Predigt am 2. Sonntag vor der Passionszeit (Sexagesimae), 19. Februar 2017

Predigt am 2. Sonntag vor der Passionszeit (Sexagesimae), 19. Februar 2017

19.02.2017

zu Markus 4, 26 - 29, gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,er war gerade auf dem Fahrrad auf dem Weg zu einem Termin, da ging plötzlich gar nichts mehr. Es wurde ihm schwarz vor Augen. Er konnte nicht mehr weiterfahren. Gerade noch gelang es ihm, ohne einen schlimmen Sturz vom Fahrrad abzusteigen. Im Krankenhaus konnte man keine körperlichen Probleme feststellen. Aber es gab eine Diagnose: Burn-Out. Er hatte sich über einen längeren Zeitraum hinweg einfach zu viel zugemutet. Nicht zuletzt hatte er zu viel gearbeitet und sich zu wenig an Erholung gegönnt – bis dann alle Batterien leer waren und es nicht mehr weiterging.Was da einem Bekannten vor Jahren geschehen ist, ist ja leider kein Einzelfall. Viele Menschen halten das Tempo, mit dem wir arbeiten und auch unser Privatleben gestalten, einfach nicht mehr aus. Gerade in unserem Land gibt es eine Ideologie des „Immer schneller, immer mehr, immer besser“. Jeder und jede ist aufgerufen sich selbst zu optimieren. Der Körper muss fit bleiben, die Kompetenzen müssen immer besser werden, die Geschwindigkeit, mit der man arbeitet und lebt, muss immer höher werden. Manche bekommen das ganz gut hin – zumindest eine Zeit lang. Andere geraten unter die Räder. Im Übrigen haben auch die Krisen in den Mittelmeerländern der EU etwas mit diesem Lebens- und Arbeitsstil zu tun. Die Menschen im Süden können allein aus klimatischen Gründen mit dem Tempo, das wir hier vorlegen, nicht konkurrieren können – und sie wollen es auch nicht. Nicht zufällig begegnet man ja in den Mittelmeerländern dem einen oder anderen Deutschen, der die Hektik in unserem Land nicht mehr ertragen konnte.Was eigentlich bringt uns dazu so zu leben? Bei den einen ist es wohl die Sorge, aus dem Arbeitsleben aussortiert zu werden. Zumindest in den vergangenen Zeiten großer Arbeitslosigkeit wurden ja gern die entlassen, die für den Betrieb am wenigsten nützlich waren. Manche – wie die Ärzte im Krankenhaus – sind in Zusammenhänge eingebunden, bei denen man nur funktionieren oder aussteigen kann. Wenn das private Krankenhaus Gewinn abwerfen soll, muss der Personalschlüssel so gefasst sein, dass die Mitarbeiter eben so über die Runden kommen. – Wieder andere treibt der Willen zum Erfolg; der Wunsch, vorwärts zu kommen und mehr zu verdienen. Dafür sind sie dann bereit jedes Opfer zu bringen. Und tief in uns drin bewegt uns alle der Wunsch nach Anerkennung. Anerkannt wird in unserer Gesellschaft aber der, der bis an seine Grenzen geht oder darüber – und nicht der, der auch etwas von seinem Leben haben will. Auch wenn es in der jungen Generation jetzt gegenläufige Tendenzen gibt. „Wenn Du Anerkennung finden, wenn Du erfolgreich sein und ein gutes Leben haben willst, dann musst du an jedem Tag dafür hart arbeiten und immer besser werden.“ Das ist nach wie vor die Maxime, nach der unsere Gesellschaft funktioniert.Zu der Zeit Jesu gab es ähnliche Vorstellungen und Maximen. Die kleideten sich allerdings in ein religiöses Gewand. Im damaligen Judentum gab es Gruppierungen, die strebten ebenfalls nach Anerkennung und Erfolg. Ihre Ziele waren allerdings die Anerkennung durch Gott und die Befreiung von den Zuständen dieser Welt. Da waren die Essener, die ihr Heil in einem klösterlichen Leben suchten. Sie lebten so abgeschieden, dass das Neue Testament sie keiner Erwähnung wert findet. Da waren die Zeloten, die mit Terroranschlägen die Römer aus dem Land zu vertreiben und eine Herrschaft des Messias über Israel durch ihre Aktionen herbeizuführen versuchten. Da waren schließlich die Pharisäer, die nach einem frommen Leben strebten. Sie strebten es an, die Gebote Gottes peinlich genau zu befolgen. Ihre Hoffnung war, dadurch Anerkennung bei Gott zu finden. In gleicher Weise wollten sie damit der Herrschaft Gottes über die Welt den Weg bereiten.Ihnen malt Jesus gleichermaßen mit seinem Gleichnis diese wunderbare Bild von dem Aufgehen der Saat vor Augen: Da hat ein Bauer seine Saat ausgesät. Dann kann er eigentlich nichts mehr machen. In unserer industrialisierten Landwirtschaft wird noch gedüngt und gespritzt. Aber ein Bauer zur Zeit Jesu kann einfach nur noch abwarten. Abwarten, dass die Saat aufgeht. Dass die ersten grünen Spitzen des Getreidehalms die Erdkrume durchbrechen. Dass aus den grünen Halmen die Getreideähren erwachsen. Dass das Korn genügend Wasser bekommt und dann wieder auch genügend Sonne, um ausreifen zu können. Dass am Ende die reifen Körner des goldgelben Getreidehalms geerntet werden können.Wenn man sich in dieses Bild der aufgehenden Saat vertieft, dann hat das geradezu etwas Kontemplatives. Man sieht die Jahreszeiten vorübergehen: vom Herbst über den kalten Winter, den Frühling bis hin dann zur spätsommerlichen Erntezeit. Man sieht das Korn keimen und Wurzeln in der Erde schlagen. Man sieht geradezu den grünen Halm, wie er aus der Erde herauswächst – ganz klein am Anfang und dann immer größer. Man sieht, wie aus dem grünen Halm die goldene Ähre wird. Das alles geschieht allein durch die schöpferische Lebenskraft, die Gott allem Lebendigen in dieser Welt gegeben hat. Wir können dieses Wachstum heute unterstützen. Aber auch wir heute können dieses Wachstum nicht hervorbringen.Jesus wollte uns mit diesem Bild von der aufgehenden Saat nicht in erster Linie zur Meditation einladen. Aber er wollte einladen, das Geschick jedes Einzelnen und das Geschick dieser Welt in Gottes Hand zu legen. Die neue Welt unter der Herrschaft der Liebe Gottes kommt durch Gottes Kraft. Das wollte Jesus deutlich machen. Wir können dieses Kommen einer neuen Welt nicht durch unser Tun beschleunigen. Nicht durch fromme Abgeschiedenheit, nicht durch terroristische Akte, nicht durch das Befolgen der Gebote. Wann und wie Gott seine Herrschaft über diese Welt antritt, das liegt in Gottes Hand. Dazu brauchen und können wir Menschen nichts tun. In gleicher Weise wird unser Leben durch Gottes Segen gut. Auch seine Anerkennung brauchen wir uns nicht zu verdienen. Alles wird gut, weil Gott allein es gut macht.Liebe Gemeinde, die Rastlosigkeit unserer heutigen Zeit hat kaum noch religiöse Vorzeichen. Aber dennoch und sicherlich gerade darum ist das Bild Jesu von der aufgehenden und von selbst wachsenden Saat ein gutes Gegenmittel gegen die Ideologie des „Immer besser, immer mehr, immer schneller“:Jesus lädt uns ein, buchstäblich die Hände in den Schoß zu legen. Das Gelingen und das Glück unseres Lebens hängen nicht von unseren Aktivitäten ab. Auch wenn uns das alle einreden wollen. Auch wenn wir alle miteinander das selbst verinnerlicht haben. Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen, heißt es in einem unserer Choräle.Das gilt für unser persönliches Leben. Die wenigsten von uns werden beispielsweise sagen können, dass sie ihren Partner für das Leben durch die eigene Anstrengung gefunden haben. Bei den allermeisten wird es eine gnädige Fügung Gottes gewesen sein. Sie sind an einem Tag ihres Lebens dem oder der begegnet, die es sein sollte. Die wichtigsten Dinge im Leben gibt es eben geschenkt. – Auch im Bereich der Arbeit tut uns die Gelassenheit, zu der Jesus einlädt, gut. „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten die Bauleute umsonst“, sagt uns die Schrift. Wenn kein Segen auf unserer Arbeit liegt, dann erreichen wir ohnehin nicht viel. Dann können wir uns abmühen, wie wir es wollen.Auch im Raum der Kirche sollten wir aufpassen, dass wir uns nicht in Aktivitäten verlieren, wo wir vielleicht besser die Hände in den Schoß legen und abwarten sollten, was Gott wachsen lassen will. Es hängt nicht an uns, ob die Menschen das Evangelium annehmen oder nicht. Natürlich haben wir den Auftrag zur Verkündigung. Aber ob das, was wir verkündigen, die Menschen berührt, das kann allein Gott wirken.Unsere Gesellschaft schließlich wird den eingeschlagenen Weg nicht einfach so weitergehen können. Sonst wird sie zerbrechen. Wir müssen wieder neu lernen, dass einen das glücklich macht, was man im Leben umsonst bekommt. Die Menschen, die zu einem gehören. Eine innere Gelassenheit, die aus der Stille – und dem Gebet – kommt. Das Zwitschern eines Vogels. Solche Dinge sind so viel mehr wert als alles, was wir uns erarbeiten können. – Wir müssen vor allem die Angst hinter uns lassen etwas im Leben zu verpassen. Als Christen vertrauen wir ja darauf, dass dieses Leben nicht alles ist, was wir erwarten können. Gott wird unser Leben verwandeln in ein Leben im Licht seiner Liebe. Spätestens dort werden wir das finden, wonach wir in diesem Leben so rastlos streben. Gott wird es uns finden lassen. Einfach so. Wir brauchen nichts dazu zu tun.„Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie.“Amen.

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