Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis, 5. Juni 2016, Dom Freiberg

Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis, 5. Juni 2016, Dom Freiberg

12.06.2016

zu Epheser 2, 17-22 von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,

nun kommen sie also wieder über das Meer: Menschen, die auf der Suche sind nach einem gelingenden Leben, nach Sicherheit und Frieden; Menschen, die den Hunger satt haben und die Perspektivlosigkeit. Doch was finden Sie? Viele finden nur ein nasses Grab. Und täuschen wir uns nicht: Das hat auch damit zu tun, dass die Regierungen Europas den sicheren Landweg abgeschottet haben. Aber auch die, die hier lebendig ankommen, finden vermutlich nicht das Paradies, das sie suchen.

Denn die Länder Europas sind nicht unbedingt ein Ort, an dem man glücklicher ist als anderswo. Die Religion des Marktes verspricht einem ja nur Glück, wenn man genügend Geld hat. Wer aber seit der Wende arbeitslos war, wo findet der dann sein Glück? Kein Wunder, dass er dann ängstlich auf die Flüchtlinge sieht. Soll er mit denen noch das Wenige teilen, was er hat.

Die Länder Europas sind nicht unbedingt ein Ort, an dem man glücklicher ist als anderswo. Viele Menschen sind ja auch bei uns unzufrieden mit ihrem Leben. Auch wenn sie gesund sind und eine Arbeit haben, die ihnen ein gutes Einkommen beschert. Sie haben alle Möglichkeiten, auf dem Markt ihr Glück zu suchen. Sie können das große Spiel mitspielen. Sie haben Geld für alles, was uns die Werbung anpreist. Die einen mehr. Die anderen weniger. Aber sie finden kein Glück darin. Denn der Markt verspricht Glück nur, er kann uns kein wirkliches Glück verschaffen. Denn worauf es im Leben wirklich ankommt, das gibt es nicht zu kaufen.

Und das, was unser Leben mit Frieden und Glück erfüllen kann, das zerstört unsere Anbetung des Konsumierens. Wir opfern Gottes wunderbare Schöpfung ohne Rücksicht auf die kom­menden Generationen – nur um unseren Hunger nach immer mehr Gütern zu befriedigen. Aber der kann ja gar nicht gestillt werden, weil man nie satt wird und ja auch nie satt werden soll. – Wir opfern auch unsere Beziehungen auf dem Altar des Marktes. Viele gehen in eine Partnerschaft als wäre es eine Geschäftsbeziehung. Ich investiere, um Glück zu erhalten. Aber so funktionieren gute Beziehungen nicht. Wer eine Partnerschaft nach den Gesetzen des Marktes lebt, muss scheitern. Er muss zwangsläufig den Partner verbrau­chen, wegwerfen und sich den Nächsten suchen. – Wir opfern schließlich auch unsere Beziehung zu Gott. Früher taten die Menschen alles, um zuerst eine Kirche zu bauen und die instand zu halten. Denn der Glauben war ihnen das Wichtigste. Heute legen wir wesentlich mehr Wert auf einen schnellen Internetanschluss und ein funktionierendes Straßensystem. Die Religion des Marktes hat bei vielen den Glauben an Jesus Christus verdrängt.

Das, was uns wirklich einen inneren Frieden geben kann, das ist in unserer westlichen Welt darum immer schwerer zu finden. Auf der Suche nach dem Glück ist Europa eigentlich keine gute Adresse.

Eigentlich müsste es darum eine Fluchtbewegung ganz anderer Art geben; es müsste auch in unserem Land einen Aufbruch hin zu neuen Ufern geben. Auf der Suche nach einem gelingenden Leben müssten wir ein Boot besteigen, Segel setzen und aufbrechen. Denn es gibt einen Ort, wo es wirklich Frieden gibt. Es gibt einen Ort, wo das Leben gelingt. Es gibt einen Ort, wo wir Zufrieden­heit finden – und zugleich Halt und Orientierung. Es gibt einen Ort, an dem all unsere Sehnsüchte gestillt werden. Jesus hat diesen Ort das „Reich Gottes“ genannt. Das ist der Ort, an dem die Liebe Gottes herrscht. Das ist der Ort, wo wir Frieden finden.

Denn wer diesen betritt, der findet dort einen Zugang zu dem leben­digen Gott. Was er für uns bedeutet, kann man nur in Bildern beschreiben: Gott ist das Licht; Er ist die Quelle allen Lebens; Er ist die Liebe. Wie viel das für unser Leben bedeutet, das wissen wir oft gar nicht zu schätzen. Ich bin neulich einem jungen Mann begegnet, der lebte in einem Kinderheim. Erst als Jugendlicher ist er zum Glauben gekommen. Heute ist er angehender Gemeinde­pädagoge. Er sagt von sich: Gott ist der Erste, der mich in meinem Leben geliebt hat. Für ihn ist das eine lebendige Erfahrung: Wer dorthin kommt, wo Gott ist, findet in der Begegnung mit ihm einen tiefen Frieden. Alles Sehnen nach einem gelingenden Leben wird durch Gottes Liebe gestillt.

Genau das haben Menschen in der Begegnung mit Jesus gespürt. Sie machten die Erfahrung, dass er so etwas wie ein Zugang war zu Gott. In seiner Gegenwart wurde es möglich, dem lebendigen Gott zu begegnen. In der Begegnung mit Jesus fanden Menschen ihren Frieden: Kranke, Ausgestoßene, Suchende. Wo er war, da war Gott und seine Liebe wurde zur lebendigen Erfahrung.

Jesus selbst hat schon gelernt, dass auch die Menschen aus all den Völkern der Erde durch ihn einen Zugang zum Vater bekommen sollten. Eine Frau aus Syrien erweichte sein Herz, als sie nicht aufhörte ihn für ihr Kind um Heilung anzubetteln. Sein Freund Petrus brauchte etwas länger für diese Erkenntnis. Ihm wurde es schließlich in einer Vision Gottes geschenkt zu begreifen, dass der Ort des himmlischen Friedens allen offen stehen soll. Nicht nur den Juden, sondern auch den Heiden: allen Menschen dieser Welt.

Dieser Zugang zum Vater sollte sich nicht wieder schließen. Darum ist Jesus in seinem heiligen Geist seiner Gemeinde nahe geblieben. Zu Pfingsten ist der christlichen Kirche diese Erfahrung geschenkt worden. Die ersten Christen spürten die Gegenwart Christi mitten unter ihnen und zugleich auch in ihrem Denken, Fühlen und Empfinden. Christus durchdringt in seinem Heiligen Geist das Leben der Christenmenschen und seiner Kirche. Darum ist nun die christliche Gemeinde der Ort, wo wir einen Zugang zu Gott haben. Sie ist ein Vorzeichen des Reiches Gottes. Nach den Worten des Apostels ist sie der „Tempel Gottes“. In ihr haben wir Zugang zu Gott und seinem Frieden. Der junge Gemeindepädagoge hätte die Liebe Gottes nicht erfahren können, hätte er nicht eines Tages Kontakt zu einer christlichen Gemeinde gefunden.

Wer darum wirkliches Lebensglück finden will, der findet es nicht an irgendeinem Ort auf der Welt, der auf einer Landkarte verzeichnet ist. Erfüllung ist uns da verheißen, wo zwei oder drei versammelt sind im Namen Jesu – und das überall auf der Welt. Zufriedenheit finden wir dort, wo sich auf der ganzen Welt Christen zusammenfinden, um das Evangelium zu hören, Gott zu loben, seine Gegenwart in Brot und Wein zu feiern. Frieden ist der Christenheit überall dort verheißen, wo Menschen seine Ge­meinde, seine Kirche sind.

Wir Christen laden darum hier und überall Menschen auf der Suche nach einem gelingenden Leben ein, ein Boot besteigen, Segel setzen und aufzubrechen zu dem Ort, wo Gott wohnt. Wir bezeugen: Er ist hier mitten unter uns. Wo sich seine Gemeinde versammelt, in seiner Gegenwart finden wir das, wonach wir uns sehnen. Im Glauben an ihn kommt das Leben zu sich selbst. Beziehungen gelingen, Konsum wird zweitrangig, das Leben bekommt seinen Sinn, seine Tiefe und seinen Frieden. Manchmal nur als Ahnung, manchmal zeichenhaft, aber doch unübersehbar.

Darum gibt es den katholischen Pater, der einmal ein großes Tier in der Finanzwelt war. Er hatte alles, was das Leben nur bieten kann. Aber das war ihm nicht genug. Er wollte mehr. Darum hat er alles hinter sich gelassen – Gehalt, Dienstwagen, Anerkennung – und sein Leben Jesus Christus anvertraut.

Darum gibt es die junge Hebamme, die mal meine Konfirmandin war. Mit Ehemann und kleinem Kind geht sie für ein Jahr nach Albanien, um den Menschen dort zu helfen. Sie sind ihr wichtiger als das gesicherte Leben in der Wohlfühlzone, wie sie es nennt.

Darum gibt es den Kirchenvorsteher, der einen Biobauernhof betreibt. Er will damit einen Beitrag zur Bewahrung der Schöp­fung zu leisten. Auch wenn ihm immer wieder Steine in den Weg gelegt werden.

Darum wird auch in unserer Gemeinde spürbar, was der Apostel sagt. Wir sind lebendige Steine im heiligen Tempel des Herrn. Darum bringen so viele ihre Gaben ein zum Aufbau der Gemeinde Denn in ihr spüren wir miteinander die Gegenwart Christi und den Frieden, der von ihm ausgeht.

Amen.

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