Predigt am 4. Sonntag nach Ostern (Kantate), 14. Mai 2017

Predigt am 4. Sonntag nach Ostern (Kantate), 14. Mai 2017

14.05.2017

zum Wochenlied Nr. 243 aus dem Evangelischen Gesangbuch; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
in dieser Predigt möchte ich gemeinsam mit Ihnen einmal einen näheren Blick auf das Lied dieses Sonntags Kantate werfen. Wir haben das Lied/den ersten Teil des Liedes bereits als Wochenlied gesungen: Es ist das Lied der Böhmischen Brüder von 1544  "Lob Gott getrost mit Singen."

Strophe 1): Lob Gott getrost mit Singen, frohlock, du christlich Schar!
Dir soll es nicht misslingen, Gott hilft dir immerdar.
Ob du gleich hier musst tragen viel Widerwärtigkeit,
sollst du doch nicht verzagen; er hilft aus allem Leid.

Schon die ersten drei Worte dieser Strophe geben das Thema des ganzen Liedes vor: Lob – Gott – getrost. Es geht um das Got­teslob und es geht um Trost in schweren Zeiten. Und beides steht unmittelbar neben­einander.
Auf den ersten Blick mag das unverständlich sein. Dass wir Gott loben und ihm danken, wenn es uns gut geht, das leuchtet einem ein. Auch wenn wir das meist vergessen. Bei manchen der bei Jugendlichen und Freikirchen jetzt so beliebten Lobpreislieder hat man auch den Eindruck, dass Wohlergehen und Gotteslob untrennbar zusammen gehören. Aber dass wir Gott lo­ben, wenn wir Leid tragen, wenn uns etwas Kummer macht, wenn wir traurig sind; das mag schon ferner liegen.
Der Text unseres Liedes ist bei den evangelischen Christen in Böhmen in der Mitte des 16. Jahrhunderts beheimatet. In ihren Reihen ist der Text dieses Liedes erwach­sen. Für sie ist die Verbindung von „Widerwärtigkeit“, wie es heißt, und Gotteslob offenbar nicht unsinnig gewe­sen. Dabei wussten sie genau, was es bedeutet, Schweres durchzumachen. Im katholischen Böhmen waren sie seit dem 15. Jahrhundert immer wieder wegen ihres Glaubens Verfolgungen ausgesetzt. Und ge­rade auch die Auseinandersetzungen zwischen Evangelischen und Katholischen in der Mitte des 16. Jahrhunderts brachten für sie genug an Leid mit sich. Gerade eine solche verfolgte Gemeinde singt nun: "Lob Gott getrost mit Singen." Und sie hält daran fest: wenn du auch jetzt und hier viel Schlimmes erleben musst, so brauchst du doch nicht zu verzweifeln, denn Gott hilft aus allem Leid.
Nun mag man sich fragen, woher nehmen die Böhmischen Brü­der diese Zuversicht? Der Sache näher kommen wir vielleicht, wenn wir uns die Strophe 3 einmal näher ansehen:

Strophe 3): Kann und mag auch verlassen ein Mutter je ihr Kind
und also gar verstoßen, dass es kein Gnad mehr find‘t?
Und ob sich's möcht begeben, dass sie so gar abfiel:
Gott schwört bei seinem Leben, er dich nicht lassen will.

Man kann es im Gesangbuch sehen: Das Bild von der Mutter, die es nicht fertig bringt, ihr Kind zu verstoßen, stammt aus dem 49. Kapitel des Jesajabuches. Es ist die Zusage Gottes aus dem Mund des Propheten: „Ich will dich nicht vergessen.“ Das ist die Zusage, die wir alle mit unserer Taufe bekommen haben. Auf diese Verheißung Gottes gründen die Böhmischen Brüder ihre Glaubenszuversicht. Das Bild, das sie aus dem Jesajabuch entnehmen, macht ja auch in anrührender Weise deutlich, wie Gott zu uns ist: wie eine gute Mutter. In den letzten Jahren haben leider immer mal Mütter Schlagzeilen gemacht, die ihre neugeborenen Kinder ausgesetzt oder in den Müll geworfen haben. Aber diese Mütter befanden sich in einer seelischen Notlage. Denn kann eine wirkliche Mutter Ihr Kind verstoßen? Meiner Erfahrung nach können es die wenigsten. Mütter opfern sich im Gegenteil oftmals lieber auf für ihr Kind, als ihm einen Schaden zuzufügen. Und ihre Liebe zu ihrem Kind ist oftmals so groß, dass sie alle Fehler des Kindes verzeiht und deckt und ihm alles zukommen lässt, was es braucht. So wie eine solche Mutter oder auch wie ein solcher Vater ist Gott zu denen, die zu ihm gehören, verkündet uns der Prophet Jesaja. Und wenn es auch Mütter geben mag, die nicht so han­deln: Auf Gottes mütterliche Liebe kann man sich ganz und gar verlassen. Das ist die Zusage, aus der die Böhmischen Brüder Kraft schöpften in der Verfolgung; auf die auch wir nach ihrem Vorbild bauen dürfen in unserem Leben. Denn gerade in einer Zeit, in der sie hart bedrängt wurden, wurde es für sie immer wieder zu einer lebendigen und stärkenden Erfahrung: „Gott schwört bei seinem Leben: Er dich nicht lassen will.“

Strophe 5): Es tut ihn nicht gereuen, was er vorlängst gedeut‘,
sein Kirche zu erneuen in dieser fährlichn Zeit.
Er wird herzlich anschauen dein' Jammer und Elend,
dich herrlich auferbauen durch Wort und Sakrament.

In den Gottesdiensten, die sie zum Teil im Untergrund feiern mussten, holten sie sich die Kraft, ihr schwieriges Leben zu bestehen. Die Prediger legten Gottes Wort so aus, dass die Gemeinden Gottes Nähe und Gegenwart spüren konnten. Das Sakrament des Altars, das Abendmahl wurde ihnen zu einer wichtigen Kraftquelle neben dem Wort. Von Jesus mit sei­nen Jüngern gefeiert im Augenblick allerhöchster Bedrohung, unmittelbar vor seiner Verhaftung und am Vorabend seines Todes, gab ihnen dieses Mahl in ihren Untergrundkirchen die Zusage, dass der Auferstandene mit uns ist, auch wenn wir einen Kreuzesweg zu gehen haben. Das Sakrament des Zugangs, die Taufe gab ihnen die Gewissheit, bei Gott geborgen zu sein. Daran ha­ben sich die Böhmischen Brüder festgehalten. Und auch wir dürfen das tun, auch wenn wir natürlich in einer ganz anderen Zeit unseren Weg durch das Leben gehen.
Wort und Sakrament können für uns aber auch stumme Zeugen der Liebe Gottes bleiben, wenn sich die Zusage Gottes nicht auch im Alltag bewährt. Und davon spricht schließlich die letzte Stro­phe unseres Liedes:

Strophe 6): Gott solln wir fröhlich loben, der sich aus großer Gnad
durch seine milden Gaben uns kundgegeben hat.
Er wird uns auch erhalten in Lieb und Einigkeit
und unser freundlich walten hier und in Ewigkeit.

Die Böhmischen Brüder singen hier von den milden Gaben, mit denen Gott sich kundgetan hat. Ich vermute, sie denken dabei an Augenblicke, in denen sie Zuflucht fanden und bewahrt wurden vor der Verfolgung. Dass es hier in Freiberg trotz vierzig Jahren eines kirchenfeindlichen sozialistischen Staates lebendige Gemeinden gibt, ist in meinen Augen auch ein solches Zeichen der Gnade Gottes. Gott lässt uns als Christen ja immer wieder Spuren seiner Güte erkennen. Solche Spuren der mütterlichen Liebe Gottes sind es, die dem Glauben an die Verheißungen Gottes mmer wieder Nahrung geben.
Zu diesen Spuren der Güte Gottes hat es für die Böhmischen Brüder immer auch gehört, dass sie in ihren Gottesdiensten nicht zuletzt durch das gemein­same Singen von Liedern zum Lobe Gottes gestärkt wurden. Schlägt man einmal in Gesangbuch das Stichwort "Böhmische Brüder" auf, dann kann man sehen, wie viele Lieder aus ihren Gottesdiensten noch heute unser Gesangbuch bereichern. So reich ist der Schatz der Lieder, der aus diesen Gemeinden hervorging. Ihnen war das Singen zum Lobe Gottes so wich­tig, weil sie darin Stärkung erfuhren. Im Lob Gottes spürten sie Gottes Trost in ihrem Leid und Stärkung für ihren Glauben.
Damit schließt sich der Kreis. „Lob Gott getrost mit Singen“. Anders formuliert: Lobe Gott mit deinem Singen und du wirst dadurch getröstet. Das ist ja auch der Grund dafür, dass auch bei Trauerfeiern in vielen Kirchgemeinden gesungen wird, auch wenn einem auf den ersten Blick gar nicht danach zumute sein mag. Aber wenn man sich darauf einlässt, einzustimmen in die alten Choräle, dann kann man es oft als sehr tröstlich empfinden. In einer Stun­de der Trauer im Gesang alle Traurigkeit Gott anvertrauen zu können, das lässt uns bei ihm Trost finden.
Die Musik und gerade das eigene Singen sind ganz wichtig für unseren Glauben. Aus diesem Grund hat es mich, als ich das erste Mal im Dom Gottesdienst hielt, so beeindruckt, wie singefreudig die Domgemeinde ist. Vom Gesang lebt ja unser lutherischer Gottesdienst. Ohne eine Gemeinde, die wirklich mitsingt, kommt er eher kläglich daher.
Wir sind im Dom und in Kleinwaltersdorf aber nicht allein. Unsere ganze Landeskirche ist geprägt durch einen reichen Schatz an Chören und Kantoreien, Kirchenmusikern und Orgeln. Es wird bei uns in Sachsen in der Kirche mehr musiziert als in anderen Landeskirchen. Das ist ein Schatz, den es zu bewahren und zu pflegen gilt.
Denn das Singen zum Lobe Gottes bringt die Seele zum Schwingen und lässt uns Gottes Gnade in ganz eigener Weise erfahren. Lieder können uns mit sehr viel Freude und manchmal auch mit Dankbarkeit erfüllen. Manche Lieder bewegen uns zutiefst. Und christliche Lieder, egal ob sie alt oder neu sind, wollen in jedem Fall unser Vertrauen stärken auf Gottes mütterliche oder väterliche Liebe.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben