebens sind – auch wenn sie noch so vorbildlich sind. Unser wahrer Lebensgrund ist unser Verhältnis zu Gott. Dass Gott uns immer wieder mit Barmherzigkeit begegnet, egal, was geschieht, egal, was wir tun. Und weil das so ist, können wir selbst anderen gegenüber barmherzig sein. Das ist der wirkliche und wahre Grund, auf dem wir stehen und aus dem alles Weitere hervorgeht.
Diese zentrale Rolle der Barmherzigkeit wird gerade dann wichtig, wenn die Regeln des Zusammenlebens nicht eingehalten werden, aus welchem Grund auch immer.
Luther hat diese Gefahr einmal mit dem Bild eines Dornenstrauches beschrieben. Wenn wir schlecht und ungerecht behandelt werden, also von anderen gestochen werden, dann brauchen wir sehr viel Kraft, um darüber nicht bitter zu werden, oder gar selbst zum Dornenstrauch zu werden und zurück zu stechen. Eine Voraussetzung dafür ist die Einsicht, dass auch Gott uns gegenüber nicht bitter wird, sondern uns immer wieder mit Barmherzigkeit begegnet. Luther zieht daraus zwei Schlüsse. Zum ersten: Als von Gott Beschenkte können wir selbst zu Schenkenden werden. Zum zweiten: Wir sollen die allgemeinen und für alle geltenden Regeln nicht hinter uns lassen.
Es braucht Momente, in denen wir spüren und erleben, dass wir auf einem anderen Fundament stehen als dem der reinen Logik.
Als Christ zu leben, beinhaltet nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch das Leben dieses Glaubens im Alltag. Es ist die Aufgabe jeder Generation, aufs Neue den praktischen Anspruch zu prüfen, der sich aus den Worten von Jesus Christus ergibt. Sie sollen uns helfen, das Richtige zu tun, in dem Bewusstsein, dass wir Menschen in unserem Gelingen und Scheitern von der Barmherzigkeit Gottes getragen sind.
Gottes Ruf zur radikalen Barmherzigkeit geht an jeden von uns. Dieser Ruf soll uns davor bewahren, dass wir glauben, besser zu sein als andere. Er soll uns davor bewahren, uns über andere zu stellen. Dieser Ruf schützt uns davor, uns einzureden, dass die Probleme immer nur beim anderen liegen. Wir sollten nicht denken, dass unser Blick auf die Welt, auf uns selbst und auf Gott klar und ungetrübt ist. Wir sollten uns nicht einbilden, dass der Blick der anderen durch Balken und Splitter verzerrt ist.
Zuerst sollte ich nach meinen blinden und dunklen Flecken schauen, sie wahrnehmen und benennen. Dann habe ich die Chance, sie Gott hinzuhalten.
Weil wir Menschen nicht so barmherzig sind, wie Jesus es uns ans Herz legt, kann ich mich nur auf seine Gnade verlassen. Aus dieser Hingabe an Gottes Barmherzigkeit und aus der Kraft des Geistes erwächst dann vielleicht die Kraft, so zu handeln, wie es die Feldrede empfiehlt.
Ich muss niemanden abwerten, klein reden, verurteilen, um mich selbst aufzuwerten. Denn ich und du, wir sind Wert geachtet in Gottes Augen. Wir sind geliebt, und deshalb können wir Liebe weitergeben.
AMEN.

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