Predigt am 22. Sonntag nach Trinitatis, 28. Oktober 2018

Predigt am 22. Sonntag nach Trinitatis, 28. Oktober 2018

28.10.2018

zu Römer 7, 14 - 25a; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Nach der Feier des Vorabends. Da liegt sie noch auf dem Tisch: eine Praline. Die letzte, die übrig geblieben ist. Ohne groß nachzudenken greift sie danach und die Praline wandert in den Mund. Dabei wollte sie doch eigentlich ein wenig besser auf ihr Gewicht achten.
Im Kinderzimmer. Der Vater besteht darauf, dass das Kind aufräumt. Es will nicht, brüllt und tobt. Trotzphase nennt man das. Der Vater bleibt geduldig, aber konsequent. Erst einmal werden die Spielsachen in die Schränke zurückgeräumt. Da schlägt das Kind nach ihm. Reflexartig schlägt er zurück. Schon während der Handbewegung tut es ihm leid. Aber er kann sie nicht mehr stoppen.
Eine Dienstreise. Nach einem langen und stressigen Arbeitstag sitzen ein Kollege und eine Kollegin im Hotel einer entfernten Großstadt an der Bar auf ein Bier bzw. ein Glas Wein. Man hat sich immer gut verstanden. Der Alkohol senkt im Verlauf des Abends alle Hemmschwellen. In der kommenden Nacht wird das eine der beiden Zimmer, die die Firma bezahlt hat, ungenutzt bleiben. Später einmal werden die beiden ihren Partnern erklären, sie seien da so hineingeschlittert. Eigentlich hätten sie es gar nicht gewollt.
Ein Termin. Ein regierungskritischer Journalist hat um ihn gebeten. Er will heiraten und braucht eine Bescheinigung. Dem Herrscher wird dies mitgeteilt. Er sieht seine Chance gekommen, endlich diese unliebsame Stimme loszuwerden. Jetzt gilt es schnell zu handeln. Nur wenige Stunden später wird ein grausamer Mord geschehen. Ein deutscher Journalist wird sich später in einer angesehenen Zeitschrift mehr über die grenzenlose Dummheit dieses Herrschers wundern als über dessen Brutalität und Grausamkeit.

Liebe Gemeinde,
der Apostel Paulus schreibt in einem Brief an die christliche Gemeinde in Rom, dass die Sünde unser Leben beherrscht. Er stellt sich die Sünde als einen Machtbereich vor, in dem wir nicht mehr Herr unserer selbst sind. Die Sünde beherrscht unser Denken und Fühlen und verleitet uns dazu, Dinge zu tun, die wir eigentlich gar nicht tun wollten. Wir sind ihr geradezu ausgeliefert. Das biblische Gesetz, wie es im Alten Testament aufgeschrieben steht, hat dadurch seine eigentliche Bedeutung verloren. Es sollte den Menschen ein gelingendes Zusammenleben ermöglichen. Aber sie leben nicht danach. So wird es nur noch zu einer Art Messinstrument für menschliches Fehlverhalten. Es kann nichts mehr verhindern, sondern nur noch anzeigen, wie sehr die Menschen der Sünde verfallen sind.
Das sind Gedanken, die uns heute, fast zweitausend Jahre nach dem Abfassen des Römerbriefs fremd sein mögen. Und doch sind sie so überaus aktuell. Wir können uns selbst ansehen und stellen fest: Oft genug können wir dasselbe sagen wie Paulus: „Ich tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse, das tue ich.“ Oft genug sind wir nicht Herr unserer selbst. Wir lassen uns leiten von unseren Ängsten und Zwängen, von versteckten oder unbefriedigten Bedürfnissen. Oft genug handeln wir ganz anders, als wir es eigentlich tun wollten. Das wird im Übrigen sogar von heutigen Hirnforschern bestätigt. Das Gehirn gibt zum Teil Impulse, die zu Handlungen führen, bevor wir überhaupt merken, dass wir so handeln wollen. Beim Beispiel der Praline wird das überdeutlich. Da hat eine Hirnregion einen Impuls gegeben, lange bevor der Verstand sich überlegen konnte, ob denn der Genuss dieses edlen Tropfens der schlanken Linie wirklich zuträglich sein würde.
Wie aber gehen wir nun damit um? In den Worten des Apostels: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“ Für den Apostel gibt es einen Ausweg. Wenn wir aus dem Machtbereich der Sünde herauswollen, dann müssen wir uns in den Machtbereich Christi flüchten. Wenn wir durch unsere Taufe und unseren Glauben zu Christus gehören, dann sind wir frei von der Sünde. Aus diesem Grund wurden in der Alten Kirche und werden in der Orthodoxie und einigen Freikirchen die Täuflinge untergetaucht im Wasser. In der Taufe wird der Mensch ertränkt, der der Sünde ausgeliefert ist. Aus dem Wasser der Taufe heraus kommt ein neuer Mensch. Dieser neue Mensch lässt sich nicht mehr von der Sünde beherrschen. Er lässt sich vielmehr von Gottes Geist leiten.
Ist es so, liebe Gemeinde? Ja, in Gottes Augen ist es so! Er sieht uns an als seine geliebten Kinder. Er schenkt uns seinen Geist, der uns dazu anleitet, in Glaube, Hoffnung und vor allem Liebe zu leben. Aber wenn wir uns selbst ansehen, dann kommen wir zu einem anderen Ergebnis. Dann lassen wir uns nur allzu oft von unseren Egoismen und Befindlichkeiten leiten. Dann geben wir der Sündhaftigkeit des menschlichen Wesens nach wie vor allzu viel Raum in unserem Denken und Fühlen.
Dieses Ineinander hat schon der Apostel Paulus beschrieben. Martin Luther hat es auf die Formel „simul iustus et peccator“ gebracht. Das heißt auf Deutsch: Wir sind als Christen zugleich vor Gott gerechtfertigt, aber leben ebenso als Sünder. Wir erleben es ja auch an uns selbst, dass auch wir Christen in unserem Denken und Fühlen immer wieder um uns selbst kreisen, an uns denken, vielleicht noch an unsere Angehörigen, aber nicht an andere. Zurzeit sind wir in einem Prozess, in dem sich die Gemeinden der Freiberger Region mit den jeweiligen Nachbarn zu größeren Gemeinden zusammenschließen und dann mit den anderen Gemeinden eine größere Struktur bilden werden. Die Frage „Was wird dann aus unserem Geld“ spielt bei vielen Diskussionen eine Rolle. Dabei dürfte das unter Christen ja eigentlich keine besondere Bedeutung haben.
Simul iustus et peccator – gerecht und Sünder zugleich. Dieser Satz hat bei Luther aber nichts Resignatives an sich. Er hat von diesem Satz ausgehend das Leben eines Christen vielmehr als eine immerwährende Umkehr zur Taufe gesehen. Wir sind sozusagen wie einer, der immer wieder über seine Sündhaftigkeit stolpert, hinfällt und dann aber wieder voller Elan aufsteht, um Christus nachzufolgen. Vielleicht ist es das, was uns als Christen von anderen unterscheidet. Liegenzubleiben, sich mit der Sündhaftigkeit menschlichen Lebens oder besser unseres eigenen Lebens abzufinden, ist für uns keine Option. Der Satz „Man sollte einer Versuchung immer nachgeben; wer weiß, wann die nächste kommt“, lässt sich für einen Christen nicht nachsprechen. Immer wieder aufzustehen, auf Christus zu sehen, seinen Weg zu gehen, das ist die einzige Option, die wir haben – in der Hoffnung, dass wir in Gottes ewiger Welt einmal keine Stolpersteine mehr vor uns haben werden.
Simul iustus et peccator – gerecht und Sünder zugleich. Das ist der Grund, warum wir immer wieder im Gottesdienst das Beichtgebet sprechen. Auch an Tagen, wo das Thema Sünde im Gottesdienst gar keine ausdrückliche Rolle spielt. Luther hat die Beichte überaus hoch geachtet. Nicht als Sakrament, aber eben als wichtiges Element der andauernden Umkehr zur Taufe. Was auch immer die Sündhaftigkeit menschlichen Lebens bei uns in der vergangenen Woche bewirkt hat, wir können es uns bewusst machen, wir können es Christus anvertrauen, wir können ihn um seine Vergebung bitten – und neu anfangen. Immer wieder.
Im Abendmahl wird uns dieser Neuanfang dann auch ganz sinnlich erfahrbar geschenkt. Sünde trennt uns ja nicht nur von Gott, sondern auch voneinander. Darum ist es eine so schöne Sitte, einen Kreis zu bilden uns so die Gemeinschaft zu erleben, die die Vergebung uns schenkt.
Simul iustus et peccator – gerecht und Sünder zugleich. Immer finden wir uns als Sünder wieder und wissen doch eigentlich, dass wir es auch anders können. Aber wir können es auch anders. Wir können dem ähnlicher werden, wie Gott uns schon sieht. Wir können Christus nachfolgen, „nachstolpern“ hat es ein christlicher Liedermacher in einem seiner Lieder einmal genannt. Ganz wichtig ist dabei die christliche Gemeinde. Da sind lauter sündige Menschen versammelt. Aber sie helfen einander immer wieder auf, wenn einer wieder einmal über seine Sündhaftigkeit gestolpert ist. Sie üben sich miteinander darin ein, der Sünde zu widerstehen. Sie sind sich gegenseitig ein Vorbild in Glaube, Hoffnung und Liebe. Zeichenhaft erleben sie es aneinander, dass die Macht der Sünde gebrochen ist. Zeichenhaft erleben sie es aneinander, dass durch Christus die Liebe gesiegt hat.
Amen.

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