Predigt am 2. Sonntag in der Passionszeit (Reminiszere), 17. März 2019

Predigt am 2. Sonntag in der Passionszeit (Reminiszere), 17. März 2019

17.03.2019

zu Johannes 3, 14 - 21; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
„der karg eingerichtete Raum wird von einem großen Bett dominiert. Durch das einzige Fenster dringt Morgenlicht herein. An einer Heizung ist ein schlichtes Holzkreuz angebracht. Auf einem Tisch liegen Bibeln und Gesangstexte. Immer wieder klopft jemand vorsichtig an der Tür, langsam füllt sich der kleine Raum mit Gläubigen einer protestantischen Gemeinde. Die Wohnung liegt in einem anonymen Wohnblock Pekings. Von außen deutete nichts auf das wöchentliche Treffen der Gläubigen hin. Die nach offizieller Lesart illegale, weil nicht registrierte Gemeinde will ihre Unabhängigkeit bewahren und ist nicht bereit, der staatlichen Dachorganisation Three-Self Patriotic Association beizutreten.
Diese Widerborstigkeit hat den Gemeindemitgliedern schon viel Leid beschert. Einige erzählen von der Zeit im Gefängnis, weil sie nicht bereit waren und sind, ihren Glauben aufzugeben. Andere berichten vom Schicksal der Eltern, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit mit der chinesischen Justiz um ihre Freilassung ringen. Der Pastor war zwei Jahre im Gefängnis. Seine ursprüngliche Arbeit als Akademiker hat er danach nicht wieder ausüben dürfen. Von den Repressalien, die ihre Kinder erleiden, will niemand erzählen.
Zu Beginn des Gottesdienstes singen die 15 Gläubigen ein Lied. Die Begleitmusik scheppert vom Tonband. In den Liedern dreht sich alles um die Liebe von Gott und Jesus. In einem Stück singen sie von ihrem engsten Freund, mit dem Gott gemeint ist. In einem anderen Lied heißt es: «Ich habe bereits geschworen, Gott zu folgen. Und das wird auf ewig so sein.» Es sei das größte Glück ihres Lebens gewesen, Jesus kennengelernt zu haben und ihm nahe zu sein.“ So berichtet es die renommierte Neue Zürcher Zeitung in einem ausführlichen Artikel  über die Lage der Christen in China.
Wer von Ihnen seinen Glauben in der DDR gelebt hat, dem wir manches vertraut vorkommen. Die Staatssicherheit beobachtete ja auch die Kirchen intensiv. Auch für Christen gab es damals nicht geringe Nachteile. Die Qualität der Verfolgung insbesondere für nicht organisierte Gemeinden in China, die sich damit der staatlichen Kontrolle zu entziehen versuchen, ist aber noch eine ganz andere. Auch in den anderen kommunistisch regierten Ländern werden Christen staatlich verfolgt, vor allem in Nordkorea. In muslimischen Ländern müssen Christen mindestens ebenso wie die staatlichen Behörden ihre muslimischen Familienangehörigen, Nachbarn und Kollegen fürchten. Auf der Internetseite des Hilfswerks „Open Doors“ kann man Beispiele nachlesen. Auf eine Frau setzte die eigene Familie Auftragsmörder an, um die muslimische Ehre der Familie wiederherzustellen.
Hier in Deutschland treten Menschen aus der Kirche aus, weil sie die 9% von ihrem Steueraufkommen lieber für sich behalten möchten. Dieses kleine Opfer ist ihnen schon zu groß. Was gibt den Christen in Ländern wie Nordkorea, Afghanistan, Somalia, Libyen, Pakistan, Sudan, Eritrea, Jemen, Iran und Indien – dies sind die Spitzenreiter auf dem Weltverfolgungsindex – die Kraft, an ihrem Glauben festzuhalten, obwohl sie zum Teil dabei sogar ihr Leben riskieren? – Es hat etwas mit den Worten Jesu aus dem 3. Kapitel des Johannesevangeliums zu tun. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Wenn man ein Glied der eingangs erwähnten Gemeinde in China fragte, warum es das alles auf sich nimmt und warum es sogar bereit ist, nicht nur die Karriere, sondern auch die Freiheit und vielleicht sogar das Leben zu opfern, dann würde die Antwort darauf sicherlich lauten: Wir Menschen haben mehr zu verlieren als unser irdisches Leben.
Für uns alle wird zwar die Stunde kommen, in der wir unseren letzten Atemzug tun. Dann wird es schwarz. Es bleibt nichts von dem, was wir einmal waren, als ein lebloser und sich seltsam kalt anfühlender Leichnam. Wir müssen verlorengehen im Nichts des Todes. Das ist eine Erkenntnis, die wir Menschen an jedem Tag zu verdrängen versuchen.
Aber als Christen haben wir das nicht nötig. Denn der lebendige Gott hat sich in seinem Sohn Jesus Christus in unsere Verlorenheit an den Tod hineinbegeben. Am Kreuz ist er unseren Tod gestorben. Am Kreuz ist mit ihm das Leben eingegangen in den Tod – und so hat der menschgewordene Gott den Tod überwunden.
Für uns alle ist das ein schwer zu verstehendes Wunder. In den asiatischen Kampftechniken kommt es oft darauf an, den Angriff des Gegners nicht abzuwehren, sondern sich der Energie des Gegners auszusetzen, sie aufzunehmen und gerade so den Gegner zu besiegen; im Judo gibt es einen Wurf, wo ich mich fallen lasse, den angreifenden Gegner mit zu Boden ziehe und ihn so zu Fall bringe. Ähnlich hat Gott sich in seinem Sohn der Vernichtung durch den Tod am Kreuz ausgesetzt und so unsere menschliche Verlorenheit durch Jesu Tod überwunden. Zu Ostern ist es sichtbar geworden. Der Tod schien am Karfreitag über Jesus gesiegt zu haben. In Wirklichkeit aber hatte – durch und mit Jesus – das Leben den Sieg davongetragen. Darum werden wir im Tod nicht verlorengehen, die wir durch unseren Glauben und unsere Taufe zu dem lebendigen Christus gehören. Auch wir werden hineingerufen in dieses neue Leben, das am Ostermorgen für die Jünger Jesu zu einer sichtbaren Wirklichkeit geworden ist.
Genau darum geht es. Um nicht mehr und nicht weniger. Um ein Leben ohne Begrenzung. Unseren verfolgten Schwestern und Brüdern in Christus in den Ländern, wo Christen verfolgt werden, ist das vielleicht bewusster als den meisten von uns. Wenn sie ihren Glauben opferten, gäben sie viel mehr auf als das, was ihnen an Opfern für ihren Glauben abverlangt wird. Denn dieses irdische Leben tut zwar so, als wäre es alles. Und gerade unser westliches Leben bietet uns ja auch einiges, auf das wir ungern verzichten. Aber was sind unsere menschlichen Jahre und Jahrzehnte angesichts der Ewigkeit? Dieses Leben wird enden. Wir müssen im Nichts versinken. Allein der Glaube an den Lebendigen; allein unsere Verbundenheit mit Jesus Christus kann und wird uns davor bewahren. Darum scheuen unsere Glaubensgeschwister in den Verfolgungsländern die Opfer nicht, die ihnen abverlangt werden.
Was bedeutet das aber für uns heute an diesem Sonntag Reminiszere hier im friedlichen Freiberg, wo wir ungestört unseren christlichen Glauben leben dürfen?
Zunächst einmal kann es uns bewusst machen, welchen Schatz wir mit unserem Vertrauen auf Jesus Christus haben. Der christliche Glaube ist keine überholte und absterbende Weltanschauung. Menschen überall auf der Welt sind bereit dafür große Opfer zu bringen. Denn sie wissen: Unsere Verbindung mit dem auferstandenen Christus wird uns davor bewahren, im Nichts des Todes verloren zu gehen. Der Glaube an Jesus Christus ist eine Kraft, die das Leben trägt, prägt und eine Perspektive gibt über den Tod hinaus. In diesem Glauben sind wir mit ihnen verbunden.
Zum anderen können wir durch den Glauben ohne die Angst vor der Vergänglichkeit ganz anders leben: Gelassen. Mit einem Blick für das Wesentliche im Leben. Mit einem Blick auf unsere Mitchristen und auf unsere Mitmenschen. Mit einem Blick auf die kommenden Generationen.
Ich muss darum als Christ nicht – ohne Rücksicht auf die Folgen – alles aus diesem kurzen Leben für mich herausholen. Ich gehe den Glücksversprechungen der Werbung nicht auf den Leim; meine Familie, meine Freunde, meine Gemeinde und nicht zuletzt mein Glauben sind das, was mich trägt. Das Schicksal verfolgter Glaubensgeschwister lässt mich nicht kalt, nur weil es nicht mein Schicksal ist. Ich kann als Christ behinderten ungeborenen und geborenen Menschen ein Recht auf Leben zugestehen, auch wenn das mit Opfern verbunden ist. Ich kann mit meinem Lebensstil versuchen meinen Teil dazu beizutragen, dass auch kommende Generationen in dieser Welt einen funktionierenden Lebensraum haben. Ich kann mein Leben auch im Sterben in Gottes Hand legen, selbst wenn ich dann Hilflosigkeit, Ohnmacht und vielleicht auch Schmerzen ertragen muss.
Wir leben in einer Welt im Schatten des Todes. Wir aber wissen, dass der Tod am Kreuz Jesu sein Recht auf uns verloren hat. Das macht uns zu Botschaftern des Lebens in dieser Welt.
Amen.

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