Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis, 9. Oktober 2016, im Dom Freiberg

Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis, 9. Oktober 2016, im Dom Freiberg

09.10.2016

zu 1. Thessalonicher 4, 1 - 8 gehalten von Prädikant Matthias Neubert

Liebe Gemeinde,
Junge, halt die Ohren steif. Das sagte meine Mutter immer bei der Verabschiedung, wenn ich im Alter von 14 Jahren von zu Hause mit dem Zug nach Dresden ins Internat fuhr. Es war eine Ermahnung. Allerdings wusste ich damals nichts damit anzufangen und lies es ohne Widerrede immer wieder über mich ergehen. Heute weiß ich eher was sie damit ausdrücken wollte: Ich sollte durchhalten, etwas aushalten, festbleiben, ausharren, etwas durchstehen, auf dem Posten bleiben, beharrliche sein, bei der Stange bleiben, das Feld behaupten, einer Sache treu bleiben, nicht ablassen von einer Sache, sich nicht beirren lassen, sich nicht vertreiben lassen, unbeirrt das Begonnene fortführen, festbleiben.
Zusammengefasst: Junge, bleibe auf dem rechten guten Weg. Hätte ich es nur gewusst und beherzigt. Dann wäre mir manches erspart geblieben. Aber wie das mit Ermahnungen so ist….
Als getaufte Christen sind wir auf dem Weg. Dabei geht es nicht nur wie im einleitenden Gesagten um den Weg zu guten Schul-und Studienabschlüssen, sondern um das Ziel des gesamten Lebens. Auch wenn Ermahnungen oft als Gängelei empfunden werden sind die biblischen Ermahnungen allein Hilfen zum zielgerichteten Leben. Wie man Ermahnungen in den Wind schlagen und ein Ziel verfehlen kann, wird bereits den Kindern im Märchen vom Rotkäppchen und dem Wolf vor Augen geführt.
Auch gut Gedachtes, aber zum falschen Zeitpunkt aus der falschen Quelle Gespeistes, lässt Weg und Ziel verfehlen.
Paulus will die junge christliche Gemeinde in Thessalonich nicht gängeln oder ihr ein permanent schlechtes Gewissen machen. Er will, dass sich Christen in ihrer Lebensgestaltung von der lebensbejahenden Botschaft Gottes leiten lassen.
An ihnen soll die Beziehung zu einem treuen, barmherzigen und liebenden Vater erkennbar sein. Dabei geht es ihm nicht um Exklusivität oder alternative Lebensformen schlechthin. Paulus geht es um ein Leben, dass durch das Kreuz Jesu vom Zwang zum Bösen, vom Zerstörerischen befreit ist. Glaube im paulinischen Sinne dreht sich allein um den Willen und die Wesensart Jesu im persönlichen wie im gemeindlichen Leben. Diese will im praktischen Lebensvollzug an- und wahrgenommen werden.
Zwei Gefahren können dabei entstehen:
1. Für Gott, für ein geisterfülltes Leben, für die Richtigkeit biblischer Aussagen kann man schwärmen. Der doch recht mühevolle Weg mit Höhen und Niederlagen des täglichen Lebens wird dabei fein säuberlich ausgeblendet.
2. Glauben als eine theoretische Meinung über Gott und bestenfalls eine gedankliche Zustimmung zu den Lehren der Bibel ohne konkreten Lebensvollzug zu verstehen.
Beide Fehlhaltungen sind leider sehr verbreitet. Es liegt eine Spannung besonders über dem Teil der Christenheit, dem es mehr oder weniger recht gut geht. In Gemeinden zur Zeit des römischen Reiches wie in Thessalonich traf das junge Christentum auf eine diametral anders angelegte Gesellschaft. Da half weder Schwärmerei noch religiöser Intellektualismus. Nur auf die Echtheit gelebter Nachfolge kam es an. Das hat Paulus jeder Gemeinde als vorrangig ins Stammbuch geschrieben.
Zeugen der Wahrheit Gottes sind gefährlich. Sie stellen bestehende Verhältnisse, insbesondere Machtbereiche in Frage. Davor hat jede Ideologie, jeder totalitäre Herrscher Angst. Wie anders ist es zu verstehen, wenn heute unzählige Christen in einer Vielzahl von Ländern ausgegrenzt, verfolgt, gefoltert und umgebracht werden. Weshalb lässt z.B. ein Kim Jong-un keine Bibeln nach Nordkorea? Weil das Wort Gottes Menschen verändert. Vor dieser Kraft hat er genauso Angst wie viele andere Ideologen und Despoten auf der Welt. Ein König Herodes wollte durch den Kindermord von Bethlehem Jesus generell verhindern. Es ist ihm nicht gelungen, so wie es seit 2000 Jahren keiner weltlichen Macht gelungen ist, die frohe Botschaft von der Erlösung des Menschen von der ewigen Verdammnis aus dem Gedächtnis der Menschheit zu streichen.
In Thessalonich gab es noch keine christlichen Traditionen, keine Sakralkunst, keine kirchlichen Rechte und Privilegien. Es gab nur Menschen, die der Verkündigung des Apostels und seiner Mitarbeiter glaubten und diesen Glauben im Lebensvollzug umzusetzen bereit waren. Und diese große Herausforderung hat sich seit dem nicht geändert. Dabei geht es nicht um Moral. Eine auf zeitbedingte Strömungen aufbauende Verkündigung ist der Kirche nie gut bekommen. Hier sei nur an die Schlagworte erinnert: „Mit Gott fürs Vaterland, oder die Deutschen Christen oder Kirche im Sozialismus“.
Dietrich Bonhoeffer prägte zur der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur folgenden Sinnspruch: „Die prinzipielle Aufhebung der göttlichen Gebote im vermeintlichen Interesse der irdischen Selbsterhaltung wirkt dem eigenen Interesse dieser Selbsterhaltung entgegen“.
Das bedeutet doch nichts anderes, als das die Abkehr von Gottes Geboten und das Leben nach der Regel: „das machen doch alle so“ zum eigenen Schaden geschieht. Wie leidvoll musste das Deutschland 1945 erfahren!
Christsein heißt nichts anderes als mit göttlichem Leben beschenkt auf dem Weg zur Ewigkeit sein.
Die „Ermahnungen“ sind dabei Lebenshilfe und nicht Einengung. Dabei entsteht eine ganz natürliche Divergenz zum Mainstream.
Die thematische Brisanz, die der Apostel der Gemeinde in Thessalonich zumutet hat es in sich.
Sexualität und Gier werden konkret benannt.
Wie viele Menschenleben, auch aus frömmsten Kreisen sind daran gescheitert.
Paulus nimmt hier die Männer in die Pflicht.
Dabei folgt er ja nur dem Vorbild Jesu. Nicht die Ehebrecherin verurteilt er, auch wenn er sie mit den Worten „gehe hin und sündige nicht mehr“ bedenkt. (Joh. 7) Er gibt der Frau ihre Würde zurück.
Die sie anklagenden Männer hat er bloß gestellt. Bis heute kann wohl kein Bordell ohne die Nachfrage seiner „Kundschaft“ bestehen.
Jesus hat ja die Rolle der Frau für seine Gegner, die Pharisäer, bis ins fast Unerträgliche aufgewertet. (Mk. 14,3)
Und auch Paulus ist kein Frauenfeind. Der Umgang mit der Frau in der Ehe soll achtungsvoll auf Augenhöhe geschehen.
Denn die Frau ist genauso unmittelbar Trägerin göttlichen Lebens. Deshalb hat der Umgang mit der Sexualität nicht in erster Linie eine moralische, sondern eine geistliche Dimension!
Diese Botschaft ist bis heute wahrhaft revolutionär. Ob ganz offen in anderen Religions- und Kulturkreisen, ich erinnere nur an die Massenvergewaltigungen in Indien und anderswo, oder vor der Öffentlichkeit eher verborgen, in Sex Clubs und Bordellen, wird die Frau bis heute als Objekt der sexuellen Begierde des Mannes betrachtet. Wir brauchen nur in die darstellende Kunst zu schauen. Der größte Prozentsatz von Bühnenwerken lebt vom Spiel mit  Sex und Geldgier. Und letztendlich verbirgt sich dahinter immer wieder der Schrei nach Erlösung.
Die Bibel ist nicht gegen Besitz oder sogar Reichtum. Die Bibel ist nicht gegen in Verantwortung gelebter Sexualität. Sie warnt nur sehr eindringlich vor der Abart davon, weil diese lebensfeindlich ist. Seinen legitimen Vorteil suchen oder andere zum eigenen Nutzen übervorteilen will sauber voneinander getrennt werden. Es ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Oft gelingt einem die Unterscheidung nicht allein. Da ist es gut, wenn man vertrauenswürdige Menschen um sich hat, die Rat und Hilfe geben können. Auch die Stellung zum Besitz gehört nicht zuerst in die Kategorie Moral. Einen anderen zu übervorteilen wertet ihn ab, sieht nicht den gleich von Gott Geliebten in ihm. Auch hier geht es um die geistliche Dimension.
Allein mit gutem Willen und „steifen Ohren“ ist der Weg zum ewigen Leben nicht zu meistern. Das Wort der Bibel weist uns an Jesus. Was er für uns tat ist die Grundlage für ein Leben als Erlöste. Zu ihm können wir kommen, wenn wir schuldig geworden sind. Ihm brauen wir nicht erklären, dass natürlich die andern, zumindest aber die Umstände Schuld für persönliches Fehlverhalten sind. Gott, sei mir Sünder gnädig, betet der Zöllner im Tempel und ging als Versöhnter nach Hause. Der Heilige Geist leitet uns auf dieser Basis in unserer Lebenswirklichkeit. Er lehrt uns Ehrfurcht vor Gott, Hochachtung vor dem Nächsten, Bescheidenheit bei den Ansprüchen und Zuversicht im Leben.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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