Predigt am 3. Sonntag in der Passionszeit (Okuli), 24. März 2019

Predigt am 3. Sonntag in der Passionszeit (Okuli), 24. März 2019

24.03.2019

zu Jeremia 20, 7 - 13; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
in den letzten Tagen konnte man den Mond sehr gut beobachten. Am 21. März war Vollmond. Die uns zugewandte Seite des Mondes gleißte im Sonnenlicht. Der Mond wirkte sehr groß und man konnte das typische „Gesicht“ im Mond gut sehen. Aber wie sieht es eigentlich auf der anderen Seite des Mondes aus? Eine Seite ist der Erde ja immer abgewandt. Ist der Mond dort ganz anders? Nicht kalt und wüstenhaft, sondern mit angenehmen Temperaturen und einer Atmosphäre versehen? Könnte man dort vielleicht sogar leben? Die Chinesen haben jetzt eine Sonde auf die andere Seite geschickt. Solche sensationellen Erkenntnisse hat sie aber nicht mitgebracht. Wie auch? Wie sollte der Mond als ein Himmelskörper auf der uns zugewandten Seite ganz anders als auf der abgewandten Seite sein?
Mit Gott ist es im Grunde so ähnlich. Wir erleben an ihm auch zwei Seiten. Da ist die uns zugewandte Seite. Sie ist voller Licht. Da ist der Gott, der in Jesus Christus zu uns in diese Welt gekommen ist. Jesus hat ihn seinen Vater genannt hat. An Jesus können wir sehen und von ihm haben wir gehört und hören durch die Heilige Schrift, wer und wie Gott ist: Jesus hat ihn uns als den barmherzigen, den vergebenden ins Herz geschrieben. Jesus hat von seinem himmlischen Vater erzählt, dass er zu uns ist wie ein liebender Vater. Dieser liebende Vater kann seinem Sohn sogar verzeihen kann, dass er die Hälfte seines Vermögens verschwendet hat. Er weist ihn nicht ab, als er zu ihm kommt. Im Gegenteil. Er feiert ein Freudenfest und lädt auch den älteren Bruder dazu. Der findet das ungerecht, aber die Liebe dieses Vaters hat andere Maßstäbe als die unseren. Jesus hat Gott auch mit einem Gastgeber verglichen. Dieser lässt die Bettler und Ausgestoßenen von der Straße holen und feiert mit ihnen ein großes Fest.
Diese uns zugewandte Seite Gottes erleben wir auch in unserem persönlichen Glaubensleben. Immer wieder erleben wir eine segnende, schützende und bewahrende Hand über uns. Wir spüren ganz tief in uns das Vertrauen darauf, dass Gott sich uns in Liebe, Vergebung und Barmherzigkeit zuwendet. Wir merken, wie sehr sein Geist unser Leben prägt, dass er unser Herz anrührt. So können wir leben in Glaube, Hoffnung und Liebe.
Das ist die zugewandte Seite Gottes.
Aber Gott hat auch eine abgewandte Seite; eine Seite, die wir nicht verstehen können, eine Seite, die uns fremd ist. Was gibt es für Schicksale auch unter uns Christen. Ich denke da an eine befreundete Pfarrersfamilie. Innerhalb eines Dreivierteljahres starb die noch relativ junge Ehefrau an Magenkrebs. Die Kinder waren alle noch in einem Alter, in dem sie dringend eine Mutter gebraucht hätten. Warum wird ausgerechnet so eine Frau, die fest im Glauben stand und so wichtig war für ihre Familie und auch den Dienst ihres Mannes so krank und muss sterben?
Oder denken wir an die zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben in unseren Land. Vor meinem Urlaub war ich in der Kirche in Krummenhennersdorf zu einer Trauerfeier. Das ist eine Kirche, die von ihren Dimensionen einer Stadtkirche ohne weiteres gleichkommt. Ihre Erbauer werden die Kirche nicht nur so groß gebaut haben, um sich damit ein Denkmal zu setzen. Es brauchte damals offenbar so viele Plätze – zumindest zu Erntedank und den großen Feiertagen. Jetzt verliert sich ein kleines Häuflein in dieser Kirche, wenn dort die Glocken zum Gottesdienst einladen. Warum hat der Glaube an den Herrn des Himmels und der Erde so wenig Kraft in unserer Zeit?
Oder denken wir an die Naturkatastrophen. Dass verheerende Stürme ganze Landstriche verwüsten wie zuletzt in Mosambik mag man dem durch Menschen verursachten, jedenfalls geförderten zuschreiben. Aber Erdbeben und Vulkanausbrüche sind nicht von Menschen gemacht. Hat Gott hier einen Fehler in die Schöpfung eingewoben?
Das ist die abgewandte Seite. Da bleibt Gott uns in seinem Handeln, in seinem Wirken fremd. Da verstehen wir ihn nicht. Da wird uns vieles fraglich.
Genau diese Fragwürdigkeit muss der Prophet Jeremia erleben. Gott hat ihn gegen seinen Willen zum Propheten berufen. Er hat ihn nach dem Erleben des Jeremia geradezu dazu gezwungen, man könnte sogar sagen: Er hat ihn vergewaltigt. Er hat Jeremia dabei in eine ausgesprochen schwierige Lage gebracht. Jeremia soll aufstehen gegen eine falsche und völlig verfehlte Außen- und Sicherheitspolitik. Er soll den Finger auf offene Wunden auch im Bereich der sozialen Gerechtigkeit legen. Er soll anprangern, wo es den einen gut geht auf Kosten der anderen. Jeremia soll an den guten Willen Gottes erinnern und die Menschen zur Umkehr mahnen. Damit macht er sich keine Freunde. Ganz im Gegenteil. Selbst die, die bisher seine Freunde waren, wenden sich gegen ihn. Jeremia will angesichts dieser Isolierung, die er erlebt, sein Amt niederlegen. Er will schweigen. Aber er kann es nicht. Er spürt, wie er gedrängt wird, Gottes Wort zu predigen. Es geht nicht anders. Gott lässt ihn nicht gehen. Er spürt die abgewandte Seite.
Auch Jesus hat sie gespürt, als er seinen Weg an das Kreuz ging und es eigentlich nicht wollte, aber doch nicht anders konnte. Und als er dann am Kreuz spürte, dass Gott ihn nicht retten würde, da brach dieser Schrei der Verzweiflung aus ihm heraus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Martin Luther kannte diese verborgene Seite Gottes auch. Aber er hat sich in seinem Denken und seinem Glauben dieser Seite nicht hingegeben. Für ihn gab es die Einladung für einen Christen, in solchen Fällen immer auf die zugewandte Seite Gottes zu schauen. Weil wir die verborgene Seite Gottes nicht verstehen können, flüchten wir uns als Christen zu dem Gott, der uns am Kreuz Christi seine Liebe zuwendet. – Um einmal das Bild vom Mond, das ich eingangs gebraucht habe, aufzunehmen: Der Mond ist auf seiner abgewandten Seite derselbe Himmelskörper wie auf der der Erde zugewandten. Gott ist auf seiner verborgenen Seite kein anderer als der Gott, den Jesus gepredigt hat und dem wir als Christen unser Vertrauen schenken. Auch da, wo wir ihn nicht verstehen können, ist Gott kein anderer als der, auf den wir unser Vertrauen setzen.
Die verzweifelte Frage Jesu nach Gott wurde darum zwar nicht am Karfreitag, aber dann am Ostermorgen beantwortet. Gott, der Vater, hatte Jesus eben gerade nicht verlassen. Er hatte ihn im Tod und durch den Tod hindurch begleitet und zu dem neuen, österlichen Leben geführt.
Jeremia wuchs in seiner Verzweiflung in ähnlicher Weise von Gott her neue Kraft zu. Er wurde getröstet und mit neuem Mut versehen. Am Ende unseres Predigttextes kann der Prophet darum sagen: „Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.“
Und auch wir erleben es in unserer Zeit, dass Gott uns gerade da nahe ist, wo wir ihn nicht mehr finden können. Mit der befreundeten Pfarrersfamilie ging es in einer wunderbaren Weise weiter. Nur wenige Wochen nach dem schmerzlichen Verlust seiner Frau lernte der befreundete Pfarrer eine junge Frau kennen. Sie war als Praktikantin in seinem Ort tätig. Gemeindeglieder fanden, dass sie zu ihm passen würde, und brachten die beiden zusammen. Tatsächlich wurde aus den beiden dann noch vor Ablauf des Trauerjahres ein Ehepaar. Die junge Frau wurde von den vier Kindern als neue Mutter akzeptiert. Sie bekam selbst noch eigene Kinder. Die Ehe ist bis heute glücklich. Mitten in dem Leid wurde Gottes Gnade und Gottes Segen spürbar.
Dietrich Bonhoeffer, hat im Gefängnis gebetet: „Du hast mir viel Gutes erwiesen, lass mich auch das Schwere aus deiner Hand hinnehmen.“ Er hat es getan in dem Vertrauen darauf, dass der verborgene Gott kein anderer ist als der, der sich uns in Jesus Christus in all seiner Gnade offenbart hat.
Amen.

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