Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis, 30. Juni 2019

Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis, 30. Juni 2019

02.07.2019

zu Psalm 139, 14; gehalten im Berggottesdienst von Dompfarrer Urs Ebenauer

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

Liebe Bergschwestern und Bergbrüder, liebe Gäste, liebe Gemeinde,
wer über das Bierdorf auf dem Bergstadtfest geht und nicht aus Freiberg stammt, wird sich vielleicht wundern, warum denn der Untermarkt immer noch eine Baustelle ist. Die wichtigste Ursache ist, dass man beim Auskoffern auf einen Schacht aus dem historischen Bergbau gestoßen ist, den sog. Familienschacht. Hier sind die Bergleute eingefahren, um – wie wir es im Steigerlied singen – das Silber und gelegentlich auch das Gold aus dem Felsgestein zu graben. In diesen Schacht ist auch Alexander von Humboldt eingefahren, der in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag hätte.
Nicht jeder weiß, dass Humboldt unter anderem auch als Berg-mann tätig war. Im Mai 1791 schlug er mit einem Anstellungs-gesuch beim preußischen Oberberghauptmann von Heinitz den Weg in den Staatsdienst als Bergbeamter ein. Diesem sollte aber noch ein Studium an der Bergakademie Freiberg von August 1791 bis März des folgenden Jahres vorangehen. Seine Studien waren auch sehr praktisch. Täglich in aller Frühe fuhr er mit den anderen Bergleuten in die Gruben ein; nachmittags nahm er an bis zu sechs Studienkollegs (u. a. bei Abraham Gottlob Werner) teil. Das normalerweise für drei Jahre gedachte Pensum absolvierte er in acht Monaten. Am 6. März 1792 erhielt er ein Patent als Bergassessor.
Dass ein Gelehrter sich als Bergmann betätigt, ist schon ungewöhnlich. Aber was war an Humboldt schon gewöhnlich? Nun will ich an dieser Stelle seine wissenschaftlichen Leistungen nicht herausstellen und auch seine Reisen nicht näher schildern. Das ist anderenorts zur Genüge getan worden oder wird noch geschehen in diesem Jubiläumsjahr. Ich will einen Charakterzug Humboldts herausstreichen, nämlich seine hohe Wertschätzung des Lebens und alles Lebendigen. Darum soll diese Predigt unter einem Wort aus dem 139. Psalm stehen: Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
Alexander Humboldt war ein Kind der Aufklärung. Die Aufklärung hat ja dem Menschen völlig neue Möglichkeiten des Denkens erschlossen. Dass die Aufklärung die Tendenz hatte, den Menschen an die Stelle Gottes zu setzen, hat bis heute Folgen gehabt. So wundert es nicht, wenn man über Humboldt lesen kann: „Das Thema Religion hat der sonst so Mitteilungsbedürftige, ja Redselige so grundsätzlich gemieden, dass selbst sein Bruder Wilhelm nicht wusste, ob er „Religion“ habe oder nicht.“ Humboldt war dem christlichen Glauben gegenüber also eher skeptisch. Man spürt aber deutlich, dass er in einer Welt lebte, die vom Christentum geprägt war. Denn er war fasziniert von der Natur und allem Lebendigen in ihr, als sähe er darin unmittelbar die Schöpfung Gottes. Die Natur mit ihren vielfältigen Pflanzen und Tieren, mit ihren Flüssen und Bergen begeisterte ihn. Er suchte mit all den überragenden Fähigkeiten seines Geistes die Erscheinungen und Gesetzmäßigkeiten der Natur zu erfassen und zu verstehen. Aus Sicht des christlichen Glaubens versuchte er, dem Schöpfer auf die Spur zu kommen. Er war vor allem aber kein Forscher, der die Natur lediglich als einen Gegenstand seiner Untersuchungen ansah. Sein Forscherdrang und seine übergroße Neugier waren verbunden mit einer großen Ehrfurcht vor dem Leben. Das hat ihn in meinen Augen mehr ausgezeichnet als all seine wissenschaftlichen Leistungen.
So war er mit seinem Verständnis für die Zusammenhänge in der Natur ein Wegbereiter ökologischen Denkens. Alles Leben war für ihn von Bedeutung, hatte einen Teil im Zusammenhang des Ganzen, war zu achten. Für ihn hatten vor allem alle Menschen in gleicher Weise das Recht auf ein menschenwürdiges Leben. So schrieb er in einem Aufsatz über die Insel Kuba, die er bereist hatte: „Zweifelsohne ist die Sklaverei das größte Übel, welche jemals die Menschheit betroffen.“ Gegen die Sklaverei konnte er in seiner Zeit nichts tun. Wo er dagegen etwas tun konnte, da tat er es. Auf der Basis seiner chemischen Analysen der Grubenwetter entwickelte er beispielsweise in seiner Zeit als Bergbeamter in Preußen einen Vorläufer der Atemschutzmaske und eine verbesserte Grubenlampe für die Bergleute. Bei der Erprobung dieser Grubenlampe im Selbstversuch fiel er übrigens wegen giftiger Grubengase in Ohnmacht, die Lampe aber half, ihn zu retten. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ihm war, den Bergleuten bessere Arbeitsbedingungen zu ermöglichen, das Leben von Menschen zu schützen. Dafür scheute er nicht einmal persönliche Gefahren.
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. Alexander von Humboldt hätte vermutlich diese Worte so nicht mitbeten wollen. Dazu war er zu sehr ein Kind der Aufklärung. Aber die Ehrfurcht vor dem Leben, die in diesem Vers zum Ausdruck kommt, die hat er sein Leben lang geteilt.
Für einen Christenmenschen ist diese Ehrfurcht ein Teil seines Glaubens an Gott, an die Quelle allen Lebens, an die Kraft, die dieses Universum hervorgebracht hat. Mit den Augen des Glaubens sehen wir in jedem Geschöpf ein Kunstwerk, das Gott geschaffen hat. Mit den Augen des Glaubens ist die Natur ein Garten, den Gott uns gegeben hat, damit wir ihn bebauen, aber auch bewahren. Mit den Augen des Glaubens hat jeder Mensch als ein Geschöpf Gottes seine ganz besondere Würde. Diese darf nicht beschädigt werden. Wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
Für jemanden, der mit dem christlichen Glauben nichts anfangen kann, ist diese Ehrfurcht vor dem Leben sicherlich eher ein Ausdruck von Humanität oder vielleicht schlicht und ergreifend ein Akt der Vernunft. Denn wir erleben ja heute nur allzu gut, wohin es uns führt, wenn wir respektlos mit dem Leben umgehen. Kinder werden missbraucht; gewaltsame Auseinandersetzungen werden von Kriminellen, Terroristen und leider auch vielen Regierungen der Welt ohne Skrupel als Mittel zum Erreichen ihrer Ziele eingesetzt. Tiere und Pflanzen und nicht zuletzt auch Menschen werden wirtschaftlichen Interessen rücksichtslos geopfert. Ohne die Ehrfurcht vor dem Leben, die Humboldts Wirken ausgezeichnet hat, herrschen in dieser Welt Verderben und Tod.
Dagegen stehen die Erkenntnisse Humboldts ebenso wie der Glaube an den schöpferischen Gott. Wunderbar ist jede einzelne Kreatur auf dieser Welt. Jede Kreatur auf diesem Planeten verdient Respekt. Respekt verdient die Pflanze, die wir Unkraut nennen, nicht nur weil sie so vielen Insekten als Quelle der Nahrung dient. Respekt verdient das Tier, das unsere Ernährung sichert, nicht nur weil es wie wir Schmerz und Freude empfinden kann. Respekt verdient der Mensch, der so unendlich viel mehr ist als Erzeuger und Produzent von Produkten und Dienstleistungen, mit denen sich Geld verdienen lässt. Wunderbar ist er gemacht, sagt der Psalm. Jeder Mensch ist ein wunderbares Geschöpf des lebendigen Gottes. Ob nun Christ oder Nichtchrist, Fremder oder Einheimischer, alt oder jung, leistungsfähig oder behindert. Jeder Mensch ist mit einer eigenen unantastbaren Würde ausgestattet. Diese darf nicht beschädigt werden.
Leider sehen das nicht alle so. Die Würde des Menschen ist immer gefährdet und muss gelegentlich auch erkämpft werden. Die Bergleute haben das in ihrer Geschichte immer wieder tun müssen. Dass der Magdalenentag im westlichen Erzgebirge als Bergstreittag bekannt ist und begangen wird, hat ja einen solchen Hintergrund. Die Bergleute mussten sich einigermaßen menschenwürdige Arbeitsbedingungen immer wieder erstreiten. Auch das Knappschaftwesen ist ja ein Versuch, die Würde des Menschen, der im Bergbau arbeitet, zu schützen. Insofern ist es hoch zu achten, dass die Pflege der bergmännischen Tradition hier in Freiberg nicht in den Händen eines Traditionsvereins, sondern in denen der Historischen Berg- und Hüttenknappschaft liegt. Denn dieser Name bewahrt etwas auf von dem Bemühen der Bergleute, sich in ihrer von Gott geschenkten Menschenwürde nicht beschädigen zulassen. So stimmen wir ein in das Gebet des Psalmisten:
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
Amen.

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