Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis zum Festgottesdienst 40 Jahre Silbermanntage, 17. Juni 2018

Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis zum Festgottesdienst 40 Jahre Silbermanntage, 17. Juni 2018

18.06.2018

zur Bach-Kantate "Lobet den Herren" (BWV 137); gehalten von Prof. Dr. Arnold (Direktor Michaeliskloster Hildesheim)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Welches Lied aus unserem Gesangbuch, liebe Festgemeinde, wird man sowohl bei einer Hochzeit in Japan als auch bei einer Taufe in Tansania oder bei einem Geburtstag im Süden Brasiliens antreffen? Na klar. Unser Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.
Allerdings, liebe Schwestern und Brüder in Freiberg, wir müssen es neidlos anerkennen. Es ist nicht im lutherischen Sachsen entstanden, wo ja sonst (praktisch) alles Gute und Schöne herkommt, sondern im reformierten Ausland. Nicht von der Elbe, sondern vom Rhein stammt das Lied.  Und dazu noch von einem Pietisten. „Glaub- und Liebesübung, aufgemuntert durch einfältige Bundeslieder und Dankpsalmen“, nannte Joachim Neander seine Dichtungen.
Jahrgang 1650 ist er, geboren in Bremen, er war Pfarrer, Sänger und Lehrer. Er war sehr naturverbunden und meditierte bzw. komponierte am liebsten draußen, besonders in einem Tal unweit der Düssel, das man später zu seinen Ehren Neandertal genannt hat. Von daher versteht man auch den barocken Untertitel seiner Sammlung: „zu lesen und zu singen auf Reisen, zu Haus oder bei Christen-Ergötzungen im Grünen durch ein geheilgtes Herzens-Halleluja“ Hier fand man 1856 die etwa 40 000 Jahre alten Reste des Urmenschen, der das Tal berühmt machte.
Inspiriert ist das Lied sicher durch Psalm 103, den wir vorher gemeinsam gebetet haben. Lobe den Herrn, meine Seele. Die Melodie war ursprünglich anders geplant, sie stammte von einem gewissen Ahasverus Fritsch und klang so: Lob den Herrn, meine Seele. Eine Selbstaufforderung ist das. Schläfst du noch, Seele, oder lobst du schon? Auf geht’s: vergiss nicht, was das höchste Ziel deines Lebens ist! Werde wesentlich! Die tänzerische Melodie und das daktylische Versmaß (jatamtam etc.) helfen dir auf die Sprünge.
Lobe den Herren war für J. Bach ein ziemlich neues Lied, gerade mal 45 Jahre alt. So wie für uns heute vielleicht das Lied Danke für diesen guten Morgen o.ä. Dass daraus einmal ein weltweiter Hit würde, der heute in 32 Sprachen übersetzt ist und in fast keinem Gesangbuch der Welt fehlt, das konnte Bach nicht ahnen.
Mit Pauken und Trompeten kommt sie daher, die Kantate Lobe den Herren, den mächtigen König der Herren. Ein Fest der Klänge, eine Inspiration zum Gotteslob, wie es kaum schöner und elektrisierender sein könnte. Passend zum 40jährigen Jubiläum der Silbermann-Gesellschaft. Bach hatte seine Leipziger Gemeinde schon  ein Jahr lang mit ähnlichen Kompositionen verwöhnt . Seine Choralkantaten auf Lieder von Luther, Nicolai, Olearius, P Gerhardt u.a. waren in Leipzig 1724 Stadtgespräch. Und auch ein Jahr später schreibt er nochmals eine, im Jahr 1725 zum 12. nach Trinitatis: unsere Lobet den Herren. Gerade mal 11 Jahre jünger als die Silbermannorgel hier ist sie. Es ist eine Kantate durch alle 5 Strophen  wie schon sein Jugendwerk auf Luthers Christ lag in Todesbanden (BWV 4) aus Mühlhausen, das Sie dieses Jahr an Ostern gehört haben.
Bach hilft uns mit allen Registern, dass die Selbstaufforderung Lobe den Herrn meine Seele nicht zur bloßen Pflichtübung oder gar zum Krampf wird: Er groovt uns rhythmisch ein, zeigt wie Loben geht:
Lohoho hobe; lohohoho-ho ho-be den Herrn (Altstimme vorsingen). Alt, Tenor und Bass machen es uns vor, nachdem sie es von Violinen und Oboen gehört haben. Dann erst kommt die Melodie im Sopran, wobei Bach das beschwingte tänzerische Versmaß des Dreiers aus dem Choral schwungvoll beibehält. In diesem Moment setzen auch alle Bläser im Tutti ein, allen voran die strahlende Trompete 1 mit einer langen Koloratur. Von unten und oben (Vl 1 und Tr) wird der cantus firmus der singenden Seele getragen von Musik….
Besonders gelungen finde ich die Textausleuchtung bei „Kommet zuhauf“: Hier verlässt der Meister die polyphone Struktur – also das Prinzip: jeder singt „Seines“ - des Bisherigen. Jetzt singen plötzlich alle zusammen, fast so einträchtig wie wir in den gemeinsamen Liedern im Gottesdienst….
Am Ende teilt man sich dann wieder auf. Ich interpretiere das so: Wenn Christen zusammen gekommen sind im Gottesdienst und der „Haufe Gottes Wort gehört hat“, dann lässt jeder und jede es draußen weiter erschallen: Lasset die Musicam hören. Ihr seid alle gefragt. Ihr seid alle begabt und berufen dazu, denn ihr seid persona! Durchklungen vom Sound des Schöpfers. Nicht jeder kann virtuos Geige  oder Oboe spielen, aber singen könnt ihr alle. Und anderen musikalisch religiös oder religiös von Gott weitersagen.
Ich freue mich, dass hier (im Gegensatz zu unserer Fassung im EG) das Wort  Musica steht. „Lasset die Musicam hören“. Frau Musica weiß, wie sich Herzen öffnen: Wie eine Engelsgestalt führt sie uns in die Natur hinaus, lässt uns lauschen und staunen. Aber auch in die eigene Lebensgeschichte lenkt sie uns. Sie erinnert uns, was uns mit vielen Menschen verbindet. Überlegen Sie doch,  während Sie der Musik Bachs lauschen, mit wem Sie allein dieses Lied schon gesungen oder musiziert haben! Ein reicher Schatz!
Der zweite Satz auf die zweite Choralstrophe ist einer der schönsten Einfälle Bachs.
Ein 9/8-Takt (also 3x 3 Achtel); der große und der kleine Dreier, Wiener und langsamer Walzer in einem. Hier wird das wunderbare Bild eines liebevollen, mütterlichen Gottes gemalt, der uns begleitet und bewahrt. In der 16tel Bewegung der Solo-Violine höre ich das rauschende Schwingen eines Adlers, passend zur Choralzeile:  „Der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet.“
Stehen Sie einmal auf dazu. Ich darf die Solovioline und das Continuo bitten, uns ein paar Takte zu spielen. Dann werden wir alle zu kleinen oder zu größeren Adlern. ..
Gemeinde steht auf und macht den Flügelschlag im punktierten Viertelmetrum mit…..
Das tut gut. Abheben mit Musik….Wir spüren: Wir sind Menschen, denen Gott Freiheit schenkt. Gott gibt uns Luft zum Atmen, und immer wieder frischen Wind unter den Flügeln. Der Schöpfer schafft Raum zum Leben. Und die Thermik zum Fliegen. Zumindest geistlich.
Deutlich ernster wird es in Satz 3 (e-Moll), der auf die Alt Arie folgt. Die Melodie ist nur schemenhaft erkennbar. Sopran und Bass singen miteinander. Die Seele (Sopran) im Gespräch mit Jesus oder mit Gott. So kennen wir das aus vielen anderen Kantaten. Die Oboen stehen für die Innigkeit der Beziehung, für die Liebe. „Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet“. Da ist ein Gott, der zu mir sagt: Deine Augen sind schön, und deine Nase und deine Haare. Ich mag Deine Hände und Füße, du bist mein Kind. Ich habe mir Mühe gegeben mit dir. Du bist ein Prachtexemplar aus GottesWerkstatt. Deshalb sag Ja zu dir und deinem Körper. Deshalb sag Ja zu dir und deinem Körper. Deshalb sag Ja zu dir und deinem Körper. Deshalb sag Ja zu dir und deinem Körper. Deshalb sag Ja zu dir und deinem Körper.
Diese Zeile reimt sich auf „der dir Gesundheit verliehen dich freundlich geleitet.“ Ja, es gibt Schmerzen und Krankheiten, die uns allen immer wieder ereilen. Keine Frage. Die Geschichte vom Gelähmten vorher hat es uns vor Augen gestellt. Nicht jeder von uns hat eine solch spektakuläre Heilung erlebt (vgl. Apostelgeschichte 3, Epistel) wie der Gelähmte am Tempel von Jerusalem. Und doch: Gibt es nicht auch in unserem Leben die Erfahrung einer gelungenen Operation, einer überstandenen Grippe oder auch eines überstandenen Herzinfarkts?
Aber auch die andere Geschichte, die wir hörten, malt aus, was es heißt: „Der dir Gesundheit verliehen dich freundlich geleitet.“ Der Verlorene Sohn, wie wir ihn nennen, erfährt, wie Gott auch am Tiefpunkt seines Lebens da ist. Bei den Schweinen spürt er. Ich muss nach Hause. Das ist meine letzte Chance. Und dann kommt die Überraschung. Der Vater läuft ihm entgegen. Er hat immer auf ihn gewartet. Und in seinen Armen weiß er: Ich bin und bleibe sein Kind. Das kann ich nicht verlieren.
Ich mag die langen Orgelpunkte, die sehr ausgedehnten Haltenoten, in diesem Duett. Auf das Wort Gott zum Beispiel. Das heißt: Gott hat Zeit. Nicht nur für sich, sondern auch für uns und unser Leben. Gott hat Geduld mit seinen Söhnen und Töchtern, empfängt uns mit offenen Armen, wie der Vater den heimkehrenden Sohn im Gleichnis.
Gut, dass in allem hymnischen Jubel Bachs Vertonung des Chorals nicht ganz im Fortissimo aufgeht. Ja, auch unsere Not kommt vor, zahlreiche Halbtonschritte in den Solostimmen Sopran und Bass illustrieren sie sehr lebendig. Bach hat das selbst erlebt. Seine erste Frau hat er früh verloren und etliche Kinder zu Grabe getragen. Und auch Neander hatte – von uns aus betrachtet – nicht sehr viel zu lachen.  Er war zu pietistisch für die Kirchenleitung. Man verdächtigte ihn gar, die wahre Kirche in der Separation zu suchen. So war seine berufliche Karriere abrupt zu Ende. Er ging zurück in seine Heimatstadt Bremen, wo er eine Hilfspredigerstelle annehmen musste und morgens um fünf für Mägde und Knechte predigte. Kurze Zeit später starb er mit 30 Jahren, nicht ordiniert, praktisch mittellos.  In wieviel Not!!! Neander wusste, wie hart das Leben ist.
Aber unser Moll-Duett schaut nicht nur auf die Not. Am Ende steht die Zuversicht: Gott breitet seine Flügel aus über dir… Nochmals kommt das Bild des schützenden Adlers. Jetzt ist es durch die Tiefen geläutert, steht ganz fest da. Zwei Oboen bezeugen die Gnade und die Sänger die lebendige Beziehung. Gott und die Seele. Hören wir auf dieses Wechselspiel.
Drei Arien hintereinander gibt es nicht oft bei Bach: Eine kommt noch. Hatten wir in der ersten G-Dur; und in der zweiten E-moll kommt jetzt A-moll: Nach der Solo-Violine in Satz 2 und den Oboen nun im 4. Satz die Trompete. Sie darf mit dem Tenor, den wir bis jetzt noch nicht gehört haben.
Nicht durch die eigene Schaffenskraft eines tüchtigen Menschen gelingt dein Leben, sagt Neander: Ströme von oben sind es. Ströme der Liebe, die Gott regnen lässt. Ein schönes Bild. Den Regen kann man nicht kaufen, es gibt ihn gratis. So ist Gott. Großzügig ohne Bedingung. Es ist unglaublich viel, was uns im Alltag von ihm zufällt: schon die ersten Sonnenstrahlen, die Luft zum Atmen und der Gesang der Nachtigall heute Morgen, das Brot und der Kaffee zum Frühstück. Das Lächeln eines lieben Menschen. Gott gibt reichlich kleine und große Dinge. Ein kräftiger Regen, nicht nur ein paar Tröpfchen.
Schauen wir dazu nochmals auf Bachs Komposition: „Der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet…“ Die Arie ist in ihrer musikalischen Gestalt im Gegenüber von Moll und Dur ein Kunstwerk. Sie steht zunächst im nüchternen a-Moll. Das Continuo beginnt erst einmal allein zu arbeiten. Ja, so ist unser Leben. Zum arbeitenden Continuo gesellt sich der Tenor: „Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet“. Aber es ist irgendwie ein gebrochenes Lob. Ein „broken Halleluja“ würde Leonard Cohen sagen. Für die vielen Sprünge muss man sich ganz schön anstrengen auf Cello oder Fagott oder Bass. Wie im richtigen Leben.
Was Bach dann allerdings dann macht, ist  richtig genial.  Es kommt in diesem Satz musikalisch zu einer Berührung der Welten oder Sphären.. Der Sänger arbeitet mit dem Continuo in Moll. Doch plötzlich ertönt wie aus einer anderen Welt die Trompete, die Stimme der Hoffnung. Die uns vertraute Choralmelodie erklingt in strahlendem C-Dur. Wer da keine Gänsehaut kriegt….
Bei den Worten: Denke daran, was der Allmächtige kann ist es besonders schön. Bevor diese Zeile vom Tenor gesungen wird, schweigt der Continuo-Bass kurz. Wie geht es jetzt wohl weiter? Dann singt der Solist „denke dran“ und dann klinkt sich die Trompete ein. Praktisch zeitgleich zum gesungenen erklingt auch noch das instrumentale „Denk dran“. Ein Signal. Vergiss es nicht. Beim Dran-Denken kommst zum Danken. Und dann überholt die Trompete in C-Dur den Sänger. Die Liedzeile: „der dir mit Liebe begegnet“ kommt zuerst instrumental, dann erst vokal. Für mich ist das ein schönes Bild:  Gottes Liebe geht uns voraus. Seine Gnade ist schon am Wirken, ehe wir ihn um etwas bitten Darum gibt es auch als Resonanz darauf eine begeistert und begeisternd lange Koloratur auf dem Verb begegnen, eine der längsten in der Kantatenliteratur.
Zuguterletzt der Choral vierstimmig, wie wir ihn als Bach-Choral kennen und lieben. Bach setzt am Ende noch eins drauf, wenn es heißt: „was in mir ist, lobe den Namen“. Nicht nur 4 stimmig, 9stimmig ist der Schlusschoral: das ist die Zahl der Engel oder 3³. Wer liebt, lobt, und wer lobt, der lebt, lautet die Devise im Alten Testament. Wer sich mit seinem ganzen Leben – auch in der Not! -Gott lobend hingibt, wird immer mehr zu ihm emporgezogen… Und wenn wir es einmal nicht mehr selbst können. Dann tut es für uns die  Orgel, die als Instrument selbst atmet und Bachs „Stimmung“ präsent hält. Hier in Freiberg schon seit über 300 Jahren. Hören wir auf Satz 4 und 5. Lassen sie sich emporziehen von dieser großartigen Musik, die symbolisch wie Chor und Orchester zwischen Himmel und Erde schwebt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.


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