Predigt am 3. Advent, 11. Dezember, zur Einführung der Lutherbibel 2017

Predigt am 3. Advent, 11. Dezember, zur Einführung der Lutherbibel 2017

12.12.2016

zur Apostelgeschichte 8, 26 - 40, gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer in Kleinwaltersdorf

Liebe Gemeinde,
die Bibel ist Gottes Wort, sagen manche Christen. Sie begründen dann damit, dass die Bibel wörtlich zu verstehen sei. Nun gibt es beispielsweise einen Nachtrag zu den Paulusbriefen, wo es heißt: Wie in allen Gemeinden der Heiligen 34 sollen die Frauen schweigen in den Gemeindeversammlungen; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. (1 Kor 14,33b.34). Daraus leiten dann die Lutheraner in Lettland die Folgerung ab, dass Frauen keine Pfarrerinnen sein dürfen. Dass im Galaterbrief desselben Apostels steht, in Christus gebe es weder Frau noch Mann, interessiert sie in diesem Zusammenhang nicht.
An diesem kleinen Beispiel kann man gut sehen, dass die Bibel und das Wort Gottes nicht identisch sind. Die Bibel enthält Gottes Wort, aber in menschlichen, darum widersprüchlichen und manchmal auch sehr zeitbedingten Worten. Gott will mit uns reden. Dazu bedient er sich der Heiligen Schrift. Aber damit für uns aus der Heiligen Schrift Gottes Wort werden kann, muss oft noch etwas dazu kommen. Das kann man an der Geschichte vom äthiopischen Finanzminister sehr schön sehen.
Die Geschichte fängt für den Mann aus Afrika eigentlich sehr enttäuschend an. Er kommt nach Jerusalem in den Tempel, sicherlich um zu Gott zu beten, und dann muss er feststellen, dass nur Juden Zugang zum eigentlichen Tempel haben. Ein Ausländer wie er darf bestenfalls den Vorhof der Heiden betreten.
Um die weite Reise nicht ganz umsonst gemacht zu haben, kauft er sich eine Schriftrolle. Auf dem Heimweg liest er sie laut in seinem Wagen. Vielleicht hat er sich die griechische Ausgabe der Bibelrolle gekauft. Griechisch war damals nämlich die Weltsprache. Das verstand der Minister. Aber obwohl er den Text verstehen kann, weiß er nicht, was damit gemeint ist. Aus dem biblischen Text ist für ihn noch kein Wort Gottes geworden.
Es wird für ihn dann zum Wort Gottes, als er Philippus begegnet. Philippus, so schildert es diese kleine Geschichte, ist von Gott auf einen Weg nach Süden geschickt worden. Zunächst einmal weiß Philippus gar nicht, was auf ihn zukommen wird. Aber dann sieht er den Wagen des Finanzministers und hört ihn laut den Text der Schriftrolle lesen. Gottes Geist gibt ihm nun die Erkenntnis, dass hier jemand offen ist für die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus. So geht er zu dem Finanzminister und fragt ihn, ob er denn versteht, was er liest.
Dem Finanzminister geht es nun so wie manchen, die zum ersten Mal in der Bibel lesen. Manches erklärt sich nicht von selbst. Die Worte von dem leidenden Gottesknecht, von dem Lamm, das zur Schlachtung geführt wird, bleiben ihm unverständlich. Philippus kann es ihm erklären. Im Licht von Karfreitag und Ostern ist es für einen Jünger Jesu klar, was der Prophet hier angekündigt hat. Die Schriftstelle verweist auf Jesus Christus. Und so erzählt er ihm, was am Karfreitag und zu Ostern geschehen ist. Er bringt ihm nahe, dass es in Christus keine Unterschiede gibt zwischen denen, die dazu gehören, und denen, die ausgeschlossen sind. Er verkündigt ihm die Frohe Botschaft, dass Christus die Trennung zwischen uns schuldigen Menschen und Gott aufgehoben hat. Er lädt ihn ein, auf Christus zu vertrauen; auf den, der sein Leben gegeben hat, damit wir leben können.
So wird aus einem biblischen Text für den Finanzminister der äthiopischen Kandake das Wort Gottes. Es rührt ihn an. Es ergreift ihn. Es beendet sein bisheriges Leben und lässt ein neues Leben anfangen. Der plötzliche Halt des Wagens ist ein sehr schönes Sinnbild dafür. Sie sind an einer Quelle angelangt. Etwas Wasser hat sich in dem trockenen Land gesammelt. Nicht viel vermutlich, aber ausreichend für eine Taufe. So lässt er sich von Philippus taufen und macht sich dann voller Freude auf den Weg nach Hause. Er wird zwar in sein altes Leben zurückkehren. Aber es wird nicht mehr dasselbe sein. Gottes Wort – der biblische Text und die Auslegung durch Philippus – hat sein Leben verändert.
Liebe Gemeinde, Gott will mit uns reden. Er will uns durch sein Wort verändern. Darum hat er vor 500 Jahren Martin Luther in seinen Dienst genommen. Für Luther war der biblische Text anfangs auch unklar. Was in der Bibel stand, war ihm zumindest in der damals üblichen Auslegung keine frohe Botschaft. Aber er hat immer wieder in der Bibel gelesen und sich seine Gedanken gemacht. Und dann hat Gott ihm eines Tages, der Überlieferung nach in seinem Wittenberger Turmzimmer bei der Lektüre des Römerbriefes, eine Eingebung geschenkt. Endlich verstand Luther, dass mit Gottes Gerechtigkeit nicht die eines Richters gemeint war. Gerechtigkeit Gottes ist in der Bibel ein Ausdruck für eine Beziehung, die Gott uns schenkt. Durch Christus haben wir einen Zugang zu Gott. So wurde der biblische Text durch die Gnade und den Geist Gottes für Martin Luther zum Wort Gottes.
Sechs Jahre später – 1521 – war er dann auf der Wartburg in Schutzhaft. Ihn bewegte es schon lange, dass die normalen Menschen keine lateinische Bibel lesen konnten. Es gab zwar schon Übersetzungen, aber die taugten alle nichts. Da waren nur die Wörter Deutsch, aber nicht die Sprache. Aber nun auf der Wartburg hatte er ja Zeit. Auch dies war in meinen Augen eine von Gott geschenkte Zeit. Wie er den Philippus auf den Weg nach Süden schickte, so gab er Martin Luther Zeit für seine Bibelübersetzung. Und so konnte im September 1522 erstmals das Neue Testament in einer gut verständlichen Ausgabe erscheinen. Wer lesen konnte und das Geld für ein Buch hatte, konnte das Neue Testament erstmals selber lesen. Für das Alte Testament dauerte etwas länger. Der Textbestand ist ja viel umfangreicher und hebräisch eine schwierige Sprache. Aber immer 1534 lag die Gesamtausgabe der Bibel erstmals in deutscher Sprache vor. Die endgültige Lutherbibel erschien dann 1545. Ein wichtiger Schritt in der Kommunikation des Evangeliums war getan. Gleichzeitig sorgte Luther dafür, dass Pfarrer eine gründliche Ausbildung erhielten. Sie waren so in der Lage den biblischen Text verständlich zu machen. Aus diesem Grund hat jede evangelische Predigt einen Bibeltext zur Grundlage. Es geht darum, dass der Text der Bibel zum Wort Gottes werden soll.
Wir dürfen dankbar sein, dass wir die Lutherbibel in ihrer nun neu bearbeiteten Fassung haben. Sie lässt sich zwar nicht ganz flüssig lesen. Dafür gibt es andere Ausgaben. Aber ihre Sprache bringt doch viel von dem zum Klingen, was Gott uns durch die Schrift hindurch sagen will. „Wenn Finsternis tief meinen Weg umgibt“, lesen wir beispielsweise in der Bibel in gerechter Sprache, „Böses fürchte ich nicht. Ja, du bist bei mir, dein Stab und deine Stütze, sie lassen mich aufatmen.“ Wie viel ergreifender klingen dagegen doch die vertrauten Worte aus dem 4. Vers des 23. Psalms: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.“
Aber auch in der Übersetzung der Lutherbibel wird der biblische Text für uns nicht einfach von selbst zum Wort Gottes. Wichtig ist, dass das geschieht, was wir in der Geschichte von Philippus und dem Finanzminister lesen. Es muss einer dem anderen die Bibel auslegen. Ich sage bewusst: einer dem anderen. Natürlich ist es wichtig, dass an jedem Sonn- und Feiertag Pfarrerinnen und Pfarrer den Gemeinden in der Predigt einen biblischen Text auslegen. Wichtig ist es aber auch, über den biblischen Text miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch für uns Theologen gilt das. Ich selbst empfange viele Impulse in den Gruppen, in denen ich mit Christen unserer Gemeinde über die Bibel ins Gespräch komme. Vom Bibeltext im Gespräch bis hin zum Konfirmandenunterricht. So wird aus einem biblischen Text auch für mich das Wort Gottes.
Das Wort der Schrift ist noch nicht Gottes Wort. Aber es wird dazu, wenn Gott und seinen Geist dazu schenkt. Oder wenn wir einander die Schrift auslegen. Darum versuchen wir deutschen Lutheraner auch, den Letten unsere Sicht des Dienstes von Frauen in der Kirche nahe zu bringen. Wir verstehen die Heilige Schrift so, dass Frauen wie Männer zum Bilde Gottes geschaffen und in Christus eins sind. Warum sollten Sie dann nicht auch mit ihren Gaben das Evangelium verkünden und dazu beitragen, dass die Bibel für Menschen zum Wort Gottes wird.
Amen.

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