Predigt am 2. Christtag 2017

Predigt am 2. Christtag 2017

26.12.2017

zu Offenbarung 7, 9 - 17; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
wenn Sie per Kontaktanzeige eine Beziehung suchen, dann müssen Sie darin ihre Eigenschaften deutlich machen, ihre Interessen und Vorlieben. Das riet neulich sinngemäß der Paartherapeut in seiner wöchentlichen Kolumne einer Leserin der Freien Presse. Sie hatte sich bei ihm beklagt, dass die Männer, die auf ihre Anzeige antworteten, am Ende doch kein näheres Interesse an ihr hätten.
Wenn man eine Beziehung eingehen will, dann muss man umgangssprachlich „etwas von sich gucken lassen“, von sich erzählen – und sich natürlich auch umgekehrt für den anderen interessieren und ihm zuhören.
Genau so hat es im Grunde Gott mit uns Menschen gemacht. In dem 7. Kapitel der Offenbarung lässt Gott zunächst einmal den Seher Johannes etwas von seiner himmlischen Welt schauen. Johannes darf einen Blick in die künftige und zugleich gegenwärtige Welt Gottes werfen: Da ist zunächst einmal der Thron. Er wird hier nicht näher beschrieben. Nicht gesagt werden muss, dass es sich um den Thron Gottes handelt. Bei dem Thron ist das Lamm. Der gekreuzigte und auferstandene Christus ist also an der Seite Gottes und Gott an seiner Seite. Um den Thron herum versammeln sich Menschen aus allen Völkern und Nationen. Es sind die, die an ihrem Glauben in der Verfolgung festgehalten haben und nun im Himmel Gott loben. Und dann sind da noch die Engel, die Gott anbeten und ihn loben und preisen.
Engel, die Gott loben, und Menschen, die zu Christus kommen und ihn anbeten? Erinnert einen das nicht ein wenig an das, was wir von den Evangelisten zu Weihnachten hören? Der Zusammenhang ist nicht aus der Luft gegriffen. Wir haben hier so etwas wie das himmlische Weihnachten. Allerdings liegt Christus nicht als Kind in der Krippe, sondern ist an der Seite Gottes. Und es beten ihn nicht die Könige und Hirten an, sondern die Christen aller Welt und aller Zeiten.
Wenn man eine Beziehung eingehen will, dann muss man sich seinem Gegenüber öffnen. Was wird in der Vision des Johannes von dem himmlischen Weihnachten von Gott offenbar?
Die Menschen preisen zunächst einmal das Heil, das von ihm ausgeht, und seine Weisheit, Kraft und Stärke. Aber das macht doch noch nicht so recht deutlich, was Gott uns von sich mitteilen will. Aber an einem lässt sich unmittelbar erkennen, wer Gott ist: an dem Lamm, das bei ihm ist; an Jesus Christus. Als „Lamm“ ist Christus schon in der ganz frühen Christenheit bezeichnet worden. Ein Lamm ist klein und hilflos. Ein Lamm trägt die weiße Farbe der Unschuld. Ein Lamm gibt sein Leben hin, damit andere leben können. Das alles erinnert an den Weg Jesu von der Krippe bis an das Kreuz. Darum ist Jesus Christus, in der urchristlichen Überlieferung das „Lamm“ Gottes. – Durch die Vision von dem himmlischen Weihnachten lässt Gott uns also sehen, wer er für uns sein will: Ein Gott, der sich in seinem Sohn in den Tod am Kreuz gibt, damit wir leben können.
Domkantor Koch hat beim weihnachtlichen Chorkonzert am Freitag den Domchor das Stück „Also hat Gott die Welt geliebt“ von Heinrich Schütz singen lassen: Schütz hat hier Joh 3, 16 vertont: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
In diesem Vers ist in erster Linie der Kreuzestod Jesu gemeint. Aber schon die Menschwerdung des Gottessohns im Stall von Bethlehem ist ja eine Hingabe des Sohnes. Zu Weihnachten hat Gott uns dieses Geschenk gemacht, dass er in unsere Welt gekommen ist, Fleisch und Blut angenommen hat, seine göttliche Existenz hinter sich gelassen hat und Mensch geworden ist. Insofern hat das Stück von Heinrich Schütz einen wunderbaren Ort in dem Weihnachtsliedersingen gehabt. Krippe und Kreuz sind in gleicher Weise unübersehbare Zeichen der Hingabe Gottes an uns. Aus diesem Grund wird übrigens die Krippe in der Kunst oft so dargestellt, dass im Gebälk des Stalls deutlich ein Kreuz zu sehen ist. Weihnachten und Karfreitag liegen ganz nahe beieinander. Auch wenn es im Leben Jesu etwa dreißig Jahre waren und im Kirchenjahr drei bis vier Monate.
Damit spannt sich nun ein Bogen von dem himmlischen Thron mit dem Lamm aus der Vision des Johannes über das Kreuz mit dem leidenden Jesus bis hin zu der Krippe im Stall in Bethlehem mit dem Kind. Hier wie dort macht Gott sich für uns sichtbar, erkennbar. Er tut es, weil er eine Beziehung mit uns eingehen will. Wir sollen erkennen, wer er für uns sein will und ist. Darum hat er sich uns schon in dem Kind im Stall von Bethlehem offenbart. Seht her, ist die Botschaft der Krippe, hier bin ich. Ich bin ein Gott, der sich für Euch sichtbar macht. Ich bin ein Gott, vor dem ihr euch nicht zu fürchten braucht. Seht her, ich bin ein hilfloses, machtloses Menschenkind geworden; ein Opfer der Politik der Mächtigen, schon als Kleinkind ein Verfolgter. Ich bin ein Gott, der keine Macht einsetzt. Ich bin ein Gott, der seine Liebe verschenkt und zum Zeichen dieser Liebe sein Leben hingeben wird. Ich bin der Gott, der noch auf dem himmlischen Thron das Lamm neben sich hat. Mir könnt ihr vertrauen.
Liebe Gemeinde, das ist es, was Gott „von sich gucken lässt“. Das Zusammenspiel von der himmlischen Weihnachtsgeschichte aus der Vision des Sehers Johannes und der irdischen Weihnachtsgeschichte des Lukas macht es deutlich: Gott ist kein Gott, wie ihn sich zum Beispiel der Islam vorstellt. Gott ist kein Marionettenspieler, der die Puppen tanzen lässt; kein Richter, der die Menschen beurteilt und verurteilt; kein allmächtiges Wesen, das Gott, den man nur fürchten kann. Nein, Gott ist ganz anders. Schon in dem Krippenkind macht er sich sichtbar als ein sich verschenkender und hingebender und liebender Gott. Selbst im Himmel ist er das Lamm. Er regiert die Welt nicht mit Macht und Gewalt, sondern in Liebe. Mit dieser gewaltlosen, ohnmächtigen Liebe hat er aber für uns durch seine Hingabe am Kreuz sogar den Tod besiegt.
Diesem Gott schenken wir darum ohne Vorbehalte unser Vertrauen – weil seine grenzenlose Liebe uns berührt. Denn er ist das Kind in der Krippe, der Mann am Kreuz, das Lamm, das zugleich im Himmel und uns nahe ist.
Morgen nun hat der Alltag viele von uns wieder – und damit auch die Probleme unserer Welt und unseres Lebens. Da sehen wir wieder all das Leid in unserer Welt und oft auch in unserem Leben: die Flüchtlinge, die Kriege, die Krisen, die Sorgen. Wir sehen, wie unsere Kirche oft schwach ist und sich in vielen Orten die Gottesdienste leeren. Wir sind oft genug selbst angefochten in unserem Glauben angesichts des Unglaubens unserer eigenen Familienmitglieder, unserer Freunde, unserer Kollegen. Ja, so ist es. Aber das gehört auch zu unserem Glauben dazu. Denn wir folgen in unserem Glauben dem Lamm. Die Gemeinde des Johannes wurde in furchtbarer Weise verfolgt. Sie mussten, wie heute in so vielen Ländern dieser Welt, ihren Glauben mit ihrem Blut bezahlen. An den Gott der Hingabe zu glauben bedeutet oft genug, einen Kreuzesweg zu gehen, einen Preis zu zahlen, in Frage gestellt zu werden als Christen. Darum sind wir selbst oft genug von Zweifeln bedrängt. Darum sehen wir die Zeichen der Herrschaft Gottes so wenig. Darum sieht die Welt so aus, als gäbe es keinen Gott. Das alles gehört zu dem Glauben an das Krippenkind, an das Lamm notwendigerweise dazu. Denn seine Macht ist die Macht der hilflosen Liebe, der Hingabe, des Kreuzes. Aber wenn Gottes himmlische Welt zu unserer Gegenwart geworden ist, dann werden wir vor dem Thron stehen. Dann werden alle Tränen werden abgewischt sein und Christus wird sichtbar die Welt regieren. Dann wird die Weihnachtsfreude kein Ende finden und wir werden Gott loben ohne Ende.
Martin Luther hat 1524 gedichtet: „Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm und in dem Himmel mache reich und seinen lieben Engeln gleich. Das hat er alles uns getan, sein groß Lieb zu zeigen an. Des freu sich alle Christenheit und dank ihm des in Ewigkeit. Kyrieleis.
Amen.

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