Predigt am 3. Sonntag in der Passionszeit (Okuli), 19. März 2017

Predigt am 3. Sonntag in der Passionszeit (Okuli), 19. März 2017

21.03.2017

zu Markus 12, 41 - 44; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
die größte Kirchenaustrittswelle seit der Wende hat unsere Landeskirche im Jahr 2015 erlebt. Die Debatte um homosexuelle Pfarrerinnen oder Pfarrer, die gerade abgeebbt war, hinterließ in der Statistik der Austritte so gut wie keine Spuren. Dagegen gab es massive Austritte im vorletzten Jahr. Der Grund war, dass nun erstmals pauschal Kapitalerträge auch mit einer Kirchensteuer belegt wurden. Das war vorher auch schon so. Im Grund hatte sich rein gar nichts geändert. Vor 2015 musste man seine Erträge aber angeben, um sie zu versteuern. Nun gab es einen automatischen Abzug, sofern man nicht unterhalb des Freibetrags lag.
Verblüffenderweise sind vor allem Rentner ausgetreten, also Menschen, die in der Regel von dieser Steuer gar nicht betroffen sind. Aber die Angst um das Ersparte war anscheinend übermächtig. Mich hat das auch insofern verblüfft, als ich gerade Rentner mit kleinem Einkommen immer als sehr spenden- und zahlungs- freudig gegenüber der Kirche erlebt habe. Aber vielleicht ist da inzwischen auch eine andere Generation nachgerückt.
Ganz anders die arme Witwe, von der uns das Markusevangelium erzählt. Sie kommt in den Tempel, um in der Schatzkammer etwas für den Tempel zu geben. Was sie gibt, ist eine verschwindend kleine Summe. Für den Tempel fällt es nicht im Geringsten ins Gewicht. Im Vergleich zu den Spenden wohlhabender Tempelbesucher ist es gar nichts, was sie gibt. Mag sein, sie ist für diese geringe Spende darum auch schief angesehen worden.
Jesus wird, so lesen wir es bei Markus, Zeuge dieser Szene. Er ruft seine Jünger demonstrativ zu sich. Ich denke, er tut es aus zwei Gründen:
Einmal will er die arme Witwe in Schutz nehmen. Es ist so ähnlich wie wir es in den Gleichnissen Jesu auch immer wieder hören. Gott fragt uns nicht nach unserem Leistungsvermögen. Die arme Witwe hat keine großen Mittel, die sie geben könnte. Das mag sie in den Augen mancher Mitmenschen herabwürdigen. In Gottes Augen beschädigt eine so kleine Spende aber weder ihre Würde noch die Gottes. Für Gott ist diese Frau ein geliebtes Kind Gottes. Er fragt nicht nach der Größe ihrer Spenden. Er sieht in das Herz der Frau und sieht ihre Hingabe und ihre Opferbereitschaft.
Jesus hat die Jünger aber auch noch aus einem anderen Grund zu sich gerufen. Die arme Witwe ist ein Vorbild für alle Menschen, die auf Gott vertrauen. Denn sie hat alles gegeben, was sie eigentlich zum Leben gehabt hätte. Das macht ihre Gabe zu etwas ganz Besonderem. Aus dem Überfluss etwas zu geben, das ist schon gut. Denn gerade denen, die im Überfluss leben, fällt es oft schwer, diesen Überfluss mit anderen zu teilen. (In falscher Rücksicht darauf brauchen Reiche bei uns übrigens praktisch keine Steuern zu zahlen.) Aber etwas zu geben, was an die Grundlage der Existenz geht, das ist schon etwas anderes.
Das Besondere daran ist aber nicht in erster Linie ihre Hingabe und Opferbereitschaft. Jesus preist vor allem den Glauben der Frau, ihr tief gegründetes Vertrauen auf Gott. Ihre Hingabe kommt ja nicht daher, dass es ihr egal wäre, wenn sie am nächsten Tag hungern muss. Sie vertraut vielmehr darauf, dass Gott schon für sie sorgen wird. Sie ist sich sicher, dass sie bei ihm geborgen ist und darum die Freiheit hat, ihre letzten Groschen hinzugeben. Das ist das eigentlich Herausragende an der Haltung dieser armen Witwe.
Natürlich riskiert sie es, dennoch am nächsten Tag nichts mehr zum Leben zu haben. Gottes Wege mit uns sind ja nicht immer so, wie wir uns das vorstellen oder wünschen. Aber auch das macht ihr offenbar nichts aus. Weil sie Gott so liebt, wie es das Liebesgebot in der Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lukas 10) als eine Möglichkeit für uns Menschen aufzeigt: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). Wer einen anderen von Herzen liebt, dem fällt es nicht schwer, für ihn ein Opfer zu bringen. Das gilt für Gott ebenso wie für unsere Mitmenschen. Im letzten Jahr war ein Vater mit seiner Tochter im Dom. Er war schwer nierenkrank geworden. Er brauchte dringend eine Spenderniere und Sie wissen ja, wie schwierig das ist, an ein solches Organ zu gelangen. So entschloss sich die Tochter, ihrem Vater eine der beiden Nieren zu spenden. Gemeinsam haben sie nun im Dom mit einer Führung und einem Gebet den Jahrestag der erfolgreichen Operation begangen. Für den Vater eine Niere zu spenden, das ist ja schon ein bemerkenswertes Opfer. Es ist immerhin ein Risiko für die Gesundheit der Tochter. Aber offenbar hat sie ihren Vater so sehr geliebt, dass gar nichts anderes für sie in Frage kam. Wer liebt, für den ist es leicht, dem Geliebten gegenüber ein Opfer zu bringen.
Die arme Witwe ist uns insofern in doppelter Hinsicht ein Vorbild im Glauben:
Ihr tiefes Vertrauen auf Gottes gutes Geleit gibt ihrem Leben einmal einen tiefen Halt. Sie vertraut darauf, dass sie gehalten wird von Gott und geborgen ist bei ihm. Aus diesem Glauben heraus kann sie aus ihrem Glauben heraus eine Hingabe leben, die an die Hingabe Jesu am Kreuz erinnert. Zwar hat Jesus sein ganzes Leben hingegeben. Aber sie hat auch alles eingelegt, was sie zum Leben hatte.
Zum anderen ist ihre Liebe zu Gott so groß, dass sie auch ein wirkliches Opfer für ihn nicht scheut. Es fällt ihr leicht, weil es ihrem innersten Wesen entspricht, für Gott alles hinzugeben, was sie hat.
Die arme Witwe wird uns von Jesus als Vorbild dargestellt. Sie ist – Gott sei Dank – aber auch ein Abbild des Verhaltens von vielen Christen. Gestern Vormittag beispielsweise war eine ganze Reihe von Gemeindegliedern zur Vorstellung unseres Leitbildentwurfes. Die Domgemeinde ist ihnen so wichtig, dass sie es sich am Sonnabend bei schlechtem Wetter nicht am Frühstückstisch bequem, sondern sich auf den Weg gemacht haben. Sie haben einen Vormittag geopfert für ihre Gemeinde. Sie haben aus ihrem Glauben heraus etwas hingegeben. Das gleiche gilt für so viele andere, die ehrenamtlich in den unterschiedlichsten Bereichen tätig sind. Vom Kindergottesdienst bis hin zu den Aufsichtskräften im Dom. Opferbereitschaft und Hingabe leben – in unterschiedlichem Ausmaß – sehr viele unter uns.
Die Bereitschaft, auch Geldmittel zu opfern, ist in diesen Tagen und Wochen in besonderer Weise von uns allen gefordert. Es macht zwar keine großen Schlagzeilen, ist aber nicht weniger dramatisch: In dem immer wieder von Dürren betroffenen Gebiet zwischen West- und Ostafrika steht eine Hungerkatastrophe von enormen Ausmaßen bevor. Es hat dort so lange nicht geregnet, dass es praktisch keine Vegetation mehr gibt. Tiere sterben und Menschen hungern – noch. Wenn es nicht ausreichend Hilfe von außen gibt, werden auch Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen von Menschen sterben. Natürlich können wir nicht eine Katastrophe mit unseren eigenen bescheidenen Mitteln abwenden. Aber jede und jeder Einzelne von uns kann einen ganz wichtigen Beitrag leisten. Und anders als bei der armen Witwe geht es nicht nur darum, dass Gott auch einen kleinen Betrag als groß ansieht, sondern dass viele kleine Beträge einen großen Gesamtbetrag ergeben. Wir alle sind gefragt, dem Beispiel der armen Witwe zu folgen und wirklich einen für uns nennenswerten Betrag zu spenden. Sie alle finden Spendenkonten im Fernsehen und im Internet. Wer aber nicht weiß, auf welchem Wege er oder sie helfen kann, kann gern seine Spende der Domgemeinde zum Weiterleiten zukommen lassen. Wir können ein Segen sein für die notleidenden Menschen in Afrika.
Sie alle werden die Geschichte vom Sterntaler kennen. Ein Mädchen verschenkt aus lauter Mitleid mit notleidenden Menschen buchstäblich sein letztes Hemd und wird dann vom Himmel mit Sterntalern beschenkt. Dieses Märchen erzählt uns auf andere Weise von dem Vertrauen, dass wir geborgen sind in Gottes Hand, und von der Liebe, die eine Hingabe leicht macht.
Amen.

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