Predigt am 2. Advent, 9. Dezember 2018

Predigt am 2. Advent, 9. Dezember 2018

09.12.2018

zu Jesaja 35, 3 - 10; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
am Abend unserer Hochzeit im November 1988 saßen wir in dem Rüstzeitheim in der Nähe von Zwickau zusammen: unsere beiden Familien aus Sachsen und Niedersachsen, die Freunde aus der DDR und der alten Bundesrepublik. Plötzlich kam der Gedanke auf, wie es denn wohl zur Silberhochzeit sein würde. Würde es wohl möglich sein, in derselben Runde, aber diesmal dann im Westen miteinander zu feiern? Wir waren einhellig der Meinung, dass sich das Verhältnis der beiden deutschen Staaten untereinander dann doch sicherlich so weit verbessert haben würde. – Wie sehr haben wir uns getäuscht!
Wenige Monate später im Sommer 89, so erzählte mir deren Sohn, stand ein Dresdner Ehepaar am Strand der Normandie. „Hier werden wir wohl nie mehr hinkommen können“, sagte die Frau. Ein runder Geburtstag hatte die Westreise ermöglicht. „Ich bin sicher, dass wir im kommenden Jahr wieder hierher fahren werden“, entgegnete ihr Mann. Offenbar gibt es Menschen, denen steht die Zukunft offener vor Augen als anderen. Für sie wird die Gegenwart durchsichtig auf die Zukunft hin.
Die meisten von uns dagegen nehmen das Gegebene und ziehen von einem Punkt zum anderen eine gerade Linie. Diese Linie ziehen wir dann in die Zukunft weiter. So werden im Landeskirchenamt die Zahlen der Geburten und Taufen, der Eintritte und Austritte von heute mit denen von gestern verglichen. Dann wagt man eine Prognose, wie viele Christen wir wohl in zwanzig Jahren sein werden. Bisher sind diese Prognosen auch eingetroffen. Aber es kann eben auch alles ganz anders kommen. Völlig überraschend bricht die gerade Linie ab, die wir gedanklich gezogen haben. Es ergibt sich eine Situation, die sich kaum jemand vorher hat vorstellen können. Völlig unerwartet – wie ein Dieb in der Nacht, um eine Formulierung Jesu zu gebrauchen – kommt alles ganz anders.
Sei Realist, erwarte das Unerwartbare, möchte man da sagen.
Die Juden im babylonischen Exil erwarteten nichts mehr von der Zukunft. Sie hatten sich eingerichtet weit entfernt von der alten Heimat, die für etliche schon die Heimat der Väter und Großmütter war. Die Großmacht Babylon würde sie nie wieder zurückkehren lassen. Warum auch? – Dann aber trat ein Prophet auf. Er war auch einer von denen, für die die Gegenwart durchsichtig wird auf die Zukunft hin. Das können wir nicht aus uns selbst heraus. Das ist eine Gabe, zugleich aber auch eine Aufgabe Gottes. Seine Aufgabe war es, dem Volk Mut zuzusprechen. Er bekam die Vision einer unerwarteten Veränderung der Verhältnisse geschenkt. Das Volk würde zum heiligen Berg Zion in Jerusalem zurückkehren. Der Prophet sah Gott seinem Volk nahekommen und mit ihm den Weg in die Heimat gehen. Er erahnte ein Leben, das mehr sein würde als nur eine Befreiung aus der Gefangenschaft der Babylonier. Der Prophet fühlte die von Gott geschenkte Gewissheit in sich, dass es auch eine Befreiung von aller menschlicher Not geben würde: von menschlichen Gebrechen, von Lebensumständen, die das Leben unmöglich machen, von den Gefahren, die dem Leben drohen. Er sah eine Welt, in der Schmerz und Seufzen abgelöst sein werden von Freude und Jubel.
Es kam so, allerdings nicht ganz so, wie er es vorhergesehen hatte. Tatsächlich nahm die Geschichte eine ungeahnte Wende. Die neue Großmacht der Perser besiegte die Babylonier und ließ die Juden frei. Sie durften nach Hause zurückkehren. Sie durften das Land unter großen Mühen wieder aufbauen. Der zerstörte Tempel nahm neue Gestalt an. Aber Gebrechen, Mühen und Gefahren blieben. Da war etwas, das noch offen blieb von dem, was der Prophet von der Zukunft erzählt hatte.
500 Jahre später aber wurde dann ein Kind geboren in Judäa und wuchs heran als Sohn eines Zimmermanns in Galiläa. Eines Tages wurde er sich bewusst, dass auch er eine Aufgabe hatte. Es war ihm gegeben und aufgegeben, die Verheißungen wahr werden zu lassen. So zog er hin, sammelte Weggefährten um sich – und die Menschen begegneten in ihm Gott selbst. Es ging von ihm eine Kraft aus, die die Menschen genau das spüren ließ. Und tatsächlich: Menschen wurden von ihren Gebrechen befreit. Zeichenhaft heilte Jesus die, die zu ihm kamen. Und was vielleicht wichtiger ist: Durch ihn kamen Menschen von neuem in Begegnung mit Gott. Er befreite sie von zerstörerischen Gottesbildern. Das Zerrbild eines strafenden und urteilenden Gottes ersetzte er durch das Bild eines Vaters im Himmel. Er verkündigte die Botschaft von der Vergebung und Barmherzigkeit des liebenden Gottes. So machte er die Menschen wirklich frei. Und als dann am Ostermorgen seine Jünger dem Auferstandenen begegneten, da ahnten auch sie fast mehr, als sie es sehen konnte, dass der Tod besiegt und Leid und Schuld überwunden waren.
Aber Gebrechen, Mühen und Gefahren blieben in dieser Welt. Da war etwas, das weiterhin offen blieb und bleibt. Das, was der Prophet von der Zukunft gesehen hatte, erfüllte sich in der Person des Jesus von Nazareth nur vorläufig und nur an einzelnen Menschen.
So steht noch etwas aus. Wir warten. Wir erwarten die Ströme im dürren Lande, die frohlockenden Stimmen der Stummen, das Himmelreich, das Jesus verkündigt hat. Wir warten, aber wir warten nicht vergeblich. „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn“, lesen wir im Hebräerbrief. Es liegt ein Versprechen in dem, was damals geschehen ist. Die Krippe in Bethlehem, die heilvollen und heilenden Begegnungen Jesu mit den Menschen, seine Hingabe am Kreuz, die Überwindung des Todes zu Ostern: all das eröffnet uns einen Blick in die Zukunft. Der Weg Jesu Christi mit dieser Welt ist noch nicht an sein Ziel gekommen. Es wird so kommen, dass wir Menschen endgültig frei sein werden. Gott wird und frei machen von allem, was dieses Leben belastet: Von der Notwendigkeit unser Leben zu sichern, von Krankheiten und Behinderungen, von Angst und Verzweiflung, von Einsamkeit und der Sehnsucht nach Liebe. Im Licht der Liebe Gottes, in Gottes neuer Welt wird all dies von uns genommen sein. Was die Propheten angekündigt und was mit Jesus sich zu erfüllen begonnen hat, das wird kommen.
Noch aber warten wir. Noch sieht es überhaupt nicht danach aus, als würde es so kommen. Gehen wir nicht einer Zukunft entgegen, in der das Klima aus den Fugen gerät? Werden wir nicht eher den Zusammenbruch unserer technischen Zivilisation erleben? Oder von Maschinen mit künstlicher Intelligenz beherrscht werden? Warten wir nicht vergeblich? Nein, denn wir wissen ja: Es ist riskant, einfach Linien aus der Gegenwart in die Zukunft zu ziehen. Die Juden im babylonischen Exil haben es erlebt; wir haben es zur Wende erlebt: Völlig überraschend kann es ganz anders kommen. Durch den Propheten ahnen wir: Es wird anders kommen! Durch Jesus Christus haben wir die Gewissheit: Es wird anders kommen! Denn er wird kommen und alle Versprechen Gottes wahrmachen.
Der bekannte und beliebte Kalender „Der andere Advent“ hat in diesen Tagen ein Gedicht von Iris Macke zitiert. Hören Sie einen Auszug daraus:
… Ich weigere mich zu glauben, dass etwas Größeres in meine Welt hineinscheint, …

Es ist doch ganz klar, dass Gott fehlt.

Ich kann unmöglich glauben!

Nichts wird sich verändern!

Es wäre gelogen, würde ich sagen: Gott kommt auf die Erde.

Das ist unsere Perspektive. Alle Hoffnungen sind trügerisch, wenn nicht vergeblich.
Aber dann kommt Jesus Christus ins Spiel und mit ihm eine ungeahnte Wende. Wir werden darum von der Autorin aufgefordert, das Gedicht von ihm her zu lesen; rückwärts: vom Ende des Gedichts her bis hin zum Anfang; von dem Satz her: Gott kommt auf die Erde. – Und dann ändert sich alles und es heißt:
Gott kommt auf die Erde.

Es wäre gelogen, würde ich sagen: Nichts wird sich verändern.

Ich kann unmöglich glauben, dass Gott fehlt.

Es ist doch ganz klar, dass ich mit anderen Augen sehen kann,

dass etwas Größeres in meine Welt hineinscheint.
Amen.

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