Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis, 14. Oktober 2018

Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis, 14. Oktober 2018

22.10.2018

zu 1. Korinther 7, 29 - 31; gehalten von Pf. Lüder Laskowski im Freiberger Dom

Liebe Gemeinde,
für mich war Erich Kästner ein besonderer Schriftsteller. Als ich ein kleiner Junge war, habe ich im selben Stadtviertel in Dresden gewohnt, wie er einige Jahrzehnte zuvor. Nachdem mir seine Kinderbücher geläufig waren, gab es ein erstes Gedicht, das mir ins Bewusstsein gedrungen ist, als ich mich schon mit einiger Berechtigung Jugendlicher nennen konnte. Es berührte schon damals eine Erfahrung, die mir entscheidend sein sollte, erst Recht im Hinblick auf meine noch kommenden Beziehungen – und Erwartungen – auf das andere Geschlecht hin. Sie werden es kennen unter dem Titel „Sachliche Romanze“.
Als sie einander acht Jahre kannten / (und man darf sagen: sie kannten sich gut) / kam ihre Liebe plötzlich abhanden. / Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter, / versuchten Küsse, als ob nichts sei, / und sahen sich an und wussten nicht weiter. / Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken. / Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier / und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken. / Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Café am Ort / und rührten in ihren Tassen. / Am Abend saßen sie immer noch dort. / Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort / und konnten es einfach nicht fassen.
Niemand kann etwas dafür tun, dass ihn die Liebe überfällt. Wenn ich abends im Bett liege, allein, und neben mir das Bett ist leer, weil meine Frau zu guten Freunden gefahren ist übers Wochenende, dann kann es geschehen, dass mir das wieder bewußt wird, auch wenn wir nun schon seit zwei Jahrzehnten zusammen sind. Ich besitze meine Frau nicht. Sie lebt ein anderes Leben, mit mir zusammen zwar, aber nicht in meinem Besitz. Und ich erinnere mich an Nächte in meiner Jugend, da hat mich die Erinnerung an eine Angebetete, eine Unerreichbare nicht schlafen lassen. Da hatten die Gedanken an die unerfüllte Liebe mich im Griff und ich habe mir tausend Varianten ausgedacht, wie ich mich bei der nächsten Begegnung verhalten werde. Nur um dann, wenn es soweit war, wieder einmal zu erfahren: es kommt ganz anders, weil der Mensch, den ich ersehne, selbst entscheidet. Niemand kann etwas dafür tun, dass ihm Liebe geschenkt wird. So viele sehnen sich sogar vergeblich danach, dass sie die Liebe überfällt. Aber es will und will nicht geschehen.
Und wenig kann man tun, wenn die Liebe sich verflüchtigt. Wie ihr Kommen leise ist und ohne menschliches Zutun, so geht sie zu oft leise und es bleibt nichts mehr zu tun. Und ihr Ende hat schon viel früher begonnen. Der Schmerz geht dann ins Leere. Es antwortet niemand. Zurückgeworfen auf sich selbst stellt sich dann jedem wieder die Frage: wer bin ich denn? Was bin ich ohne den anderen? Es tut weh, wenn solche Gedanken erzwungen sind, weil sie unausweichlich werden. Manche quälen sich lange lange Zeit mit einem solchen Verlust, weil es nicht in Herz und Verstand hineingehen will, was doch viele Unbeteiligte oft genug schon im Voraus gesehen haben. Hier ist eine Liebe gestorben. Streit hat sich verselbstständigt, Bevormundung ist oft dabei, Unverständnis und Desinteresse am Anderen, lange bevor ins Bewusstsein gedrungen ist, was irgendwann unabwendbar wird. Die Liebe hat sich verflüchtigt.
Heute liegen Liebe und Ehe dicht beieinander. Das war nicht immer so selbstverständlich. Wir haben heute deutliche Worte zur Ehe gehört, sowohl von Paulus als auch von Jesus selbst. Sind denn die Beiden so hart, dass sie nicht sehen, was uns unser Leib, unser Herz diktieren? Negieren sie gar die Lust, die doch wie wir wissen eine wichtige Quelle des Zusammenlebens in einer Partnerschaft auf Dauer sind? Die Sexualethik ist eines der umstrittensten Themen, wenn es um das Verhältnis zur Kirche geht. Die Unerbittlichkeit, mit der die unauflösliche Ehe absolut gesetzt wird, zerreißt die katholische Kirche bis heute, erschüttert sie mehr und mehr in ihren Grundfesten. Da gibt es also die historische Perspektive, in der es nach antikem Verständnis in erster Linie nicht um Liebe und Begehren, sondern um einen Sozialvertrag ging und die sicher bei Jesus und seinen Worten entscheidendes Gewicht hatte. Doch darüber hinaus rücken schon damals und vielmehr noch in unserer Zeit ebenso die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Angenommensein, nach verlässlicher Bindung in den Fokus. Darin bestätigt uns der Predigttext für den heutigen Tag, der wiederum bei Paulus im 1. Kor 27 steht.
„29 Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; 30 und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; 31 und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“ … Gott segne an uns dieses Wort.
Schauen wir noch einmal auf das Gedicht von Erich Kästner. Er ist ein sehr genauer Beobachter. Das Unabweisbare bannt er in Verse, die berühren, weil sie so gut nachvollziehbar sind. In seinen Worten wird mir etwas schmerzhaft bewusst, was sonst leicht verdeckt ist. Menschen wird gerade in der Zweisamkeit mit einem anderen Menschen am deutlichsten und eindrücklichsten bewusst, wie sehr sie die wesentlichen Grundlagen des Lebens nicht im Griff haben. Wer das Glück hatte einen Menschen zu finden, mit dem er das Leben teilen kann und mit fortschreitender Zeit auch die Herausforderung kennt, die das fast zwangsläufig mit sich bringt, der wird an der Partnerschaft sehr deutlich spüren, wie sehr sein Leben in Bezügen steht, wie wenig er nur für sich leben kann.
Wir können auf vielerlei Weise versuchen, uns zu suggerieren, wir hätten alles unter Kontrolle. Paulus buchstabiert von einem Spitzengedanken aus seinen Grundgedanken aus. Indem er in unsere Intimität einbricht, provoziert er uns, weckt er uns auf. Keinen lässt der Gedanke kalt, er müsste auf seinen Partner verzichten. Paulus verunsichert uns damit.
Die nächste Ebene, auf die er geht, ist die Ebene der Gefühle. Auch hier zieht er Gedanken zusammen, die uns schmerzhaft aufschreien lassen. Er pfeift auf unsere Tränen? Er spricht uns unsere glücklichen Momente ab? Nein, das könnte er nicht. Auch hier geht es ihm darum, uns zu provozieren. Er ringt um Aufmerksamkeit für seinen Grundgedanken. Mir ist über die Zeit in meinem Beruf immer klarer geworden. Gefühle sind da. Unabwendbar. Kein Mensch herrscht über seine Gefühle. Er kann die Tränen unterdrücken. Er kann die Freude unter Zweifeln ersticken. Aber er kann sie nicht ungeschehen machen. Sie werden ihren Weg finden. Mache mir keiner weis, das hätten die Alten nicht auch schon gewusst. Gerade Paulus, der sich eins ums andere Mal in seinen Schriften von den Gefühlen hinreißen lässt.
In einem dritten Schritt kommt Paulus auf unseren Besitz. Auch hier kann er sich sicher sein, einen schmerzhaften Punkt zu berühren. Das gilt besonders für die Korinther. Denn von allen Gemeinden, an die er schreibt, werden in der Gemeinde zu Korinth die Wohlhabendsten zu finden gewesen sein. Wir wissen aus seinen Briefen von den sozialen Spannungen, die es in der Gemeinde gegeben hat. Dazu kommt das Wissen, dass Korinth zur damaligen Zeit eine der weltläufigsten und reichsten Hafenstädte der Antike gewesen ist. Hier waren Menschen unterwegs, die wussten, wie sie ihre Schäfchen ins Trocken bringen. Gut gebildet, hervorragend vernetzt, vermögend im Verhältnis zu fast allen anderen Teilen des römischen Reiches. Das kommt uns bekannt vor, wenn wir uns umsehen in der Welt. Wir wissen sehr gut, wie Kaufen geht. Und wie wichtig es in der Konsumgesellschaft, in der wir leben, für einen kurzen heftigen Glückskick ist.
Im letzten Schritt greift Paulus auch noch zu auf unseren Umgang mit der Welt. Wir nehmen sie in Gebrauch. Wir nehmen uns, was wir brauchen. Wenn wir in Deutschland ehrlich sind, dann nehmen die Allermeisten sich wesentlich mehr, als ihnen zusteht. Wir sehen es am Zustand der Schöpfung. Und an diesem Punkt kippt die Argumentation des Paulus. Was er in solcher Konsequenz nicht wissen konnte aber damals schon einleuchtend war, steht uns heute noch deutlicher vor Augen. Wenn wir die Schöpfung nur auf uns bezogen interpretieren, sie als Steinbruch unserer Bedürfnisse mißbrauchen, dann überspannen wir unsere Möglichkeiten. Und zugleich sind wir durch diese Erkenntnis zurückgeworfen auf Gott, den Schöpfer. Schlechterdings auf die Frage nach dem Sinn unseres Seins in dieser Welt und unseren Auftrag in ihr.
Damit ist das letzte Argument auch das, in dem wir wieder zurückgestoßen werden auf den Ausgangspunkt, den Grundgedanken des Paulus. In wenigen Worten hat er unsere intimsten Bewegungen aufgenommen: das verlässliche Zusammenleben mit einem anderen Menschen, die Unwandelbarkeit unserer Gefühle, die materielle Bezogenheit und den Gebrauch der Schöpfung zu unseren Zwecken, mithin die Frage nach dem Sinn. Und spätestens im letzten Gedankengang des Paulus haben wir es sicher verstanden. Wir haben nichts. Alles müssen wir auch einmal abgeben. Manchmal wird es begriffen in einem verzweifelten Rühren in Tassen, wie es Erich Kästner beschreibt. Doch spätestens im Verlust eines geliebten Menschen im Tod.
Alles was wir haben wird uns dann ein Segen, wenn wir es als ein Gottesgeschenk verstehen. Wenn wir es nicht als unseren Besitz begreifen. Für Paulus war ganz klar, woran sich dieser Gedanke misst. An der Liebesgabe, die Gott uns in Jesus Christus macht. Einem Geschenk, das uns nicht verloren gehen kann und darum als Kontrast achtsam bleiben lässt auch für die Unverfügbarkeit der Liebe, für das Geschenk eines Menschen, der uns so viel bedeutet wie kein anderer. Damit die Liebe eine Chance hat zu atmen und wir auch über Jahre nicht in Sprachlosigkeit versinken.
Sie gehören mir nicht, die Menschen, die ich liebe. Gerade so kann ich sie leidenschaftlich lieben. Gerade so liebe ich sie auch voller Achtung vor ihrer Freiheit. Sie gehören mir nur scheinbar, die Dinge, die ich besitze. Es geht mir besser, wenn ich mich von ihnen nicht beherrschen lasse. Denn ich bin schon teuer erkauft. Von einem, der mir, mitten im Leben, die Sehnsucht nach seiner Welt ins Herz senkt.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

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