Predigt am 4. Sonntag in der Passionszeit (Lätare), 26. März 2017

Predigt am 4. Sonntag in der Passionszeit (Lätare), 26. März 2017

27.03.2017

zu Johannes 6, 55 - 65; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
es gibt Ausleger unseres Textes, die meinen, es hätte Kontakte von Christen der Gemeinde des Johannes zu einem sogenannten Mysterienkult gegeben. Von solchen Kulten gab es in der Antike eine ganze Reihe. Vielleicht gab es tatsächlich einen Kult, der diese drastischen Formulierungen des Johannesevangeliums von dem „Fleisch essen“ und „Blut trinken“ herausgefordert hat. Mysterienkulte waren sehr unterschiedlich. Eines aber hatten sie gemeinsam. Nur wer eingeweiht war, nur wer ein Aufnahmeritual durchlaufen hatte, durfte daran teilnehmen. Das machte diese Kulte natürlich attraktiv. Wahrscheinlich haben sich ihre Anhänger anderen Menschen gegenüber enorm überlegen gefühlt. Was für bedauernswerte Menschen lebten in ihren Augen um sie herum! Die anderen ahnten nicht einmal etwas von dem, was sie erleben durften. Das war die Regel, auf die sich Anhänger eines solchen Kultes verpflichten mussten. Verschwiegenheit war die Grundlage. Darum wissen wir zum Teil auch wenig über diese antiken Kulte. Mag sein, es gab tatsächlich einen Kult, bei dem dessen Anhänger Tiere auf einem Altar an einer verborgenen Stätte oder in einem verborgenen Raum schlachteten. Mag sein, sie aßen ihr Fleisch und tranken vor allem das Blut der Opfer. So nahmen sie nach eigener Vorstellung deren Lebenskraft in sich auf. Man kann sich vorstellen, dass so etwas eine Faszination auf andere ausgeübt hat. Zu einer gefühlten Elite zu gehören, zu einer geheimen Gemeinschaft zu gehören, Kräfte zu bekommen, die andere nicht haben, so etwas fasziniert. So etwas vermittelt das Gefühl von Leben. Aber wir wissen in gleicher Weise wie verheerend so etwas sich auswirken kann. Wir wissen, wie leicht Menschen durch eine solche sektiererische Gruppierung brutalisiert werden. Wie sie sich von ihrer Umgebung abkapseln. Wie zerstörerisch sich die Zugehörigkeit zu einer solchen Gruppierung auf die Beziehungen zu anderen Menschen auswirken. Nicht selten endet so etwas in furchtbarer Gewalt. Dafür ist der Islamische Staat ein gutes Beispiel.
Das sind natürlich extreme Phänomene. Aber die Suche nach dem Leben hat die Menschen schon immer auf Irrwege getrieben und tut es noch heute – auch in unserem ganz alltäglichen Leben.
Ob der Autor des Johannesevangeliums tatsächlich auf Kontakte von Christen zu einem Mysterienkult reagiert hat? Mag sein, dass ihm jemand in der Seelsorge etwas anvertraut hat. Das Anliegen des Johannes war es jedenfalls, seinen Glaubensgeschwistern eine klare Botschaft zu vermitteln: Wirkliches Leben finden wir allein im Glauben an Jesus Christus. Er ist das Brot des Lebens, wie es nur wenige Verse zuvor im Johannesevangelium formuliert wird.
Johannes schildert uns Christus als das ewige Wort Gottes. Christus ist der Sohn Gottes. Aber er ist nicht im Himmel geblieben. Er ist aus der Sphäre Gottes herausgetreten. Er herabgekommen in unsere Welt. Der Sinn seiner Menschwerdung ist, dass wir das Leben haben. Christus hat in dieser Welt Fleisch und Blut angenommen, damit wir Menschen Gemeinschaft mit Gott und damit das Leben haben können. Wer mit ihm verbunden ist, der findet das Leben – ein Leben im eigentlichen Sinn des Wortes; ein Leben, das in die Ewigkeit hineinreicht. Darum ist er das Brot des Lebens.
Real erfahrbar wird dies im Abendmahl. Im Johannesevangelium wird zwar von der Feier des Abendmahls am Gründonnerstag nicht berichtet. Da, wo in den anderen Evangelien vom Abendmahl die Rede ist, steht bei Johannes die Fußwaschung am Gründonnerstag. Aber das hat bei Johannes theologische Gründe. Denn Christus ist für ihn das Passalamm, das am Vorabend des Festes geschlachtet wird. Christus ist das Opferlamm, das unsere Sünden trägt und tilgt. Aber gerade dieses Lamm Gottes – Jesus Christus – ist für Johannes im Abendmahl real gegenwärtig. In Brot und Wein – Leib und Blut Christi – haben wir Christen Anteil an dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Wir haben Gemeinschaft mit ihm; wir sind nach dem Johannesevangelium geradezu eins mit ihm. Dadurch haben wir das Leben, das den Tod überdauert. Darum betont Johannes hier, dass das Fleisch Jesu die wahre Speise ist und sein Blut der wahre Trank. Ein Opferkult kann kein Leben geben. Wirkliches Fleisch und wirkliches Blut können uns keine Kräfte vermitteln. Aber das Mahl des Herrn vereint uns im Glauben mit dem Lebendigen. In Brot und Wein finden wir das Leben, das in die Ewigkeit hineinreicht. Besser gesagt: Im Abendmahl wird uns das ewige Leben von Gott geschenkt.
Vor einigen Tagen wurde ich zu einer sehr kranken Frau gerufen. Vermutlich wird sie nicht mehr sehr lange zu leben haben. Ihre geistigen Kräfte haben auch schon sehr nachgelassen. Aber sie konnte noch den Wunsch nach dem Besuch eines Pfarrers äußern. Weil ein Kollege krank war, wurde er an mich weiter gegeben. Ich wusste nicht, was genau das Anliegen der Kranken war. Ich konnte auch die Familie telefonisch nicht erreichen. So nahm ich die Geräte für das Hausabendmahl mit. Auf einem Stuhl am Krankenbett errichtete ich einen provisorischen Altar, zündete zwei Kerzen an, stellte die Hostien und den Wein auf den Altar. Dann sprach ich die Abendmahlsliturgie und reichte der Kranken Brot und Wein. Nach langen Momenten der Lethargie war plötzlich eine ganz andere Lebendigkeit bei ihr zu spüren. Vielleicht hat sie es erahnt, dass ihr in Brot und Wein die Nähe des lebendigen Christus geschenkt wurde. Vielleicht hat sie etwas davon erahnen können, dass die Gemeinschaft mit Christus, dem Brot des Lebens, eine Brücke für sie sein würde in ein neues Leben jenseits der Schwelle des Todes. Jedenfalls war sie sichtlich getröstet und gestärkt, als ich mich wieder verabschiedete.
In Brot und Wein finden wir durch die Gemeinschaft mit Christus das Leben, das in die Ewigkeit hineinreicht. Aber eigentlich finden wir dieses Leben gar nicht. Das Leben findet uns. „Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben, sagt der johannäische Jesus.“ Wir Menschen sind überhaupt nicht in der Lage, Gott zu finden. Nicht von uns aus. Wäre Christus nicht vom Himmel herabgekommen, so Johannes, dann wäre das Leben uns verschlossen geblieben. Dann gäbe es keinen Kontakt zu Gott und kein wirkliches Leben – erst recht kein Leben mit einer Perspektive über dieses Leben hinaus. Aber Gott hat sich uns geöffnet. Er hat sich in seinem Sohn in diese Welt begeben, Fleisch und Blut angenommen. Er redet mit uns durch Jesus Christus. Er schenkt uns durch dessen Worte seinen Geist. So werden wir in unserem Innersten angerührt. Wir kommen zum Glauben. Wir werden ergriffen von dem Leben. Wir sind nicht in der Lage, das Leben zu finden. Denn wir sind nicht in der Lage, Gott zu finden. Aber Gott ist in der Lage, uns zu finden. Das Leben findet uns. Christus findet uns.
Auf Kirchentagen tritt regelmäßig eine Musikerin mit jazzigen christlichen Liedern auf. Ihre Leidenschaft gehörte schon immer der Musik. Darum hatte sie angefangen Musik zu studieren. Dabei stieß sie eines Tages auf Lieder eines gewissen Paul Gerhardt. Der Name sagte ihr nichts. Kirchenlieder hatte er gedichtet. Das war eigentlich nicht so ihr Ding. Schließlich kam sie aus einer Ostberliner Familie, die das Thema Kirche schon lange hinter sich gelassen hatte. Doch die Texte und die dazugehörenden Melodien waren schon ein lohnendes Thema für ihre Studienarbeit. Doch je mehr sie sich damit beschäftigte, desto faszinierender fand sie diese Lieder und ihren Autor. Irgendwann ertappte sie sich dabei, dass sie mehr wissen wollte von dem Glauben, der aus Paul Gerhardts Liedern heraus deutlich wurde. Bis sie eines Tages die Gewissheit in sich spürte, dass sie getauft werden wollte. So bekannte sie ihren Glauben an das, was auch Paul Gerhardt geglaubt hatte, wurde getauft und ist heute als christliche Sängerin und Komponistin unterwegs. Auf der Suche nach Sinn für ihr Leben in der Musik hatte das Leben sie gefunden, hatte Jesus Christus sie gefunden.
Unsere menschliche Suche nach dem Leben lässt uns oft in vielerlei Hinsicht Irrwege beschreiten. Das geht auch nicht anders. Das Leben lässt sich nicht finden. Vom Leben kann man sich nur finden lassen. Von dem, der sein Leben für uns gegeben hat. Von dem, der sich mit uns in Brot und Wein auf das Engste verbindet. Von Jesus Christus.
Amen.

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