Predigt am 3. Advent, 17. Dezember 2017

Predigt am 3. Advent, 17. Dezember 2017

17.12.2017

zu Römer 15, 4 - 13; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
als der Herbst 1989 kam, da ahnten manche, dass etwas in der Luft lag. Ein Umschwung bahnte sich an. So konnte es nicht weitergehen. Die Betriebe waren am Ende. Die Umwelt war an der Grenze ihrer Belastungsfähigkeit angelangt. Die Menschen waren es leid, ihre Meinung nur hinter vorgehaltener Hand sagen zu können, eingesperrt zu sein, nur mit dem Parteibuch in der Hand vorwärts zu kommen. Es war wie kurz vor der Morgendämmerung. Da gibt es einen Moment, wo es noch ganz Nacht ist. Das Licht ist mehr zu ahnen als zu sehen. Doch weiß man: Die Nacht wird bald enden. Unmerklich wird es immer heller werden. Dann wird der erste Lichtstrahl unübersehbar sein. Das Licht der Morgendämmerung wird anbrechen. Schließlich wird der neue Morgen kommen.
Diese Hoffnung auf den Anbruch von etwas Neuem setzte damals ungeheure Energien frei. Menschen, die sich noch wenige Monate zuvor auf keinen Fall getraut hätten auf die Straße zu gehen, taten genau dies. Diese Ahnung, dass die Morgendämmerung dieser DDR-Nacht kurz bevor stand, ließ sie all ihre Ängste zurückstellen. Sie setzten mit dem Schein ihrer Kerzen ein Zeichen für ihre Hoffnung auf den Anbruch eines neuen Tages.
Hoffnung kann enorme Kräfte freisetzen. Wozu Menschen sonst nicht in der Lage sind, das wird möglich, wenn eine Hoffnung sie dazu antreibt. Genau darauf setzt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom. Dass Hoffnung nicht die Welt, aber das Leben der Gemeinde verändert. Er kennt die römische Gemeinde noch nicht persönlich. Er kann nur vermuten, wie es bei ihnen zugeht. Vielleicht hat man ihm auch das eine oder andere zugetragen. Aber Paulus weiß genau, wie wir Menschen so sind. Auch als Christen sind wir nicht immer einer Meinung, gibt es Unterschied in den Charakteren, gibt es dadurch Konflikte. Außenstehenden fällt das manchmal sehr unangenehm auf.
In den ersten christlichen Gemeinden war ein Konflikt besonders schwerwiegend. Es gehörten oft Menschen zu ihnen, die zuvor Juden gewesen waren. Für sie war Jesus der von den Propheten angekündigte Messias des Volkes Israel. „Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais“ zitiert Paulus den Propheten Jesaja. Diese Christen lebten weiterhin als Juden, glaubten aber an Jesus, den Messias, den Christus, wie die lateinische Übersetzung des hebräischen Wortes heißt. Ihnen gegenüber standen die Heiden, die zum Glauben gekommen waren. Sie kamen aus einer ganz anderen Kultur. Mit den jüdischen Speisevorschriften beispielsweise konnten sie gar nichts anfangen. Sie lebten ganz anders als ihre judenchristlichen Glaubensgeschwister. Das war für beide nicht einfach, die jeweils andere Seite in ihrem Anderssein zu akzeptieren.
Uns ginge das übrigens ganz ähnlich. Wenn wir mit unseren englischsprachigen Glaubensgeschwistern an jedem Sonntag nicht parallel, sondern miteinander Gottesdienst feiern würden, ginge das auf die Dauer sicherlich auch nicht ohne Konflikte ab. Denn auch die leben ihren Glauben in einer ganz anderen Weise als wir und es würde beiden Seiten schwer fallen, sich auf die jeweils anderen einzustellen.
In dieser Situation baut der Apostel auf die gemeinsame Hoffnung, die die unterschiedlichen Gruppierungen der christlichen Gemeinde in Rom verbindet. Er baut auf die Hoffnung und die Energien, die sie freisetzt. Unsere Welt, so sagt es uns die Bibel, liegt noch ganz im Dunkeln. Wer all das Traurige in dieser Welt mit offenen Augen anschaut, der kann dem nur zustimmen. Nicht einmal Christen immer schaffen es Frieden miteinander zu halten. Konflikte machen überall auf der Welt den Menschen das Leben zur Hölle: in den Familien, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, zwischen den Volksgruppen, zwischen Angehörigen unterschiedlicher Religionen, zwischen den Staaten. Mit der Anerkennung Jerusalems als der ungeteilten Hauptstadt Israels hat Donald Trump beispielsweise den Konflikt zwischen Israel und Palästinensern wieder in aller Schärfe aufbrechen lassen – und keine Lösung ist in Sicht. Von einem gegenseitigen Annehmen, einem gegenseitigen Akzeptieren kann keine Rede sein. So sieht es aus mit uns in dieser Welt. Da ist viel Dunkles.
Und doch besteht Hoffnung auf den Anbruch des Morgens. „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen“, hat der Apostel Paulus zwei Kapitel zuvor geschrieben. Dieser Moment, wo es nur zu ahnen ist, dass die Morgendämmerung kommt, der ist da. Mit Jesus Christus ist er gekommen. Mit seiner Geburt im Stall von Bethlehem kam der Moment, wo es noch ganz dunkel ist und doch irgendwie schon zu ahnen ist, dass es bald hell wird. Zu Ostern ist dann er allererste Schimmer am Horizont sichtbar geworden. Unsere Welt wird nicht so bleiben, wie sie ist. Es wird eine „Wende“ auch für diese Welt geben. Auch wenn wir uns das genauso wenig vorstellen können, ebenso, wie sich die meisten vor 1989 nicht vorstellen konnten, dass die DDR ein Ende finden würde. Mit Christus hat die Hoffnung Gestalt angenommen, von der die Heilige Schrift zu uns spricht. Mit dem Kind in der Krippe und mit dem Auferstandenen, der das Grab leer zurückließ.
An diese Hoffnung erinnert der Apostel. Er tut es, weil er darauf baut, dass sie Kräfte freisetzt. Unter normalen Umständen ist es kaum möglich, über die Unterschiede hinwegzusehen. Wie soll ich den akzeptieren, der seinen Glauben so völlig anders lebt als ich? Übertragen in unsere heutige Situation: Wie sollen Jugendliche mit ihrer Sehnsucht nach fröhlicher und rhythmischer Musik akzeptieren, dass wir hier im Dom eine ganz andere Art der Musik pflegen? Wie sollen wir es verstehen, dass in anderen Gemeinden der Glaube ganz anders gelebt wird als wir selbst es tun? Wie sollen wir nicht zuletzt die annehmen, die aus einer ganz anderen Kultur stammen und so ganz andere Lebensgewohnheiten haben?
„Ja“, sagt der Apostel, „das ist schwer. Das gehört zu der Nacht in der wir leben. Aber ahnt Ihr nicht, dass der Morgen anbrechen wird? Liegt es nicht seit Ostern in der Luft, dass unsere Welt durch Gott neu werden wird? Spürt ihr nicht diese wunderbare Hoffnung in euch, dass Gott alle Gegensätze versöhnen wird? Wenn ihr es ahnt und spürt, dann lasst Euch doch tragen von dieser Hoffnung. Lasst Euch tragen von der Vorfreude auf Gottes neue Welt. Spürt die Energie in Euch, die diese Hoffnung freisetzt. Ihr könnt es: Überwindet die Grenzen. Nehmt einander an. Lobt und preist damit Gott – nicht nur mit Euren Liedern und Gebeten, sondern gerade auch mit eurem Leben. Denn den anderen so anzunehmen, wie er nun einmal ist, das ist ein einziges Gotteslob.“
Liebe Gemeinde, noch ist das Licht der neuen Welt Gottes in dieser Welt mehr zu ahnen als zu sehen. Doch seit das Kind im Stall von Bethlehem geboren wurde, ist es mehr als eine Ahnung. Seit das Grab am Ostermorgen leer war, sehen wir den ersten Schimmer am Horizont. Diesem Licht gehen wir entgegen. Voller Hoffnung auf den Advent Jesu Christi. Die Dunkelheiten dieser Welt haben uns nicht mehr wirklich. Wir sind frei von ihnen. Wir spüren in uns die Kraft, die diese Hoffnung uns schenkt. Im Gebet, in unseren Gottesdiensten erleben wir etwas von der Energie, die die Hoffnung auf das Kommen Jesu Christi in uns freisetzt. Wenn es gelingt, sich über Unterschiede hinweg zu verständigen, wird etwas von der verändernden Kraft der Hoffnung unter uns sichtbar. Wenn wir uns stark machen für unsere Mitmenschen, ist das Licht, das die Dunkelheit vertreibt, nicht mehr nur zu ahnen. Wir schauen auf Christus und spüren, wie die Hoffnung in uns wächst, dass einmal alles gut werden wird. Das setzt Energien frei, einander und die anderen anzunehmen, füreinander und für andere da zu sein und Gott damit zu loben.
In meiner ersten Gemeinde gab es ein Paar, das hat sich kurz vor der Goldenen Hochzeit getrennt. Die Ehefrau konnte ihren Mann einfach nicht mehr ertragen, wohl zu Recht. Aber dann wurde er schwer krank und lag im Sterben. Da sprang sie über ihren Schatten, vergaß alle Verletzungen und pflegte ihn. Er wiederum fand in dieser Zeit die Kraft, sie für alles um Verzeihung zu bitten. Sie hat ihm diesen Wunsch erfüllt und er konnte darum in Frieden gehen. Da wurde es spürbar, was es bedeutet, aus der Hoffnung auf Christus und seinen Advent zu leben.
Amen.

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