Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis, 5. November 2017

Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis, 5. November 2017

05.11.2017

zu Matthäus 10, 34 - 39; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
meine Tochter war kürzlich mit einer Mitfahrgelegenheit zurück nach Berlin unterwegs. Der Fahrer war ein junger Mann, der nach dem Abschluss seines Studiums in Berlin arbeitet, aber nach wie vor an jedem Wochenende zu seinen Eltern in der Nähe von Chemnitz fährt. Ein Abnabelungsprozess von zu Hause hat bei ihm offenbar noch nicht stattgefunden.
Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir es insgesamt schwer haben, mündige Menschen zu sein. Das gilt nicht nur für junge Erwachsene, die von zu Hause nicht fortkommen. Das gilt auch für die Gesellschaft als Ganzes. Am Abend des Reformationstages konnte man beispielsweise wieder verkleidete Kinder mit ihren Eltern durch die Straßen ziehen sehen. Da hat sich die Süßwarenindustrie vor einigen Jahren überlegt, dass es doch eine Umsatzsteigerung bedeuten würde, Halloween in Deutschland einzuführen. Und die Leute sind in Massen über dieses Stöckchen gesprungen, das ihnen da hingehalten wurde. Eine Milliarde, so hörte ich im Radio, werden für Halloween in Deutschland ausgegeben. Weil völlig unkritisch etwas übernommen wird, was bei uns nie eine Tradition war.
Jesu hat Mündigkeit und eine innere Freiheit von den jungen Männern gefordert, die mit ihm durch das Land gezogen sind und das Reich Gottes verkündigt haben. Jesus konnte dabei niemanden gebrauchen, der nicht wirklich aus freien Stücken mit ihm ging. Wer ihm nachfolgte, musste mit Kindheit und Jugend abgeschlossen haben, erwachsen und bereit sein, sich nicht mehr seinen Eltern unterzuordnen. Da das damals auch von jungen Erwachsenen erwartet wurde, war es mehr noch als ein Abnabeln, ein Bruch mit den Konventionen. Mündigkeit und innere Freiheit waren ohne einen solchen Bruch nicht zu haben. Darum sind die Worte Jesu so hart, was das Verhältnis zu den engsten Familienmitgliedern anging. Nur wer wirklich erwachsen war und innerlich frei – selbst von den Bindungen an die Familie – ist geeignet gewesen, Jesus auf seinem Weg als Prediger durch das Land nachzufolgen.
Manchmal muss man frei sein und Gott mehr gehorchen als den Menschen. Das galt nicht nur für die unmittelbaren Jünger Jesu, die mit ihm gingen. Das gilt seitdem für eigentlich jeden Christenmenschen der sich auf den Weg mit Christus durch das Leben macht. Martin Luther beispielsweise musste ja dieselbe Erfahrung machen. Er hätte niemals die Rolle bei der Erneuerung der Kirche spielen können, wenn er den Willen seines Vaters befolgt hätte. Sein Vater wollte ja, dass aus ihm ein Jurist wird und er mit dieser Ausbildung Karriere machen würde. Dass Luther ins Kloster ging, war völlig gegen das, was Hans Luder mit seinem Sohn vorhatte. Nur im Konflikt mit dem Vater konnte Martin Luther seinen Weg gehen. Mag sein, dass sein Vater es begrüßte, dass Luther später das Klosterleben aufgab und heiratete. Aber das war dennoch nicht das, was er sich für seinen Sohn vorgestellt hatte. Auch von Martin Luthers Seite her blieb die Distanz. Den Nachnamen seines Vaters hat er von Luder in Luther verändert. Das hatte theologische Gründe, weil darin das griechische Wort für „der Befreite“ anklingt. Aber sicherlich war es auch ein Distanzieren von seinem Vater.
Jesus Christus nachzufolgen, das fordert einen Menschen, der innerlich erwachsen und frei ist – wenn es sein muss auch von zu engen Bindungen an die Familie. Das galt zu Jesu Zeiten, das war vor 500 Jahren nicht anders und das gilt auch heute. Ein mündiger Christ zu sein, das bedeutet nicht nur die Konfirmation hinter sich zu haben. Mündigkeit im Glauben, das bedeutet seine eigenen Entscheidungen im Glauben zu treffen. Nicht völlig unkritisch das zu übernehmen, was die Familie einem vorgelebt hat oder was einem andere vorsetzen; nicht einmal, wenn die behaupten in direktem Kontakt mit Gott zu stehen. Mündigkeit im Glauben bedeutet auch, das Vorfindliche in Frage zu stellen. Wenn nötig, auch in Glaubensdingen neue Wege zu gehen. Luther hat es vor 500 Jahren getan, weil er gar nicht anders konnte. Die Herausforderungen sind heute andere. Aber auch wir können nicht immer nur in den ausgefahrenen Spuren gehen. Auch wir brauchen als Kirche und auch als Gemeinde neue Aufbrüche. Wer genau hingehört hat, hat bemerkt, dass die Kurrende im Reformationsgottesdienst „Ein feste Burg“ in einer ganz neuen Weise gesungen hat. Und wer gestern im Reformationskonzert gewesen ist, hat etwas völlig Ungewohntes erlebt. Aber so ist das Leben und so ist auch das Leben der Kirche. Zu einem mündigen Christsein gehören auch Aufbrüche, die etwas Neues wagen und das Alte hinter sich lassen, wenn es notwendig geworden ist. Im Kleinen wie im Großen.
Jesu Worte haben aber auch noch einen anderen Akzent. Jesus spricht ja von der Kreuzesnachfolge. Zu einem mündigen Christsein gehört es auch, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Die Wahrheit ist nicht, dass es den Jüngern Jesu immer gut gehen wird. Jesus nachzufolgen bedeutet immer auch einen Weg zu gehen, der an Jesu Kreuz erinnert. In unserer Zeit verbreitet sich weltweit mit der charismatischen Bewegung die Auffassung, wer von Gottes Geist angerührt ist, dem wird es in seinem Leben gut gehen. In Südamerika hat man dieser Bewegung daher sogar den Namen Wohlstandsevangelium gegeben. Denn die Botschaft an die Armen ist dort: Komm zu uns und es wird dir gut gehen. Der Glaube ist aber keine Betriebsanleitung zur Leidensvermeidung. Im Gegenteil: Ein mündiger Christ zu sein, das bedeutet immer auch klar zu sehen, dass wir auch durch „finstere Täler“ hindurchmüssen. Das wusste bereits der Beter des 23. Psalms, der natürlich ebenso von den grünen Auen weiß, auf denen der Herr ihn und uns als der gute Hirte führt. Ein mündiger Christ wird immer dankbar sein für Erfahrungen des Segens; er weiß aber auch, dass er an Kreuzeserfahrungen nicht immer vorbeikommt. Das galt für die Jünger, die Jesus zum Teil buchstäblich in den Tod gefolgt sind. Das galt für Luther, dem nur durch staatlichen Schutz ein ähnliches Schicksal erspart geblieben ist. Das galt mehr noch für Katharina von Bora, seine Frau. Wie leidvoll waren ihre Witwenjahre! Das gilt in unserer Zeit besonders für die Christen im Orient, die unter den muslimischen Fanatikern unserer Zeit mehr als andere zu leiden haben. Das gilt aber auch für uns: Wir leiden zwar in heutiger Zeit nicht um unseres Glaubens willen in dem Sinn, dass wir verfolgt oder benachteiligt würden. In Glaubenssachen leiden engagierte Christen allerdings schon manchmal unter der Teilnahmslosigkeit ihrer Mitchristen, unter leeren Kirchen und einer zurückgehenden Anzahl von Mitarbeitern. Dennoch bleiben uns ja auch wirkliche Leidenserfahrungen nicht immer erspart. Ich denke da beispielsweise an die Ehefrau eines jungen Kollegen aus der Region, die unter einer schweren und seltenen Krankheit leidet und deren Leben - gemeinsam mit dem ihrer Familie - von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt wurde. Es gehört zu einem erwachsenen Christsein, dem ins Auge zu sehen, dass es das gibt, weil wir dem nachfolgen, der am Kreuz sein Leben für uns gab.
Christsein bedeutet, mündig und – damit einhergehend – mit einer großen Nüchternheit auf Gott zu vertrauen; frei zu sein für Christus; sich notfalls auch für ihn frei zu machen von Bindungen, die uns daran hindern. Ein mündiger Christ zu sein, bedeutet aus diesem Gottvertrauen heraus Schritte in die Zukunft zu gehen und Aufbrüche zu wagen. Es bedeutet – und das ist nicht leicht – sich dabei auch von Leidenserfahrungen nicht beirren zu lassen. Die gehören zum Christsein genauso dazu wie die Erfahrungen, dass der Himmel die Erde berührt.
Einer, der sich in Jesu Sinn in die Nachfolge begeben hat und dadurch zweifellos für uns so etwas wie ein „Heiliger“ und ein Vorbild ist, war Dietrich Bonhoeffer. Am letzten Sonntag habe ich ihn ja bereits erwähnt. Er stand in der lutherischen Tradition, ist von ihr ausgehend aber zu Neuem aufgebrochen: zu gemeinsamem Leben und Beten, zu einer vertieften Frömmigkeit. Er ließ sich als mündiger Christ nicht vom Zeitgeist mitreißen, widerstand daher von Anfang an dem Nationalsozialismus und erhob seine Stimme für die Juden, als dies nicht einmal die Bekennende Kirche tat. Dass sein Widerstand ihn das Leben kosten könnte, sah er mit aller Klarheit. Letztlich führte sein Weg ihn in die Kreuzesnachfolge. Aber als sie ihn zur Hinrichtung abholten, formulierte er den Satz: „Das ist das Ende; für mich der Beginn des Lebens.“ Er nahm damit auf, was Jesus gesagt hat: Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.“
Amen.

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