Predigt am 2. Sonntag vor der Passionszeit (Sexagesimae), 24. Februar 2019

Predigt am 2. Sonntag vor der Passionszeit (Sexagesimae), 24. Februar 2019

24.02.2019

zu Apostelgeschichte 16, 9 - 15; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
sind Sie schon einmal umgezogen? Wenn Sie diese Frage mit Nein beantworten können, dann ist Ihnen manches erspart geblieben, aber auch manches entgangen.
Erspart geblieben ist Ihnen der Abschied vom Bäcker um die Ecke, wo man sie mit Namen kennt und schon weiß, welche Sorte Brötchen Sie am liebsten haben; von den Nachbarn, die im Urlaub immer die Blumen gegossen haben; von den vertrauten Wegen.
Aber wenn Sie noch nie umgezogen sind, dann ist Ihnen auch manches entgangen: einen neuen Ort und eine neue Umgebung kennen zu lernen; neue Freunde zu finden; sich neuen Herausforderungen zu stellen und daran zu wachsen. Es ist auch eine große Bereicherung, wenn man aufgebrochen ist zu neuen Ufern.
Von einem Aufbruch zu neuen Ufern erzählt auch der Abschnitt aus der Apostelgeschichte des Lukas, der uns heute als Predigttext vorgegeben ist. Bisher hat sich Paulus in Asien bewegt – im Gebiet der heutigen Türkei. Damals allerdings war das sogenannte Kleinasien ein Teil des römischen Reiches und man sprach dort ebenso Griechisch wie auf der anderen Seite der Ägäis in Mazedonien, im heutigen Nordgriechenland. Insofern war es zwar ein Weg hin zu einem neuen Ufer, aber auf dem anderen Ufer sah die Welt nicht so sehr anders aus als auf dem einen Ufer.
Dennoch sei anzumerken: Damit kam das Evangelium erstmals nach Europa. Insofern war es schon ein historischer Augenblick, auch wenn das Paulus und seinen Begleitern nicht bewusst gewesen sein wird. Aber so ist es mit historischen Augenblicken ja oft.
Auch wenn das Übersetzen über die Ägäis also für Paulus nichts Besonderes gewesen sein wird: Es brach dennoch zu neuen Ufern auf und das ganz bewusst. Paulus hatte nach der Apostelgeschichte immer versucht, sein Evangelium zunächst den jüdischen Gemeinden nahe zu bringen. Es ging ja um Jesus, um den Messias Israels, den wir mit dem griechisch-lateinischen Wort den Christus nennen. Aber die Juden nahmen seine Predigt in der Regel nicht an. So wandte der Apostel sich an Nichtjuden. Das war schon einmal ein bedeutender Schritt. Paulus konnte ihn gehen; andere judenchristliche Missionare taten sich da sehr viel schwerer. Das war eine Grenzüberschreitung, ein Aufbruch zu neuen Ufern, der für manche einfach die Grenzen des eigenen Denkens und Fühlens und nicht zuletzt des eigenen Glaubens überstieg.
An dieser Stelle hier geht Paulus aber noch einen Schritt weiter. Am Gangites, einem Fluss außerhalb der Stadt Philippi, befindet sich offenbar eine bekannte Gebetsstätte. Unser Text verrät uns nicht, ob sich dort regelmäßig nur Frauen versammeln oder ob die Männer nur zufällig nicht anwesend sind. Es wird auch nicht ganz klar, um was für eine Gebetsstätte es sich handelt. Klar ist: Dort sind aktuell nur Frauen zum Gebet versammelt. Sie werden von Paulus angesprochen.
Das ist ein weiterer Aufbruch zu Neuem, eine weitere Grenzüberschreitung des Apostels. Wir leben heute ja in einer Zeit, in der auf Gleichberechtigung ein sehr hoher Wert gelegt wird. Insofern können wir uns heute kaum vorstellen, welche Stellung Frauen in der Antike hatten – nämlich gar keine. Frauen galten nicht als vollwertige Bürger. Sie waren Menschen zweiter Klasse. Niemand, der damals einigermaßen vernünftig war, hätte sich mit Frauen abgegeben. Welchen Sinn hatte es Frauen zu missionieren? Die zählten doch nicht! – Paulus aber geht zu den Frauen und predigt ihnen das Evangelium. Sehr erfolgreich ist er nicht. Offenbar hören sie ihm nicht einmal richtig zu. Aber eine tut es. Ihr öffnet der Heilige Geist das Herz. Sie kommt zum Glauben. Sie lässt sich taufen und mit ihr wird ihre ganze Familie getauft. Hier wird eine Großfamilie mit allen Bediensteten zur ersten christlichen Gemeinde in Europa. Wir wissen, dass Paulus zeitlebens einen besonders herzlichen Kontakt zu der Gemeinde in Philippi haben sollte. Sein Aufbrechen zu neuen Ufern hatte es möglich gemacht.
Wir brechen in diesen Wochen und Monaten in unserer Kirche auch in vielerlei Hinsicht zu neuen Ufern auf. Das Beispiel des Paulus zeigt uns, dass das durchaus der Weg sein kann, den Gott uns weist. Hoffentlich haben wir bei allem, was wir als Gemeinde und als Kirche an Aufbrüchen vor uns haben, allerdings auch Gott ausreichend befragt, ob das wirklich unser Weg ist. Aber wenn wir immer nur so weitermachen wie bisher, wird darauf kein Segen liegen.
Geleitet vom Geist Gottes fing Paulus Neues an und Gott schenkte es ihm, dass darauf etwas Gutes erwuchs – die erste christliche Gemeinde auf unserem Kontinent. Wir versuchen zurzeit u. a. neue Strukturen zu schaffen, die uns langfristig tragen werden. Wir wollen uns in den Veränderungen der Zeit nicht ständig mit uns selbst beschäftigen müssen. Darum schaffen wir Bedingungen, die in die neue Zeit besser passen. Das ist der Grund, warum wir uns als Domgemeinde im Mai mit unseren Schwestern Kleinwaltersdorf und Großschirma vereinigen werden. Am Pfingstmontag werden dann die verbliebenen insgesamt sechs Gemeinden in unserer Region einen Vertrag zur Bildung eines Kirchenbundes unterzeichnen. Wir werden also zu einer vertieften Gemeinsamkeit in der ganzen Region kommen. Gebe es Gott, dass uns das helfen wird, unserem Auftrag besser gerecht werden zu können.
Aufbrüche zu neuen Ufern sind notwendig. Das zeigt das Beispiel des Paulus. Wir müssen neue Wege gehen, wollen wir das bewahren, was uns wichtig ist. Wir müssen neu denken, wollen wir unserem Auftrag gerecht werden, das Evangelium bei uns unter die Leute zu bringen. Manches davon hat schon angefangen. Manches wird noch kommen müssen.
Ich denke da an die Musik. Erstmals haben wir jetzt eine Jugendkantorei. Jugendliche prägen unseren Gottesdienst mit vertrauten und auch mit neuen Liedern und Gesängen. Der Gottesdienst vor zwei Wochen mit ihnen war für mich überaus bewegend. – Ich denke an die Familiengottesdienste wie am letzten Sonntag. Nicht alle schätzen die. Dennoch versuchen wir behutsam, ihre Zahl etwas zu steigern. Denn von ihnen fühlen sich Menschen angezogen, die sonst keinen Gottesdienst besuchen. Sie sind nichts Neues. Aber ihnen einen höheren Stellenwert einzuräumen, ist etwas Neues. – Ich denke insgesamt an die Frage, wie Kinder sich in unseren normalen Gottesdiensten wiederfinden und einbringen können. Mir scheint das Abendmahl dafür ein geeigneter Ort zu sein. Das sehen viele anders. Aber wir werden es miteinander zu bedenken haben. – Auch die Frage der Zeiten unseres Gottesdienstes oder der Gottesdienste in der Stadt wird sich irgendwann noch ganz anders stellen als heute. Es gibt nicht wenige Menschen, für die ist das Ausschlafen und das gemütliche Frühstücken am Sonntag viel wichtiger als vielen von uns das Mittagessen. Wie gehen wir mit ihnen um?
Aufbrüche sind etwas Gutes und Notwendiges. Allerdings nicht um das Neuen willen, sondern da, wo es notwendig wird, wenn wir das Gute bewahren und weiterentwickeln wollen. Aufbrüche sind gut, wenn wir uns dabei von Gottes Geist leiten lassen.
Das gilt übrigens auch im weltlichen Bereich. An ganz vielen Stellen scheint unser Land im Stillstand Schaden zu nehmen. Niemand hat mehr den Mut zu einem Aufbruch. Dabei können wir uns den Stillstand in meinen Augen einfach nicht mehr leisten. Im Wetterbericht hörte ich z. B., dass wohl in diesem Februar die 20-Grad-Marke erreicht oder überschritten wird. Was muss noch geschehen, bis wir alle miteinander Konsequenzen ziehen und unseren Lebensstil ändern – zur Bewahrung der Schöpfung für spätere Generationen?
Paulus hat es uns vorgelebt: Wo wir uns vom Geist Gottes leiten lassen, wird aus dem Aufbruch zu Neuem Segen erwachsen.
Amen.

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