Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias, 22. Januar 2017

Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias, 22. Januar 2017

23.01.2017

zu Johannes 4, 46 - 54, gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
Johannes saß an dem schlichten Tisch, die Feder in der Hand und überlegte. Dies war ein wichtiges Vorhaben – die alten Evangelien für die Gegenwart seiner Gemeinde mit ihren ganz anderen Fragen und Problemen fruchtbar zu machen. Da war diese Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum. Was für ein Glauben, der diesen Heiden bewegte! Wie er seine eigene Befehlsgewalt in Beziehung setzte zu der Macht Gottes, die in Jesus wohnte. Wie sicher er sich war, dass Jesus die krankmachenden Dämonen ebenso befehligen konnte wie er, der Hauptmann, es mit seinen Soldaten tat. Wie sehr er Jesus vertraute und daran glaubte, dass sein Wort die Wirklichkeit verändern könnte. Das war schon beispielhaft.
Es gab allerdings auch Schwierigkeiten, seiner Gemeinde diese Geschichte nahe zu bringen. Nach all den schlechten Erfahrungen mit dem römischen Reich, seinem rücksichtslosen Vorgehen gegen Israel, der Zerstörung des Tempels in Jerusalem konnte man einen römischen Hauptmann nicht mehr als Glaubensvorbild hinstellen. Den hätte die Gemeinde sofort innerlich abgelehnt. Aber es würde der Wahrheit der Erzählung ja keinen Abbruch tun, aus dem römischen Centurio einen königlichen Beamten zu machen. Dann allerdings musste es dessen Sohn sein, um dessen Krankheit es ging. Denn einen Leibknecht hatte nur ein römischer Offizier. Aber auch das würde die Geschichte nicht grundlegend verändern.
In dem Augenblick kam Jakob, sein Freund und Berater, durch die Tür ins Haus. Er sah auf das Pergament. Johannes war gerade an der Stelle, wo der königliche Beamte Jesus bittet, seinem Sohn zu helfen und ihn vor dem Tod zu retten. „Hier musst Du aber vorsichtig sein“, sagte Jakob. „Du weißt doch, wie sehr sich unsere Geschwister im Glauben nach Zeichen und Wundern sehnen in dieser so schwierigen Zeit. Aber wir haben es ja schon oft erlebt, dass ein Glaube nicht trägt, der auf Wundern aufbaut. In Zeiten von Krankheit und Tod, von Leid und Verfolgung hält ein Glauben nicht, der sich an einem Wunder festmacht. Wie viele sind schon von ihren Zweifeln überwältigt worden, wenn es darum ging, dem Gekreuzigten ins Leiden nachzufolgen. Nur wer dem Wort unseres Herrn bedingungslos vertraut, wird auch in solchen Zeiten bei Christus bleiben.“
„Ich weiß schon“, sagte Johannes. „Jesus hat ja auch selbst immer gewollt, dass die Zeichen nicht groß herumposaunt wurden. Das Markusevangelium ist voll davon, dass er Menschen einschärft, nichts weiterzusagen von den Zeichen, die sie gesehen haben. Ich werde Jesus sagen lassen: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. Dann wissen alle aus der Gemeinde, die es betrifft, dass sie angesprochen sind. Das genau ist der Grund, dass ich diese Erzählung unbedingt in mein Buch aufnehmen will. Das Verhältnis von Glaube, Wort Gottes und Wunder muss an einer Stelle mal deutlich angesprochen werden."
„Wichtig ist, dass das Wort des Herrn ganz im Mittelpunkt steht. Das Wort allein kann uns zum Glauben führen. Das Wort allein kann einen wirklichen Weg in unsere Herzen finden. Das Wort allein macht den Glauben fest in uns“, entgegnete Jakob.
Johannes blickte seinen Freund sehr nachdenklich an. „Bei Matthäus endet die Erzählung mit Jesu Wort, dass der Knecht gesund wird. So, wie es der Hauptmann geglaubt hat. Ich werde in meinem Buch betonen, dass der Beamte diesem Wort Jesu seinen Glauben schenkt. Dann müsste es doch für alle deutlich werden: Jesu Wort allein ist das Entscheidende, was den Glauben weckt, was meinst Du.“
„Genau“, antwortete Jakob. „Und dann lässt du die Erzählung damit enden. Bei Matthäus kommt dann ja auch nur noch eine kurze Erwähnung, dass der Knecht in derselben Stunde gesund geworden ist.“
„Nein, das ist zu wenig! Jesus hat seine Verkündigung des Reiches Gottes, seine Predigt von dem Leben mit Gott, ja durch die Zeichen untermalt, die er gewirkt hat. Die Heilungen waren ein Teil seiner Botschaft. Das will ich nicht unter den Tisch fallen lassen. Natürlich hast Du Recht. Der Glaube darf nicht allein auf Wunder aufbauen. Aber die Zeichen, die unser Herr auch unter uns heute wirkt, sind doch unübersehbar. Denk doch mal daran, wie unser Freund Simon auf wunderbare Weise errettet worden ist. Das Fieber war schon so hoch, dass der Arzt meinte, er könne nichts mehr für ihn tun. Dann haben wir zum Herrn miteinander gebetet und ihn gesalbt und wenige Stunden später ging das Fieber zurück und er wurde wieder gesund. Solche Erfahrungen tun uns gut. Sie bestärken den Glauben. Sie geben uns Kraft in Zeiten des Zweifelns.“
„Na, dann beschreibe doch etwas ausführlicher, wie es gewesen sein könnte, dass der Sohn in derselben Stunde gesund wurde. Und mache dann deutlich, dass der Glaube des Vaters von dieser Heilung gestärkt wird.“
Die Augen des Johannes leuchteten. „Ich werde es so machen: Dieser Hauptmann hat bestimmt nicht nur diesen einen persönlichen Knecht gehabt. Da wird es ja auch noch andere gegeben haben, die die Heilung erlebt haben, während er noch unterwegs war. Die werden ihm sicherlich erzählt haben, wann sein Knecht gesund geworden ist. Und dann wird er gemerkt haben, dass sein Knecht tatsächlich in derselben Stunde gesund geworden ist, als Jesus es gesagt hat.“
Jakob nickte zustimmend. „Genau, und dann fehlt noch eine Beschreibung, dass der Glaube des Mannes dadurch gestärkt wurde.“
„Auch das ist einfach“, stimmte Johannes ihm zu. Wenn es ohnehin in seinem Haus alle mitbekommen haben, dann weise ich darauf hin, dass nicht nur der Hauptmann, sondern seine ganze Familie und alle Bediensteten zum Glauben kamen. So wie es ja auch bei uns ist, wenn ein Hausvater oder eine Mutter zum Glauben kommt. Meist wird dann das ganze Haus getauft; alle, die darin wohnen.“
„So wird die Gemeinde verstehen, dass die Wunder den Glauben stärken. Nicht mehr und nicht weniger. Dein Buch wird ein wirkliches Buch des Glaubens, Johannes.“
Liebe Gemeinde, wir leben in einer ganz anderen Zeit als die Gemeinde des Johannes. Aber manches zieht sich durch die Zeiten hindurch. Die Frage nach den Zeichen und Wundern bewegt uns heute wieder viel mehr als das noch vor einem guten halben Jahrhundert der Fall war. Der Theologe Rudolf Bultmann meinte damals, im Zeitalter von elektrischem Strom und Kühlschränken an Wunder zu glauben, sei nicht mehr möglich. Wir sind wieder offener geworden für die Zeichen, die unser Herr Jesus Christus unter uns wirkt. Dennoch bleibt es so, dass ein Glaube auf Sand baut, der sich Wundern verdankt. Der Glaube ist kein Regenschirm, der auf wunderbare Weise alles Böse von uns abhält. Christ zu sein, bedeutet immer auch dem Gekreuzigten nachzufolgen. Das größte Wunder Jesu ist sein Scheitern gewesen, sein furchtbares Leiden, sein elendes Sterben. Das hat den Tod überwunden. Das hat Ostern möglich gemacht. Auf diese Botschaft setzen wir unser Vertrauen. Sie ist ein festes und unerschütterliches Fundament unseres Glaubens. Wer sein Vertrauen auf Jesus Christus an dieser frohen Botschaft Gottes festmacht, der hat ein festes Fundament.
Aber gerade ein solcher Glaube öffnet uns die Augen für die Wunder, die Gott unter uns wirkt. Nicht alle, für die wir beten, werden gesund. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden; nicht unser Wille. Aber wir dürfen eben auch die Erfahrung machen, dass Menschen Heilung finden, bewahrt werden in schwierigen Zeiten, dass ihre Gebete erhört werden. Wer mit den Augen des Glaubens auf sein Leben sieht, der wird immer wieder das wunderbare Eingreifen Gottes in seinem Leben wahrnehmen. Auch wenn andere das ganz anders sehen würden. Und das wird ihn in seinem Glauben bestärken.
Ich denke daran, dass ich als Student einmal aus dem Bus ausstieg und nicht aufpasste. Als ich die Straße überqueren wollte, fuhr ein Bus eine Handbreit an mir vorbei. Wenn ich auch nur einen halben Schritt weiter gewesen wäre, hätte ich das vielleicht nicht überlebt. Zufall? – Nein, das war die gnädige, bewahrende Hand Gottes. – So verstehen wir solche Ereignisse, weil wir dem Wort von dem gekreuzigten und auferstandenen Christus vertrauen.
Amen.

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