Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis, 25. Juni 2017

Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis, 25. Juni 2017

25.06.2017

zum Thema „Luther als Bergmannssohn“ (Römer 3, 21 - 24, 28); gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer zum Berggottesdienst anlässlich des 32. Bergstadtfestes

Glückauf, liebe Bergschwestern und Bergbrüder, liebe Gemeinde,
vor fünfhundert Jahren schrieb der Sohn eines Hüttenmeisters Geschichte. Am 31. Oktober 1571 stellte er 95 Thesen zum Ablasshandel in der damaligen katholischen Kirche zur Diskussion. Er war inzwischen Professor an der Universität in Wittenberg. Damit wurde letztlich ein Geschehen ausgelöst, das wir heute die Reformation nennen. In diesem Jubiläumsjahr möchte ich heute mit Ihnen darüber nachdenken, was es für die Reformation bedeutet hat, dass Martin Luther Sohn eines Hüttenmeisters gewesen ist.
34 Jahre vor diesem folgenreichen Thesenanschlag war er als der Sohn des Hans Luder in Eisleben zur Welt gekommen. Johann Mathesius, der Begründer der Bergpredigten im Erzgebirge, schreibt: „An Sankt Martini abends, welches war der zehnte November im Jahr 1483 nach Christi Geburt, ist Martin Luther … zu Eisleben am Harz von Hans Luder, einem Bergmann, und Margarethe, Luders Hausfrau, geboren und an diesem Tag in der Sankt Peterskirche im Namen der heiligen Dreifaltigkeit christlich getauft und Martin genannt worden.“ Mathesius darf man nicht falsch verstehen. Hans Luder war – wie gesagt – kein Berg- oder Hüttenmann in eigentlichen Sinn. Er war ein Hüttenmeister und ein Bergbauunternehmer.
Dass Martin der Sohn dieses Hans Luder war, ist in meinen Augen kein unerheblicher Faktor in seinem Werdegang gewesen. Durch harte Arbeit hatte der Vater es auf der Grundlage eines guten Startkapitals schließlich geschafft Besitzer einer Schmelzhütte zu werden und wohl auch Anteil an Bergwerken zu erwerben. Er forderte vermutlich viel von sich und nicht weniger von denen, die für ihn arbeiteten, und ebenso auch viel von seinen Kindern. Das muss das Vaterbild des kleinen und dann heranwachsenden Martin sehr geprägt haben: Ein Vater ist einer, der viel von einem erwartet; ein Vater ist einer, dessen Anerkennung man sich erarbeiten muss. Wobei man anmerken muss, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern damals ohnehin ein ganz anderes war als heute.
Dieses Bild eines Vaters übertrug Martin dann auch auf sein Bild des himmlischen Vaters. Das entsprach damals auch dem allgemein üblichen Bild, das man sich von Gott machte. Gott, so dachte man, ist ein gerechter Richter. Unbarmherzig werden wir Menschen von Gott danach beurteilt, wie wir leben und handeln. Gott straft die, die gegen seine Gebote verstoßen. Er bestraft die, die an ihm und an den Mitmenschen schuldig werden. Er belohnt aber die, die Gutes tun. Ganz besonders belohnt er die, die ihr Leben ganz ihm widmen, wie es die Insassen eines Klosters damals taten.
Hans Luder hatte für seinen Sohn Martin eine Karriere als Jurist vorgesehen. Der Sohn sollte es noch weiter bringen als sein Vater. Aber Martin entschied sich anders. Ausschlaggebend war ein Blitzeinschlag direkt neben ihm, als er in der Nähe von Stotternheim unterwegs war. Martin erschrak damals buchstäblich zu Tode. Das war für ihn der Anlass, sicherlich nicht der Grund, ins Kloster zu gehen. Dort, so hoffte er, könnte er den Forderungen des himmlischen Vaters gerecht werden. Dass sein irdischer Vater für ihn anderes vorgesehen hatte, muss ihn bedrückt haben. Aber wenn der himmlische und der irdische Vater unterschiedliche Vorstellungen über sein Leben hatten, dann musste man schon dem himmlischen Vater mehr gehorchen.
Martin Luder aber musste im Kloster die Erfahrung machen, dass er auch dort keinen Frieden fand. So viel er fastete und betete, immer hatte er die Befürchtung, dass es immer noch nicht reichen würde. Vielleicht hatte ihm das sein Vater eingeimpft, der sich und seine Untergebenen zu immer mehr und immer mehr trieb.
Gott sei Dank bekam Martin von seinem Ordensoberen Staupitz schließlich die Aufgabe, Theologie zu studieren und zu lehren. In seinem Dienst als Theologieprofessor bearbeitete er auch die Briefe des Apostels Paulus und las unter anderem auch die folgende Stelle:
21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.
22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.
Denn es ist hier kein Unterschied:
23 Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen,
24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Für uns sind das nur schwer verständliche Worte. Martin war Theologe. Er hätte es eigentlich gleich verstehen können. Aber er war nach wie vor gefangen in seinem Bild des himmlischen Vaters, der fordert und richtet. Aber tief in seinem Innern war der Boden für das wahre Verständnis dieses Textes bereitet. Denn Martin war letztlich eben doch ein Bergmannssohn. Wenn sein Vater Hans Luder auch ein Hüttenmeister war und nicht in den Berg einfuhr, so kannte doch Martin von klein auf das Los der Bergleute. Er wusste, wie es war, in den Berg einzufahren und im Mansfelder Land das Kuper aus dem Gestein zu hauen. Er wusste, dass die Bergleute ihre Schicht mit dem Gebet begannen. Denn sie wiederum hatten keinen Zweifel: Ohne den Segen Gottes würde ihre Arbeit nicht gelingen; ohne den Segen und Beistand Gottes würden sie auch nicht wieder heil aus dem Berg hinaufkommen. „Mit unserer Macht ist nichts getan“, hat Martin später gedichtet, als er den Text für das Kirchenlied „Ein feste Burg“ schrieb. Das war im Grunde eine Bergmannsweisheit. „Mit unserer Macht ist nichts getan“: Das hatten die, die unter Tage arbeiteten, verinnerlicht.
Sie waren damit übrigens unserer Zeit voraus. Wir denken heute ja, wir hätten alles allein in der Hand. Sehr viele Menschen meinen, sie kämen auch ganz gut ohne Gott aus. Dabei knacken die Stempel der Grube, in die wir eingefahren sind, doch schon bedenklich. All die Krisen unserer Zeit von der Finanzkrise über Krieg und Terror bis hin zu den Hackerangriffen auf das britische Gesundheitswesen müssten uns eigentlich darauf hinweisen, dass in übertragenem Sinn der Berg auch über uns eines Tages einbrechen kann. „Mit unserer Macht ist nichts getan“: Diese Weisheit der Bergleute täte auch uns heute gut.
Martin hat diese Weisheit in sich getragen. Aber es dauerte lange, bis er sie endlich auch auf die Fragen des Glaubens übertragen konnte. Aber eines Tages ging ihm dann sozusagen ein Grubenlicht auf. Er begriff:
Ich kann mich noch so sehr bemühen. Aus meiner eigenen Kraft kann ich nicht so leben, wie Gott es von mir erwartet. Mit meiner Macht ist nichts getan. Aber ich muss das auch nicht. Gott schenkt mir seine Gnade – völlig umsonst. Zum Zeichen dafür hat er sogar das Leben seines Sohnes Jesus Christus für uns hingegeben – zu unserer Erlösung. Durch meine Taufe bin ich ein Kind Gottes. Ich brauche nur darauf zu vertrauen. Gott beurteilt mich nicht nach dem, was ich tue oder leiste. Gott fragt mich einzig und allein nach meinem Vertrauen, nach meinem Glauben an ihn und seinen Sohn Jesus Christus.
Das war für Martin eine ungeheuer befreiende Erfahrung: Der himmlische Vater ist ganz anders, als er es in seiner Kirche gelernt und an seinem irdischen Vater erlebt hatte. Der himmlische Vater beschenkt seine Kinder mit seiner Liebe, auch wenn sie schuldig geworden sind an ihm. Auf diese überschwängliche Liebe können wir bauen. Das ließ Martin aufatmen. Es war so ungeheuer befreiend, dass er sich von da an nicht mehr Luder, sondern Luther nannte. Das ähnelt dem griechischen Eleutherios und bedeutet so viel wie: Der Befreite.
Aus diesem Grund konnte Martin Luther dann den Ablasshandel nur noch als ein Vergehen gegen die Liebe Gottes ansehen. Gegen Zahlungen von Geld zeitliche Sündenstrafen zu erlassen, etwas in der Art hätte vielleicht ein irdischer Vater gemacht. Der himmlische Vater aber – so wusste Luther nun – würde niemals so vorgehen. Und so löste Martin Luther vor 500 Jahren mit seinem Thesenanschlag die Reformation aus.
Ich sagte zur Begrüßung, dass wir in Freiberg durch die Besinnung auf die Tradition die Kraft schöpfen, uns in guter Weise den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu stellen. In unserer heutigen Gesellschaft, in der nur Leistung, Erfolg und Selbstoptimierung zählen, hat Luthers Erkenntnis auch nach 500 Jahren eine bleibende Bedeutung. Die Frage nach Gott stellt sich uns heute eher so, dass wir fragen, ob es Gott wirklich gibt. Der Gott, den wir stattdessen anbeten, ist der des Kapitals. Der wahre Gott, der Vater Jesu Christi, aber ist anders als der Gott des Kapitals. Der Wert eines Menschen ist mehr als sein Leistungsvermögen. Der Wert eines Menschen hat auch nichts mit dem zu tun, was er darstellt. Der Wert eines Menschen besteht darin, dass Gott ihn liebt. Das gibt jedem Menschen seine eigene Würde – ganz umsonst, als Geschenk von dem himmlischen Vater.
Für den Bergmannssohn Martin Luther ist das zur Gewissheit geworden, die ihn getragen hat in allen Wechselfällen des Lebens. Sie half ihm, sich den Stürmen seines weitern Lebens entgegen zu stellen. Mit dieser Gewissheit werden auch wir die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft in guter Weise bewältigen.
Amen.

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