Predigt am 2. Sonntag nach Ostern (Miserikordias Domini) im Vorstellungsgottesdienst der Konfirmanden, 30. April 2017

Predigt am 2. Sonntag nach Ostern (Miserikordias Domini) im Vorstellungsgottesdienst der Konfirmanden, 30. April 2017

30.04.2017

zu Lukas 10, 27; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
was bedeutet es für mich als junger Mensch, ein Christ zu sein? Diese Frage wollten sich die Konfirmanden stellen und in diesem Gottesdienst beantworten. Am Dienstag der vergangenen Woche waren wir im Unterricht darauf gekommen, dass das Doppelgebot der Liebe bei der Beantwortung dieser Frage eine wichtige Rolle spielen muss: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ So lautet es in der Übersetzung der Lutherbibel 2017. Christ zu sein, das bedeutet also auf den guten Hirten sein Vertrauen zu setzen und von ihm her seine Mitmenschen in den Blick zu nehmen.
Als wir am Freitag dann die Verkündigungsteile der Konfirman­den fertig hatte, da bekam ich zuerst den Eindruck, das Thema habe sich geändert. Sowohl im Anspiel als auch in dem sogenann­ten Poetry Slam, den Lina in Auszügen vorgetragen hat, geht es doch eigentlich eher um die Frage nach Gott und dem Leid in der Welt. Wo bist du, Gott? Hätten wir diesem Gottesdienst vielleicht dieses Thema geben sollen?
Bis ich dann kapierte, dass die Konfirmanden in grandioser Weise genau das Thema bearbeitet hatten. Das ist im Übrigen das Schöne am Pfarrberuf, dass man immer wieder etwas Neues lernt, in diesem Fall von den Konfirmanden. Die Frage nach dem Christsein stellt sich heute natürlich anders als der Generation von Ihnen, liebe Konfirmandeneltern, oder als meiner Generation. In einer Spaßgesellschaft ist das allergrößte Problem das Leid, das einem den Spaß verderben will. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir auch als Christen doch wenigstens heimlich das Ideal ewiger Jugend und ewiger Freude haben. Da stellt sich die Frage umso brennender: Wie können wir denn an Gott als einen guten Hirten glauben, wenn gleichzeitig so viele Schafe hungern oder geschlachtet werden? Wie können wir Gott lieben angesichts des Hasses und der Ungerechtigkeit in dieser Welt? Woher nehmen wir das Vertrauen zu ihm angesichts der Unsicherheiten der menschlichen Existenz?

Und dann geben die Konfirmanden genau auf diese Fragen auch Antworten:
Eine dieser Antworten findet sich bereits in dem 23. Psalm, den sie gelesen haben. Im 4. Vers ist ja davon die Rede, dass Gott als der gute Hirte uns auch durch die finsteren Täler des Lebens begleitet und führt und uns nahe ist. Dass er einen Weg für uns weiß, wo wir keinen mehr wissen. Dass er einen Plan hat, wie die Konfirmanden es formuliert haben. Die Frage nach dem Leid hat sich schon immer gestellt, auch dem Beter des 23. Psalms. Seine Antwort ist: Es lohnt sich gerade, Gott zu lieben von ganzem Herzen. Denn er ist der gute Hirte, der uns auch auf den schwierigen Wegstrecken des Lebens geleitet. Und vom Neuen Testament her können wir ergänzen: und der sogar vom Hirten zum Lamm geworden ist, als er am Kreuz sein Leben hingegeben hat.
Die andere Antwort, die die Konfirmanden für sich gefunden haben, hat etwas mit dem zweiten Teil des Doppelgebots zu tun. Lina hat aus dem Poetry Slam von Marco Michalzik unter anderem folgenden Satz zitiert: „Du lebst in mir und willst durch mich Menschen begegnen, Hoffnung säen, damit sie Hoffnung sehen.“ Ja, in den Finsternissen des Lebens wird es hell, wenn wir füreinander das Licht der Welt sind. Es wird möglich, Leidvolles zu tragen und zu ertragen, wenn es sich auf mehrere Schultern verteilt. Aus der Traumaforschung wissen wir: Selbst schweres Leid lässt sich bewältigen, wenn wir genügend sogenannte Resilienzfaktoren aufweisen können. Einer davon ist der Glaube; ein anderer sind die Menschen, die uns auffangen. Darum sorgt sich im Anspiel der eine Schüler um seine Mitschülerin, hört zu, fragt nach, versucht ihr mit seinem Glauben beizustehen, lädt sie ein zum Gottesdienst.
„Die Frage ist nicht: Wo ist er?, sondern wo sind wir?“ Dieser Schlusssatz aus dem Gedicht will nicht den Glauben auf die Nächstenliebe reduzieren. Ganz im Gegenteil: Wo wir einander beistehen, genau da ist Gott anwesend. Da wird es durch Gott hell in den Dunkelheiten des Lebens – durch das Licht, das wir durch Gottes Heiligen Geist im Glauben füreinander sein können.
Das Leid in der Welt stellt den Glauben an den guten Hirten, die Liebe zu Gott, immer wieder in Frage. Von außen und von innen. Die Konfirmanden haben gezeigt, dass wir im Glauben und in der Nächstenliebe Antworten haben. Es lohnt sich, auf den guten Hirten zu vertrauen, der uns auch in schweren Zeiten trägt. Und es ist ein großes Licht in den Dunkelheiten des Lebens, wenn wir als Christen füreinander und für andere da sind, einander bestehen, Lasten tragen, Anteil nehmen. Das, liebe Gemeinde, so sagen es die Konfirmanden, bedeutet es in unserer Zeit ein Christ zu sein.
Amen.

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